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Gespräch mit Dembe aus Uganda

„Die Industrieländer tun alles, damit Afrika auf dem Boden bleibt,
und die korrupten Präsidenten unterstützen sie dabei.“

Talk Together: Du lebst erst seit einem Jahr in Österreich, sprichst aber fließend Deutsch. Wie hast du es geschafft, so schnell Deutsch zu lernen?

Dembe: Ich übe sehr viel, manchmal 4 bis 6 Stunden täglich. Ich habe aber auch schon in Afrika ein bisschen Deutsch gelernt. In Mombasa lernte ich eine Studentin aus Deutschland kennen und verliebte mich in sie. Da ich ihre Kultur besser kennenlernen wollte, interessierte ich mich für ihre Muttersprache. Es gibt in Ostafrika viele Möglichkeiten Deutsch zu lernen. Tansania, Ruanda und Burundi waren einmal deutsche Kolonien, viele Deutsche leben heute noch dort und der Einfluss ist bis jetzt spürbar.

Talk Together: Wie heißt deine Muttersprache?

Dembe: Meine Muttersprache ist Luganda, diese Sprache wird in vielen Teilen im Südosten Ugandas gesprochen. In Uganda gibt es an die 30 verschiedene Sprachen, die Amtssprachen sind Englisch und Suaheli.

Talk Together: Woher stammt die Sprache Suaheli?

Dembe: Suaheli heißt eigentlich die Sprache der Küstenbewohner und ist erst 150 Jahre alt. Suaheli ist eine Mischsprache, die sich aus verschiedenen Sprachen zusammensetzt. 60% der Worte stammen aus dem Arabischen, denn an der ostafrikanischen Küste hatten sich viele Araber niedergelassen, die dort Handel trieben, auch Sklavenhandel. Weitere Elemente sind verschiedene afrikanische Sprachen, Persisch, Portugiesisch, Englisch und auch ein bisschen Deutsch. Ein Wort, das aus dem Deutschen stammt, ist „Shule“ (Schule).

Talk Together: Wie war deine Kindheit?

Dembe: Ich bin in einem Dorf aufgewachsen. Oft erinnere ich mich zurück, als ich als Kind im Busch gespielt hatte. Mein Vater leitete eine Schule, die mein Großvater gegründet hatte. Wir hatten aber auch viele Tiere: Kühe, Schafe und Enten. Manchmal denke ich mit Wehmut an mein Dorf, aber jetzt fühle ich in Salzburg zu Hause und möchte versuchen, hier etwas auf die Beine zu stellen, am liebsten mit Musik.

Talk Together: Wie bist du zur Musik gekommen?

Dembe: Schon seit meiner Kindheit liebte ich die Musik. Jedes Stadtviertel hatte eine Band, die mit den anderen im Wettbewerb stand. Doch meine Eltern verboten mir, mich mit Musik zu beschäftigen, denn sie dachten, dass ich mit der Musik keine Zukunft hätte. Sie wünschten sich, dass ich eine seriöse Ausbildung mache. Doch ich schlich mich in der Nacht heimlich aus dem Haus, um in die Disko zu gehen.

Talk Together: Anscheinend hattest du kein schlechtes Leben, wie kam es dazu, dass du dein Land verlassen musstest?

Dembe: In Uganda gibt es keine Meinungsfreiheit, Kritik ist nicht erlaubt. Wegen meiner politischen Tätigkeit und meiner Mitgliedschaft bei einer oppositionellen Partei wurde ich als Feind der Regierung angesehen und verfolgt. Die Ziele unserer Partei sind eine Demokratisierung und die Schaffung eines föderalistischen Systems, das mit einer Zentralregierung kombiniert ist. Wenn es dir nicht gelingt, zu fliehen, töten sie dich. Vor dem Geheimdienst ist man auch in Kenya, Ruanda, Kongo oder Tansania nicht sicher. Deshalb blieb mir keine andere Wahl, als nach Europa zu flüchten.

Talk Together: Wie sieht die politische Situation in Uganda heute aus?

Dembe: Ugandas Präsident Museveni kam 1986 durch einen Militärputsch an die Macht. Obwohl er schon oft Wahlen versprochen hat, hat bis heute keine stattgefunden. Er wurde von Lybien unterstützt, später haben die USA diese Rolle übernommen. Museveni ist ein korrupter Verbrecher, der von den USA geschützt wird. Er hat nicht nur 10 Jahre Bürgerkrieg verursacht, sondern auch seine Finger bei den Bürgerkriegen in den Nachbarländern im Spiel hat und sich an den Bodenschätzen der Nachbarländer bereichert. Er unterstützte Kabila bei der Machtübernahme im Kongo und bis heute befinden sich ugandische Soldaten im Kongo. Er war auch am Bürgerkrieg in Ruanda beteiligt und ich bin zu 100% überzeugt, dass er den Tod von John Garan (Südsudan) verschuldet hat.

Er hat große Geldsummen ins Ausland geschafft und besitzt in der Schweiz und in Schweden Häuser und Hotels. Als Museveni an die Macht kam, hatte er gute Pläne, und die Menschen setzten große Hoffnungen in ihn. Er motivierte die Leute, kleine Industrien aufzubauen und plante die Intensivierung der Handelsbeziehungen mit Tansania, z.B. den Getreideexport nach Tansania. Doch ein eigenständiger wirtschaftlicher Aufbau und der Ausbau von innerafrikanischen Handelsbeziehungen lagen nicht im Interesse der Großmächte. Um das Geschäft mit Tansania zu verhindern, überschwemmten die USA Tansania mit Billiggetreide.

Talk Together: Welche Rolle spielen die imperialistischen Mächte politisch und wirtschaftlich in Afrika?

Dembe: Sie haben nur daran Interesse, den Reichtum Afrikas auszubeuten, verhindern aber jede eigenständige Entwicklung. Bauern in Uganda haben versucht, Vanille für den Weltmarkt zu produzieren, sie wurden aber von den Engländern bestochen, die das Geschäft an sich reißen wollten. In Uganda gab es auch Leute, die Autos oder Hubschrauber entworfen und Erfindungen gemacht haben. Ein Wissenschaftler entwickelte z.B. ein AIDS-Medikament. Diese Leute verschwanden aber plötzlich spurlos. Niemand weiß, was mit ihnen passiert ist. Und in Kenya wurde früher ein Auto hergestellt, es hieß „Uhuru“ (Freiheit). Doch heute sieht man auf Kenyas Straßen nur ausländische Autos. Was ist mit „Uhuru“ geschehen? Im Fernsehen sieht man immer nur Berichte über Hunger und Krieg in Afrika. Dabei sind die afrikanischen Länder so reich. Der Kongo hat alles, was man sich vorstellen kann, doch seit Jahrzehnten herrscht Krieg um die Ausbeutung der Rohstoffe. Die Kriege verursachen Not und Leid bei der Bevölkerung, aber Gewinne bei den Waffenfirmen und die wertvollen Rohstoffe werden billig auf den Weltmarkt geschleudert. Ich frage mich, warum sonst Handys so billig geworden sind.

Talk Together: Wie war Uganda vor der britischen Kolonialisierung und welche Auswirkung hatte die diese?

Dembe: Das Land Uganda existierte schon damals und war ein Königreich. In diesem Königreich gab es viele unterschiedliche Sprachen und Kulturen. Der König hatte aber ein kluges System, um einen Ausgleich zwischen den Kulturen schaffen und ethnische Spannungen zu verhindern. Aus jedem Stamm wurden einige Familien ausgewählt, die in das Siedlungsgebiet eines anderen Stammes ausgesiedelt wurden und umgekehrt. So gab es überall Leute, die mit anderen Kulturen lebten und mit ihren Bräuchen vertraut waren. Wenn es Konflikte gab, konnten sie vermitteln. Die Deutschen verloren ihre Kolonien nach ihrer Niederlage im 1. Weltkrieg und die Briten übernahmen Tansania nach dem Motto „The winner takes it all“ (der Gewinner nimmt alles) und fassten es mit Kenya und Uganda zusammen. Da Uganda ein gut entwickeltes und friedliches Land war, bauten die Briten die Stadt Kampala zum Zentrum Britisch Ostafrikas aus und gründeten dort die heutige Makerere Universität. Erst nach der Unabhängigkeit wurden wieder Grenzen zwischen den Ländern gezogen.

Uganda wurde 1962 formal unabhängig, doch die Unabhängigkeit ist nicht mehr als Tinte auf dem Papier. Eine eigenständige Entwicklung hat bis heute nicht stattgefunden und wird von den ehemaligen Kolonialmächten und ihren Handlangern verhindert. Viele Patrioten, die Afrika in die Freiheit führen wollten, wie Kwame Nkrumah, Patrice Lumumba, Thomas Sankara oder Nelson Mandela, wurden getötet, eingesperrt oder vertrieben. Die Industrieländer tun alles, damit Afrika auf dem Boden bleibt, und die korrupten Präsidenten unterstützen sie dabei. Während sie nach Vereinigung streben, verhindern sie die Einigung Afrikas, weil Frieden und Einheit in Afrika, dem gemütlichen Leben in ihren Ländern schaden würden.

Talk Together: Wie war die Situation in der Regierungszeit von Idi Amin? Warum vertrieb er die Inder aus dem Land?

Dembe: Es wurde im Westen viel schlechte Propaganda über ihn gemacht. Vieles kann ich nicht beurteilen, weil ich damals noch ein Kind war. Mir wurde erzählt, dass er im Volk sehr beliebt war. Schwierigkeiten entstanden erst, als Idi Amin in Konflikt mit den USA und den Briten kam. Dann wurden im Land Unruhe geschürt und Leute bezahlt, die ihn putschen sollten. Was die Vertreibung der Inder betrifft: Die Inder kamen nach Ostafrika, weil die Engländer indische Arbeiter für den Bau der Eisenbahn holten. Als Lohn für ihre Arbeit bekamen sie von den Engländern Grundstücke. Viele der Inder, die in Uganda lebten, sind als Geschäftsleute zu Wohlstand gekommen, waren aber britische Staatsbürger. Da Idi Amin nicht wollte, dass ugandisches Eigentum in ausländischem Besitz war, stellte er diese Geschäftsleute vor die Wahl, entweder die ugandische Staatsbürgerschaft anzunehmen, oder das Land zu verlassen. Diejenigen, die da geblieben sind, leben bis heute in Uganda, und es geht ihnen sehr gut.

Eines ist jedoch klar: Als ich ein Kind war, ging es den Menschen besser als heute. Damals konnte jedes Kind in die Schule gehen und die Krankenversorgung war für alle Menschen kostenlos. Heute ist alles privatisiert und wenn du nicht bezahlen kannst, wirst du nicht behandelt. Durch die Strukturanpassungsprogramme, die von der Weltbank aufgezwungen wurden, sind heute in einer Klasse 60 SchülerInnen und viele Menschen müssen hungrig zu Bett gehen. Uganda ist ein fruchtbares Land und besitzt Bodenschätze, es wurde immer als die „Perle Afrikas“ bezeichnet. Es gibt keinen Grund, dass die Menschen unter Armut leiden müssen. Doch der Reichtum des Landes wird abgezogen wie z.B. das Erdöl, das nach Kanada fließt. Solange die Verantwortlichen aber nur an ihren persönlichen Vorteil und an ihren Clan denken, wird sich das nicht ändern.

Talk Together: Hast du in Österreich Probleme mit Rassismus?

Dembe: Ja, manchmal werde ich beschimpft. Als ich mit dem Fahrrad unterwegs war, wurde mir zugerufen: „Gute Heimreise!“ Ich denke, es gibt überall solche und solche Menschen. Manche denken nach, andere sind bereit, einseitige rassistische Denkweisen zu übernehmen.

Talk Together: Ist denn Uganda frei von Rassismus?

Dembe: Nein, aber in Afrika gibt es eine andere Art von Rassismus, nämlich Tribalismus. Die Baganda z.B. sind die größte ethnische Gruppe und sie verhalten sich manchmal chauvinistisch gegenüber Angehörigen anderer Ethnien. Die Baganda nennen sich selbst „Bantu“, was „Mensch“ bedeutet. Da frage ich mich, was sind dann die anderen? Andere Stämme fühlen sich deshalb manchmal benachteiligt. Das wurde von den Briten ausgenützt. Um ihre Macht zu sichern, setzten sie die „Teile und herrsche“-Politik ein, um die Menschen zu spalten. So blieb die Bildung den Menschen im Süden und Osten vorbehalten, während die nördlichen Stämme militärisch ausgebildet wurden. Das Erbe davon sind bewaffnete Konflikte und Kriege, die bis heute nicht beendet sind. Auch heute werden sogenannte Rebellen von Waffenhändlern aus dem Westen versorgt. Somit wird das Feuer immer am Kochen gehalten und verhindert, dass Ruhe einkehrt.

Talk Together: Spielt Religion eine Rolle bei den Konflikten?

Dembe: Ich hasse die Religionen, weil durch sie die Menschen getrennt werden. Die Missionierungen haben eine Spaltung verursacht, die quer durch die Familien ging. In meiner Familie gibt es Muslims und Christen. Früher versuchten diese beiden Religionen die Menschen auf ihre Seite zu ziehen. Es gab z.B. Schulen, die eine bestimmte Ausbildung anboten, in welche man aber nur aufgenommen wurde, wenn man die passende Religionszugehörigkeit hatte. Zum Glück ist das heute Vergangenheit, denn wie Bob Marley sagte: „You can fool some people sometimes, but you cannot fool all the people all the times“ – man kann die Leute eine Zeitlang verarschen, doch nicht auf Dauer. Ich muss aber dazusagen, dass die Religionen missbraucht werden. Ich habe sowohl den Koran als auch die Bibel gelesen, aber keine Stelle gefunden, die sagt, dass man andere Menschen hassen oder ausgrenzen soll. Aber schließlich hat es in Uganda auch schon vor diesen importierten Religionen einen Gott gegeben, er wurde Katonda oder Mungu, der Schöpfer, genannt.

Talk Together: Welche Pläne hast du in Österreich?

Dembe: Da die Musik schon immer für mich sehr wichtig war, möchte ich versuchen, als Musiker bekannt zu werden. Ich habe an einer CD-Produktion mitgearbeitet und schreibe außerdem Liedertexte, meist auf Englisch. In den Texten verarbeite ich meine Träume und Phantasien, meist handeln sie von Liebe und allem, was damit zusammenhängt: Freude, Trauer, Abschied … Mein Wunsch ist, dass ich mir mit der Musik eine Existenz aufbauen kann.

Talk Together: Danke für das Gespräch!

erschienen in: Talktogether Nr. 14/2005