Internationale Beziehungen: Drucken

Prinzip der Gegenseitigkeit oder Prinzip der Überlegenheit?

von Luis Alfredo Duarte Herrera
(Übersetzung: Judith Moser-Kroiss)

Früher wurde an den juridischen Fakultäten der lateinamerikanischen Universitäten in Bezug auf internationales Recht gelehrt, dass die grundlegende Basis zwischenstaatlicher Beziehungen auf dem Prinzip der Gegenseitigkeit beruhe, was bedeutet, dass kein Staat gezwungen ist, einem anderen Land mehr Absagen zu erteilen und/oder mehr Konzessionen zu machen als umgekehrt. Nur durch entsprechendes Verständnis und Umsetzung einer solchen Grundlage ist es einer Nation möglich, den nötigen Grad an Reife, Stolz und Würde zu erlangen, um Teil einer internationalen demokratischen Gemeinschaft sein zu können. Das Prinzip der Gegenseitigkeit ist eng mit der direkten Ausübung der Souveränität verknüpft, die jeder Staat genießt. Das Prinzip der Gegenseitigkeit schafft die Voraussetzung eines Mindestmaßes an Verteidigung, Gerechtigkeit und Gleichwertigkeit, worauf ein Volk Anrecht hat. Das Prinzip der Gegenseitigkeit formt eine fundamentale psychologische Voraussetzung für die Bewohner eines gegebenen Territoriums: durch seine angemessene und ständige Anwendung erlangen die Bewohner die nötige Selbstsicherheit und den notwendigen Stolz, um sich ihren realen Beziehungen mit den übrigen Bewohnern dieses Planeten – wer auch immer sie sein mögen - auf einer Ebene der Gleichheit und des Gleichgewichts zu stellen.

Die Kolonialmächte haben im Lauf der Geschichte in ihren Beziehungen zu abhängigen Staaten Toilettenpapier aus dem Prinzip der Gegenseitigkeit gemacht, indem sie an seine Stelle und zu ihrem Vorteil das „Prinzip der Überlegenheit“ gesetzt haben, das heute mit noch größerem Nachdruck durch die Krise der Werte wirkt, die aus der Konfrontation der Welt mit dem Neoliberalismus entstanden ist.

Die imperialistische Doktrin der Vereinigten Staaten in ihren internationalen Beziehungen macht Schule in den reichen Ländern. Bürger aus Industriestaaten benötigen keinerlei Visum, um ein beliebiges Land dieser Welt zu bereisen, es genügt, ein Flugticket zu kaufen, um die Reise- oder Abenteuerlust zu stillen; im Gegensatz dazu benötigen Bewohner von Ländern der Dritten Welt eine ungeheuere Anzahl an Formularen, Dokumenten, speziellen Versicherungen, Nachweisen für die eigene Zahlungsfähigkeit, die von Freunden oder Verwandten, Fotos, müssen lange Warteschlangen und/oder Wartezeiten sowie zahlreiche Amtswege in Kauf nehmen, um schließlich ein Visum zu erhalten, damit sie dann noch - sozusagen nebenbei - die Früchte der Ausbeutung jener Länder sehen können, die im Laufe der Kolonialgeschichte verarmten. Es wird davon ausgegangen, dass die Bewohner der reichen Länder allesamt ehrenwerte Menschen sind, während die Bewohner der Dritten Welt als Kriminelle betrachtet werden, sofern sie nicht durch Zertifikate der entsprechenden Sicherheitsbehörden und besondere Einschätzungen der Konsulate das Gegenteil beweisen.

Im Bezug auf die Produkte sieht es so aus, dass die reichen Länder das Recht haben, ohne größere Widerstände alles zu exportieren, was sie wollen - bis hin zu ihren hochgiftigen und gefährlichen Abfällen; die armen Länder hingegen müssen, um etwas exportieren zu können, eine endlose Serie von Bedingungen erfüllen und Schwierigkeiten überwinden, die generell nur von den multinationalen Konzernen bewältigt werden können, die sich in jenen Gebieten einnisten, um sich an den hohen Gewinnen zu bereichern, die durch billige Arbeitskräfte und Input entstehen.

Der Planet gehört den Bürgern der reichen Länder; für sie wird eine offene und transparente, vollkommen freie Welt geschaffen, ohne Grenzen, in bar oder auf Kredit zum niedrigst möglichen Preis erhältlich. Diesen Bürgern wird das Recht gegeben, auf jedem Flecken der Erde überlegen zu sein und sich überlegen zu fühlen. Die Bewohner der Kolonien hingegen leben in einer Welt voller Hindernisse und Barrieren, mit immer dichteren und unüberwindlichen Grenzen, mit den höchsten Preisen des Welt-„Marktes“ und extrem beschränkten Krediten, wo der Grad der Freiheit unmittelbar mit den wirtschaftlichen Möglichkeiten verknüpft ist, aber auch mit einer Reihe unwegsamer Pfade, die direkt den haarsträubendsten Terror- und Fantasiegeschichten entsprungen sein könnten. Nach all diesen Widrigkeiten und Erniedrigungen, denen sie auf ihrem Weg in die „Freiheit“ ausgesetzt sind, bin ich nicht sicher, ob den Bürgern der Kolonialstaaten noch ein Funken Schneid und Selbstbewusstsein im Kontakt mit ihren Mitmenschen aus der „entwickelten Welt“ bleibt.

Die Sklavenhaltergesellschaften und die feudalen Gesellschaften zeigen, dass die Unterwerfung der Sklaven und der Untergebenen nicht auf der rein physiologischen Ebene der Machtausübung bleiben kann; um Verhältnisse von Unterdrückung und Macht zu schaffen, ist es nötig, dass die Sklaven und Untertanen ihre physische, ganz besonders aber auch ihre psychologische Unterlegenheit in Bezug auf ihre Herren akzeptieren. Die moderne Welt, trotz ihrer technologischen Fortschritte, wird nach wie vor getragen von dieser psychologischen Unterdrückung, die sich sehr effektiv auch auf die Anknüpfung von Beziehungen, Geschäften und sonstigen Aufgaben des täglichen Lebens auswirkt, das jene als „Demokratie“ bezeichnen, die die Macht innehaben.

Sind die reichen Länder Schuld an dieser unseligen „Demokratie“, von der die internationalen Beziehungen beherrscht werden? Ja, ohne Zweifel, sie bestimmen, dass die Dinge so sein sollen; aber größere Schuld tragen die Regierenden in den Kolonien, jene Personen, denen es an Würde und Charakterfestigkeit fehlt, die so viel von Überheblichkeit und Geringschätzung ihren eigenen Mitbürgern gegenüber wissen, die aber in der internationalen Welt auf Knien über harte Marmorfußböden rutschen, um die Krümel aufzusammeln, die von den Tischen der allmächtigen Industriestaaten abfallen. Und noch größere Schuld tragen jene Bürger, die in den Kolonien diese unseligen Personen in die Regierung wählen, damit sie ihre Interessen vor der so genannten „Internationalen Gemeinschaft“ vertreten.

erschienen in: Talktogether Nr. 6/2003