Deutschland und Afrika - eine fast vergessene Kolonialgeschichte Drucken

Die Geschichte schweigt nicht

von Abdullahi A. Osman

Heute verbinden viele AfrikanerInnen mit Deutschland eher Fußball oder Automarken. Deutschland als Kolonialmacht in Afrika ist weniger bekannt als England und Frankreich. Aber die Geschichte vergisst weder die Vergangenheit noch die Opfer. Vergeben ja, aber nicht vergessen, meinen viele. Aber wie kann man von den Opfern erwarten, dass sie vergeben, wenn der Täter sich weder entschuldigen noch zugeben will, was er getan hat? Die Massenvernichtung der deutschen Nazis an den Juden ist in der ganzen Welt bekannt. Aber dass Deutschland in Afrika grausame Wunden hinterlassen hat, wissen nur wenige, weit weniger als es wissen sollten.

Die Massaker, Vergewaltigungen und die Zwangsarbeit in Südwestafrika sind jedoch zu große Verbrechen, als dass man sie verleugnen oder vergessen könnte. So wurde zum Beispiel das erste Konzentrationslager in Südwestafrika errichtet, und die menschenverachtenden Parolen der Nazis und ihre grausamen Taten wurden in Namibia ausprobiert, bevor man sie in Deutschland und Österreich praktizierte. Aber davon kann man heute nicht überall lesen.

Im Krieg zwischen den Deutschen und den Nama und Herero in Südwestafrika, die sich gegen ihre Knechtung und Unterdrückung wehrten, plante Kommandeur Lothar von Trotha die vollständige Vernichtung dieser Völker. Nachdem der Vernichtungsbefehl von Trothas in Deutschland bekannt geworden war, meldeten sich jedoch kritische Stimmen zu Wort. Daraufhin veränderte er den Befehl und schlug vor, jeden Herero, der sich mit Frauen und Kindern in den Missionslagern einfand oder sich unter dem Schutz der Missionen ergab, in verschiedene Orte des Landes zu deportieren und in Konzentrationslagern zu internieren. „Hier erschien zum ersten Mal das Wort ‚KZ’ in der deutschen Geschichte“, schreibt Herzberger-Fofana in „Berlin 125 Jahre danach. Eine fast vergessene deutsch-afrikanische Geschichte“, die mit ihrem 2010 erschienenen Buch eine Erinnerungslücke schließen möchte.

Die Aufschriften „Arbeit macht frei“ sieht man noch heute in den ehemaligen deutschen Konzentrationslagern. Wenn man sie nicht weggewischt hätte, könnte man ähnliche Sprüche heute auch in Namibia lesen, wo es hieß „zum Arbeiten erzogen“. Der sogenannte „Judenstern“ wurde auch nicht in Deutschland erfunden, denn auch die Herero wurden Anfang des 19. Jahrhunderts dazu gezwungen, Erkennungszeichen tragen. “…ich beabsichtige, den Gefangenen beider Geschlechter nicht abnehmbare Blechmarken zu applizieren mit den Buchstaben GH (gefangene Herero)“, sagte von Trotha. Wir können heute davon ausgehen, dass das, was zwischen 1907 und 1908 in Namibia geschah, ein Probelauf war für die Enteignungen, Vertreibungen und die Vernichtung von Menschen, die während der Naziherrschaft in Europa passierten.

Manche, die in Afrika tätig gewesen waren, erhielten vom Naziregime viel Lob und wurden dafür mit hohen Posten belohnt. „Die Machtübernahme durch Hitler wird dem Rassismus als Staatsdoktrin eine gesetzliche Legitimität aufoktroyieren. Denn im Südwesten wurden bereits zu dieser Zeit Rassenhygiene und Studien bei Afrikanern durch geführt. Eugen Fischer, Anthropologie der Universität Göttingen und der große Theoretiker der Judenmassaker, ‚studierte’ die Herero, indem er ihr Gehirn einer gründlichen Messung unterzog. Als im Januar 1933 Hitler die Macht übernahm, ernannte er Eugen Fischer zum Rektor der Universität Berlin“, so Herzberger-Fofana.

„Nicht entschädigungsrelevant“

Deutschland ist ein mächtiger Staat und eines der reichsten Länder der Welt. Dass dieser große Staat sich nicht mit seiner Vergangenheit auseinandersetzen und die von ihm verübte Gewalt eingestehen kann, stimmt mich nachdenklich. Vom Schriftstellern wie Günther Grass bis hin zu PolitikerInnenn wird zwar zugegeben, was den Juden angetan wurde, aber obwohl es beweisbar ist, dass der erste deutsche Völkersmord in Afrika stattgefunden hat, wird diese Tatsache nur selten erwähnt. „Nicht entschädigungsrelevant“, befand es der ehemalige deutsche Außenminister Joschka Fischer von den Grünen. Die deutsche Politik suchte die Versöhnung und einen Neuanfang mit Polen, was ich gut finde. Aber was ist mit den Opfern der Herero und Nama? Haben sie keine Entschuldigung und Entschädigung verdient? Herzberger-Fofana fragt: „Sind alle diese Motive wirklich nicht ‚entschädigungsrelevant’ oder gibt es zweierlei Maß, um menschliches Leid zu beurteilen?“ Wenn der Völkermord nachweisbar ist, warum können die Nachkommen nicht klagen und eine Entschädigung verlangen? Oder ist das Kriegsverbrechertribunal in Den Haag nur für die Verlierer der Geschichte reserviert?

Jeder redet nur über sein Leid

In den meisten afrikanischen Ländern spricht man heute die Sprache des Koloniallandes. In den Schulen werden wir in diesen Sprachen unterrichtet und afrikanische SchülerInnen lernen über die Kultur und die Geschichte ihrer ehemaligen Beherrscher. Ein Ghanaer erzählt dir über die Kämpfe zwischen den Ashanti und den englische Kolonialherren, jemand aus Algerien oder Kamerun wird dir über die Kämpfe zwischen den Freiheitskämpfern seines Landes und Frankreich erzählen, ein Libyer wird dir berichten, wie Omar Mukhtar gegen Mussolini in der Wüste Libyens gekämpft hat.

Über eine gemeinsame Kolonialgeschichte Afrikas hört man aber selten. Jedes Land kann von seinen Leiden erzählen, aber nicht von den Leiden des Nachbarlandes, und das ist ein Teil der erfolgreichen “Teile und Herrsche- Methode“ des Kolonialismus. Deswegen hat jedes Land Afrikas seine eigenen Wunden, die es selbst heilen muss. Es gibt keine einheitliche Geschichte der afrikanischen Gesellschaft, daher gibt es auch wenig gemeinsame Forschungen oder Recherchen, in afrikanischen Sprachen und auf afrikanischem Boden sind sie eine Seltenheit. Obwohl gerade das wichtig wäre, damit die Wahrheit schnell ans Licht kommt, die Sicht der Opfer beschrieben wird und den unbekannten Opfern Namen gegeben werden, um sie zu würdigen.

Als ich das erste Mal einen Ghanaer kennenlernte, der Bismarck heißt, wunderte ich mich, warum ein Afrikaner so heißen sollte. Afrikaner mit den Namen Michael, Patrick Muhammed oder Ali waren mir wegen der Religionen bekannt, aber warum Bismarck? Denn ich wusste, dass Bismarck kein Prophet oder Heiliger war. Auf jeden Fall war es mir klar, dass hier keine Religion sondern eine Kolonialgeschichte dahinter stecken muss, und ich erfahren wollte, was der deutsche Kanzler mit Ghana zu tun hatte. Als ich ihn fragte, warum er Bismarck heißt, sagte er aber nur zu mir, „diesen Namen habe ich mir nicht ausgesucht.“ Tatsächlich bestätigten sich meine Vermutungen, dass Teile Westafrikas zu den von den Deutschen kolonialisierten Gebieten Afrikas gehörten. 1884 begann die eigentliche Geschichte der Deutschen Kolonien, die sich von Südwestafrika, heute Namibia, über Kamerun und Togo und im Osten bis Tansania, Ruanda und Burundi erstreckten.

Die grausamsten Mörder von Südwest- und Ostafrika wurden in Deutschland als Helden angesehen und sogar Straßen wurden nach ihnen benannt. Einer von ihnen hieß Carl Peters, in Kisuaheli nannte man ihn: Mkono wa damu, der Mann, mit den blutbefleckten Händen. Wenn es Gerechtigkeit und Demokratie gäbe, hätte man diese Straßen schon längst nach den Opfern der Herero und Nama in Südwestafrika oder des Maji-Maji-Aufstands in Ostafrika umbenannt. Ich glaube aber nicht, dass der größte Teil der jetzigen Gesellschaft bereit dazu wäre, das zu akzeptieren.

Die Deutschen mussten ihre Kolonialherrschaft in Afrika nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg beenden. Denn ihr Verhalten war nicht nur für die Opfer unerträglich, sondern sogar die anderen Koloniemächte ermahnten die Deutschen. So schreibt Herzberger-Fofana: “Franzosen und Engländer, die selbst keine Engel in Afrika waren, warfen in dem ‚blauen Buch’(le livre bleu) 1919 den Deutschen vor, sie hätten versagt, indem sie die Mission des Weißen Mannes auf dem Schwarzen Kontinent unwürdig vertreten hätten.“

Deutsche als Sklavenhändler

Noch weniger bekannt als die deutsche Kolonialgeschichte ist die Beteiligung Deutscher am Sklavenhandel. Deutschland war zwar als Staat nicht direkt am Sklavenhandel beteiligt wie seine Nachbarländer Dänemark und Niederlande, Belege beweisen aber, dass Deutsche als Geschäftsleute oder Söldner an der Versklavung und beim Handel mit afrikanischen Menschen sehr wohl eine wichtige Rolle gespielt haben.

Es gab deutsche Kaufleute, die dänische und niederländische Fürsten bedienten, und die man aus heutiger Sicht als „Subunternehmer“ bezeichnen würde. Hier wären insbesondere folgende Namen zu nennen: Michael Hemmersam aus Nürnberg, Jost Cramer aus Lindau, Henning Albrecht aus Hamburg, Ritter Carloff aus Rostock und Carl Schimmelmann. Alle diese Männer arbeiteten zuerst im Auftrag von Fürsten aus Dänemark und Holland und machten sich später in diesem Geschäft selbständig. Der Kaufmann Carl Schimmelmann war einer der erfolgreichsten Sklavenhändler seiner Zeit, die sich durch den Transport der Sklaven über den Atlantik bereicherten. Er erwarb Plantagen in Karibik, auf denen er Sklaven für sich arbeiteten ließ. Herzberger-Fofana: “Er besaß vier Plantagen in St. Thomas, wo Tausende von Sklaven arbeiteten. Seine Teilnahme am Transatlantischen Dreieckshandel brachte ihn zu ungewöhnlichem Reichtum, der ihm erlaubte, später als Wohltäter in Hamburg zu fungieren.“ Erwähnungswert ist auch, dass sich auch deutsche Schiffe am Sklavenhandel zwischen Europa, Afrika und Amerika beteiligten. So segelten 1651 zwei Schiffe der Flotte des brandenburgischen Kurfürsten nach Ghana, um am florierenden transatlantischen Handel teilzunehmen.

Daneben gab es auch zahlreiche Söldner, die im Auftrag der oben genannten Fürsten in Afrika tätig waren, wie beispielsweise Joachim Nettelbeck, der als Seemann für die Niederlande arbeitete. Diese Söldner, so Herzberger-Fofana, hatten in vielen Fällen zwischen 1600 und 1800 in Algerien und im Senegal gekämpft und versorgten den europäische Adel mit sogenannten Mohrenkindern.

Fazit

Deutschland beherbergte die berüchtigte Berliner-Konferenz 1884, in der der Kontinent unter den europäischen Kolonialmächten aufgeteilt wurde. Deutschland wurden Südwestafrika und Teile West- und Ostafrikas zugesprochen. In diesen Gebieten hinterließ die Kolonialherrschaft unheilbare Wunden. Deshalb klingt es wenig glaubwürdig, wenn heute deutsche Politiker über Menschrechte reden. Es ist belegbar, dass die Vergangenheit dieser Industrienation mit Kolonialismus und Sklaverei verbunden ist.

Der Zweite Weltkrieg und der Überfall auf Nachbarländer wie Polen sind heute vielen Menschen im Bewusstsein. Dazu kommen die Vernichtung der Juden, Sinti und Roma und anderer Verfolgter sowie die Niederlage Nazi-Deutschlands. Viele meinen, dass die Verfolgungen und der Rassismus in Deutschland mit Hitler begonnen hätten. Ein Blick auf die Geschichte beweist jedoch, dass die Anfänge des Rassismus in der Kolonialgeschichte zu finden sind.


Aus einem Brief von Hendrik Witbooi, Nama-Anführer in Südwestafrika, an den deutschen Gouverneur Leutwein:

„Mein lieber Hochwohlgeborener Herr Major Herr Leutwein,

Sie sagen, es tue Ihnen leid, dass ich den Schutzvertrag des Deutschen Kaisers nicht anerkennen will, dass Sie mir das als Schuld anrechnen und mich deswegen mit Waffen-gewalt strafen wollen. Darauf antworte ich: Ich habe den Deutschen Kaiser noch nie gesehen: ich kann ihn deshalb auch nicht mit Worten oder Taten verletzt haben. Gott hat uns in der Welt über verschiedene Königreiche gesetzt, deshalb glaube und weiß ich, dass es keine Sünde oder Schuld ist, wenn ich ein selbständiges Oberhaupt über mein Land und mein Volk bleiben will.“

Die Antwort (ohne Anrede) zeugt von der Respektlosigkeit, mit der die Kolonialherren den AfrianerInnen begegneten:

„Auf Deinen letztes Brief vom 17. d.M. antworte ich folgendes: dass Du Dich dem Deutschen Reich nicht unterwerfen willst, ist keine Sünde und keine Schuld, aber es ist gefährlich für den Bestand des deutschen Schutzgebiets. Also, mein lieber Kapitän, sind alle weiteren Briefe, in denen Du mir Deine Unterwerfung nicht anbietest, nutzlos.“


Quelle: Pierrette Herzberger-Fofana: Berlin 125 Jahre danach. Eine fast vergessene deutsch-afrikanische Geschichte. Wien: aai-infohaus. Oktober 2010

veröffentlicht in Talktogether Nr. 42/2012