Gespräch mit Dalmar aus Somalia Drucken

Gespräch mit Dalmar aus Somalia

"Für die Zukunft wünsche ich mir, in Frieden zu leben, und dass auch in meinem Land der Frieden zurückkehrt und ein Zusammenleben wieder möglich ist. Ich möchte nicht lange ein Flüchtling sein, der sich verstecken muss, ich will für mich und andere Menschen etwas tun können."


Talk Together: Wie war dein Leben in Somalia, bevor der Krieg ausbrach?

Dalmar: Vor dem Krieg habe ich ein schönes Leben gehabt. Wenn man in Frieden lebt, sind die Dinge einfach. Es gab Straßen, Krankenhäuser und die Kinder gingen in die Schule. Nie hätte ich mir vorstellen können, dass ich eines Tages flüchten muss. Mein Vater war Leiter und Verwalter eines "Moowlac", eines religiösen Gemeindezentrums der Sufis.

Talk Together: Wie sah dieses Zentrum aus? Was wurde dort gemacht?

Dalmar: Das Zentrum bestand aus einem ca 100-150 m2 großen Hof, auf der einen Seite gab es eine Moschee, auf der anderen Seite war ein Saal, in dem der Koran vorgelesen wurde, dann gab es noch Wohnräume. In diesem Zentrum waren alle Menschen willkommen, egal woher sie stammten. Menschen, die kein Dach über dem Kopf hatten, konnten auch hier wohnen. Familien mit Kindern bekamen ein Zimmer, für alleinstehende Frauen gab es einen Schlafsaal, die Männer schliefen im Hof. Jeden Abend wurde gemeinsam gegessen und Dikri (religiöse Gesänge) zelebriert, bei Festen wurde gemeinsam gefeiert. Menschen kamen von überall her in unser Zentrum. Finanziert wurde das Zentrum durch Spenden, die Leute brachten auch Getreide, Fleisch oder lebende Tiere. Alles, was wir bekamen, wurde unter den Menschen aufgeteilt. Unter unseren Mitgliedern gab es auch wohlhabende Menschen wie Politiker und Geschäftsleute, durch ihre Spenden konnten z.B. Ausbau- und Renovierungsarbeiten finanziert werden.

Talk Together: Welche Einstellung haben die Sufis?

Dalmar: Die Tradition der Sufis gibt es in Somalia seit dem 15. Jahrhundert und ist im Volk stark verwurzelt. In Somalia gibt es verschiedene Sufi Schulen. Der Unterschied zwischen Sufis und Fundamentalisten ist riesengroß. Die Sufis sind viel liberaler und offener. Während die Fundamentalisten nur Vorschriften und Verbote kennen, stehen bei uns Gemeinschaft und Menschlichkeit im Vordergrund. Wir suchen den Weg zu Gott nicht durch Angst oder Strafe, sondern mit unserem Herzen. Bei uns war jeder willkommen und akzeptiert, ganz gleich, aus welcher Familie er stammte, ob ein Mann Bart trug oder nicht, ob eine Frau Kopftuch trug oder nicht, bei uns wurde niemand diskriminiert, verurteilt oder gar ausgeschlossen, so lange er nicht der Gemeinschaft Schaden zufügte. Es musste schon ein schwerwiegender Grund vorliegen, wenn wir jemanden wegschickten. Was uns aber vor allem von den Fundamentalisten unterscheidet ist, dass wir jede Gewalt ablehnen.

Talk Together: Wie habt ihr die Zeit der Machtkämpfe zwischen den Clanchefs überstanden?

Dalmar: Da unser Zentrum keinem Clan nahe stand und für alle offen war, wurden wir von diesen Kämpfen weitgehend verschont. Es gab schon manchmal Angriffe, wenn sich z.B. irgendwelche Milizen bei uns versteckt hatten, im Großen und Ganzen wurde unser Zentrum respektiert. Natürlich war es eine harte Zeit, die Leute benötigen jetzt Hilfe mehr als je zuvor. Bevor mein Vater starb, hat er mir die Leitung des Zentrums übertragen. Damit habe ich eine Verantwortung übernommen. Ich musste ihm versprechen, nicht zu flüchten und die Gemeinde nicht im Stich zu lassen.

Talk Together: Seit wann gibt es die Fundamentalisten in Somalia?

Dalmar: Angefangen hat das schon in den 1980er Jahren. Sie bekamen viel Geld aus arabischen Ländern. Sie nützten das Chaos während des Bürgerkrieges aus. Die Menschen waren durch den Krieg verarmt, da die Fundamentalisten finanzielle Mittel zur Verfügung hatten, gelang es ihnen, Anhänger zu gewinnen. Aber erst 2000 sind sie so dominant geworden und begannen, alle zu bedrohen, die eine andere Einstellung haben als sie.

Talk Together: Was hat sie an eurem Zentrum so gestört?

Dalmar: Die Fundamentalisten akzeptieren nur Menschen, die genauso denken wie sie. Unsere Lebensweise und die Weise, wie wir die Religion praktizieren, ist in ihren Augen falsch. Vor allem störte sie, dass bei uns Frauen und Männer gemeinsam essen und trinken, auch unsere Feiern und das Singen stört sie, und dass wir tolerant sind. Bei ihnen gibt es nicht so ein Gemeinschaftsgefühl wie bei uns, sie gehen zum Beten in die Moschee, aber danach geht jeder schnell nach Hause.

Talk Together: Was ist dann mit eurem Zentrum passiert?

Dalmar: Als die Fundamentalisten die Macht in Mogadischu übernahmen, begannen sie, alle Sufi-Zentren zu zerstören. Sie kamen auch zu uns und drohten mir, dass sie mich töten würden, wenn ich mich ihren Forderungen nicht unterwerfe. Doch wie könnte ich die Leute, die von mir abhängig waren, einfach im Stich lassen. Die meisten hatten doch keinen anderen Platz, wo sie hingehen konnten. Außerdem wollte ich meine Überzeugung nicht verraten, deshalb weigerte ich mich, das Zentrum aufzugeben. Dann überfielen sie uns eines Nachts, während alle schliefen. Da bei uns alle unbewaffnet waren, hatten wir keine Chance, uns gegen sie zu verteidigen. Da ich wusste, dass sie es auf mich abgesehen hatten, blieb mir keine Wahl, als mein Leben zu retten, meine Familie zurückzulassen und das Land zu verlassen.

Talk Together: Wie beurteilst du die Lage in Somalia heute?

Dalmar: Unser Land befindet sich ein einer sehr schlechten Lage. Wir haben gehofft, die Menschen hätten aus der bitteren Erfahrung gelernt, doch leider haben gewisse Leute unser Land wieder in eine ähnlich aussichtslose Situation zurückgebracht wie am Anfang der 1990er Jahre. Wir sind ein Volk, wir haben die gleiche Sprache, die gleiche Religion, warum sollte ein Frieden unmöglich sein? Der einzige Ausweg aus der Misere wäre, wenn die Gebildeten, die Intellektuellen sich an einen Tisch setzten und eine Lösung auf dem Verhandlungsweg suchten. Der Weg zum Frieden kann nur mit dem Kugelschreiber, nicht aber mit dem Gewehr gefunden werden. Der Krieg wird von bestimmten Gruppen ausgelöst, die die Macht mit Gewalt an sich reißen wollen, und die alle von ausländischen Interessengruppen finanziert werden. Die Taktik dieser Leute ist es, die Bevölkerung zu spalten, weil sie genau wissen, dass sie keine Chance hätten, wenn die Menschen zusammenkämen.

Talk Together: Kannst du uns eine schöne Erinnerung erzählen?

Dalmar: Für mich ist es heute eine der schönsten Erinnerungen, als ich mit Freunden von einer Theateraufführung auf dem Nachhauseweg war und wir über das Stück diskutierten - ohne Panzer, ohne Angst. Wie lange wird es dauern, bis wir in Somalia wieder so leben können? Gerne erinnere ich mich auch das Id-Fest im Jahr 1987. Unser Zentrum hatte viele Spenden bekommen, die wir an die Menschen weitergeben konnten. Wir haben gemeinsam gefeiert, und die Menschen waren glücklich. Dieser Tag ist für mich unvergesslich geblieben.

Talk Together: Welche Wünsche hast du für die Zukunft?

Dalmar: Für die Zukunft wünsche ich mir, in Frieden zu leben, dass in mein Land der Frieden zurückkehrt, damit ein Zusammenleben wieder möglich ist. Ich möchte nicht lange ein Flüchtling sein, der sich verstecken muss, ich will für mich und andere Menschen etwas tun können. Nach den vielen Gefahren, die ich in meinem Land und auf der Flucht erlebt hatte, kann ich jetzt endlich ruhig schlafen. Aber ich vermisse meine Frau und meine Kinder, jede Nacht träume ich von ihnen. Ich wünsche mir, sie bald wieder in meine Arme schließen zu können.

Ich appelliere an die österreichische Regierung, mit den Flüchtlingen menschlich umzugehen und anzuerkennen, dass wir gezwungen waren, unser Land zu verlassen. Wenn ich in meinem Land in Frieden leben könnte, würde ich nirgendwo anders hingehen. Gleichzeitig bedanke ich mich aber auch bei der österreichischen Bevölkerung, dass wir hier ohne Bedrohung leben können.

Talk Together: Vielen Dank für das Gespräch!

erschienen in: Talktogether Nr. 20/2007