Somalia: Die Rolle der Frau in der Nomadengesellschaft Drucken


Warsan und ihre Aufgaben

von Abdullahi A. Osman


Somalische Frau beim Hausbau, Mouseawale88, creative commons

Warsan versorgt die Geißen und Lämmer während ihre Mutter damit beschäftigt ist, die Hütte für die Familie aufzubauen und der Vater die Zäune für die Herden errichtet. Die Nomadenfamilie ist gerade auf dem neuen Weideplatz angekommen, den Warsans Vater ausgesucht hat. Der Name Warsan bedeutet „gute Botschaft“ und Warsan, die älteste Tochter der Familie, ist gerade 7 Jahre alt geworden. Wie es in der nomadischen Gesell­schaft üblich ist, haben die jüngsten Mädchen die Aufgabe, die kleinen Tiere zu bewachen und zu versorgen. Je älter sie werden, desto größer wird ihre Verantwortung. Das heißt: Wenn Warsan zehn Jahre alt ist, wird sie mit den Ziegen und Schafen auf die Weiden und zur Wasserstelle gehen. Täglich ist sie dann mit Gefahren konfrontiert und muss die Tiere vor Hyänen, Füchsen und anderen wilden Tieren beschützen.

Später, wenn sie verheiratet ist, wird sie wie ihre Mutter auch die Hütte für die Familie aufbauen, Getreide stampfen und das Essen zubereiten. In der somalischen Nomadengesellschaft spielt die Frau eine den Männern ebenbürtige Rolle. Sie ist die Herrin im Haus, während der Mann für die Suche der Weideplätze verantwortlich ist. Sie arbeitet genauso hart wie die Männer,  oder vielleicht sogar noch mehr. Deshalb genießt die Nomadenfrau hohes Ansehen und ihr wird große Achtung und Respekt entgegengebracht. Sie wird in alle Entscheidungen einbezogen und um ihre Meinung gefragt. Während in der Stadt der Mann seiner Frau aufträgt, was seinem Gast angeboten wird, ist es bei den Nomaden eine gemeinsame Entscheidung der Familie, wie man den Besuch empfängt.

Obwohl sie nicht schreiben und lesen können, treten die Nomadenfrauen viel selbstbewusster auf als ihre Schwestern in der Stadt, die trotz Schulbildung meistens Hausfrauen und von ihren Männern abhängig sind. Natürlich gibt es heute in den Städten aber auch mehr selbstbewusste Frauen, die verschiedene Berufe ausüben, wie Lehrerinnen, Polizistinnen, Ärztinnen oder Journalistinnen - wie in allen Städten der Welt. Aber etwas haben die Mädchen auf dem Land und in der Stadt gemeinsam. Bei den meisten somalischen Mädchen wird im Alter zwischen fünf und sieben Jahren die Beschneidung vorgenommen. Zum Glück wird diese Praktik in Somalia aber heutzutage nicht mehr so häufig wie früher durchgeführt, weil es zahlreiche Aufklärungskampagnen gegen diesen grausamen Brauch gibt. Das zweite Übel, mit dem die jungen Frauen in Somalia konfrontiert sind, ist die Zwangsverheiratung. Viele junge Frauen werden von ihrer Familie gezwungen, gegen ihren Willen einen Mann zu heiraten, den sie vielleicht nicht einmal kennen.

Die nomadischen Jugendlichen lernen sich nicht in der Schule, sondern auf den Weideplätzen und den Was­serstellen kennen. Vor allem in der Regenzeit, wo sie sich nicht so sehr um die Tiere kümmern müssen, weil es genug Futter und Wasser gibt und selbst die wilden Raubtiere satt sind, treffen sich die Menschen gerne am Abend um gemeinsam zu singen, zu tanzen und zu plaudern. In der Nomaden­gesellschaft kommt es viel seltener vor, dass eine junge Frau gezwungen wird, einen Unbekannten oder gar einen alten Mann zu heiraten. Wenn einer ein Nomadenmädchen wie Warsan heiraten will, muss er bei ihrer Familie um ihre Hand anhalten. Es wird ihm nicht leicht gemacht, denn die Familie will nicht gerne auf die Arbeitskraft der jungen Frau verzichten. Es wird geprüft, wie verlässlich der Bewerber ist, und er muss Yarad zahlen, damit die Familie weiß, dass ihre Tochter abgesichert ist und nicht verhungert, falls er stirbt oder sie verlässt.

In der Stadt ist das anders. Die Eltern haben mehr Eile, ihre Töchter zu verheiraten, als auf dem Land. Erstens, weil sie ihre Arbeitskraft nicht benötigen und zweitens, weil sie Sorge haben, dass ihre Tochter auf die falsche Bahn kommen könnte und vielleicht sogar schwanger werden oder einen Unbekannten heiraten könnte. Manche jungen Leute, die sich verliebt haben und deren Familien mit der Wahl nicht einverstanden sind, laufen von zu Hause weg und heiraten heimlich. Diese Frauen können aber später nicht zu ihrer Familie zurückzukehren, falls die Ehe nicht funktioniert. Somit steht sie ohne Familie und ohne Ehemann auf der Straße und das ist das Schlimmste, was einer somalischen Frau passieren kann.

Heutzutage gibt es aber auch in Somalia immer mehr Frauen, die sich gegen die Zwangsheirat wehren und das Recht fordern, den Ehemann selbst zu wählen. Da es keine Sozialversicherung und keine Pension gibt, kann man sich nur auf die Angehörigen des eigenen Clans verlassen. Deswegen ist es wichtig, dass durch die Ehe die Verwandtschaft zusammen gehalten wird. Heutzutage, wo in Somalia das ganze staatliche System zusammengebrochen ist, ist die Famlienbande noch wichtiger geworden. Ein Familienmitglied, dass im Ausland lebt und arbeitet, unterstützt seine Familie mit dem Geld, das er nach Hause schickt.


Xeer-Beeg – das Nomadengesetz

Xeer (ausgesprochen Heer) bedeutet „Gesetz“ und Beeg „abwägen“. Beim Xeer Beeg handelt sich dabei um einen Rat, dessen Mitglieder von den Gemein­schaften gewählt und abgesandt werden. Dieser Rat trifft gewöhnlich unter einem Baum zusammen. Dort werden Gesetze beschlossen und beraten, wie ein Konflikt in der Nomadengesellschaft ver­mieden oder gelöst werden kann. Die Militärdiktatur unter Siad Barre wollte die Nomaden unter ihre Kontrolle brin­gen und bekämpfte deshalb das Xeer Beeg, das Jahrhunderte lang für Frieden und Gerechtigkeit gesorgt hat. Seitdem das Xeer Beeg nicht mehr lebendig ist, finden die Konflikte in Somalia kein Ende mehr. Während in der Stadt um Macht und Geld gekämpft wird, gibt es in der nomadischen Gesellschaft drei Gründe für Rivalitäten und zwar: Wasser, Weideplätze und Heirat.

  1. Wasser: Wenn mehrere Herdenbesitzer zugleich bei einer Wasserstelle ankommen, will jeder so schnell wie möglich seine Tiere mit Wasser versorgen. Da das Wasser knapp ist kann es manchmal zu Dränglereien oder sogar Schlägereien kommen.
  2. Weide: Nach einer langen Dürrezeit ziehen alle an Orte, wo es geregnet hat und frisches Gras wächst. Die dort lebende Bevölkerung versucht ihren Bereich zu schützen.
  3. Heirat: Falls ein Mann eine Frau aus einem anderem Clan geheiratet hat und sie dann misshandelt, kommen die Angehörigen ihres Clans sofort zu Hilfe. Zuerst wird der Ehemann zur Rede gestellt. Falls er uneinsichtig ist, dass er verprügelt wird. Das kann schlimmstenfalls in einem großen Konflikt zwischen den Clans enden.

Doch nach dem nomadischen Gesetz, das Xeer-Beeg genannt wird, muss, um die Gefahr eines Krieges zu vermeiden, erst verhandelt werden, wie das Problem gelöst werden könnte. Manchmal kann eine Heirat aber auch Frieden bringen. Wenn es Krieg zwischen zwei Clans gibt und überall Unruhe herrscht, kann es vorkommen, dass einer kommt und ein Mädchen aus dem verfeindeten Clan heiraten will. Dann wird ein vorläufiger Waffenstillstand vereinbart und - wie auch sonst üblich - über die Heiratsbedingungen gesprochen. Die Kriegssituation spielt keine Rolle im Ehegespräch. Sobald die Hochzeit vereinbart ist, wird von beiden Seiten gefeiert. Üblicherweise bietet dann der Clan des Bräutigams eine Friedensvereinbarung an.

 

 

erschienen in: Talktogether Nr. 7/2004