Gespräch mit Farah aus Somalia Drucken

Interview mit Farah aus Somalia

Die Zeit heilt körperliche Wunden, doch die Verletzungen der Seele, die einem Menschen in seiner Kindheit zugefügt wurden, begleiten ihn sein Leben lang. Farah, der als Kindersoldat am Krieg in Somalia beteiligt war, erzählt seine Geschichte 

Talk Together: Wie war dein Leben in Somalia?

Farah: Bevor der Krieg ausbrach, führte ich in Mogadischu ein ganz normales Leben. Es ging uns gut, wir litten keine Not. Mein Vater war Lebensmittelhändler und starb ein Jahr bevor Krieg ausbrach. Ich war Schüler, spielte mit meinen Freunden Fußball oder am Strand. Doch als nach dem Sturz des Regimes von Siad Barre der Krieg ausbrach, änderte sich plötzlich alles. Ich war damals 12 Jahre alt. Talk Together: Wie war die Situation, als der Krieg ausbrach?

Farah: Die Schulen waren zerstört und von den Milizen besetzt. Die Jugendlichen hatten keine Möglichkeit mehr etwas zu lernen und wo wir früher gespielt hatten, liefen bewaffnete Banden herum. Viele Jugendliche schlossen sich den Banden an, da es nichts anderes mehr gab. Vergeblich versuchten die Eltern ihre Kinder abzuhalten, denn von den Anführern der Banden wurde ihnen eingeredet, dass sie ihren Clan verteidigen müssten.

Talk Together: Wie bist du zu den Milizen gekommen?

Farah: Viele der Clanchefs hatten vorher für das Siad Barre Regime gearbeitet, jetzt wollten sie selbst an die Macht. Dafür benötigten sie Jugendliche, die für sie kämpfen. 1992 kam es dann zum UNO-Einsatz, den die US-amerikanischen Truppen anführten. In der ganzen Stadt, auch im Viertel wo ich wohnte, wurde gegen sie gekämpft. Alle Menschen die kämpfen konnten, egal ob Männer, Frauen oder Kinder, wehrten sich gegen die Eindringlinge. Nachdem sie keine Chance mehr sahen, die Dinge nach ihren Interessen zu beeinflussen, zogen die ausländischen Mächte wieder ab. Doch der Krieg in Somalia tobte weiter. Ein Mann aus meinem Clan, der eine Gruppe von Milizen anführte, brauchte Kindersol­daten. Da wurde man nicht gefragt, sondern gezwungen mitzumachen. Ich musste als Bodyguard und als Chauf­feur für sie arbeiten. Wir wurden sehr schlecht behandelt, bei diesen Banden zählte ein Mensch nicht viel. Wir bekamen von ihnen nichts, nicht einmal genug zu essen und litten meist unter Hunger. Als ich älter wurde, begann ich mir die Frage zu stellen, was ich hier denn machte und welche Zukunft ich hätte. Der Krieg war ein gutes Geschäft für die Clanchefs geworden und sie woll­ten, dass es weiter lief. Ob du verletzt wirst oder stirbst war dein eigenes Problem, das kümmerte sie nicht. Des­halb entschloss ich mich die Flucht zu riskieren und lief weg.

Talk Together: Wohin bist du gegangen?

Farah: Ich floh zu meinem Bruder, der in der Küstenstadt Marka lebte. In Marka gab es ein Camp, das von Starlin Abdi Arush geleitet wurde und in dem weggelaufenen Kindersoldaten geholfen wurde.

Talk Together: Wie war es im Camp?

Farah: Im Camp war es sehr schön. Man bekam gutes Essen und es gab eine Schule. Außerdem hatte man die Möglichkeit einen Beruf zu erlernen. Es gab Werkstätten, wo die Jugendlichen als Elektriker, Mechaniker oder Tischler ausgebildet wurden, und man konnte lernen wie man Fische fängt oder ein Feld bebaut. Dort habe ich meine verlorene Kindheit wieder gefunden. Ich ging in die Schule, spielte Fußball… Nachdem ich drei Monate im Camp war, lernte ich dort meine Frau kennen. Wir haben geheiratet und da wir überhaupt nichts besaßen, haben uns Starlin und ihre Organisation geholfen, ein Leben aufzubauen: Ich bekam eine Stelle als Fahrer für die Organisation.

Talk Together: Wie viele Jugendliche lebten in diesem Camp?

Farah: Als ich dorthin kam waren es ungefähr hundert, doch später sind immer mehr dazu gekommen.

Talk Together: Welchen Eindruck hattest du von Starlin?

Farah: Diese Frau setzte sich sehr für die Kinder und Jugendli­chen ein, sie war das genaue Gegenteil der Warlords. Doch leider ist sie später von ihnen umgebracht worden. Sie versuchte den Kindern ihr Selbstwertgefühl zurück­zugeben und ihnen eine Chance für die Zukunft zu geben. Sie war sehr einfühlsam, freundlich und offen, sie war bereit die Leute in jeder Situation zu verstehen. Sie half jedem, egal woher und aus welchem Clan er kam, sie machte keine Ausnahme. Wie bei Elman - der in Moga­dischu ein Projekt für Jugendliche gegründet hatte, aber leider auch ermordet wurde – lautete auch Starlins Leitsatz: „Weg mit dem Gewehr, nimm den Kugelschreiber!“  

Talk Together: Wie lange lebtest du im Camp?

Farah: Ich lebte von 1997 bis 2002 dort. Doch den Warlords gingen die Kindersoldaten aus, denn immer mehr Jungendliche strömten zu Starlin. Deshalb griffen sie das Camp an. Als das passierte, war ich gerade wegen meiner Arbeit unterwegs und 40 km weit weg vom Camp. Als ich zurückkam, hörte ich die Schießerei. Wir versteckten das Auto und schlichen heimlich zum Camp, um nachzusehen, was passiert war. Das Camp war zerstört, alles was wir sahen war Feuer und Rauch. Fünf Freunde von mir waren tot und ich erfuhr, dass der Anführer unserer Milizeinheit nach uns suchte. Wir begruben die Leichen, holten das Auto, und ich flüchtete mit meiner Frau und meinen Kindern nach Mogadischu. Da ich wusste, dass die Kriegstreiber nicht aufgeben würden, nach mir zu suchen, beschloss ich Somalia zu verlassen. Meine Frau und die Kinder blieben bei meiner Mutter in Mogadischu. Als ich in Österreich erfahren habe, dass Starlin in Nairobi ermordet worden war, war ich erschüttert und geschockt.

Talk Together: Wie geht es dir jetzt in Österreich?

Farah: Dass ich in einem friedlichen Land leben kann und arbeiten darf, ist für mich das wichtigste. Ich möchte erwähnen, dass ich vom Integrationsverein INTO betreut werde, die mir ermöglichen, die Sprache zu lernen und eine Arbeitsstelle zu finden. Das macht mir es mir leichter, mich zu integrieren. Ich wünsche mir, dass meine Familie auch bald nach Österreich kommen kann.

Talk Together: Wie gehst du mit deinen Erinnerungen um?

Farah: Ich bin sehr froh, in Sicherheit zu sein und versuche die schrecklichen Erlebnisse zu vergessen. Doch oft kommen die Erinnerungen zurück und dann werde ich traurig und versuche die Bilder in meinem Kopf zu verdrängen.

Talk Together: Gibt es Starlins Camp heute noch? War es das einzige Demobilisierungsprojekt in Somali oder gibt es auch andere Organisationen, die den Kindern helfen?

Farah: Starlins Camp existiert zwar noch, aber seit ihrem Tod hat sich niemand gefunden, der den Mut hat, es weiter zu führen. Es gibt zwar ein paar andere Organisationen von der UNO, die Frauen und Kindern in Somalia helfen. Aber etwas, das vergleichbar wäre, mit dem was Starlin oder Elman für die Menschen getan haben, gibt es leider nicht.

Talk Together: Wie ist die Situation in Somalia heute?

Farah: Da der Krieg für die Warlords eine gute Geldquelle ist, wollen sie unbedingt weitermachen. Um die Verteidigung des Clans geht es schon lange nicht mehr, sie haben sich zu Mafiabanden entwickelt. Doch ihnen gehen die Kindersoldaten aus, denn die Jugendlichen wollen heute nicht mehr mitmachen.

Talk Together: Was wünschst du dir für die Kindersoldaten der Welt?

Farah: Wie man weiß, werden viele Kinder in der ganzen Welt, vor allem in Afrika, für den Krieg missbraucht. Ich appelliere an alle staatlichen Organisationen und NGOs, alles zu tun, um die Kinder vor diesen Verbrechern, die ihr Leben und ihre Zukunft rauben, zu retten. Ich fordere auch alle Kindersoldaten auf, sich nicht dem Druck zu beugen sondern zu versuchen, sich gemeinsam zur Wehr zu setzen.

erschienen in: Talktogether Nr. 7/2004