Gespräch mit Raim Schobesberger, Phurdo Salzburg Drucken

Gespräch mit

Raim Schobesberger

Obmann von Phurdo, Zentrum für Roma-Integration Salzburg

 

TT: Seit wann gibt es den Verein und was bedeutet der Name Phurdo?

Raim: Den Verein gibt es seit 10 Monaten. Phurdo bedeutet Brücke. Die Idee ist, dass dieser Verein in Salzburg als Brücke dienen soll, um Dialoge zwischen Roma und Nicht-Roma zu ermöglichen, weil es hier so viele Barrieren und Steine auf dem Weg gibt. Also zusammenkommen und trotzdem die eigene Identität bewahren.

TT: Auf welche Weise soll das funktionieren?

Raim: Indem hier in Salzburg lebende Roma – vor allem mit Migrationshintergrund, zu denen ich selbst auch gehöre – verschiedener Generationen Veranstaltungen organisieren, um über unsere Kultur, unsere Geschichte, unsere Sprache und alles, was zu einer Nationalität dazugehört, zu informieren. Schließlich leben viele von diesen Menschen schon seit den 1970er und 1980er Jahren in Salzburg und es gibt hier mittlerweile schon die zweite und dritte Generation. Weil die Menschen, die hier eingewandert sind, zu sehr mit Arbeit und Existenzgründung beschäftigt waren, fehlte ihnen die Zeit, um sich mit der eigenen Sprache, Geschichte und Kultur zu beschäftigen und sie ihren Kindern weiter zu geben.

Dazu kommt aber auch, dass wir in unseren Herkunftsländern gelernt haben, dass ein Roma zu sein Diskriminierung und in der Folge seelische Belastungen und psychische Krankheiten bedeutet. Wir haben nämlich unsere Länder nicht nur aus materiellen Gründen verlassen, sondern es war eine Flucht vor der unerträglichen Diskriminierung. Ich spreche hier aus eigener Erfahrung. Als wir im Ausland die Chance hatten, nicht als Roma eingestuft zu werden, haben wir sie gerne genützt, weil wir aus dieser Haut entkommen wollten.

Wenn du einen mazedonischen Pass besitzt, wirst du als Mazedonier angesehen und keiner fragt weiter. Niemand hat Interesse daran gehabt, sich als Roma zu deklarieren. Man war froh, der Diskriminierung auf Grund der Roma-Herkunft entkommen zu sein. Es gab wenig Interesse, sich mit der eigenen Herkunft und Geschichte zu beschäftigen, weil das negative Erinnerungen mit sich brachte. Das, was Probleme verursacht, zu vermeiden und zu verdrängen, ist eine typisch menschliche Reaktion. Wenn wir das aber weiter tun, haben zukünftige Generationen keine Chance, über unsere Geschichte zu erfahren und unsere Roma-Kultur und Sprache werden vergessen und ausgelöscht sein. Die Roma sind immer vor der Verfolgung weggelaufen und tun es bis heute.

TT: Wie lange dauert die Flucht der Roma bereits?

Raim: Die Flucht der Roma begann Forschungen zufolge im 12. und 13. Jahrhundert. Es gibt keine Periode in der Geschichte, in der es keine Verfolgungen von Roma gab. Ab dem 14. Jahrhundert wurden Roma in Rumänien in die Sklaverei gezwungen und mussten als Leibeigene auf den Feldern arbeiten. Oft waren die Sklaven im Besitz der Kirche. Man könnte die Diskriminierung der Roma vergleichen mit der Geschichte der Schwarzen. Aufgrund ihrer Hautfarbe wurde gesagt, du darfst nicht neben uns sitzen, du darfst mit uns keine Ehe schließen. Man konnte einen Roma töten, ohne dafür bestraft zu werden. Später gab es in Osteuropa auch Massenzwangssterilisationen, mit dem Ziel, diese Nationalität ganz auszulöschen.

Wir wurden umgebracht und versklavt an allen Ecken der Welt, heute ist es auch nicht viel besser. Es gibt kein Volk auf der Welt, das so lange Zeit verfolgt worden ist und sich nicht gewehrt hat. Wahrscheinlich hat die Verfolgung deshalb so lange gedauert. Das bereue ich und ich verstehe es nicht. Meiner Meinung nach ist es höchste Zeit, dass sich das ändert.

TT: Welche Erfahrungen hast du selbst gemacht?

Raim: Bevor ich in der Schule war, habe ich die Diskriminierung nicht gespürt, weil wir als Roma unter uns waren. Als ich jedoch in die Schule kam, war das wie ein Schlag ins Gesicht. Am ersten Schultag wurden die Plätze in der Klasse nach den Familiennamen aufgeteilt. Ein Mädchen musste neben mir sitzen. Das Mädchen ist zu mir gekommen und hat sich wieder umgedreht. Ich dachte, sie verhält sich so, weil sie halt ein Mädchen ist. Als die Lehrerin einen Buben neben mich setzen wollte, sagte dieser: Neben ihm darf ich nicht sitzen. Die Lehrerin fragte: Warum nicht? Dann sagte der Bub: Er ist ein Zigeuner. Da habe ich das erste Mal erfahren, dass ich Zigeuner bin. Ich wusste bisher gar nicht, dass ich Zigeuner bin, abgesehen davon, dass wir zuhause Romanes sprachen. Das war für mich ein Schock. Keiner wollte neben mir sitzen. Ich stand auf und sagte: Wenn keiner neben mir sitzen will, dann gehe ich nach Hause. Zu Hause fragte ich meine Eltern, warum keiner neben mir sitzen will. Meine Mutter sagte nur: Du sollst nur lernen und nicht viele Fragen stellen. Mein Vater sagte: Morgen bist du in der Schule und du darfst die Schule nicht verlassen. Also musste ich zur Schule gehen und irgendjemand wurde gezwungen, neben mir zu sitzen.

TT: Warst du der einzige Roma in der Klasse?

Raim: Es gab in der Klasse noch zwei Roma-Mädchen, vor denen hatten die anderen Kinder aber keine Angst. Aber mit mir wollten sie nichts zu tun haben. Ich hatte aber den Eindruck, dass sich die Mädchen untereinander schon vorher gekannt haben. Aber das habe ich damals nicht hinterfragt, ich spürte nur, was mich beleidigt und was mir weh getan hat. Ich hatte vorher nicht gewusst, dass Zigeuner zu sein etwas so Schlechtes und Schreckliches war, und ich habe mit damit nie abgefunden. Auch in der Pause haben sich die anderen Kinder von mir entfernt. Jeder weiß, dass Kinder ziemlich gemein sein können. Sie begannen mit Provokationen, weil sie merkten, dass ich mich aufregte. So geht das Spiel: Du regst dich auf und sie freuen sich.

Das ging dann so weit, dass es mir reichte und ich sie zu schlagen begann. Als ich das ein paar Mal gemacht hatte, traute sich keiner mehr, mich zu beleidigen. Da gewöhnte ich mir dieses Verhalten an, um mir Respekt zu verschaffen. Das Schlimme dabei war, dass ich schnell als gewalttätig eingestuft wurde. Ich wurde zur Direktorin gerufen. Ich erzählte ihr, dass die anderen mich „Raim Zigeuner“ nannten und mich auslachten. Doch sie sagte nur, das ist kein Grund zu schlagen. Das darf man nicht. Fertig. Schnell war ich in der Schule als Problemkind abgestempelt. Irgendwann war mir das egal. Es fühlte mich gut, wenn die anderen vor mir Angst hatten.

Je älter ich wurde, desto gefährlicher wurde es, denn die anderen begannen, sich zu Gruppen zusammenzuschließen. Da musste auch ich mir von anderen Schulen oder aus der Nachbarschaft Verstärkung holen. Ich bin dann auch straffällig geworden. Wenn es Auseinandersetzungen gab, hat die Polizei uns Roma gleich in ein extra Zimmer gebracht und uns zusammengeschlagen. Manchmal musste mich meine Mutter abholen, weil ich nicht mehr laufen konnte.

Das Schlimmste war, dass mein Vater mich nicht verstand. Ich habe von ihm dann auch zu Hause Schläge bekommen. Nur meine Mutter hatte Verständnis und redete mir gut zu: Halte durch, bis du deinen Schulabschluss hast. Mein Vater wollte dass ich eine Ausbildung als Baumaschinentechniker mache, weil er dachte, dass ich damit eine gute Zukunft habe. Das hat mich überhaupt nicht interessiert. Meine Traumberufe hatten mit Kunst, Musik oder modernem Ballet zu tun. Doch ich hatte keine andere Wahl, ich musste in die Berufsschule nach Skopje. Aber ich war froh weg zu kommen von den ständigen Auseinandersetzungen.

Doch in Skopje hat das gleich wieder von vorne bekommen. Ich bin oft der Schule ferngeblieben, vor allem wenn ich Professoren hatte, sie selbst rassistisch eingestellt waren. Mein Vorteil war, dass mir das Lernen nicht schwerfiel und ich trotzdem gute Noten bekam. Als ich das Diplom erhalten hatte, legte ich es vor meinem Vater auf den Tisch und sagte: So, da habt ihr euer Diplom. Ich werde in diesem Beruf nie arbeiten.

TT: Wann hast du begonnen, dich mit der Geschichte der Roma zu beschäftigen?

Raim: In Skopje gibt es die größte Roma-Siedlung Europas, Šuto Orizari, eine eigenständige Stadt innerhalb der Stadt. Man erkennt die Diskriminierung ja auch daran, dass in jeder Stadt, die Roma-Viertel getrennt von den anderen Bewohnern am Stadtrand liegen, und so ist das bis heute. Nicht-Roma fragen dann oft: Wie kann die Integration stattfinden, wenn die Roma immer unter sich bleiben? Darauf antworte ich. Wollten wir dort leben oder habt ihr uns dazu gezwungen?

Das Roma-Viertel war ein Zufluchtsort, denn hier gab es keine Diskriminierung. Dort lebten ausschließlich Roma uns zwar aus verschiedenen Regionen, mit unterschiedlichen Dialekten und Kulturen. Als die Roma aus Indien über Persien und Ägypten nach Europa gekommen waren, haben sie sich in verschiedene Gruppen aufgeteilt und entwickelten unterschiedliche Dialekte. Die Roma-Kulturen haben viel mit den Berufen zu tun, die von den verschiedenen Gruppen ausgeübt wurden. Sie waren sie berühmt als gute Handwerker, traditionelle Berufe waren Schmiede, Kalderaš (Hersteller von Kupferkesseln), Pferdehändler (Lovara) und Musikanten. Doch immer wieder in der Geschichte wurde den Roma verboten, ihre Berufe auszuüben. Die Roma haben viel zur Kultur Europas beigetragen, doch ihre Geschichte ist verleugnet und verschwiegen worden. Heute wird der Flamenco mit Spanien verbunden, obwohl diese Musikrichtung nachweislich von den Roma stammt. Dasselbe trifft auch auf die klassische Musik aus Ungarn zu.

Zwei Mitschüler, die auch Roma waren, haben mich mit ihrem Onkel bekannt gemacht haben, der Sprachforscher und ein Pionier in der Entwicklung der Roma-Schriftsprache war. Er hatte viel Zeit in Indien verbracht, um die Sprache der Roma zu erforschen. Dieser Mann hat mich dazu inspiriert, mich mit unserer Geschichte und Kultur zu beschäftigen. Ich habe begonnen, viel zu lesen und Wissen zu erwerben. Damals habe den Entschluss gefasst, etwas dazu beizutragen, damit sich die Situation der Roma ändert. Als ich später eine Familie gegründet und Kinder bekommen habe, habe ich wenig Zeit gehabt. Erst als mein Sohn vor zwei Jahren nach Wien gezogen ist, war für mich der richtige Zeitpunkt gekommen, mich meinem Vorhaben zu widmen. Für mich ist es eine Art von Therapie, dass ich mich entschieden habe, mich für den Rest meines Lebens mit der Aufklärung über unsere Geschichte zu beschäftigen.

TT: Müssen die Roma ihre Lebensweise verändern, um einen Platz in der europäischen Gesellschaft zu finden?

Raim: Die Roma wollten immer ein Teil Gesellschaft sein, doch das wurde nie zugelassen. Sie wurden immer ausgegrenzt bis hin zum Genozid, das hat schon lange vor Hitler begonnen. Wenn man seit Generationen immer im Ghetto gelebt hat, hat das natürlich auch psychische Auswirkungen. Wenn Menschen heute auf der Straße sitzen und betteln, liegt es an der Armut, und dass sie ihre Lebensgrundlage verloren haben. Heute gibt es Roma-Siedlungen in Ungarn, in der Slowakei, in Rumänien und in Bulgarien, wo die Menschen nicht einmal Strom haben. In Ungarn wurde im Sommer während der Hitzewelle in einer Roma-Siedlung sogar das Trinkwasser abgestellt. Die ganze Welt schaut zu und keiner tut etwas dagegen.

TT: Dein Ziel ist, eine Anlaufstelle für Roma in Salzburg einzurichten? Was sollte dort angeboten werden?

Raim: Das Zentrum für Roma-Integration sollte eine Anlaufstelle für Romafamilien mit Migrationshintergrund sein, um den jungen Menschen ihre Kultur, Sprache und Schrift zu vermitteln und ihr Selbstbewusstsein zu stärken, damit sie stolz und selbstbewusst zu ihrer Herkunft stehen können. Der Stolz auf die eigene Identität wurde leider gebrochen, so dass viele ihre Herkunft verleugnen. Man kann auf die eigene Herkunft nur stolz sein, wenn man die eigene Geschichte kennt.

Eine weitere Zielgruppe sind die Reisenden, die hier in Salzburg Station machen. Dabei handelt es sich um Gruppen, die entweder aus religiösen Gründen reisen, oder die sich im Laufe der Jahrhunderte auf den Handel spezialisiert haben. Sie haben für ihre Kinder eigene Schulen und bringen ihren Kindern selbst Lesen und Schreiben bei. Der Verein Phurdo hat ein Konzept entwickelt, um ihren Aufenthalt an den Rastplätzen zu managen sowie Aufklärungs- und Vermittlungsarbeit zu leisten.

Es wird ja viel über die Situation der Roma geredet und geschrieben, was gut und wichtig ist. Doch ich frage mich, was haben die Roma davon? Allein mit Podiumsdiskussionen oder Zeitungsberichten, werden wir nicht viel bewegen. Wäre es nicht wichtiger, konkrete Ziele zu verfolgen und an ihrer Umsetzung zu arbeiten? Wir müssen uns fragen, was tun wir gegen die Vorurteile? Inzwischen gibt es in Europa drei Universitäten, an denen Roma-Studien betrieben werden, in Graz, in Frankreich und in Spanien. Ich möchte ein Programm mit Romologen der Universität Graz zusammenstellen, das man in Schulen einsetzen kann. Die Aufklärung muss jetzt beginnen, damit man in 20 oder 30 Jahren Resultate sehen kann.

Daher bitte ich die zuständigen Salzburger Behörden und Institutionen, mir die Hand zu reichen, um die Zukunft unserer Kinder gemeinsam zu gestalten.

veröffentlicht in Talktogether Nr. 46/2013