Gespräch mit Bashiir aus Somalia Drucken

 Gespräch mit Bashiir aus Somalia

 

Talktogether: Du bist gerade in die Mannschaft Austria Salzburg aufgenommen worden. Wie lange spielst du schon Fußball und wo hast du vorher gespielt?

Bashiir: Ich freue mich sehr, dass ich die Chance bekommen habe, hier in Österreich in einem Verein Fußball zu spielen. Fußball ist immer ein wichtiger Bestandteil meines Lebens gewesen. In meiner Kindheit habe ich mit den Jungen aus meinem Stadtviertel gespielt. Seit 2002 habe ich dann als Profi in einem somalischen Verein gespielt, der von der Ölfirma Gasco gesponsert wurde, und im somalischen U-20 Nationalteam.

Talktogether: Während dieser Zeit hat in Somalia schon Krieg geherrscht. Hat es trotz Krieg eine Fußball-Liga in Somalia gegeben und wie hat sich der Krieg ausgewirkt?

Bashiir: Ja, es gab mehrere nationale Ligen, Liga A, B und C. Es kam aber oft vor, dass die Spiele im Stadion abgebrochen oder verschoben werden mussten, wenn es zu Kriegshandlungen kam. Heute gibt es aber keine Fußballclubs mehr in Somalia, weil die Lage seit 2006 dafür zu viel zu gefährlich geworden ist.

Talktogether: Gab es Förderungen für Spieler und konnte man vom Fußballspielen leben?

Bashiir: Es gibt in Somalia viele gute Spieler, aber die meisten bekamen keine Unterstützung. Es gab auch kaum geeigneten Plätze zum trainieren. Wenn du das Glück hattest, in einem Club aufgenommen zu werden, bekamst du Kleidung, die Fußballschuhe musstest du dir aber selber kaufen. Wenn jemand in einem guten Verein spielte, konnte er ein bisschen Geld verdienen, dafür stand er unter großem Druck, seinen Platz zu verlieren, weil viele andere darauf warteten, eine Chance zu bekommen. Deshalb spielten die Leute sogar, wenn sie krank oder verletzt waren. Wenn deine Hand gebrochen war, war es dein Problem, den Arzt musstest du auch selbst bezahlen. Bei dem Verein, bei dem ich spielte, bekamen wir Geld, allerdings nicht viel, das war unterschiedlich und hing davon ab, wie viele Zuschauer ins Stadion kamen, die Einnahmen wurden aufgeteilt, ein Drittel des Ertrages wurde unter den Spielern der Mannschaft aufgeteilt.

Talktogether: Was waren deine Ziele in Somalia?

Bashiir: Mein Ziel war es, in die Nationalmannschaft zu kommen. Je besser der Verein war, in dem man spielte, desto mehr Chancen hatte man, entdeckt zu werden.

Talktogether: Hast du mit dem somalischen Team auch an Turnieren im Ausland teilgenommen?

Bashiir: Das somalische Nationalteam spielte im Afrika Cup und bei arabischen Meisterschaften. Ich selber nahm mit dem U-20-Team an Spielen in Ruanda und Tansania teil.

Talktogether: Hatten die Stammeskonflikte Auswirkungen auf den Sport?

Bashiir: Sport ist etwas ganz anders als Politik. Im somalischen Bürgerkrieg gab es zahlreiche Auseinandersetzungen zwischen unterschiedlichen Clans und Stämmen. In den Fußball-Mannschaften spielte das nie eine Rolle, niemals gab es wegen der Zugehörigkeit zu einem Stamm oder einer Gruppe Konflikte. Die Stadt Mogadischu war lange Zeit in zwei Teile, den Nord- und den Südteil aufgeteilt, die von Anhängern zweier verfeindeten Bürgerkriegsparteien (Aidid und Mahdi) dominiert waren. Doch das spielte im Fußball keine Rolle. Obwohl ich im Süden der Stadt wohnte, spielte ich in einer Mannschaft im Norden. Deshalb denke ich, dass der Fußball in einem Land wie Somalia eine wichtige Rolle zur Verständigung und Versöhnung spielen kann.

Talktogether: Wie kann der Sport zu einer friedlichen Entwicklung beitragen?

Bashiir: Der Fußball kann dabei eine enorm wichtige Rolle spielen, eine viel wichtigere, als man es sich in einem friedlichen Land wie Österreich vorstellen kann. Jugendliche, die keine Zukunftsperspektiven haben, sind leicht  beeinflussbar und können leicht zu Opfern von Kriegstreibern werden, die Soldaten suchen. Als Fußballstar kennen dich alle Jugendlichen aus dem Stadtviertel und du wirst von ihnen als Vorbild angesehen. Damit trägt man Verantwortung.  Die Friedensaktivisten Starlin Abdi Aruush und Elman Ahmed Ali hatten versucht, die Jugendlichen weg von den Waffen zu bringen und ihnen eine Ausbildung zu ermöglichen. Starlin und Elman wurden ermordet, weil sie den Interessen der Kriegstreiber im Weg standen. Unser Fußballverein hat sich diese mutigen Menschen zum Vorbild genommen und Trainingscamps für junge Spieler organisiert, um sie von der Gewalt fernzuhalten und ihnen eine Perspektive zu geben.

Talktogether: Warum spielt der Fußball eine so große Rolle für die Jugend?

Bashiir: Seit dem Zusammenbruch der staatlichen Ordnung gab es in Somalia keine öffentlichen Schulen mehr, sondern nur Privatschulen. Das bedeutet, dass nicht jedes Kind lernen kann, sondern nur diejenigen, deren Eltern sich es leisten können. Wenn eine Familie fünf Kinder hat, kann sie nur zwei Kindern den Schulbesuch ermöglichen, und das hat oft zur Folge, dass die Mädchen zurückstehen müssen und keine Chance auf Bildung bekommen. Viele Kinder hatten deshalb keine andere Hoffnung und keine andere Zukunftsperspektive als das Fußballspielen.

Talktogether: Was ist dann passiert? Warum konntest du nicht weiter Fußball spielen und musstest das Land verlassen?

Bashiir: Seit die gewalttätige islamistische Organisation „Al Shabab“ im Land agiert, wurde die Situation immer schlimmer. Diese Leute werben Jugendliche im Alter zwischen 10 bis 20 Jahren an, um sie zu Soldaten auszubilden. Jugendliche, die keine Ausbildung und keine Perspektive haben, sind leicht zu beeinflussen. Weil ich für die Jugendlichen ein Vorbild war, dachten sie, dass ich viele Jugendliche zu ihnen bringen könnte. Deshalb erpressten sie mich und stellten mich vor die Wahl: Entweder du wirbst für uns Jugendliche an, oder wir töten dich.

Talktogether: Seit wann gibt es diese Gruppe in Somalia und woher kommt sie?

Bashiir: Diese Gruppe ist seit 2006 sehr mächtig geworden. Ich vermute, dass sie aus dem Ausland finanziert wird. Seit sie im Land sind, sind nämlich plötzlich auch viele Kämpfer aus anderen Ländern, aus Pakistan, Afghanistan, Tschetschenien, den USA oder England nach Somalia gekommen. Heute kontrolliert Al Shabab drei Viertel der Stadt Mogadischu und bekämpft jeden, der gegen ihre Ideologie ist. Die Regierung kontrolliert nur noch das Viertel, in dem sie ihren Sitz hat.

Talktogether: Was denkst du über die Situation in Somalia? Könnte der Krieg beendet werden?

Bashiir: In dieser Zeit sehe ich leider keine Lösung. So bald ein Konflikt vorbei war, kamen wieder neue Kriegsparteien ins Spiel. Früher haben sich Clans und Volksgruppen bekämpft, dann die Warlords, aber am schlimmsten sind jetzt die sogenannten Islamisten. Es gibt auch Konflikte zwischen den verschiedenen islamistischen Parteien. Ich glaube, dass die Kriegsschürer aus dem Ausland kommen. Ausländische Mächte und Interessensgruppen haben wirtschaftliche Interessen an den Ressourcen – wie Öl – des Landes. Wenn ein Somali, der im Ausland lebt, Minister werden möchte, bekommt er von ihnen Unterstützung. Seine Familie und seine Kinder lässt er aber im Ausland, denn er möchte sie nicht den Gefahren aussetzen, die er selbst mitverursacht.

Talktogether: Ist es für dich schwer, in eine österreichische Mannschaft zu integrieren?

Bashiir: Nein, denn die Technik im Fußball ist auf der ganzen Welt gleich. Deshalb kann ich hier gut mithalten.

Talktogether: Gibt es erfolgreiche somalische Fußballer, die in europäischen Mannschaften spielen?

Bashiir: Es gibt einen somalischen Spieler in Norwegen, der wie ich als Flüchtling nach Europa gekommen ist. Es gibt auch einen Spieler somalischer Herkunft bei Juventus Turin, der ist allerdings in Italien aufgewachsen.

Talktogether: Vor kurzem habt ihr in Salzburg auch eine somalische Mannschaft gegründet, die beiihrer Premiere bei der Salzburger Fußball WM recht erfolgreich war, und bei der du Kapitän bist. Was sind eure Ziele?

Bashiir: Erstens möchten wir damit die somalische Gemeinde in Salzburg und den Zusammenhalt stärken wie der Name der Mannschaft Wadajir ausdrückt. Zweitens ist es wichtig, den jungen Leuten die Möglichkeit einer sinnvollen Beschäftigung zu geben, damit sie nicht auf die schiefe Bahn geraten. Außerdem hoffen wir auf diese Weise, jungen Talenten eine Chance geben zu können, entdeckt zu werden. Und da wir in Österreich leben und gute Fußballer in der Mannschaft haben, wollen wir auch zum österreichischen Fußball etwas beitragen.

Talktogether: Was sind deine persönlichen Ziele in Österreich?

Bashiir: Ich habe mir vorgenommen, meine Sprachkenntnisse zu verbessern, und dann würde ich am liebsten Medizin studieren, denn das ist immer mein Traum gewesen. In Somalia hatte ich dazu keine Möglichkeit gehabt, weil das Medizinstudium auf einer Privatuniversität zu teuer gewesen wäre. Aber vielleicht bekomme ich hier in Österreich eine Chance, meinen Traum zu erfüllen.

erschienen in: Talktogether Nr. 29/2009