Anti WTO-Protest: Cancún Drucken

Konfrontation in Cancún

Tausende protestierten gegen die WTO und die kapitalistische Globalisierung

Vom 9. bis 14. September 2003 verwandelte sich der Badeort Cancún an der mexikanischen Karibikküste in eine Kampfzone gegen den globalisierten Kapitalismus. Die gesamte Hotel- und Touristenzone, Kilometer vom Konferenzzentrum entfernt, wurde hermetisch abgeriegelt. Es gibt einen großen Kontrast zwischen der wohlhabenden Hotelzone und dem Teil von Cancún, wo die armen Menschen, die Arbeiterfamilien leben. Die ganze Stadt war an diesen Tagen erfüllt von verschiedenen Protestaktionen, Foren und kulturellen Aktionen. Tausende Menschen aus aller Welt kamen hier zusammen, um ihren Widerstand gegen die Politik der WTO auszudrücken: Kleinbauern aus Mexiko, Mittelamerika und Südkorea, AktivistInnen aus Europa, Kanada, USA, Australien und den Philippinen. Während diesen Tagen des Protests entwickelte sich ein Gefühl der Gemeinsamkeit zwischen Menschen aus den verschiedenen Ländern, und sowohl geographische als auch nationale und kulturelle Grenzen konnten dabei überwunden werden.

Marsch der Campesinos und Kleinbauern

Ein Höhepunkt war der Marsch von 15.000 Bauern und Bäuerinnen am 10. September. Die koreanische Delegation wurde von Trommlern angeführt und setzte sich aus Vertretern der "Korean Farmers League", von Gewerkschaften und anderen sozialen Bewegungen zusammen, die zusammen mehr als 700.000 Menschen repräsentieren. Campesinos aus Chiapas und anderen mexikanischen Regionen marschierten in ihren bunten Gewändern auf und protestierten gegen die Zerstörung ihrer natürlichen Feldfrüchte und den Einsatz von giftigen Chemikalien. Sie riefen "Zapata vive vive, la lucha sigue sigue!" (Zapata lebt, der Kampf geht weiter). Die DemonstrantInnen verlangen den Zutritt in die abgesperrte Zone. Der wurde ihnen von der Polizei verweigert und es kam zu Kämpfen. "Es macht mich verrückt, dass die Polizei uns alles wegnehmen kann, was wir haben ... Wir machen nur, was sie tun und schlagen zurück. Sie prügeln uns, als ob wir Tiere wären", sagte ein wütender Campesino.

"Todos somos Lee"

Nachdem die Bauernkarawane bei der Polizeibarrikade ankam, kletterte der 50-jährige koreanische Bauer Lee Kyung Hae auf den Zaun und stach sich selbst einen Dolch ins Herz. Um seinen Hals hing ein Schild mit der Aufschrift "WTO tötet Bauern". Er wurde durch die Menge getragen und starb später an seinen Verletzungen. Die Menschen waren geschockt und traurig über Lees Tod. An den nächsten Tagen wurden Gedenkfeiern gehalten. "Todos somos Lee" (Wir sind alle Lee), riefen Tausende Menschen. Die südkoreanische Delegation macht die WTO und das globale Kapital für den Tod Lees verantwortlich. Die Handelsliberalisierung hat den Ruin der koreanischen Reisbauern verursacht, weil der Markt mit dem billigen Reis der Agro-Konzerne überschwemmt wurde.

Marsch gegen Globalisierung und Krieg

Am 13. September waren die DemonstranInnen wieder auf der Straße um gegen die kapitalistische Globalisierung und die imperialistischen Kriege zu protestieren. "Das sind Teile des gleichen Prozesses, es ist der Prozess einer militarisierten Globalisierung", sagte eine koreanische Aktivistin. Eine internationale Frauengruppe, die mit Hammer, Brecheisen und Bolzenschneidern ausgerüstet war, begann den Zaun aufzuschneiden. Gemeinsam gelang es den Aktivisten, einen großen Teil des Zaunes nieder zu reißen.

Der Kampf geht weiter

Auch wenn die Konferenz in Cancún gescheitert ist, ist der Kampf noch lange nicht zu Ende. Das Leben unter der Herrschaft des Kapitals bedeutet für Milliarden Menschen auf diesem Planeten Armut, Elend und Tod. Die globalen Unterdrücker werden weiter versuchen, ihre imperialistische Kontrolle über die Landwirtschaft und die Lebensmittelversorgung in den armen Ländern zu intensivieren und weitere Privatisierungen durchzusetzen, die ihren Konzernen ermöglichen, alles zu verschlingen um noch mehr Gewinne aus der Industrie der unterdrücken Nationen zu ziehen und ihren natürlichen Reichtum aufzusaugen.


„Wir brauchen Gerechtigkeit!“

Bauernproteste in Indien

Gleichzeitig mit den Demonstrationen in Cancún fanden auch weltweit Proteste statt. In Indien hatten u.a. die Bauernorganisation KRRS, die mehr als eine Million Mitglieder hat und die Dalit Sangharsh Samithi (DSS) zu einer Demonstration in Bangalore am 10. September aufgerufen. Die DemonstranInnen reisten aus allen Teilen des Bundesstaates an. Mit Fahnen und Transparenten marschierten sie vom Bahnhof in die Innenstadt. Es wurden Lieder gesungen, Reden gehalten und Theaterstücke aufgeführt. Trotz Versuchen der Polizei, die Demonstranten auseinander zu treiben, erreichten 35.000 Menschen den Mahatma Gandhi Park, wo die Abschlusskundgebung stattfand. Mitglieder der DSS trugen Schlingen um ihren Hals, um auf die alarmierende Zunahme von Selbstmorden bei Bauernfamilien aufmerksam zu machen und riefen den Slogan „Wir müssen Gerechtigkeit haben!“ "Die Bauern müssen faire Preise für ihre Produkte bekommen!" und "Die multinationalen Konzerne müssen raus aus Indien!" lautenden die Forderungen. H.S. Masti aus dem Bagalkot District sagte: "Importierte Waren werden zu niedrigen Preisen verkauft, das macht unsere Produkte wertlos. Das betrifft nicht nur die Bauern, sondern alle Kleinproduzenten in unseren Dörfern. Sie sind von den Bauern abhängig, wenn diese sterben, sterben auch sie. Wie sollen wir andere ernähren, wenn wir uns nicht mehr selbst ernähren können? Genmanipuliertes Saatgut hat unsere Böden und die Nahrung vergiftet. Doch unser Vieh kann den Gen-Mais nicht fressen und viele Tiere in der Gegend, wo genmanipulierte Baumwolle angepflanzt wurde, sind gestorben. So ein System wollen wir nicht!" Die Proteste richten sich vor allem gegen die Agrarpolitik der WTO. Die von Weltbank und IWF aufgezwungene Liberalisierung des Marktes ermöglichte multinationalen Agrarkonzernen in Indien eine Reihe von Saatgutfirmen aufzukaufen. Seit die Biotechnologiekonzerne das Geschäft mit Saatgut, Düngemittel und Pestiziden dominieren, steigen die Preise dieser "Wundermittel" stetig, während der Erlös für die Erzeugnisse stagniert oder gar sinkt. Wenn die Bauern und Bäuerinnen die Falle bemerken, ist es meist zu spät: die Erde ist ausgelaugt, die Pflanzen sind anfälliger geworden und vor der Tür stehen die Geldverleiher, die den Erwerb des Saatguts oder der Maschinen ermöglicht haben und fordern Zins und Tilgung. Während einerseits die BäuerInnen nicht mehr von ihren Produkten leben können, kann sich der Rest der ärmeren Bevölkerung die Grundnahrungsmittel kaum noch leisten. So hat sich beispielsweise der Preis von Zwiebeln, einem der wichtigsten Grundnahrungsmittel für die arme Bevölkerung, durch die Deregulierung verdreifacht. „Die Selbstmorde von Bauern und die Liberalisierung stehen in direktem Zusammenhang“, sagt Professor Najundaswamy, der Präsident der KRRS. „Das begann 1995. Vorher kannten wir keine Massenselbstmorde in Karnataka und anderen Staaten. (…) Jetzt fordern wir, dass Indien aus der WTO austritt, und außerdem in Solidarität mit den anderen Bauernorganisationen auf der ganzen Welt, dass der Bereich Lebensmittel und Landwirtschaft gänzlich aus der WTO zurückgezogen wird“.

Quelle: Shalmali Guttal, Bangalore 10.9.2003, Indymedia

Das Scheitern der WTO-Verhandlungen in Cancún:

Die Eliten WTO-Mitgliedsstaaten trafen sich in Cancún um über die Zukunft der Welt zu beraten und über Leben und Tod von Millionen von Menschen zu entscheiden. Dies wird in erschreckender Weise am Beispiel der von der Pharmaindustrie betriebenen Kampagne gegen erschwingliche Aids-Medikamente für die armen Länder sichtbar. Weiters war geplant, mit dem GATS-Abkommen zu erzwingen, dass öffentliches Allgemeingut wie Wasser, Bildung und Gesundheits- und Energieversorgung privatisiert und Profitinteressen untergeordnet werden. Wichtigster Streitpunkt waren die Agrarsubventionen und Schutzzölle, mit denen sich die Industrienationen vor billigen Importen aus den armen Ländern dieser Welt abschirmen. Solange die Industrieländer an der Praxis festhalten, haben die Entwicklungsländer auf den Märkten der EU, der USA oder Japan kaum eine Chance. Unter der Führung von Indien, Brasilien und China verlangte ein großer Block von Entwicklungsländern deshalb von den Ländern des Nordens, ihre Agrarsubventionen abzubauen. "Unsere Exportanstrengungen werden nicht fruchten, wenn die reichen Länder weiter Freihandel predigen, aber Protektionismus betreiben", sagte der brasilianische Präsident Lula da Silva vor der großen Konferenz.

Andrerseits verlangen die Industriemächte, die sich die Märkte der Dritten Welt erschließen wollen, weitreichende Zugeständnisse von den armen Ländern. So sollen Entwicklungsländer die Zölle auf Industriegüter senken, auf die Förderung heimischer Industrien verzichten und bei öffentlichen Aufträgen, Steuern oder Zöllen den Konzernen des Nordens volle Gleichbehandlung einräumen. Durch die Privatisierung staatlicher Betriebe soll den kapitalistischen Konzernen Kontrolle über die Industrie und die Ressourcen der Länder des Südens gewährt werden. Da die Industrienationen nicht bereit waren, auf die Forderungen der sog. „Entwicklungsländer“ einzugehen, verließ die Delegation aus Kenia wütend die Konferenz. Damit sind die Verhandlungen der WTO zum zweiten Mal nach Seattle zusammengebrochen. Sicher haben die Massen mit ihrem entschlossenen Protest Druck auf ihre Regierungsvertreter ausgeübt und damit zum Scheitern der Konferenz beigetragen. "Lieber gar kein Abkommen als ein schlechtes Abkommen", kommentierten Vertreter von Nichtregierungsorganisationen ihre Freude über das Scheitern der Verhandlungen.

erschienen in: Talktogether Nr. 6/2003