Gespräch mit Anisa aus dem Iran Drucken

Gespräch mit Anisa aus dem Iran


Talktogether: Wie ging es dir, als du nach Österreich gekommen bist?

Die ersten Jahre waren sehr schwierig und ich hatte große Zweifel, dass ich es jemals schaffen würde, mich hier heimisch zu fühlen. Das war eine große Krise in meinem Kopf. Ich kannte die Sprache nicht, ich wusste nicht, was die Zukunft bringen würde, ob ich eine eigene Aufenthaltserlaubnis bekommen oder immer abhängig bleiben würde, und es gab auch private Probleme. Deswegen war am Anfang eine große Dunkelheit.

Talktogether: Jetzt lebst du schon viele Jahre in Österreich und hast auch die Staatsbürgerschaft bekommen. Hast du jetzt das Gefühl, hier zu Hause zu sein?

Die Staatsbürgerschaft selbst hat eigentlich nicht viel geändert. Es steht ja nicht auf meiner Stirn geschrieben, dass ich sie habe. Ich habe mich aber eigentlich auch vorher nicht als Ausländerin gefühlt, denn ich wollte nie Ausländerin sein. Ich war dankbar für die Möglichkeit, hier leben zu dürfen. Ich habe hier die Möglichkeit zu arbeiten und zu lernen. Deshalb habe ich immer ganz bewusst versucht, den positiven Blick nicht zu verlieren, denn ich wusste, dass ich sonst verloren gewesen wäre. Ich wollte in einem freien Land leben und mir war klar, dass ich mich anpassen muss. Aber natürlich darf das nicht so weit gehen, den eigenen Charakter und die eigene Identität zu verleugnen. Aber dass ich mich aufgrund der Staatsbürgerschaft ändern würde oder mich die Leute deswegen anders behandeln, kann ich mir nicht vorstellen.

Talktogether: Fühlst du dich in Österreich zu Hause?

Die Sehnsucht nach allem, was man hinter sich gelassen hat, kann man natürlich nicht einfach abstreifen, das ist ganz klar. Als ich nach Österreich gekommen bin, war ich immerhin schon 44 Jahre alt, in diesem Alter fühlt man schon eine große Verbundenheit mit den eigenen Wurzeln, mit den Verwandten, der Natur, der Gesellschaft, der Kultur, und das wird auch immer so bleiben. Aber trotzdem fühle ich mich hier auch wohl. Ich lebe hier in Freiheit und meine Kinder haben eine Zukunft vor sich. Für mich war es immer wichtiger, dass meine Kinder die Staatsbürgerschaft bekommen, denn wenn sie mit der Schule verreisen wollen und einen anderen Pass haben, bringt das oft Komplikationen mit sich, und solche Dinge sind für die Kinder schwer zu verstehen.

Vor ein paar Wochen hat mich meine Tochter gefragt: Sind wir Flüchtlinge? Sie hatte das auf unseren Papieren gesehen. Ich erklärte ihr, dass wir Flüchtlinge waren, aber jetzt eine andere Identität haben. Für mich in meinem Alter und mit meinen Erfahrungen ist es das Wichtigste, wie ich mich benehme und mit den anderen Menschen kommuniziere. Das einzige, womit man seine Situation ändern kann, ist meiner Meinung nach die Tat, man muss etwas tun, man muss sich bewegen. Die Staatsbürgerschaft selbst hat keine große Bedeutung.

Talktogether: Wie war es für dich, als alleinerziehende Mutter in einem fremden Land zu leben?

Ich muss zugeben, dass ich viele Male die Hoffnung schon fast aufgegeben hatte. Mindestens fünfzig Mal bin ich ganz flach auf dem Boden gelegen, wegen der Behörde, wegen den Gesetzen, wegen der Arbeit, weil mich jemand schlecht angesprochen hat… Doch dann habe ich zu mir gesagt: Du bist nicht alleine, du hast Verantwortung für deine Kinder, wenn du aufgibst, zerstörst du auch ihr Leben, und das darfst du nicht tun. Das hat mich wieder aufgerichtet und motiviert, mehrere Male. Doch ich habe immer versucht, mich wieder auf die Beine zu stellen und weiter zu kämpfen. Ich sagte mir, wenn ich aufgebe, was bleibt übrig? Dann ist alles verloren.

Talktogether: Also hat dir die Verantwortung für deine Kinder Antrieb und Motivation gegeben?

Ja, auf jeden Fall. Ich habe immer versucht, dass die Kinder nichts über meine Verzweiflung erfahren, ich habe versucht, sie die Probleme nicht spüren zu lassen. Ich habe mich auch immer bemüht, ihnen zu vermitteln, dass man sich mit der Gesellschaft und Kultur des Landes, in dem man lebt, auseinandersetzen muss. Wenn ich immer nur zu Hause sitze und nur Kontakt mit Landsleuten habe, wenn ich immer darüber rede, was ich damals gemacht oder gegessen habe, wenn man eine negative Einstellung zu dem Land hat, in dem man lebt, überträgt man diese Einstellung auch auf seine Kinder und macht sie depressiv.  Ich hatte eine Bekannte, die hochgebildet war und seit Jahren in Österreich lebte, es aber nicht geschafft hat, sich zu integrieren, weil sie von Anfang an gesagt hat: Die deutsche Sprache ist schwer, die Menschen sind rassistisch... Ich denke, dass es für Eltern, die in diesem Land fremd sind, sehr wichtig ist, nicht vor ihren Kindern zu jammern. Wenn sie das tun, werden die Kinder das unbewusst aufnehmen und in der Schule nicht so gut lernen können wie die anderen Kinder.

Ich habe versucht, genau das Gegenteil zu praktizieren: Der Himmel ist blau, die Menschen sind nett, man muss sich begrüßen und ein Lächeln im Gesicht haben, höflich und hilfsbereit sein, und das habe ich meinen Kindern mitgegeben. Davon bin ich überzeugt. Ich habe es so gemacht und es hat funktioniert.

Talktogether: Wie ist es dir gelungen, dich zu integrieren und Kontakt zu finden?

Ich habe nicht versucht, mich nicht nur mit meinen Landsleuten zu treffen, sondern war neugierig und habe mich umgesehen, was es in der Umgebung gibt, suchte Kontakte bei Nachbarschaftszentren, Frauenbüros und ImmigrantInnenvereinen. Die Kommunikation war nicht leicht, weil ich damals nur Englisch sprach, trotzdem war das ein erster Schritt. Die Menschen haben mich meist sehr freundlich aufgenommen und das hat mich sehr motiviert. Ich nahm Prospekte mit nach Hause und das half mir auch, mit der Sprache vertraut zu werden.

Talktogether: Was heißt für dich Integration?

Integration ist ein Wort, das man oft hört, doch hat man nicht wirklich ein Gefühl dafür, was es bedeutet. Ein Mensch hat bestimmte Eigenschaften, und das soll auch so bleiben. Ich kann nicht eine andere Persönlichkeit werden, nur weil ich jetzt nach Österreich gekommen bin. Es hat auch keine große Bedeutung, sich äußerlich anzupassen, denn Integration muss von innen, von der Einstellung her kommen. Zuerst sollte man sich selbst fragen: Wer bin ich? Was brauche ich? Was für ein Leben möchte ich führen? Wenn man Integration an einem Kleidungsstück wie beispielsweise dem Kopftuch misst, ist das sehr oberflächlich.

Talktogether: Du bist ein sehr offener und liberaler Mensch. Wie sehen dich deine Landsleute?

Das schwierigste im Leben ist meiner Meinung nach, ehrlich zu sein. Was ich gelernt habe ist, ruhig zu bleiben, wenn mir etwas nicht passt, ich aber die anderen nicht beleidigen will. Ich kann den anderen auch mit dem, was ich tue, zeigen, wer ich bin, ohne viele Worte. Die anderen sehen, wie ich handle und sie werden mich verstehen. Wenn man etwas ändern möchte, sollte man mit sich selbst anfangen.

Ich muss kein Kopftuch tragen oder in die Moschee gehen, um zu zeigen, dass ich Muslimin bin. Religion ist für mich nicht etwas Äußerliches. Ich versuche, andere nicht zu belügen oder betrügen, ob ich bete oder nicht, ist meine persönliche Angelegenheit und geht die anderen nichts an. Wenn ich bete, tue ich das nicht, weil es andere von mir erwarten, sondern aus einem inneren Bedürfnis heraus. Religion ist etwas ganz Privates, dass du nur für dich selbst tust.

Talktogether: Oft wird MigrantInnen vorgeworfen, dass sie sich nicht integrieren wollen. Was sagst du dazu?

Das kann ich nicht akzeptieren. Alle Menschen möchten ein besseres Leben haben. Aber wenn man anklopft und die Türe zu bleibt, wie kann sich ein Mensch willkommen fühlen? Deshalb denke ich, wenn man sich in einem Land wohl fühlt, tut man alles mit Freude. Aber wenn man in ein fremdes Land kommt ohne Sprache und Kenntnisse über die Kultur, wie kann man alles wissen? Viele Dinge sind kompliziert zu verstehen. Hier sagt man: die Kollegen und ich, also stellt man das „ich“ ans Ende, während man bei uns immer mit „ich“ anfängt. Das ist nicht unhöflich, sondern man drückt damit aus, die Verantwortung zu übernehmen. Solche Kleinigkeiten können Missverständnisse auslösen.

Zur Integration gehören beide Seiten, aber man muss auch fair sein. Wenn du in ein Land gekommen bist, musst du dich mehr bewegen als die, die schon hier sind. Wir sind fremd, aber sie sind hier zu Hause, sie haben keine Probleme. Wir müssen uns befassen mit der Gesellschaft, wir haben die größere Verantwortung. Als ich in meine Wohnung eingezogen bin, habe ich bei meinen Nachbarn angeläutet und mich, meinen Sohn und meine Tochter vorgestellt. Das war für mich selbstverständlich, damit die Menschen wissen, wie viele Personen in dieser Wohnung leben, außerdem möchte ich die anderen auch kennen lernen. Am Anfang waren die Leute sehr vorsichtig, doch ich war nicht enttäuscht und habe nicht aufgegeben. Mit der Zeit jedoch waren sie es, die an meiner Tür läuteten.

Talktogether: Was erwartest du von der österreichischen Gesellschaft?

Ich erwarte Zusammenarbeit und Gleichstellung, egal ob es am Arbeitsplatz oder beim Einkaufen ist. Aber ich muss auch Interesse zeigen, ich muss auch etwas von meiner Seite geben.

Talktogether: Wie siehst du die aktuelle Politik, in der Asylwerber und Asylwerberinnen immer nur als Problem dargestellt werden?

Das finde ich unfair. Wenn jemand gegen das Gesetz verstößt, sollte die Nationalität keine Rolle spielen. Egal ob jemand Mann oder Frau, schwarz oder weiß ist, jeder sollte auf die gleiche Weise mit den Gesetzen konfrontiert werden, es sollte keine Ungleichbehandlung geben.

Talktogether: Welchen Rat könntest du Frauen, die in einer ähnlichen Situation sind wie du damals, heute geben?

Ich bin der Meinung, das Allerwichtigste ist, nie aufzugeben. Es ist normal, dass man in einem fremden Land alles Mögliche erlebt, Positives, Negatives, manchmal wird man auch weggestoßen. Ich habe selbst anfangs nicht daran geglaubt, dass ich alles schaffen würde. Ich habe nur getan, was zu tun war, und bin Schritt für Schritt vorwärts gegangen, es waren oft nur ganz kleine Schritte, sehr mühevolle. Ich habe immer versucht, korrekt zu leben. Es ist zwar nicht immer angenehm, wenn man nicht alles bekommt, was man sich wünscht, aber wenn man geduldig ist, auf seinem Weg bleibt und den Mut nicht verliert, schafft man es. Ich sagte mir immer: Wenn jemand unhöflich zu mir ist, liegt es nicht an mir. Das muss ich wegstecken können, sonst verschwende ich nur meine Energie.

Talktogether: Welche Ziele hast du?

Das Leben ist eine Chance, die man nur einmal hat. Mach das Beste daraus. Man kann aber nicht alles haben. Große Ziele habe ich nicht, ich lebe von Tag zu Tag, fahre mit dem Fahrrad in die Arbeit und genieße, dass ich in einem freien Land leben kann, nicht lügen muss und mich so zeigen kann, wie ich bin. Das wichtigste ist die Zufriedenheit.

Talktogether: Wer ist deine beste Freundin oder dein bester Freund?

Diese Frage ist sehr schwierig zu beantworten, weil ich so viele gute Leute kennen gelernt habe…

Talktogether: Was ist dein Lieblingsgericht?

Ich lebe ganz einfach. Als ich jung war, habe ich viel Besuch gehabt und viel gekocht. Heute habe ich dazu keine Lust mehr. Mein Lieblingsessen ist ehrlich gesagt Schwarzbrot mit Butter und Käse. Ich möchte nicht mehr so viel Zeit mit Einkaufen und Kochen verlieren, viel wichtiger ist mir heute das Lesen und Zeit in der Natur zu verbringen.

Talktogether: Was liest du gerne?

Ich lese gerade ein Buch von Arthur Schnitzler, das ich geschenkt bekommen habe. Sonst lese ich viel über Afghanistan, über die Geschichte und die Kultur, es ist ja unser Nachbarland.

erschienen in: Talktogether Nr. 31/2010