Frankreich/Paris: Jugendaufstand Drucken

Randale oder

Aufschrei gegen die Aussichtslosigkeit?

Am 27. Oktober war eine Gruppe von Teenagern in Clichy-sous-Bois, einer Arbeiter-Vorstadt von Paris, auf dem Nachhausweg vom Fußballspielen, als sie plötzlich von einem Auto voller Polizeibeamten verfolgt wurde. In Panik geraten, sahen drei der Burschen keinen anderen Ausweg, als auf den Zaun eines Transformatorhäuschens zu klettern. Die Jagd kostete zwei Menschenleben: der 15-jährige Bouna Traore und der 17-jährige Zyed Benna starben an einem tödlichen Stromschlag. Schockierend ist, dass die Angst vor der Polizei die Jugendlichen dazu gebracht hat, ihr Leben zu riskieren. Doch Schikanierung durch die Polizei gehört zum Alltag der jungen Leute in den Arbeiter-Vorstädten. Angeblich war die Polizei auf der Suche nach den Einbrechern gewesen, die eine Baustellenhütte ausgeräumt hatten. Was es dort zu finden gegeben haben soll, bleibt allerdings unbeantwortet. Ein Polizeibeamter schrieb in seinem Bericht, dass er die drei Jugendlichen gesehen hatte, als sie auf das Transformatorhäuschen kletterten. „Sie sind in tödlicher Gefahr“, meldete er. Doch die Antwort lautete nur: „Dann werden sie ja nicht weit kommen“. Erst fast eine Stunde später traf die Feuerwehr ein, die den Strom abschaltete und zwei der Jungen nur mehr tot bergen konnte, der dritte hatte schwere Verbrennungen erlitten.

Aufstand gegen Verachtung und Ausgrenzung

Wut und aufgestaute Frustration veranlassten Jugendliche nach diesem Vorfall, die Straßen ihres Viertels zu übernehmen. So brach Ende Oktober 2005 die schlimmste Krise in Frankreich seit einem halben Jahrhundert aus und veranlasste die Regierenden zu Maßnahmen, die seit dem Kolonialkrieg in Algerien nicht mehr im Einsatz waren. Öl ins Feuer goss der Innenminister Sarkozy, der schon mit seinen diskriminierenden Maßnahmen gegen die Roma für Proteste gesorgt hatte. Er erklärte den Jugendlichen einen „Krieg ohne Erbarmen“ und versprach, die Gegend "vom Lumpenpack zu befreien". Das von ihm verwendete Wort "racaille" wird sonst meist nur von der extremen Rechten benützt und bedeutet auch "Abschaum". Die Flammen des Aufstands ließen auch in den folgenden Nächten nicht nach, sondern loderten höher und breiteten sich auf andere Viertel und schließlich auch auf andere Großstädte Frankreichs aus. Obwohl die Polizei mit Wasserwerfern und Tränengas gegen die rebellierenden Jugendlichen vorging, konnte die Polizei erst nach Wochen die Kontrolle über die Vororte erobern.

„Wie werden sie zwingen, uns zuzuhören!“

Die Versuche der französischen Medien, Drogenhändler oder islamische Extremisten als Hintermänner der Aufstände zu präsentieren, können nicht darüber hinwegtäuschen, dass diese Aufstände von niemandem initiiert wurden, sondern eine Antwort auf die trostlosen Lebensumstände darstellen, denen die Heranwachsenden - zum größten Teil Kinder von EinwanderInnen aus den ehemaligen französischen Kolonien Nord- und Westafrikas - ausgesetzt sind. Als man Arbeitskräfte brauchte, wurden ihre Väter und Mütter nach Frankreich geholt, wo sie meist als Bauarbeiter und Putzfrauen zu Niedrigstlöhnen ausgebeutet wurden. Die EinwanderInnen arbeiteten hart und sparten, um ihren Kindern ein besseres Leben zu ermöglichen.

Doch ihre Arbeitskraft ist heute überflüssig geworden, deshalb sind die EinwanderInnen und vor allem ihre Kinder in den Augen der herrschenden Klasse nutzlos geworden. Heute beträgt die Arbeitslosenrate in diesen Vorstädten 30 Prozent, fast keiner der Jugendlichen hat einen richtigen Job. In Frankreich gibt es mehr als 700 Arbeiter-Satellitenstädte wie Clichy-sous-Bois mit endlosen Wohnblocksiedlungen, wo es nicht einmal ein Kino oder eine Bibliothek gibt. Zudem sind sie weit abgelegen von allem, was für junge Leute attraktiv ist, und es gibt keine öffentlichen Verkehrsverbindungen in die Innenstadt. Es ist kein Wunder, dass die Jugendlichen fühlen, in Ghettos abgeschoben und eingesperrt zu sein.
Lange Jahre hat in Frankreich Frieden geherrscht und die Menschen akzeptierten ihr Schicksal geduldig. Nun ist der unterdrückte Konflikt in aller Heftigkeit aufgebrochen. Auch wenn die rebellierenden Jugendlichen sowohl von rechts als auch von links kritisiert werden, dass sie keine politische Orientierung hätten und durch die Zerstörung von Autos und öffentlichen Einrichtungen die Einwohner ihrer eigenen Wohnviertel schädigten, ist dieser Aufstand eine Antwort auf die Lebenssituation, in der diese Generation gefangen ist. Die Jugendlichen sind Akteure der Geschichte geworden. Mit ihrer Rebellion verweigern sie die einzige Art zu leben, die ihnen von diesem System geboten wird, das sich als das einzig mögliche präsentiert, und fordern die Mitbestimmung, die ihnen die Gesellschaft immer verwehrt hat.

Quelle: A World to Win News Service: http://www.aworldtowin.org/wordpress/

erschienen in: Talktogether Nr. 15/2006