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Gespräch im Infoladen Salzburg

Talk Together: Wie ist der Infoladen entstanden?

F.: Es begann bei den Vorbereitungen zur Demonstration gegen den WEF-Gipfel in Salzburg 2002. Da haben wir Versammlungen abgehalten. Damals haben wir angefangen miteinander zu arbeiten. Während der Proteste haben wir Leute aus Wels kennen gelernt, die dort einen Infoladen eröffnet haben. Da sind wir auf die Idee gekommen, so etwas auch in Salzburg zu machen. Wir haben dann einen Verein angemeldet und noch Leute gesucht, die mit uns arbeiten wollen. Am Anfang waren wir nur zu sechst, und es ist natürlich finanziell leichter, wenn wir mehrere sind. Wir haben dann ziemlich lang nach einem günstigen Lokal gesucht und schließlich das hier in der Lasserstraße gefunden. Von Anfang an wollten wir unabhängig sein und kommen ohne jegliche Subventionen aus. Wir hatten Angst, sonst in unseren Handlungen eingeschränkt zu sein.

Talk Together: Was sind eure Ziele?

F.: Unser Ziel ist vor allem, dass der Infoladen ein Anlaufpunkt für Leute ist, die etwas organisieren wollen. Er soll ein Treffpunkt sein, nicht nur für die Leute vom Verein, sondern für alle, die interessiert sind. Unsere Zielgruppe sind vor allem jüngere Leute. Wir bieten den Infoladen aber auch anderen Gruppen an, um hier Treffen abzuhalten, denn wir haben selbst die Erfahrung gemacht, wie schwer es ist, wenn man etwas organisieren will und keine Räumlichkeiten zur Verfügung hat.

Talk Together: Mit welchen Gruppen arbeitet ihr zusammen?

F.: Wir wollen mit allen Gruppen und Organisationen zusammenarbeiten, die sich mit der antikapitalistischen oder der antifaschistischen Bewegung auseinandersetzen.

Talk Together: Für welche Themen engagiert ihr euch, welche Aktionen macht ihr?

F.: Das hängt von der Aktualität ab. Am 20. Juni waren wir an einer Aktion und der Organisation einer Demo zum Weltflüchtlingstag beteiligt. Am 20. Juli planen wir eine Aktion anlässlich des Todestages von Carlo Guiliani, der bei den Protesten gegen das G-8 Treffen in Genua von Polizisten getötet wurde und am 24. Juli ein Fest am Alten Markt, das ist eine Solidaritätsaktion für die Leute, die beim EU-Gipfel in Thessaloniki verhaftet wurden. Wenn jemand eine Idee hat, diskutieren wir darüber. Wir organisieren auch Konzerte, denn in Salzburg gibt es kaum etwas, das vom Mainstream abweicht.

M.: Wir haben auch eine Frauengruppe, die sich gegen Frauenunterdrückung und Sexismus engagiert. Wir verteilen Flugblätter an den Schulen und informieren über Stellen, wohin sich Frauen wenden können, wenn sie sich gegen sexistische Angriffe wehren wollen. Momentan sind wir noch sehr mit dem Aufbau beschäftigt, aber wir planen feste Strukturen zu schaffen.

Talk Together: Welche politische Richtung vertretet ihr persönlich?

F.: Ich sehe mich am ehesten als Anarchist.

Talk Together: Was verstehst du darunter?

F.: Mir ist aufgefallen, dass es auch in „linken“ Organisationen extrem hierarchische Strukturen gibt und dass auch dort Frauen unterrepräsentiert sind oder nicht ernst genommen werden. Dem wollen wir entgegentreten. Vielen Leuten ist gar nicht bewusst, dass ihr Denken frauenfeindlich ist. Ich denke, dass es wichtig ist, darüber zu diskutieren.

M.: Ich kann dem nur zustimmen. Es ist eine Tatsache, dass Frauen diskriminiert sind, aber vielen ist das gar nicht bewusst. Für mich ist wichtig, dass alle Menschen gleich respektiert werden, egal ob Frau oder Mann oder welcher Rasse oder Religion ein Mensch angehört...

V.: Das Wort Rasse gefällt mir nicht, ich finde, dass sollte man nicht für Menschen verwenden.

Talk Together: Was könnte man stattdessen sagen?

V: Vielleicht verschiedene Hautfarben, verschiedene Herkunft ... Wenn jemand schwarz ist, muss er aber nicht unbedingt aus Afrika sein, es gibt auch ÖsterreicherInnen mit schwarzer Hautfarbe. Es hängt immer davon ab, von wem man spricht.

Talk Together: Wie geht ihr um mit Leuten, die solche Meinungen vertreten?

M.: Wir versuchen darauf aufmerksam zu machen und dieses Problem bewusst zu machen. Bei Diskussionen versuchen wir immer auf jede einzelne Person einzugehen, auf jede Meinung einzugehen und niemand zu benachteiligen oder zu diskriminieren. Bei unseren Treffen versuchen wir, den ganzen Aufbau unserer Diskussionen so zu gestalten, dass wir sexistischer Diskriminierung entgegentreten. Wenn zu uns Leute kommen, die solche Meinungen vertreten oder sexistische Äußerungen von sich geben, machen wir sie darauf aufmerksam und versuchen mit ihnen darüber zu diskutieren. Es gibt ja viele Fälle, auch in unserem Bekanntenkreis, wo Frauen von ihren Männern oder Freunden geschlagen werden.

Talk Together: Gibt es nur Männer, die Frauen misshandeln?

M.: Natürlich gibt es auch Frauen, die Männer misshandeln, das kann ja auch psychisch sein. Ich bin gegen jede Form von Misshandlung. Es kommt aber auf die Situation an. Sicher ist es ein Unterschied, wenn eine Frau einem Mann eine Ohrfeige gibt um sich zu wehren, oder ob ein körperlich viel stärkerer Mann, eine schwächere Frau schlägt. Das ist viel schlimmer, weil sich die Frau nicht dagegen wehren kann.

V.: Ich finde es überhaupt schlecht, wenn sich jemand statt durch Argumente mit Schlägen durchsetzen will.

F.: Auch wenn Leute zu uns kommen, die extreme Ansichten gegen Homosexuelle äußern, versuchen wir mit ihnen darüber zu diskutieren und sie davon zu überzeugen, dass ihre Ansichten falsch sind. Wenn das allerdings keinen Sinn hat und sie nicht bereit sind, über ihre Ansichten nachzudenken, ist es uns lieber, wenn sie nicht mehr zu uns kommen.

M.: Man merkt ja eh gleich, wenn man mit jemand spricht, ob die Person bereit ist, auf die Diskussion einzugehen, oder ob sie darüber nicht nachdenken will. Ich will den Leuten nicht einreden, dass sie sich unbedingt ändern müssen, sondern sie anregen, über ihre Meinungen nachzudenken. Bei manchen merkt man dann schon, dass sie sich durch die Gespräche verändern. Gegen Leute, die bereit sind, etwas zu lernen, habe ich überhaupt nichts einzuwenden.

Talk Together: Wenn die Menschen verschiedene Meinungen haben, wie kann man eine gemeinsame Basis finden?

M.: Für mich ist Toleranz wichtig, dass man auch andere Meinungen akzeptieren kann.

Talk Together: Wie weit kann die Toleranz gehen?

M.: Nur soweit wie die andere Person auch bereit ist, andere zu akzeptieren. Das ist bei Faschisten nicht der Fall.

F.: Mit Menschen, die andere Meinungen oder Lebensweisen nicht tolerieren können, habe ich ein Problem. Ich hatte vor kurzem bei einem Reggae Konzert eine heftige Diskussion mit einem Reggae-Fan, der hat extremste Ansichten, was Homosexuelle betrifft. Es gibt auch ein paar Reggae Sänger, die Texte haben, die extrem diskriminierend gegen Homosexuelle sind und mit den ausländerfeindlichen Texten von Neonazi-Bands gleichgesetzt werden könnten. Das hat mich sehr schockiert, denn ich habe immer gedacht, dass die Reggae-Kultur eine sehr tolerante Kultur bzw. Religion ist.

Talk Together: Es gibt unter den jungen Anarchisten manche, die z.B. Militärstiefel tragen. Was hat das zu bedeuten?

M.: Man sollte Leute nicht nach ihrer Kleidung beurteilen, dass sind ja Äußerlichkeiten.

Talk Together: Aber man will doch mit der Kleidung auch etwas ausdrücken oder ist das nur eine Mode?

F: Ich trage auch manchmal solche Kleidung. Ich will damit ausdrücken, dass ich mich wehren will und mit militanter Politik sympathisiere.

M.: Es gibt verschiedene Ausdrucksformen. Manche tragen Dreadlocks und manche Bomberjacken um ihren Widerstand gegen die Gesellschaft auszudrücken.

Talk Together: Wie geht ihr mit Jugendlichen um, die rechtsradikale Meinungen vertreten?

M.: Wir fragen, warum diese Leute solche Meinungen vertreten, z.B. Aggression gegen Schwule und Lesben. Manche Jugendliche sind unorientiert und wissen noch nicht, in welche Richtung sie gehen und welcher Meinung sie sich anschließen wollen. Ich rede mit diesen Leuten, versuche aber nicht, ihnen meine Meinung aufzuzwingen. Ich versuche mit ihnen ein Gespräch zu führen und meine Argumente für meine Meinung zu liefern, und frage aber auch nach den Gründen für ihren Standpunkt. Es hängt vom Menschen ab, ob er bereit ist, sich auf einen Meinungsaustausch einzulassen.

Talk Together: Welche Gründe gibt es eurer Meinung nach für Jugendliche, sich einer rechtsradikalen Gruppe anzuschließen?

M.: Manche Jugendliche haben Probleme damit, dass sie von der Gesellschaft z.B. in der Schule nicht akzeptiert werden und suchen dann die Sicherheit in einer Gruppe. Sie fühlen sich bestärkt, wenn es andere gibt, die die gleiche Meinung vertreten., vor allem gilt das für solche Leute, die sich ihrer Meinung selbst nicht so sicher sind. Ich finde aber, dass man sich nicht über eine Gruppe definieren und eigenständig seine Meinung entwickeln sollte. Das erfordert allerdings, dass man selbst nachdenkt und sich nicht nur der Gruppe wegen einer Bewegung anschließt.

F.: Ich glaube, dass die meisten jungen Erwachsenen in der Skinhead-Szene in Österreich, nicht wirklich darüber nachdenken und sich politisieren, sondern dass es bei ihnen meist ganz oberflächliche Gedanken sind. Ich habe den Eindruck, dass es bei ihnen hauptsächlich um die Kameradschaft und den Zusammenhalt geht und die Ausländerfeindlichkeit nur eine Beigabe ist.

M.: Vor allem geht es ihnen darum, gemeinsam Spaß zu haben, sich zu betrinken und mit anderen Gruppen zu kämpfen. Bei manchen könnte man schon auch mit Gesprächen etwas verändern.

F.: Diese Leute werden vielleicht ihr Leben lang immer FPÖ wählen, aber eine wirkliche Gefahr stellen sie meiner Meinung nicht dar. Es gibt sehr viele faschistoide Vereinigungen in Österreich, die viel gefährlicher sind, die aber in der Gesellschaft etabliert sind, wie z.B. die Burschenschaften. Sie haben finanzielle Mittel und üben Einfluss z.B. auf den Universitäten aus. Talk Together: Mit welchen Mitteln versucht ihr politisches Bewusstsein zu erreichen?

F.: Es ist geplant, Vorträge und Diskussionen zu verschiedenen Themen zu organisieren. Bei Aktionen versuchen wir die Menschen durch Flugblätter anzusprechen. Bei unseren Projekten legen wir Wert darauf, dass es Gemeinschaftsprojekte sind. Mit einer Künstlerin werden wir z.B. an verschiedenen öffentlichen Plätzen Videoaufnahmen von den Anti-WEF-Demos und anderen Protesten zeigen.

Talk Together: Ihr selbst seid keine Flüchtlinge. Aus welchen Gründen habt ihr an den Aktionen zum Weltflüchtlingstag teilgenommen?

F.: Ich will damit zeigen, dass ich nicht einverstanden bin, mit der Asylpolitik in Österreich und ganz Europa bzw. auf der ganzen Welt. Ich will nicht, dass der Staat Österreich in meinem Namen solche Gesetze beschließen kann. Ich denke, es ist wichtig für Menschen, die in Schubhaft sind, dass sie wissen, dass es Österreicher und Österreicherinnen gibt, die sie unterstützen und die mit ihnen solidarisch sind.

M: Die Flüchtlinge sehen sich bestärkt, wenn sie sehen, dass sich nicht nur Flüchtlinge, sondern auch ÖsterreicherInnen für sie einsetzen. Ich selbst bin aus Kroatien. Ich war acht Jahre alt, als ich nach Österreich gekommen bin und könnte mir nicht vorstellen, einfach zurückgeschickt zu werden. Ich finde, jeder Mensch sollte das Recht haben, dort zu leben, wo er leben möchte. Dass der Staat vorschreibt, wo man leben soll, dass man zurückgeschickt werden soll, wenn man vielleicht schon zehn Jahre hier lebt, dagegen möchte ich mich wehren.

Talk Together: Was heißt für dich, Flüchtling zu sein?

V.: Ich selbst bin kein Flüchtling, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand alles zurücklässt, seine Familie, seine Freunde, seine ganze Existenz, ohne sehr schlimme Dinge erlebt zu haben. Ich kann mir wirklich nicht vorstellen, dass jemand alles zurücklässt, nur weil er denkt in Österreich wäre es so schön und er könnte hier Sozialhilfe bekommen. Man kann doch nicht einfach Menschen zurückschicken, die in ihrer Heimat politisch verfolgt sind, die vielleicht gefoltert werden, nur weil sie eine andere Meinung haben.

Talk Together: Danke für das Gespräch!

erschienen in: Talktogether Nr. 4/2003