Anni Haider und Schwester Restituta Drucken

Über die Grenzen der Weltanschauungen hinweg

„Sie hat geholfen ohne Rücksicht auf Nationalität oder Weltanschauung [...]
Sie hat die Menschen wirklich gerne gehabt.”
Anni Haider über Schwester Restituta

Sie wurden wegen ihrer Widerstandstätigkeit gegen die NS-Diktatur verhaftet: die Kommunistin Anni Haider und die katholische Ordensschwester Maria Restituta. In der Gefängniszelle entwickelte sich zwischen den beiden Frauen eine tiefe Freundschaft, die bis über den Tod hinaus währte. Anni Haider wurde vom NS-Volksgerichtshof wegen ihrer Tätigkeit für die KPÖ zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt und überlebte, Restituta musste für ihren Widerstand mit dem Leben bezahlen.


Sechs Monate waren sie zusammen in einer Zelle im Wiener Landesgericht eingesperrt. Anni Haider sprach am 1. August 1946 in Radio Wien über die ermordete Mitgefangene[1], wobei sie sich an die gemeinsamen Monate in der Gefängniszelle als eine schwere, aber auch schöne Zeit erinnerte. „Resituta war so ein mutiger Mensch, dass wir vieles gemeinsam tun konnten, im Interesse der Gefangenen.“ Zum Beispiel, wenn sie bei der Krankenbetreuung halfen, Briefe der Gefangenen zu übernehmen und heimlich an andere Gefangene weiterzugeben. Eines Tages wäre Anni Haider fast erwischt worden. Restituta hat sie gerettet, indem sie die Brieferl genommen, in ihrem Strumpf versteckt und zu beten begonnen hat.

Wenn die Schwester in der Zelle betete, saß Anni Haider ruhig am Tisch um sie nicht zu stören. Nachdem sie ihr Gebet beendet hatte, fragte Restituta einmal: „Was hast du gemacht, während ich mit unserem Herrgott sprach?“ „Ich dachte an das Elend unseres Volkes, an das Leid der Frauen und Mütter“, erwiderte diese. Dann sprachen sie über den Faschismus und das Unglück, das er über die Menschen gebracht hatte. Und sie waren sich einig, dass die Fehler der Vergangenheit niemals mehr wiederholt werden dürften. „Unser Volk müsste einig sein“, meinte Restituta, „über alle Schranken von Weltanschauungen hinweg, in dem einen Gedanken, in dem einen Willen: Kampf gegen den Faschismus. Gemeinsame Arbeit zum Wiederaufbau unseres Landes Österreich! Alle müssten so einig sein wie du und ich, wie alle unsere Mitgefangenen.“

Sie stimmten auch beide darin überein, dass nur eine wahre Gleichberechtigung der Frauen den Frieden sichern könne. „Nach all dem Leid, das diese Armen erleben mussten, werden sie auch dafür sorgen, dass ihre Söhne und Väter nie wieder durch Krieg auf den Schlachtfeldern hingemordet werden“, war Restituta überzeugt. Trotz ihrer konträren Weltanschauungen hatten sie Verständnis füreinander und achteten einander als Menschen, die dazu beitragen wollten, das Leid der Menschheit zu lindern. „Wir sprachen davon“ erzählte Anni, „wie schön es sein wird, wenn alle Völker der Erde in gutem Einvernehmen und in Freundschaft leben, und der Frieden für immer gesichert sein wird.“ So träumten sie und sprachen von einer schöneren und glücklicheren Zukunft.

Doch dann wurden die beiden Frauen getrennt. Anni Haider wurde zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt und in eine Sammelzelle gesteckt, um nach Aichach transportiert zu werden. Dann kam Restitutas Verhandlung, und nach vier Stunden eskortierte man die Nonne als Todeskandidatin in die Todeszelle. Mitten in der Nacht klopfte eine gutgesinnte Aufseherin an die Tür von Anni Haiders Zelle und rief: „Haiderin, komm raus!“ Heimlich führte sie Anni in die Todeszelle, damit sich die Frauen verabschieden konnten. Dort saß Restituta mit einem Strickstrumpf in der Hand. Tröstend strich sie ihrer weinenden Freundin über die Haare und sagte: „Ich bin so glücklich, dass du leben darfst. Versprich mir eines: Bleib so wie du bist! Aber so etwas wie jetzt darf nie wiederkommen! Die Menschen sollten besser und glücklicher leben können.“ Dieses Versprechen hat die Überlebende eingehalten, indem sie sich ihr Leben lang für den Frieden und eine gerechte Gesellschaft einsetzte.

Maria Restituta, die widerständige Nonne

Die am 1. Mai 1894 in Hussowitz bei Brünn geborene Maria Restituta (geb. Helene Kafka) wuchs in einfachen Verhältnissen auf. Nach Beendigung der Bürgerschule absolvierte sie eine Ausbildung zur Krankenschwester im Krankenhaus Lainz. Mit 20 Jahren trat sie dem Orden der Franziskanerinnen bei und war schließlich als Operationsschwester und Narkotiseurin im Krankenhaus Mödling tätig, wo sie wegen ihrer direkten Art den Spitznamen Schwester „Resoluta“ bekam.

Die humorvolle, lebensfrohe und energische Nonne war nicht nur eine zutiefst gläubige Frau, sondern auch eine patriotische Österreicherin. Hitler bezeichnete sie als „Narrischen“, der „Anschluss“ Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland war für sie eine Provokation. Wo sie nur konnte, widersetzte sie sich dem Nazi-Regime. So ersetzte sie in den Krankenzimmern des Spitals die Hakenkreuze durch Kruzifixe, lehnte es ab, zwischen „deutschen“ und „fremdrassigen“ Patienten zu unterscheiden, wenn Nahrungs- oder Arzneimittel knapp wurden, und betete verbotener Weise mit polnischen Zwangsarbeitern. Am 8. Dezember 1941 kamen zwei Wehrmachtssoldaten ins Krankenhaus, die ihr den Text eines kritischen Soldatenliedes zeigten, dessen Schlussverse lauteten:

„Was haben die Völker uns getan?
Wir nehmen die Waffen nur in die Hand
zum Kampf fürs freie Vaterland,
gegen das braune Sklavenreich,
für ein glückliches Österreich!“

Weil ihr der Liedtext aus der Seele sprach, ließ sie ihn von einer Sekretärin abschreiben. Doch eine Blaupause davon gelangte in die Hände des SS-Arztes Stumfohl. Der überzeugte Nationalsozialist, der die Stelle eines vertriebenen jüdischen Arztes übernommen hatte, denunzierte sie, und so wurde Restituta am 18. Februar 1942 aus dem Operationssaal heraus von der Gestapo verhaftet und ins Gefängnis des Wiener Landgerichtes geliefert. Trotz brutaler Folter verriet sie weder den Namen der Soldaten, von denen sie den Text erhalten hatte, noch den der Kollegin, die ihr bei der Vervielfältigung geholfen hatte.

Wie alle politischen Gefangenen durchlief sie die üblichen Stationen der Haft in Wien: „Die Liesl“ (heute Polizeigefängnis Rossauerlände) und das „Einser Landl“ (Wiener Landesgericht), wo auch die Hinrichtung durchgeführt wurde. Auch in der Gefangenschaft ließ sich Restituta weder einschüchtern noch davon abbringen, anderen zu helfen. Ohne Rücksicht auf Nationalität oder Weltanschauung, stand sie ihren Mitgefangenen mit ihrer Hilfsbereitschaft, ihrer Menschlichkeit und ihrem unerschütterlichen Glauben, aber auch mit ihrem medizinischen Wissen bei, wo immer sie konnte. So war es für die Gefangenen von unschätzbarem Wert, wenigstens für ein paar Stunden aus den Zellen heraus zu kommen, um im Inquisitenspital andere Häftlinge zu treffen. Restituta verhalf ihnen dazu, indem sie ihnen erklärte, wie man Gallenkoliken oder Magenbeschwerden vortäuschen kann.

Am 29. Oktober 1942 wurde Restituta vom Volksgerichtshof „wegen landesverräterischer Feindbegünstigung und Vorbereitung zum Hochverrat“ zum Tode verurteilt. An der Härte der Strafe wird deutlich, wie groß die Angst des Regimes selbst vor kleinen Widerstandsaktionen war. Alle Gnadengesuche wurden abgewiesen. Der Reichsminister Martin Bormann in Berlin bestand aus Gründen der Abschreckung auf der Vollstreckung des Urteils. Am 30. März 1943 wurde die Ordensschwester durch die Guillotine hingerichtet – gleichzeitig mit sechs kommunistischen Straßenbahnern aus Wien-Brigittenau, die sterben mussten, nur weil sie am Grab eines ihrer exekutierten Kollegen einen Kranz niedergelegt hatten.

Anni Haider, die aufrechte Kommunistin

Anni Haider wurde 1902 als Tochter einer Wiener Arbeiterfamilie unter dem Namen Anni Ladislav geboren. Sie arbeitete in einem Textilbetrieb, wo sie sich auch als Betriebsrätin engagierte. Im Februar 1934 nahm sie aktiv an den Kämpfen im Goethehof teil, wo sie am Maschinengewehr den Rückzug fliehender Schutzbündler deckte und im Zuge der Kämpfe verletzt wurde. Einige Tage versteckte sie sich im damaligen Überschwemmungsgebiet und in der Barackensiedlung „Bretteldorf“ und floh anschließend in die Tschechoslowakei. Von dort aus emigrierte sie in die Sowjetunion, wohin ihr Sohn Karl kurz nach den Februarkämpfen mit einer Kindergruppe gebracht worden war. Im Moskauer Exil lernte sie ihren späteren Mann Franz Haider kennen. Beide kehrten Anfang 1938 nach Österreich zurück, wo sie nach dem „Anschluss“ Österreichs im Untergrund für die illegale KPÖ tätig waren. 1941 verriet ein Spitzel Anni Haiders Widerstandsaktivitäten, und sie wurde gemeinsam mit ihrem Mann und anderen Genoss_innen – darunter die bekannte Architektin Margarete Schütte-Lihotzky – verhaftet. Da die Anklage auf Hochverrat lautete, beantragte der Staatsanwalt für sie die Todesstrafe. Zum Glück verurteilte sie das Gericht schließlich zu 15 Jahren Zuchthaus, so dass sie überlebte. Sie wurde vom Wiener Landesgericht ins Zuchthaus Aichach in Oberbayern überstellt, wo sie Ende April 1945 von US-Truppen befreit wurde.

Nach dem Krieg übte Anni Haider wichtige Funktionen in der KPÖ, in der Frauenbewegung und später in der Pensionistenbewegung aus. Sie genoss durch ihre antifaschistische Tradition und ihren aufrechten Charakter Achtung und Anerkennung. Anni Haider stand der Regisseurin Karin Berger für die Dokumentarfilme „Tränen statt Gewehre“ (1983) und „Küchengespräche mit Rebellinnen“ (1984) zur Verfügung, in denen sie von den Februarkämpfen und über ihre Zeit als Gefangene in Wien und Aichach erzählt. Sie starb am 22. Juni 1990 in Linz.



Gedenken an Restituta und die Straßenbahner im Wiener Stephansdom

Mit ihrer Menschlichkeit und ihrem Mut wurde Schwester Maria Restituta nicht nur von religiösen Menschen, sondern auch von glaubenslosen Widerstandskämpferinnen als Vorbild verehrt. Anlässlich des Papstbesuches in Wien wurde sie 1998 als erste Märtyrerin der Erzdiözese seliggesprochen. Für den Stephansdom gestaltete der Bildhauer Alfred Hrdlicka eine ausdrucksstarke Bronzebüste der Widerstandskämpferin, auf deren Brust die Namen der Straßenbahner, die gemeinsam mit ihr hingerichtet wurden, in blutroten Buchstaben eingraviert sind. Bei der Gedenkfeier im Oktober 2018 nahm Dompfarrer Toni Faber in seiner Ansprache Bezug auf den Kommunisten Alfred Hrdlicka: „Wir waren die Mitarbeit von jemandem mit dieser Weltanschauung nicht gewohnt. Aber in der Zusammenarbeit hat sich sehr viel Gemeinsames ergeben.“

Solidarität und die tiefe Überzeugung, dass ein besseres und glücklicheres Leben möglich ist, waren die wichtigsten Waffen im Widerstand gegen die nationalsozialistische Diktatur, in dem unerschrockene Frauen wie Anni Haider und Restituta eine so wichtige Rolle gespielt haben. Damit ihre Opfer nicht umsonst waren, liegt es an uns,  über die Grenzen von Herkunft, Nationalität und Weltanschauung hinweg zusammenzuarbeiten, damit wir dem Ziel näherkommen, von dem sie geträumt haben –einer Zukunft, in der die Menschen in Frieden und in gegenseitigem Respekt zusammenleben können.



[1] in Druck erschienen in: Stimme der Frau, Nr. 33, 17. August 1946
(https://restituta.at/rundfunkvortrag-der-kommunistischen-parteifunktionaerin-anni-haider-1946)


veröffentlicht in Talktogether Nr. 67/2019