Arbeit 4.0 und Grundeinkommen Drucken

Mehr Zeit für Kinder, Kirche, Volkshochschule?

Während das bedingungslose Grundeinkommen bisher immer als Idee von Sozialromantikern abgetan worden war, wird sie nun von Managern und Konzernvorständen ins Spiel gebracht. Warum machen sich Konzernchefs, denen es bisher immer nur um Senkung der Lohnkosten und Steuervermeidung gegangen ist, plötzlich Gedanken darüber, ob die Menschen ein Einkommen haben?


Space Justin (
DLR German Aerospace Center/CC BY 2.0)

Der Aufnahmestopp für Ausländer bei der Essener Tafel hat für hitzige Debatten gesorgt. Es klingt ja wirklich absurd, wenn in einem der reichsten Industrieländer der Welt, das einen Rekordüberschuss erwirtschaftet hat, arme Menschen um Lebensmittel streiten müssen. Vertreter*innen der Idee des Bedingungslosen Grundeinkommens dagegen meinen, dass Armut angesichts der beeindruckenden Warenberge und Produktivkräfte in unseren Regionen eigentlich überflüssig sei und durch „Unfairteilung“ abgeschafft werden könnte. Und sind die Menschen einmal von Existenznot und Arbeitszwang befreit, hätten sie genug Zeit, sich dem Schönen und Guten zu widmen.

Schöne neue Unternehmerwelt

Mittlerweile hat die Idee neue, mächtige Unterstützer gewonnen: Auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos 2017 wurde der Vorschlag erstmals von Industriekapitänen und Konzernvorständen aufgegriffen. „Das bedingungslose Grundeinkommen ist wesentlich für die Wirtschaft des 21. Jahrhunderts. Es schafft Freiraum für Innovation und Unternehmertum. Es ist sozial und wirtschaftlich. Es ermöglicht, die immer schnellere Digitalisierung und Robotisierung gesellschaftlich zu integrieren. Es stärkt die intrinsische Arbeitsmotivation, da Menschen auch ‚Nein‘ sagen können. Und Menschen, die gerne arbeiten, arbeiten produktiver“, ist auf der Website der Initiative Wirtschaft für Grundeinkommen zu lesen. Mit einem Grundeinkommen würden alle gewinnen, heißt es: Die Menschen wären weniger abhängig von ihrem Arbeitseinkommen, man könne damit den gender pay gap überwinden, und da die Arbeit mit einem Grundeinkommen für den Unternehmer weniger koste, würden Schwarzarbeit und Kriminalität sinken. Die Menschen hätten mehr Zeit für ehrenamtliche Tätigkeiten, ohne die unsere Gesellschaft jetzt schon nicht mehr auskommt. Zudem könnten Bürokratie und Einfluss des Staates abgebaut werden.

Was wollen uns die Konzern- und Bankchefs damit sagen? Hier handelt es sich um eine klare Ansage: Wenn sie den Einsatz moderner Technik in einem Atemzug mit Arbeitsplatzverlust nennen, ist dies nicht eine unvermeidliche Folge der Technik, sondern bezweckt: Sie bedienen sich dieser neuen Technologie nur deshalb, um damit Arbeitsplätze einzusparen und Lohnkosten zu senken. Außerdem kündigen sie an, dass die Löhne, die sie in Zukunft zu bezahlen gedenken, nicht mehr ausreichen werden, um sich einen Lebensunterhalt zu sichern.

Aber wenn das Kapital fast ohne Menschen vollautomatisch und kostengünstig seinen Reichtum produziert, wer soll ihnen die ganzen smarten Produkte abkaufen? Es hat sich auch unter Unternehmern und Wirtschaftsweisen herumgesprochen, dass Roboter keine Autos kaufen. Mit einem bedingungslosen Grundeinkommen jedoch könnten sie sich endlich der Verantwortung entledigen, die Menschheit versorgen zu müssen. Vage dagegen bleibt die Beantwortung der Frage, wer dieses Grundeinkommen bezahlen soll. Denn zur Finanzierung von Sozialleistungen und auch des Grundeinkommens braucht es Steuern, und um die zu vermeiden waren Unternehmen bisher immer sehr erfinderisch.

Grundeinkommen - eine Lösung?

Ist das Grundeinkommen wirklich alternativlos, wie manche behaupten? Im Bildungs-, Gesundheits- und Sozialbereich werden zusätzliche Arbeitskräfte dringend gebraucht, nur werfen diese Sektoren keine Gewinne ab. Die Argumente der Befürworter*innen eines Grundeinkommens sind zudem eurozentristisch, weil sie sich auf die Betrachtung der Verhältnisse in den westlichen Industriestaaten beschränken. In den letzten Jahrzehnten wurde aber ein großer Teil der Produktion in Länder ausgelagert, wo Menschen vielfach noch unter vergleichsweise primitiven Bedingungen und zu Hungerlöhnen arbeiten. Heute lebt ein großer Teil der Weltbevölkerung noch immer auf einem extrem niedrigen Lebensstandard. Um all diesen Menschen ein gutes Leben zu ermöglichen, braucht es zweifellos noch die Arbeitskraft sehr vieler Menschen.

Im Grunde erliegen die Verfechter eines Grundeinkommens aber einem Irrtum über den Charakter von Arbeit und Reichtum in unserer Gesellschaft. Wir wissen, dass ausschließlich die menschliche Arbeitskraft gesellschaftlichen Wert erschafft. Das Grundeinkommen dagegen entkoppelt die Rolle der menschlichen Arbeit und Schöpfungskraft vom technologischen Fortschritt und gesellschaftlichen Wohlstand, und reduziert zudem Wohlstand auf Kaufkraft. Die Folge davon ist nicht die Befreiung vom Arbeitszwang, sondern vielmehr eine Entfremdung vom Produktionsprozess.

Die Entfremdung des Individuums vom Arbeitsprozess und die Aneignung des produzierten Mehrwerts durch den Kapitalisten sind aber genau die Ursachen, warum wir untere prekären Arbeitsbedingungen und Arbeitslosigkeit leiden. Daher sollte es nicht unser Ziel sein, die Gesellschaft in Arbeitende und Almosenempfänger zu spalten, sondern die Arbeit unter allen gerecht zu verteilen sowie Produktion und Arbeit demokratisch zu kontrollieren, damit sie der willkürlichen Profitlogik des Kapitals entrissen wird. Ohne die Lohnarbeit und die herrschenden Eigentumsverhältnisse kritisch zu hinterfragen und letztlich umzustürzen, wird das aber nicht möglich sein.


veröffentlicht in Talktogether Nr. 64/2018