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In Erinnerung an Victor Jara

1938-1973

 
Wandmalerei von Victor Jara in Santiago, Chile. Foto: Rec59 - creative commons

"Victor Jara war ein Künstler. Er war einer von uns. Die Trauer über unseren toten Helden macht ihn nicht wieder lebendig. Aber die Erfüllung seines Traumes von einer Welt der Menschlichkeit, der Liebe und des Friedens wird ihn unsterblich machen." Harry Belafonte

Victor Jara wurde im Jahre 1938 in Loquen, eine kleinen Stadt in der Nähe von Santiago, als Sohn einer Wäscherin und eines Landarbeiters geboren. Seine Mutter Amanda brachte im das Gitarrespielen bei und lehrte ihn die Volkslieder Chiles. Nachdem der Vater die Familie verlassen hatte, zog sie Victor und seine Geschwister alleine auf. Durch ihre harte Arbeit ermöglichte sie Victor die Schulausbildung, doch leider starb sie, als Victor erst 15 Jahre alt war. Dank seines Talents und seines Willens schaffte er es trotzdem, sein Studium an der Theater-Schule der Universität von Chile zu absolvieren. Er wurde ein bekannter Schauspieler und Regisseur. Mit der Zeit machte er sich auch als Sänger und Liedermacher einen Namen, zuerst mit traditionellen Liedern, später auch mit eigenen, politischen Chansons.

Die Lieder Victor Jaras beschäftigen sich mit den Gedanken und Problemen der einfachen Menschen in Chile. Er empfand große Liebe für die hart arbeitenden Menschen der kleinen Städte und Dörfer und viele seiner Lieder handeln vom Leben dieser Menschen. Aus Liebe zu seinem Land, kritisierte er die Ungerechtigkeit und die politischen Skandale der chilenischen Gesellschaft. Jara unterstützte nicht nur die Unidad Popular im Wahlkampf, er wurde zur Stimme der Hoffnung des chilenischen Volkes auf Freiheit und Gerechtigkeit.

Während des Putsches von Pinochet im Jahre 1973 wurde Victor Jara zusammen mit Tausenden ins Fußballstadion von Santiago de Chile gesperrt. Als er mit seiner Gitarre zum Singen ansetzte, hackten die Wächter dem Musiker die Hände ab. Er sang trotzdem weiter und wurde schließlich erschossen und sein Leichnam, durchsiebt von Schusswunden, im Stadion verscharrt. Aber ihr Ziel, die Stimme Victor Jaras zum Schweigen zu bringen, haben die Folterknechte des Faschismus nicht erreicht. Der Geist dieses Märtyrers der Menschlichkeit wird unvergesslich bleiben und fortleben, solange man seine Lieder singt.


Es sind fünftausend von uns hier
in diesem kleinen Stückchen Stadt.
Wir sind fünftausend.
Ich wüsste gern, wie viele wir sind
in den Städten und im ganzen Land?
Hier allein
sind zehntausend Hände, die pflanzen
und die Fabriken betreiben.
Wie viel Menschlichkeit
ausgesetzt dem Hunger, der Kälte,
der Angst, der Qual,
der Unterdrückung, dem Terror, dem Wahnsinn?
Sechs von uns sind verloren
wie im Weltraum.

Einer tot, einer geschlagen,
wie ich nie geglaubt hätte,
dass ein Menschenwesen geschlagen werden kann.
Die anderen vier wollten ihre Qualen beenden -
einer sprang ins Nichts,
einer schlug den Kopf gegen die Mauer,
aber alle mit dem starren Blick des Todes.
Was für ein Grauen die Fratze des Faschismus schafft!
Sie führen ihre Pläne mit
der Präzision von Messern aus.
Ihnen ist alles gleich.
Für sie ist Blut wie ein Orden,
Schlächterei eine Heldentat.

O Gott, ist das die Welt, die du geschaffen hast?
Dafür deine sieben Tage voll Wunder und Taten?
In diesen vier Wänden gibt es nur eine Zahl,
die sich nicht vermehrt.
Die sich mehr und mehr nach dem Tode sehnt.
Aber plötzlich erwacht mein Gewissen
und ich sehe diesen Strom ohne Herzklopfen,
nur den Rhythmus von Maschinen und die Militärs,
die ihre Hebammen-Gesichter aufsetzen,
voller Zärtlichkeit.

Lasst Mexico, Cuba und die Welt
gegen diese Schändlichkeit protestieren!
Wir sind zehntausend Hände,
die nichts produzieren können.
Wie viele von uns im ganzen Land?
Das Blut unseres Präsidenten, unseres compañeros,
wird kühner kämpfen als Bomben und Maschinengewehre!
Auch unsere Faust wird wieder kämpfen.

Wie schwer ist das Singen,
wenn ich den Schrecken singen muss.
Den Schrecken, den ich lebe,
den Schrecken, den ich sterbe.
Mich selbst unter so vielen sehen
und so viele Augenblicke der Unendlichkeit,
in denen Schweigen und Schreie
das Ende meines Gesanges sind.
Was ich sehe, habe ich nie gesehen.
Was ich gefühlt habe und was ich fühle, wird den Augenblick erschaffen ...

Victor Jaras letztes Gedicht, geschrieben vor seinem Tod im Fußballstadion
von Santiago de Chile im September 1973
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erschienen in: Talktogether Nr. 6/2003