Agnes Primocic und Erich Fried Drucken

Zuhören - solange es noch geht.

von Nicole Modl

Wir schreiben das Jahr 2004. An alles, was vorher passiert ist, können wir uns nur noch erinnern. Wir können es dokumentieren, oder die Erinnerung anderer festhalten. 1945 ist der zweite Weltkrieg zu Ende gegangen. Das weiß man, auch ohne sich daran erinnern zu können. Niemand, der nach 1945 geboren ist, kann sich daran erinnern. Denn Erinnerung kann erst nach der Geburt mit dem Einsetzen des Bewusstseins beginnen und geht mit dem Tod wieder verloren.

Zwischen 1945 und 2004 liegen 59 Jahre. Viele Erinnerungen sind in dieser Zeit mit den Menschen verstorben. Nachfol­gende Generationen müssen sich das Erinnern Anderer mühsam als Wissen zurückerobern und beweisen können, damit es seine Richtigkeit bestätigt erhält. Beweisen ist harte Arbeit, alleine kaum zu bewältigen. Deshalb muss man Erinnerungen ver- und teilen, solange noch Möglichkeiten dazu bestehen.

Agnes Primocic hat vieles erlebt, den Aufstieg Hitlers in Deutschland, den Anschluss der Ostmark, den zweiten Weltkrieg in Hallein. Sie hat vieles gesehen, wie Menschen weggebracht wurden oder wie sie kurz vor dem Tod davon gekommen sind. Und wenn es die Situation erfordert hat, hat sie eingegriffen und geholfen. Und so wird sie Widerstandskämpferin gegen das Dritte Reich. Und irgendwann befreit sie KZ-Häftlinge aus den Steinbruch Hallein. Eigentlich war sie Tabakarbeiterin. Und Betriebsrätin und Sozialistin und Mutter. Sie hat mehreren Leuten das Leben gerettet. Sie sagt: „Wenn dich jemand bittet, du sollst ihm das Leben retten - was sollst denn da tun?“ Aber: „Sicher war es sehr gefährlich, schließlich kämpfte mein Mann im Zweiten Weltkrieg. Was wäre nach einer Verhaftung mit den Kindern?“

Wie viele Leute werden davon noch wissen, wenn sie tot ist? Heute ist sie 99 Jahre alt. Aber noch erzählt sie denen, die es hören wollen und können, was sie alles erlebt hat. Mir und einigen andern hat sie im Wintersemester 2000 davon berichtet, als sie vom kommunistischen StudentInnenverband zu einem Vortrag an der Universität eingeladen wurde.

Der österreichische Schriftsteller Erich Fried wurde 1921 geboren. 1938 flüchtet er nach England. Dort arbeitet er unter ande­rem bei der BBC, seit 1967 auch als freier Schriftsteller und Übersetzer. Er schreibt seine Erinnerungen auf und stirbt 1988 in Baden-Baden. Zuhören kann man ihm also nicht mehr. Man kann lesen was er geschrieben hat. Die beiden haben sich zu Lebzeiten sicher nicht getroffen und ihre Erinnerungen haben auf den ersten Blick nicht viel miteinander zu tun. Aber sie scheinen ineinander zu greifen und einander zu erklären. So schreibt Erich Fried in einem politischen Gedicht, „Sonderkatalog“:

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Agnes Primocic berichtet, wie sich ein junger Friseur aus der Nachbar­schaft wegen einer Hasenscharte nach Hartheim gebracht und vergast wird...

und der Halleiner Widerstandkämpferin fällt ein, dass ein von den Nationalsozialisten indoktrinierter junger Mann seinen Vater wegen einer kleinen Spende für die "Rote Hilfe“ an die Gestapo verrät...

da fällt ihr ein, wie sie in Hallein bemerkt hat, dass ein Wagen mit KZ-Insassen zur Vernichtung gebracht wird. Wie sie auf der Straße nicht weinen wollte, aus Angst verraten zu werden. Schließlich stand auf Mitleid mit den Opfern ebenfalls die Todesstrafe. In der Kirche konnte sie sich verkriechen. Dem fragenden Messner gestand sie, dass sie wegen der Todesfuhre in den Taugler-Wald so traurig war. "Ja gute Frau - da kann man nur beten“, hat der dann gemeint …

… und Agnes Primocic schließt ihre Erzählung mit den Worten: "Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie das damals war!!“ Sie bittet, alles zu tun, damit sich nie wieder eine nationalsozialistische Herrschaft in Österreich etablieren kann. Und mit allen Möglichkeiten weitere Kriege zu verhindern.

Viele Erinnerungen der Halleiner Widerstandskämpferin sind mittlerweile in Geschichtsbüchern, Filmen, Features und Vorträgen festgehalten und bearbeitet. Sie ist ohne Frage eine Heldin, die gegen das menschenverachtende Regime der Nationalsozialisten immer mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln gekämpft hat.

Aber wie lange werden wir uns noch daran erinnern können?

Zuhören. Solange es noch geht.

erschienen in: Talktogether Nr. 8/2004