Gespräch mit Fermin aus Kuba Drucken

Gespräch mit Fermin aus Kuba,
Arkadius von der deutschen Kuba-Hilfe und
Dieter von der Österreichisch-Kubanischen Gesellschaft

TT: Fermin, du bist zurzeit als Gast in Österreich und wir möchten diese Gelegenheit nützen, um von dir etwas über Kuba zu erfahren. Vor allem interessieren uns das Bildungssystem, das Gesundheitswesen und die Industrie.

Fermin: Bildung ist in Kuba kostenlos und für alle Kinder ab fünf Jahre herrscht Schulpflicht. Das Schulsystem besteht aus der Grund-, der Mittel- und der Oberschule, nach der Matura können die jungen Leute an die Universität gehen. Wer sich nicht gleich für ein Studium entscheidet, hat die Möglichkeit, eine Abendschule zu besuchen und bekommt dafür ein Stipendium vom Staat. Wer ein Studium an der Universität abgeschlossen hat, bekommt meist schnell Arbeit, vor allem in sozialen, technischen und medizinischen Berufen. Aber auch Menschen, die bereits im Beruf stehen nehmen an Weiterbildungsprogrammen teil, weil sich die Welt schnell weiterentwickelt.

Arkadius: In Holguín gibt es eine ganze Universität nur für Soziale Arbeit.

TT: Welche Aufgaben haben Sozialarbeiter_innen in Kuba?

Fermin: Dieser Beruf ist nicht anders als in Europa. Wenn Menschen in Schwierigkeiten geraten, werden sie betreut.

TT: Gibt es in Kuba Menschen, die keine Wohnung haben?

Fermin: Nein, wir haben zwar ein Wohnungsproblem, aber Obdachlosigkeit gibt es bei uns nicht. Wer wenig Geld hat, bekommt vom Staat kostenlos ein Grundstück Baumaterial zur Verfügung gestellt und kann sich selbst ein Haus bauen.

TT: Woher finanziert sich der Staat? Von Steuereinnahmen?

Fermin: Der Staat lebt wie überall von der Arbeit der Menschen. Bei uns sagt man, ich arbeite für das Volk. Ich bezahle keine Steuern, aber alles was ich produziere, mache ich für das Volk und nicht für ein Unternehmen, das durch meine Arbeit Gewinne erzielt. Es gibt schon Kleinunternehmen wie Imbissbuden und Restaurants, aber keine Großunternehmen. Mit einer Ausnahme: die Zusammenarbeit mit ausländischen Hotelunter-nehmen und Unternehmen, die Ölvorkommen erschließen.

TT: Wie funktioniert das Gesundheitswesen in Kuba?

Fermin: Das Gesundheitssystem in Kuba ist sehr gut entwickelt. Krankheiten, die in vielen lateinamerikanischen und afrikanischen Ländern eine große Bedrohung sind wie die Malaria, konnten wirksam bekämpft werden. Es gibt Gesundheitsprogramme für verschiedene Zielgruppen, zum Bespiel für junge Menschen, schwangere Frauen oder ältere Menschen. Die Säuglingssterblichkeit gehört weitweit zu den niedrigsten und die Lebenserwartung ist eine der höchsten auf dem gesamten amerikanischen Kontinent. Es gibt einen Club für über 100-Jährige, manche der Mitglieder sind über 120 Jahre alt.

Arkadius: Das ist beachtlich, vor allem wenn man vergleicht, wie viel Deutschland pro Kopf für das Gesundheitssystem aus-gibt, und wie viel Kuba dafür zur Verfügung hat.

Dieter: In Kuba gibt es das System der Familienärzte, die jeweils 100 Familien betreuen. Man kann sagen, pro Wohnblock gibt es einen Arzt. Dieser kennt die Familien und merkt, wenn es Probleme gibt. In diese Praxen kommen auch Sozialarbeiter_innen, an die sich die Menschen bei sozialen Problemen wenden können. Dann gibt es die Polykliniken, die sehr zahlreich sind und die medizinische Grundversorgung übernehmen. Für schwierigere medizinische Probleme gibt es die Krankenhäuser, in denen es wie bei uns alle Abteilungen gibt.

Fermin: Kuba bietet außerdem Studierenden aus anderen lateinamerikanischen Ländern die Möglichkeit für ein kostenloses Medizinstudium. Sehr viele Haitianer und Haitianierinnen stu-dieren in Kuba. Außerdem sind Hunderte kubanische Ärzte und Ärztinnen in Haiti im Einsatz. Mit ihrer Hilfe konnte die Chole-raepidemie, die nach der Erdbebenkatastrophe ausgebrochen war, besiegt werden. Kubanische Ärzt_innen waren auch in Brasilien und Ecuador im Einsatz, als dort das Denguefieber ausbrach. Regelmäßig werden Patienten mit komplizierten Krankheiten aus der Karibik und ganz Lateinamerika nach Kuba zu Operationen geschickt, wo sie kostenlos behandelt werden.

Arkadius: Es gibt aber Unterschiede im Land, die Region um Havanna ist medizinisch viel besser ausgestattet als der östliche Teil des Landes. Nach Holguín hat die deutsche Kuba-Hilfe zehn Jahre lang unzählige Dialysemaschinen, Röntgenanlagen oder EKG-Apparate geliefert, aber auch Brillen und Hörgeräte. Wir haben auch Krankenhausbetten, Rollatoren und auch elektrische Rollstühle nach Kuba geschickt, doch oft sind diese für Kuba gar ungeeignet, weil die Gehsteige zu schmal sind.

TT: Warum benötigt ein Land mit so einem ausgezeichneten Gesundheitssystem überhaupt Hilfe aus dem Ausland?

Arkadius: Das technische Know-How ist nicht immer perfekt. Oft können Geräte nicht eingesetzt werden können, weil wegen der Blockadepolitik wichtige Ersatzteile nicht beschafft werden können. Oft können Operationen nicht durchgeführt werden, nur weil eine OP-Lampe im Wert von 50 Dollar nicht verfügbar ist. Weil die gespendeten Geräte aus der ganzen Welt kommen, ist es auch schwierig, passende Ersatzteile zu bekommen.

Fermin: So stirbt vielleicht ein Kind, nur weil wir keine Ersatz-teile bekommen. Aber es gibt Menschen aus Deutschland und Österreich, die mit uns solidarisch sind und uns helfen, unsere Geräte in Betrieb zu halten.

TT: Bedeutet diese Art von Hilfe nicht auch Abhängigkeit?

Arkadius: Ja, das stimmt schon. Es gibt Menschen aus vielen Ländern, die ihre Unterstützung auf Kuba konzentriert haben. Womöglich haben wir durch den Überfluss, den wir hier im Westen haben, sogar den Ansporn unterdrückt, sich auf eigene Beine zu stellen. Für mich ist es deshalb nicht so wichtig, Container voll mit Geräten zu schicken, sondern gezielt bei Problemen zu helfen. Wichtig ist vor allem, unser technisches Know How weiterzugeben, das medizinische Personal zu schulen und darauf hinzuweisen, wie wichtig die Sorgfalt und der achtsame Umgang mit den Geräten sind.

TT: Könnt ihr euch vorstellen, eine Werkstatt in Kuba aufzubauen um einen Teil der Geräte in Kuba herzustellen?

Fermin: Wenn wir etwas in Kuba produzieren wollen, muss jeder einzelne Bestandteil aus Kuba sein, und das ist für ein kleines armes Land wie Kuba sehr schwer. Heutzutage wird ja kaum noch etwas in einem einzigen Land produziert, sondern die verschiedenen Einzelteile kommen aus der ganzen Welt. Sie verweigern uns sogar Krebsmedikamente für Kinder. Doch wir geben nicht auf und versuchen diese Medikamente trotzdem irgendwoher zu bekommen. Trotz aller Schwierigkeiten ist es uns gelungen, Medikamente selbst zu entwickeln, beispielsweise ein Medikament gegen Hepatitis.

Arkadius: Es gibt auch die sogenannten „Grünen Apotheken“, die Medikamente auf Naturheilbasis anbieten, um die Abhängigkeit von der Pharmaindustrie zu reduzieren. Ich war auch sehr erstaunt zu sehen, dass ein komplettes Monitoring-System für Intensivstationen in eigener Produktion hergestellt wurde.

Fermin: Ich erwarte keine Hilfe von der österreichischen Regierung, ich erwarte nicht vom Kapitalismus, dass er uns hilft. Stattdessen bitte ich meine Freunde um Solidarität. Wir überleben seit über 50 Jahren den Boykott und die Beschränkungen. Wir wollen uns nicht von den USA vorschreiben lassen, was wir tun sollen, deshalb nennen sie uns Terroristen. Sind wir Terroristen? Vielleicht bin ich ein Terrorist, aber ein Terrorist ohne Waffen, sondern ein Terrorist mit der Gitarre.

Arkadius: Man sagt auch, Kuba hat politische Gefangene. Aber wie viele sind das? Ägypten zum Beispiel hat 30.000 politische Gefangene, aber das findet man ganz normal, von den USA brauchen wir gar nicht sprechen.

Fermin: Ich bin überzeugter Kommunist. Aber als Kubaner habe ich auch das Recht, anders zu denken. Es gibt aber Menschen, die von den Leuten in Miami mit Geld bestochen werden, um das Land zu destabilisieren. Wenn sie Straftaten begehen, werden sie bestraft, wie es überall auf der Welt üblich ist. Sie aber schreien dann: Wir sind politische Gefangene.

TT: Welche Industrie gibt es in Kuba?

Dieter: Es gibt sehr viel nachzuholen, was Technik und Industrie betrifft. Wir haben in Kuba eine Fabrik besucht, in der landwirtschaftliche Maschinen repariert wurden, die noch aus der DDR stammen. Diese alten Maschinen werden mit viel Geschick, Erfindungsreichtum und Improvisation in Gang gehalten. Kuba war sehr lange abhängig von der Sowjetunion und es gab riesige Monokulturen, die alle auf die Zuckerproduktion ausgelegt waren. Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion ist das Gegengeschäft ausgefallen, und das war eine sehr schwierige Umstellung. Mir wurde erzählt, dass ein Zuckerrohrfeld nach einer gewissen Zeit so ausgelaugt ist, dass man darauf sechs bis sieben Jahre nichts mehr anbauen kann. Die Entwicklung einer nachhaltigen Landwirtschaft ist lange vernachlässigt worden. Heute wird zunehmend versucht, Früchte und Gemüse anzubauen, die Veränderungen sind auch schon sichtbar. Ein Problem ist aber, dass es zu wenige Bauern und Landwirte gibt, so dass Leute eigens dafür geschult werden müssen.

Fermin: Es war einer unserer größten Fehler, von den sozialistischen Ländern abhängig machen zu lassen und nicht zu versuchen, selbst eine Produktion aufzubauen. Damit haben wir uns selber eine Blockade errichtet. Nach dem Zusammenbruch war die Situation deshalb sehr schwierig. Trotzdem leben wir noch.

Arkadius: Heute wird propagiert, auch in den Städten oder beispielsweise bei Krankenhäusern Gemüsebeete anzulegen, um die Menschen mit frischen Nahrungsmitteln zu versorgen. Hier gibt es noch viel Potenzial, denn die klimatischen Bedingungen sind sehr gut, in Kuba kann drei Mal im Jahr geerntet werden.

TT: Auf welche Weise kann das Volk in Kuba mitbestimmen?

Fermin: Die Demokratie in Kuba funktioniert so: Wir wählen in unserem Stadtviertel und in den Arbeitskollektiven einen Vertreter, dieser wird dann in die Volkskammer geschickt, wo er unsere Anliegen vertritt. Wenn er seine Aufgabe nicht erfüllt, wird er seines Amtes enthoben und ein neuer gewählt. Das kann innerhalb eines Monats geschehen und wir müssen nicht vier Jahre warten. Die Regierung kann kein Gesetz erlassen, ohne vorher mit den Volksvertretern gesprochen zu haben. Zuerst kommt der Gesetzesentwurf in die Volkskammer und nachher diskutieren die Volksvertreter darüber in einer Sitzung mit dem Volk. Auch die Gewerkschaften haben viel Einfluss.

Dieter: Kuba ist dabei, sein Wirtschaftssystem umzustellen und hat viele Staatsbeamte abgebaut, weil sich der Staat diese Kosten nicht mehr leisten konnte.

Arkadius: Der Verwaltungsapparat war schon sehr aufgebläht. Man wollte die Leute von der Straße wegholen, aber es in unseren Augen ist es schon übertrieben, wenn im Krankenhaus zwei Frauen im Lift sitzen, nur um auf den Knopf zu drücken.

TT: Was passiert mit den Menschen, die ihren Job verlieren?

Dieter: Für sie gibt für sie die Möglichkeit, sich selbständig zu machen, ein Restaurant oder einen Pizzastand aufzumachen…

TT: Sind das nicht erste Schritte in Richtung Kapitalismus?

Fermin: Nein. Nicht solange das Gesundheits- und das Bildungswesen in der Hand des Volkes bleiben.

Dieter: Es gibt zusätzlich noch das Problem des Währungssystems. Durch den Massentourismus haben diejenigen, die im Tourismusbereich arbeiten, große Vorteile gehabt. Nun versucht man, dieses doppelte Währungssystem auf eines umzustellen.

Fermin: Leider gibt es immer noch Armut in Kuba, aber wir bemühen uns, auf die Beine zu kommen, und langsam aber sicher schaffen wir es, denn die kubanische Revolution ist im Volk verwurzelt. Die Menschen in Kuba sind vom Ideal über-zeugt, dass wir zusammenhalten müssen. Auch wenn wir Mangel haben, haben wir ein gutes Leben.

Arkadius: Man sagt: Kuba ist kein anderer Kontinent, Kuba ist eine andere Dimension.

veröffentlicht in Talktogether Nr. 46/2013