Der 14. Wiener Flüchtlingsball Drucken

Ein Ball für alle

Einen Höhepunkt der Wiener Ballsaison stellt der alljährlich vom Wiener Integrationshaus veranstaltete „Flüchtlingsball“ dar, der heuer am 1. Februar bereits zum 14. Mal stattfand. Obwohl dieser Ball nicht vom Fernsehen übertragen wurde, hatten die Gäste beim Flüchtlingsball bestimmt viel mehr Spaß als beim Opernball – ein Polizeiaufgebot um die Ballbesucher vor Demonstranten zu schützen war auch nicht nötig. Für die gute Stimmung sorgten internationale Bands wie die „Wiener Tschuschenkapelle“, die „Amsterdam Klezmer Band“ oder die afghanische Band „HILLA“, denen es mit ihren fetzigen Rhythmen gelang, sogar notorische Tanzmuffel auf die Tanzfläche zu locken. Ebenso bunt wie das Programm waren auch die Gäste: neben Abendkleid und Smoking werden beim Flüchtlingsball - nach dem Motto: „Kleidung beliebig, aber erwünscht“ - Jeans ebenso wie Burnus, Turban oder Sari als angemessene Ballkleidung angesehen.

„Ich will niemanden beleidigen, aber ich finde, dass der Flüchtlingsball der schönste Ball ist, weil da die schönsten Menschen hingehen“, stellte Slavko Ninic, der Frontman der „Wiener Tschuschenkapelle“, fest. „Als Bekenntnis zur hervorragenden Zusammenarbeit mit den vielen Vereinen und NGOs im Asylbereich findet der Flüchtlingsball alljährlich im Wiener Rathaus, das wir den VeranstalterInnen gratis zur Verfügung stellen, statt“, erklärte Sozialstadträtin Sonja Wehsely in ihrer Eröffnungsrede und versprach, dass dies auch nächstes Jahr wieder der Fall sein werde. „Asyl erhalten Menschen in Österreich auf Grund internationaler Verpflichtungen. Die Anerkennung als Flüchtling ist also nicht das Ergebnis politischer Großzügigkeit, sondern eine Selbstverständlichkeit“, betonte die Stadträtin. Als Überraschungsgast war die international bekannte Menschenrechtsaktivistin Bianca Jagger zum Ball gekommen, die in ihrer Rede die Verantwortlichen dazu aufrief, die langjährige Tradition Österreichs fortzusetzen und Flüchtlinge zu unterstützen, anstatt ihnen mit Misstrauen und Ablehnung zu begegnen. Mit dem Aufruf „Lasst uns nicht für eine Nation, eine Partei, eine Religion oder eine Ideologie kämpfen, sondern für unsere gemeinsame Zukunft“ schloss sie ihre Rede. Mit den Worten: „Den Umgang mit Flüchtlingen, wie wir ihn beim Flüchtlingsball zeigen, wünschen wir uns für ganz Österreich“, leitete Willi Resetarits danach zum vergnüglichen Teil des Abends über.

Der Flüchtlingsball war dieses Jahr der Initiative „Flucht ist kein Verbrechen“ (www.fluchtistkeinverbrechen.at) gewidmet, einer Kampagne zur Abschaffung der Schubhaft. Es werden noch Unterschriften gesammelt um 10.000 Unterstützungserklärungen zu erreichen, damit die Petition Ende Februar dem Parlament übergeben werden kann. Die Ballorganisatoren dürfen sich darüber freuen, dass der Reinerlös von 50.000 Euro der Flüchtlingsbetreuung im Integrationshaus zugute kommt. Im Integrationshaus werden durchschnittlich 130 Menschen in Wohnprojekten betreut, in der angeschlossenen „Beratungsstelle für AsylwerberInnen und Flüchtlinge in der Grundversorgung“ werden jährlich mehr als 1200 Personen beraten und in den Bildungsprojekten werden pro Jahr mehr als 1000 Personen in Kursen aus- und weitergebildet. Daneben wird eine Intensivbetreuung für Traumatisierte, Alleinerzieherinnen und unbegleitete minderjährige Flüchtlinge angeboten. Insgesamt müssen pro Jahr ein Viertel des Gesamtbudgets durch Spenden, Sponsoring und Veranstaltungen aufgebracht werden, die Rechtsberatung wird ausschließlich aus Spendengeldern bestritten.

So schon und bunt dieser Abend war, stellt sich die doch Frage, welche Rolle die Flüchtlinge bei diesem Ball spielen. Wer die Ballsäle betrat, stellte sogleich fest, dass die Flüchtlinge unter den Ballgästen klar in der Minderheit waren. Lag es am Eintrittspreis, an der mangelnden Information oder einfach daran, dass die Flüchtlinge andere Probleme haben? Man kann sich jedoch des Eindrucks nicht erwehren, dass die Flüchtlinge hier, wie auch in der Gesellschaft, eher eine passive Rolle spielten. Also nicht so sehr ein Flüchtlingsball, sondern mehr ein Ball für die Freunde der Flüchtlinge? Aber schließlich geht es ja darum, Geld zu sammeln („gutes Gewissen gibt’s gratis“), das haben die Veranstalter auch offen gesagt. Der Flüchtlingsball lädt aber auch ein zum freundschaftlichen Miteinander, was beim gemeinsamen Feiern und Genießen auf solch einem gelungenen Fest sicherlich als das Einfachste und Natürlichste der Welt erscheinen muss. Es wäre traurig, wenn es in einer Stadt wie Wien keinen Flüchtlingsball gäbe, weil sich hier die vielfältigen Gesichter dieser Metropole vereint präsentieren. Ehrenobmann Willi ist auf jeden Fall zufrieden, dass wieder ein Zeichen für die Menschlichkeit gesetzt werden konnte: „So schaut’s aus“! Normal 0 21 false false false MicrosoftInternetExplorer4

erschienen in: Talktogether Nr. 23/2008