Gespräch mit Jasmin Merdzić und Mirsad Pjević von BH Dijaspora Drucken

 

Gespräch mit Jasmin Merdzić und Mirsad Pjević,

Verein BH (Bosnien-Herzegowina) Dijaspora Salzburg


Gedenken an Srebrenica am 11. Juli 2013 am Salzburger Residenzplatz. Foto: Mirsad Pjevic


TT:
Wie hast du den Beginn des Krieges in Bosnien erlebt?

Jasmin: Ich habe in Bosnien ein gutes Leben gehabt und hätte mir nie vorstellen können, ins Ausland zu gehen. Ich war in der Sozialistischen Jugend aktiv und moderierte eine Radiosendung. Mein Wunsch war es, Journalist zu werden. Doch dann hat der Krieg begonnen. Zuerst hat sich Slowenien unabhängig erklärt, dort war der Krieg nach nur 20 Tage zu Ende. Dann wollte auch Kroatien unabhängig sein und schließlich hat auch Bosnien eine Unabhängigkeitserklärung gemacht. Die bosnischen Serben wollten das aber nicht akzeptieren und begannen, die muslimische Bevölkerung zu vertreiben. Die muslimische Bevölkerung war unbewaffnet, doch mit der Zeit haben sie Waffen erbeutet und sich gewehrt. Der Krieg hat vier Jahre lang gedauert.

TT: Wir war das, als Nachbarn plötzlich zu Feinden wurden?

Jasmin: Im ehemaligen Jugoslawien hatten unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen friedlich zusammengelebt. In Bosnien lebten ca. 40 Prozent Muslime, 20 Prozent Kroaten (oder besser gesagt Katholiken) und 30 Prozent Serben (Orthodoxe) zusammen. Meine Mutter ist katholisch und mein Vater ist Muslim, ich habe selbst keine Religion ausgeübt. Teslić, die Stadt, in der ich gelebt habe, wurde 1892 zur Zeit der k. & k. Monarchie gegründet, damals gab es in Europa viel Arbeitslosigkeit, so dass viele Menschen in unsere Stadt zum Arbeiten gekommen sind. Es gibt viele Familien, deren Vorfahren aus Österreich, Tschechien, Polen oder der Slowakei gekommen sind. In der Zeit von Jugoslawien hat die Herkunft niemand beachtet, doch als die Krieg anfing, haben die Leute plötzlich gesagt, er ist das, er ist das… In dieser Zeit haben die Menschen plötzlich nicht mehr normal gedacht. Durch die nationalistische Politik wurde die Bevölkerung gegeneinander aufgehetzt.Meiner Meinung nach war es ein Religionskrieg. Jugoslawien war wie Österreich ein säkulares Land, in dem Politik und Religion getrennt waren. Als das Land aufgeteilt wurde, kamen jedoch religiös orientierte Führer an die Macht und kamen auf die Idee, die Angehörigen der anderen Religionen zu vertreiben. Weil die muslimische Bevölkerung unbewaffnet war, hatte sie die meisten Opfer zu verzeichnen.

Mirsad: Die Jugoslawische Armee war eine Armee, die sich aus Angehörigen aller Nationen zusammengesetzt hatte. Doch als der Krieg begonnen hat, haben Serben die Armee übernommen und daraus ist eine serbische Armee geworden.

TT: Wie war es, als sie dich festgenommen hatten?

Jasmin: Ich lebte in einem überwiegend von Serben bewohnten Teil des Landes. Weil ich kein Serbe war, haben sie mich eines Tages abgeholt und eingesperrt.

TT: Woher wussten sie, dass du kein Serbe bist?

Jasmin: Das erkennen sie am Namen.

TT: Haben dich Soldaten abgeholt?

Jasmin: Nein, es waren Zivilpersonen. Sie sagten, sie wollten uns nur schützen und forderten uns auf mitzukommen. Dann haben sie uns in ein Lager gebracht und wir mussten jeden Tag für die serbische Armee an der Front arbeiten, zum Beispiel Gräben ausgraben.

TT: Es war also Zwangsarbeit?

Jasmin: Das kann man wohl sagen, freiwillig hätte ich diese Arbeit nicht gemacht.

TT: Wie konntest du dann fliehen?

Jasmin: Ich habe einen serbischen Freund gehabt, mit dem ich zusammen in die Schule gegangen war. Er war beim Bundesheer und wollte in Serbien studieren. Er bekam Dokumente, damit er vom Militärdienst frei gestellt wird. Sein Vater hat mir diese Dokumente gebracht und mit den Papieren meines Freundes bin auch ich nach Serbien gereist und von dort über Ungarn nach Österreich gekommen.

TT: War das nicht riskant?

Jasmin: Ja, die Reise bis nach Serbien war sehr riskant, denn der Bus wurde alle paar Kilometer angehalten, es gab Kontrollen und ich hatte falsche Papiere. Gleich am Anfang sah ich jemanden, der mich mit meinem richtigen Namen kannte. Doch zum Glück ist er nicht eingestiegen und hat mich nicht gesehen. Kurz vor der Grenze kam ein Polizist, der das Foto in meinen Ausweis genau anschaute und wohl bemerkt hat, dass es anders aussah wie mein Gesicht. Ich hatte große Angst, doch er hat mir den Ausweis zurück gegeben und mich weiter fahren lassen. In Serbien habe ich dann bei der ersten Tankstelle die falschen Dokumente weggeschmissen und meinen Pass, den ich im Gepäck versteckt hatte, herausgeholt. In Serbien war ja kein Krieg und ich konnte ohne Probleme die Grenze nach Ungarn überqueren.

TT: Hätte deinem Freund auch etwas passieren können, wenn du aufgeflogen wärst?

Jasmin: Ihm nicht, denn er war zu dieser Zeit schon in Deutschland, aber bestimmt seinem Vater.

TT: Was passierte mit den Menschen, die nicht fliehen konnten und im Lager bleiben mussten?

Jasmin: Sie mussten während des ganzen Krieges dort bleiben und arbeiten, wie ein Onkel von mir, der die ganzen vier Jahre dort verbracht hat. In diesem Lager wurden die Menschen aber nicht getötet wie in Srebrenica. Aber in meiner Stadt haben Angehörige einer Spezialeinheit der serbischen Armee 80 Intellektuelle getötet, weil sie Angst hatten, dass sie Widerstand organisieren könnten. Das passierte aber schon bevor sie mich ins Lager gebracht haben.

TT: Gibt es Erlebnisse aus dieser Zeit, die du nie vergessen kannst?

Jasmin: Im Lager konnte nicht schlafen und hatte Albträume gehabt, weil ich nicht wusste, ob ich den Krieg überleben würde. Das erste Mal in meinem Leben habe ich über die Bedeutung des Lebens nachgedacht.

TT: Wurdet ihr auch gefoltert oder bedroht?

Jasmin: Misshandlungen gab es zum Glück in diesem Lager nicht, aber sie haben uns angedroht, unsere Familienmitglieder töten, falls wir auf die andere Seite überlaufen.

TT: Wie viele Menschen waren in diesem Lager?

Jasmin: Wir waren ca. 300 Personen, alles Männer. Das Lager war eine ehemalige Handballhalle, wo wir auf dem Boden auf Matratzen schliefen.

TT: Wie lange warst du in diesem Lager? Hast du während dieser Zeit gewusst, wie es deiner Familie geht?

Jasmin: Ich war fast sechs Monate dort. Ich habe damals nur meine Mutter gehabt, und die hat mich jeden Tag besucht und mir Essen gebracht.

TT: Wie konnte dein Freund zu dir im Lager Kontakt aufnehmen?

Jasmin: Sein Vater war in einem großen Handelsgeschäft und hat gesagt, dass er Leute zum Arbeiten brauche. Dann haben sie mich hingeschickt und von dort bin ich nicht mehr zurück gekommen.

TT: Wo lebt dein Freund heute? Hast du noch Kontakt zu ihm.

Jasmin: Ja, er lebt in Aachen und ist Doktor der Chemie.

TT: Wie viele Menschen aus Bosnien sind damals nach Österreich geflüchtet?

Jasmin: Es waren ungefähr 90.000, ca. 60.000 davon sind hier geblieben.

TT: Wie war es, als du in Österreich angekommen bist? War es damals auch schon so wie heute, dass man nach den Fluchtgründen ausgefragt wurde?

Jasmin: Ich bin zu meiner Schwester gefahren, die in der Steiermark im Bezirk Murau lebte, und habe mich dort bei der Gemeinde als Flüchtling angemeldet. Ich musste nur einen Antrag stellen, denn Österreich hat damals automatisch alle Flüchtlinge aus Bosnien aufgenommen. Asyl habe ich aber nicht bekommen. Das erste Jahr durfte ich nicht arbeiten, doch dann wurde in Österreich das Gesetz geändert und die bosnischen Flüchtlinge erhielten eine Arbeitsgenehmigung. Dann habe ich schnell Arbeit gefunden.

TT: Wie waren deine Erfahrungen, als du in Österreich angekommen bist?

Jasmin: Das erste Jahr war schwierig, denn ich wollte unbedingt arbeiten. Mein Schwager hat beim Arbeitsamt mehrmals versucht, für mich eine Arbeitsgenehmigung zu bekommen, doch die Anträge wurden immer wieder abgelehnt.Ich habe dann den Bauern bei der Arbeit im Wald geholfen. Da der Bürgermeister gesehen hat, dass ich fleißig bin, hat er mir erlaubt, für die Gemeinde zu arbeiten, ohne Arbeitsgenehmigung nur mit einer Unfallsversicherung. Ich habe den Park gepflegt. Als das Gesetz geändert wurde, habe ich in einem Hotel Arbeit als Tellerwäscher gefunden. Nach zwei Wochen meinte der Chef, dass ich zu qualifiziert für diese Arbeit sei, und ich konnte im Service anfangen.

TT: Hattest du in Bosnien eine Ausbildung gemacht?

Jasmin: Ja, ich habe eine Schule für Maschinenbautechnik absolviert. Der Abschluss wurde zwar in Österreich nicht anerkannt, nach einigen Jahren im Gastgewerbe habe ich dann eine Firma gefunden, die mich trotzdem eingestellt hat. Ich habe aber auch im Gastgewebe die Konzessionsprüfung abgelegt.

TT: Was war eure Motivation, den Verein BH Dijaspora zu gründen und was sind eure Ziele?

Jasmin: Schätzungen zufolge sind insgesamt ungefähr 1,3 Millionen Menschen aus Bosnien und Herzegowina ausgewandert und haben sich auf der ganzen Welt nieder gelassen. Bereits 2002 wurde in London der weltweite Bund der bosnischen Auswanderer gegründet.

Ich habe die Magisterarbeit von Damir Hamsić aus Linz gelesen, die von der Integration bosnischer Bürger und Bürgerinnen in Österreich handelt. Dort erfuhr ich, dass es in Oberösterreich 18 bosnische Vereine gibt. In Salzburg gibt es solche Vereine nicht. Weil im Land Salzburg an die 14.000 Menschen leben, die aus Bosnien stammen, dachte ich, dass es wichtig wäre, auch in Salzburg einen Verein zu haben. Deshalb habe ich zusammen mit Mirsad und anderen Freunden eine Gründungssitzung organisiert, das war am 2. März dieses Jahres. Beim ersten Treffen haben gleich 30 Personen teilgenommen, und da haben wir gesehen, dass das Bedürfnis da ist.

Mirsad: Bei der zweiten Sitzung sind dann zwar nur mehr sechs Leute gekommen, aber die waren mit vollem Enthusiasmus dabei. Seitdem geht es bergauf. Wir haben inzwischen über 100 Vereinsmitglieder und 300 Mitglieder in unserer Facebook-Gruppe. Unsere Sportveranstaltungen und Wanderausflüge sind immer sehr gut besucht. Wir organisieren verschiedene Aktivitäten. Gestern hat der Kapitän der bosnischen Fußballmannschaft mit Bayer Leverkusen in Puch ein Match gespielt, wir haben das in Facebook veröffentlicht und es sind über 1000 Leute hingekommen, ca. 500 davon waren Bosnier. Es geht uns darum, gemeinsam als Bosnier etwas zu unternehmen, aber auch zusammen mit anderen Vereinen. Wir möchten auch mehr mit Österreicher_innen gemeinsam unternehmen, das funktioniert aber bis jetzt aber noch nicht so gut. Außerdem haben wir für die Zukunft geplant, Reisen nach Bosnien zu organisieren, nach Sarajevo, Mostar oder zu den bosnischen Pyramiden.

Jasmin: Unser Verein ist unabhängig von Parteien und Religionen und mitmachen kann, wer sich mit Bosnien und unseren Zielen identifiziert. Es geht um Freundschaft, Miteinander und gegenseitige Unterstützung. Wir haben verschiedene Sektionen, eine Frauensektion, eine Jugendsektion, eine Sportsektion und eine Sektion für Integration, außerdem einen Fußball-Fanclub und die Folkloregruppe Kud Safir, die schon seit drei Jahren existiert und die beim Talktogether-Flüchtlingsfest aufgetreten ist.

TT: Geht es darum, den Jugendlichen und Kindern, die hier aufwachsen, die bosnische Kultur näher zu bringen?

Mirsad: Ja, aber nicht nur den Jugendlichen, sondern auch den Erwachsenen aber auch unseren Gastgeber_innen, den Österreicher_innen, und gemeinsam etwas zu unternehmen

TT: Am 11. Juli hat der Verein in Salzburg eine Gedenkveranstaltung zum Massaker in Srebrenica mitorganisiert.

Mirsad: Das Massaker in Srebrenica war der größte Genozid, der seit dem Zweiten Weltkrieg in Europa stattgefunden hat. Viele Menschen aus der bosnischen Diaspore in ganz Europa nehmen sich in dieser Woche Urlaub, um nach Srebrenica zur Gedenkfeier, die dort jedes Jahr stattfindet, zu fahren. Viele gehen auch die 120 Kilometer zu Fuß nach Tuzla, das ist die Strecke, die die Flüchtlinge, die damals dem Massaker entkommen sind, zurück gelegt haben. Manche gehen quer durch Bosnien zu Fuß oder fahren mit dem Fahrrad. Dann entstand eine Idee, zusammen mit dem Friedensbüro, Kud Safir und Kud Behar und der Bosnisch-Islamischen Gemeinschaft Salzburg eine Gedenkfeier in Salzburg für die Menschen zu organisieren, die in dieser Woche nicht nach Bosnien fahren können. Dort haben wir die Namen von den 400 Menschen vorgelesen, deren Identität erst heuer durch DNA-Analyse festgestellt werden konnte und die heuer begraben worden sind. Die 8372 Namen aller Opfer waren auf einer 45 Meter langen Wand, die wir dort gemeinsam aufgestellt haben. Wir haben uns vorgenommen, ab jetzt jedes Jahr an diesem Gedenktag in Salzburg eine Gedenkfeier zu organisieren.

TT: Was ist eurer Meinung nach zu tun, damit so etwas wie in Srebrenica nie wieder passiert?

Jasmin: Was man tun kann ist, immer wieder daran zu erinnern, sowie Aufklärung und Bildungsarbeit zu leisten. Doch leider muss man sagen, dass damals auch viele gebildete Menschen einer falschen Politik gefolgt sind.

Mirsad: Meiner Meinung nach darf sich die Religion nicht in die Politik einmischen, schon gar nicht in einem Land, wo Angehörige verschiedener Nationalitäten und unterschiedlicher Religionen zusammenleben. Leider haben wir in Bosnien immer noch nationalistische Parteien. Zu fordern wäre auch, dass die Großmächte wie die EU oder die USA so etwas nie wieder zulassen dürfen, denn diese haben Jahre lang zugeschaut. Und sie schauen heute auch noch zu (siehe aktuelle Unruhen und Kriege). Und schließlich darf auch nicht vergessen werden, dass auch die UNO Mitschuld daran trägt, was in Srebrenica geschehen ist, weil die dort stationierten Truppen nicht eingeschritten sind und nichts unternommen haben, um das Massaker zu verhindern.

veröffentlicht in Talktogether Nr. 45/2013