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Zum Todestag von Erich Fried

6. Mai 1921 - 22. November 1988

Schon als Kind war der in Wien geborene und aufgewachsene Erich Fried auf der Suche nach der Wahrheit. Er gab sich nicht mit den Geschichten, die ihm die Erwach­senen erzählten zufrieden und stellte unbequeme Fragen. Noch bevor er die politischen Umstände verstand, entwickelte er ein Gespür für Unrecht. 1927 ging Erich das erste Jahr zur Volksschule. In jedem Jahr waren in Wien Rechtsradikale, die in der Ortschaft Schattendorf Arbeiter ermordet hatten, von Richtern, die den Tätern politisch näher standen als den Opfern, in allen Instanzen freigesprochen worden, trotz einer großen Demonstration empörter Arbeiter. Dabei war es zu einem Zusammenstoß mit der Poli­zei gekommen, bei dem 86 Arbeiter getötet wurden. Bei der Schulweihnachtsfeier sollte Erich Gedichte vortragen. Auch der Polizeipräsident war unter den Gästen. Erich hatte aber in der Stadt die Plakate gesehen, mit denen der in Wien lebende Schriftsteller Karl Kraus den damaligen Polizeipräsidenten Dr. Schober wegen dieses Vorfalls zum Rück­tritt aufforderte. Zur großen Freude des sozialdemokratischen Lehrers aber sehr zum Missfallen seines Vaters sprach Erich: „Meine Damen und Herren! Ich kann leider mein Weihnachtsgedicht nicht aufsagen. Ich habe gerade gehört, Herr Polizeipräsident Dr. Schober ist unter den Festgästen. Ich war am Blutigen Freitag in der Inneren Stadt und habe die Bahren mit Toten und Verwundeten gesehen, und ich kann vor Herrn Dr. Schober kein Gedicht aufsagen.“

Während der Zeit der faschistischen Diktatur begann er sich politisch auf der Seite der „Linken“ zu betätigen. Ver­ständnis und Menschlichkeit standen jedoch immer im Vordergrund. So begegnete er sogar Klassenkameraden, die der damals auch illegalen Hitlerjugend angehörten, mit Respekt und oft auch mit Freundschaft. Ein Beispiel in der nachfol­genden Erzählung aus seinem Buch: „Mitunter sogar Lachen – Zwischenfälle und Erinnerungen“. Der Einmarsch Hitlers 1938, verwandelte Erich „aus einem österreichischen Oberschüler in einen verfolgten Juden“ und zwang ihn, seine Hei­matstadt zu verlassen und nach London zu fliehen. Sein Vater war kurz nach dem Einmarsch von der Gestapo ermor­det worden. Es gelang ihm, seine Mutter und 70 weitere Verfolgte zu retten, nicht aber seine geliebte Großmutter, die ins Lager Theresienstadt und danach in ein Vernichtungslager transportiert wurde.

Sein unbeugsamer Geist und sein Ungehorsam gegen die Obrigkeit blieben Erich auch nach dem Krieg erhalten. Erich Fried nahm stets Partei für die Rechtlosen und Unterdrückten ein. Seine schonungslose Kritik richtete sich gegen Unrecht, Kälte und tödliche Unmenschlichkeit, nicht nur der Nationalsozialisten. Bei Vortragsreisen, Diskussions- und Solidari­tätsveranstaltungen setzte er sich für die Rechte der politischen Gefangenen ein und verurteilte den Krieg gegen Vietnam, sowie Polizeiwillkür und Pressezensur. Doch seine Kritik ging nie nur in eine Richtung. Als Jude fühlte er sich ebenso verpflichtet, die Politik Israels gegen die Palästinenser zu kritisieren, wie als Sozialist, jene zu entlarven, die im Namen des Sozialismus Wahrheit und Menschlichkeit verrieten. Obwohl er sich mit Österreich verbunden fühlte und mit österreichischen Vereinen und Organisationen arbeitete, hielt in die Wiedereinsetzung ehemaliger Nationalsozialisten nach dem Krieg in zahlreiche Ämter davon ab, wieder in seine ehemalige Heimat zu übersiedeln – eine Tatsache, die in Österreich gern verschwiegen wird. Durch seine kompro­misslose Suche nach der Wahrheit schaffte sich Erich, der Andersdenkenden und politischen Gegner immer mit so viel Verständnis begegnet war, bald mehr Feinde als Freunde. Große Literaturpreise erhielt er erst kurz vor seinem Tod. Er starb am 22. November 1988 auf einer Lesereise in Baden-Baden und wurde in London begraben.

Gedichte von Erich Fried: http://www.willnix.de/simonili/deutsch/gedichte/lieb/fried/gedichte.htm

erschienen in: Talktogether Nr. 10/2004