USA: Der Widerstand von Wounded Knee Drucken

Das Ende eines Traumes

Viele andere Lakota, die die Schüsse gehört hatten, kamen jetzt von Pine Ridge herauf, und vereint griffen wir die Soldaten an. Sie flohen nach Osten, dorthin, wo alles begonnen hatte. Wir folgten ihnen in das Talbett hinunter, und was wir sahen, war schrecklich. Überall lagen tote und verwundete Frauen, Kinder und Säuglinge, sie waren niedergemacht worden, als sie zu fliehen versucht hatten. Manchmal lagen sie dicht gedrängt, weil sie beieinander Schutz gesucht hatten, dann wieder vereinzelt und weit verstreut. Manchmal war eine ganze Gruppe von Kanonen getroffen und zerfetzt worden. Ich sah einen Säugling, der an der Brust seiner toten Mutter trinken wollte.
Es war ein schöner Wintertag, an dem all das geschah. Die Sonne schien. Als aber die Soldaten ihr schmutziges Werk getan hatten und fortmarschiert waren, begann es dicht zu schneien. In der Nacht kam Wind auf. Ein Schneesturm setzte ein, und es wurde eisig kalt. Von tiefen Schneewehen bedeckt, wurde das gekrümmte Talbett ein riesiges Grab hingeschlachteter Frauen und Kinder, die niemandem etwas Böses getan und nur zu entkommen versucht hatten. Wenn ich jetzt, ein alter Mann, an diesen Tag zurückdenke, sehe ich noch immer die Frauen und Kinder vor mir, ich sehe sie so deutlich wie damals, als meine Augen jung waren. Und ich weiß, dass noch etwas anderes dort im blutgetränkten Schlamm gestorben ist und im Schneesturm begraben wurde. Der Traum eines Volkes starb dort. Es war ein schöner Traum.
Hehaka Sapa (Black Elk)


Häuptling Big Foot liegt verwundet im Schnee, wo er stirbt. 1890

Der Völkermord

Vor über hundert Jahren, am 29. Dezember 1890, endete der große Widerstand der Prärieindianer in einem blutigen Massaker. 120 Jahre lang hatten sich die Indianer gegen den Raub ihres Landes gewehrt. Geführt von legendären Häupt­lingen wie Crazy Horse oder Sitting Bull hatten sie General Custer in der berühmten Schlacht von Little Big Horn besiegt. Doch gegen den aufkommenden Kapitalismus hatten sie keine Chance. Der Völkermord begann schon mit der Ausrottung der Büffel – der Lebensgrundlage der Prärie­indianer. Indianerdörfer wurden mitten im Winter von Soldaten überfallen und die Nahrungsvorräte und Unter­künfte der Bewohner zerstört. Das indianische Volk wurde entwaffnet, seine Anführer getötet oder eingesperrt. Die indianische Kultur wurde kriminalisiert, die „Geistertanz-Rituale“ verboten, die Indianer in immer kleinere Reservate verdrängt und ein Vertrag nach dem anderen von der Regierung gebrochen. Wounded Knee sollte der Todesstoß für den indianischen Widerstand sein. In den Ebenen von Süd-Dakota, im Dorf Wounded Knee, wurden 350 Sioux, unbewaffnete Frauen, Kinder und Männer, von den Soldaten abgeschlachtet. Die Soldaten wurden für ihren Mord an den unschuldigen Menschen auch noch mit Ehrenmedaillen ausgezeichnet. Nun wären die Indianer endgültig besiegt, wurde gesagt, und sollten aus dem Land und der Geschichte verschwinden und nur mehr als Relikte einer untergegangenen Vergangenheit weiter existieren. In den Regionen um die Reservate herrschte nun grausame Diskriminierung und eine gewalt­tätige Verfolgung der indianischen Bevölkerung, die von der Staatsmacht gestützt wurde. Indianische Kinder wurden entführt und ihrer Sprache und Kultur beraubt. Die Menschen in den Reservaten lebten in bitterer Armut.

Widerstand flammt auf

Doch der Kampf war nicht zu Ende. Manche der Ureinwoh­ner zogen sich in abgelegene ländliche Gebiete zurück, um ihre traditionelle Lebensweise weiter zu führen. Andere zogen in die Städte, wo sie mit Proletariern anderer Natio­nalitäten zusammentrafen. In den 1960er Jahren wurden die USA von einer gewaltigen Rebellion der schwarzen Bevöl­kerung erschüttert. Aber auch eine neue Generation von jungen Indianern war erwacht und hatte sich zum American Indian Movement (AIM) formiert. Wie die „Black Panthers“ arbeiteten auch sie Tag und Nacht, um die Massen von der Notwendigkeit eines radikalen politischen Kampfes zu überzeugen.

Leonard Peltier

Leonard Peltier wurde 1944 im Turtle Mountain Reservat in Nord-Dakota geboren. Während der Erntezeit zog er mit seiner gesam­ten Familie in das Red River Valley, um gemeinsam mi mexikanischen ArbeiterInnen für ein paar Cents auf den Kartoffel­feldern zu arbeiten. Als Teenager verließ der das Reservat und zog nach Seattle. 1970 besetzte eine Gruppe von Indianern eine verlassene Militärstation, das Fort Lawson. Peltier schloss sich der Aktion an und trat dem AIM bei. Der AIM organisierte die Leute, um sich ge­gen die Übergriffe von Rassisten oder der Polizei zu wehren und hatte großen Zulauf. Die Gründe beschreibt Leonard: „Armut, Diskriminierung, die Ungerechtigkeit, mit der die Leute von den Gerichten behandelt wurden. Dass die Regierung alle Verträge brach, die sie mit den Indianern abgeschlossen hatte. Die Arbeitslosig­keit, die zu Alkoholismus und Krankheit in den Reser­vaten führte. Damals war es nicht illegal, einen India­ner zu töten, da musste einer schon sehr viel Pech haben, um dafür bestraft zu werden.“

Wounded Knee 1973

Das Dorf Wounded Knee in der Pine Ridge Reservation in Süd-Dakota, wo die Bewegung stark verwur­zelt war, wird von ca. 300 Bewohnern und Mitgliedern des AIM besetzt. Damit wurde gegen den Machtmissbrauch durch den Stammesvorsitzenden Dick Wilson protestiert, der mit der Regierung zusammenarbeitete und Terrorgruppen einsetzte, um die Bevölkerung in den Reservaten zu unterdrücken. Der Aufstand wurde mit Gewalt von der Armee und schwerst­bewaffneten FBI-Truppen niedergeschlagen. Danach wurde die Region von FBI-Agenten regelrecht überflutet. In den folgenden 36 Monaten wurden in der Nähe des Reservats 360 Indianer getötet. Die Todesrate dort war damals so hoch wie in Chile, wo das Militär putschte. Doch in keinem dieser Fälle wurde vom FBI ermittelt. Auf Pine Ridge herrschten Misstrauen und Angst.

Die Schießerei in Oglala

Im Juli 1975 kamen zwei FBI-Agenten, Coler und Williams, in Pine Ridge an und durchsuchten das Reservat unter dem Vorwand, dass zwei Jugendliche Stiefel gestohlen hätten. Doch bald stellte sich heraus, dass sie die Kundschafter für eine geplante Militäraktion waren. Die Indianer, unter ihnen Peltier, bereiteten sich zum Widerstand vor. Am 26. Juli kam es dann zu einer Schießerei, bei der die beiden Agenten und ein Indianer getötet wurden.

Die Verhaftung von Leonard Peltier

Nach dem Zwischenfall in Oglala setzte eine massive Men­schenjagd ein. Mit Helikoptern, Maschinengewehren und Spürhunden zog das Militär durch Pine Ridge. FBI-Agent Norman Zigrossi begründete die Aktion mit seiner Logik: „Die Indianer sind eine besiegte Nation. Wenn du besiegt bist, diktieren die, die dich besiegt haben, deine Zukunft! Das ist meine Philosophie, sie müssen das akzeptieren.“ Kurz darauf wurde das Land von der Regierung wegen Uranvorkommen beschlagnahmt. Obwohl niemals festgestellt wurde, wer damals wirklich geschossen hatte, wurden drei Männer des Mordes an den Polizisten beschuldigt. Einer von ihnen war Leonard Peltier. Ihm gelang es, nach Kanada zu fliehen, wo er um Asyl ansuchte. Die beiden anderen, Bob Robideau und Dino Butler, wurden verhaftet. Bei der Gerichtsverhandlung wurden sie aber freigesprochen, da selbst der nur aus Weißen zusammengesetzten Geschworenenbank klar war, dass es keinerlei Beweise für die Schuld der Männer gab. Aber man benötigte einen Sündenbock, also konzentrierte man sich nun auf Leonard Peltier. In einer illegalen Aktion wurde er in Kanada verhaftet und über die Grenze geschmuggelt. Der Prozess wurde in der Gemeinde Fargo, wo eine starke anti­indianische Stimmung herrschte, geführt. Zeugen wurden unter Druck gesetzt und erpresst und Leonard wegen Mordes zu zweimal lebenslänglicher Haft verurteilt.

Freiheit für Leonard Peltier!

Seit fast 30 Jahren sitzt Leonard Peltier im Gefängnis, obwohl zahlreiche Organisationen und Menschen auf der ganzen Welt seine Freilassung fordern. Obwohl es  Dokumente gibt, die beweisen, dass die Zeugenaussagen fingiert waren, wurden alle Gesuche auf Begnadigung abgelehnt mit der Begründung: „Auch wenn er es nicht war, war er doch ein Anstifter und Helfer“. Aber Leonard hat sich trotz Isolationsfolter, eines Mordversuchs und der Verweigerung medizinischer Behandlung (Leonard leidet unter starken Kieferschmerzen) bis heute nicht brechen lassen und seinen Kampf gegen die Unterdrückung durch seine Worte, seine Malerei und mit Versuchen, die Gefangenen zu organisieren, fortgesetzt.

erschienen in: Talktogether Nr. 10/2004