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Gespräch mit Tugba

„Bei den kurdischen Leuten beeindruckt mich ihr Wille zum Widerstand. Sie haben eine Kraft in sich, obwohl sie hier unter sehr schlechten Bedingungen leben, geben sie nicht auf...“

Talk Together: Wann bist du nach Österreich gekommen?

Tugba: Ich war achteinhalb Jahre alt. Meine Eltern waren von der Türkei nach Österreich geflohen und lebten schon zwei Jahre in Österreich. Ich und meine zwei Geschwister haben zwei Jahre in der Türkei bei meinem Onkel und meinem Großvater gelebt. Als meine Eltern noch da waren, besuchte ich in Istanbul die erste Klasse. Doch dann wurden wir Kinder nach Malatya zu meinem Onkel gebracht, der selbst fünf Kinder hat. Dort konnte ich nicht in die zweite Klasse gehen, weil es sich finanziell nicht ausging. Meine Schwester und mein Bruder waren damals noch nicht im Schulalter. Im zweiten Jahr konnte ich dann die zweite Klasse besuchen. Dann kam ich nach Salzburg zu meinen Eltern.

Talk Together: Welche Erfahrungen hast du als Kind und Jugendliche gemacht? Welche Konflikte sind aufgetaucht?

Tugba: Als ich nach Österreich kam, hatte ich anfangs überhaupt keine Probleme. Ich stieg in die dritte Klasse ein, nach der Volksschule absolvierte ich die Hauptschule. In dieser Zeit gab es noch keinen Druck. Meine Eltern verlangten nicht, dass ich mich wie ein türkisches bzw. kurdisches Mädchen benehmen solle. Für sie war es wichtiger, mir die Schule und eine Ausbildung zu ermöglichen. Bei meinen Kusinen war das ganz anders. Die mussten zu Hause immer schon kochen und putzen. Sie haben das auch akzeptiert. Bei mir und meiner Schwester war das nie so.
Doch in der Pubertät fangen die Probleme dann an. Ich hatte nur österreichische Freunde und Freundinnen. Mit kurdischen oder türkischen Jugendlichen hatte ich nie wirklich Kontakt. Ich habe deshalb auch nicht so mitgekriegt, wie sie mit diesen Problemen umgehen, wenn sie fortgehen und Jungs kennen lernen wollen. Mir fiel nur auf, dass sie immer unter sich bleiben. In der vierten Klasse Hauptschule durften die moslemischen Mädchen nicht auf die Landschulwoche mitfahren, weil es ihnen die Eltern verboten. Ich habe mit meinem Lehrer geredet, er erklärte mir, es ginge nicht ums Geld, sondern weil die Eltern nicht erlauben, dass die Mädchen eine Woche außer Haus verbringen. Bei mir war das nicht so. Ich konnte meistens machen, was ich wollte.

Talk Together: Wie gehen die Jugendlichen mit diesen Konflikten um?

Tugba: Bis ich in die Pubertät kam, war mir nicht bewusst, dass es den Eltern eigentlich nicht recht ist, wenn ihre Kindern zu viel Kontakt mit österreichischen Jugendlichen haben. Sie glauben, es wäre einfacher, wenn ihre Kinder nur mit Jugendlichen ihrer eigenen Kultur befreundet wären, dass sie dann rechtzeitig nach Hause kämen, nicht rauchen und trinken oder sonst auf dumme Gedanken kämen. Sie glauben, die wären viel braver, was aber überhaupt nicht stimmt. Sie machen alles nur geheimer und versteckter. Ich hätte meinen Eltern nie sagen dürfen, dass ich mich mit einem Jungen befreundet habe. Es wäre einfach unmöglich gewesen, ihn mit nach Hause zu nehmen.
Wenn die österreichischen Freunde fortgehen und du das nicht darfst, dann fängst du an, alles geheim zu machen. Als Jugendliche will man aber genauso sein wie die anderen, mit denen du aufgewachsen bist, und dann drehst du durch. Viele laufen dann von zu Hause weg. Es gibt die Möglichkeit, in die „Krise“ zu gehen und dort zu wohnen. Ich war auch einmal dort. Die Betreuer haben mir erzählt, dass von den Jugendlichen, die dort Hilfe suchen, jede dritte ein Mädchen aus der Türkei oder aus einem islamischen Land ist. Diese Mädchen halten es zu Hause nicht aus und werden meistens von den Eltern geschlagen.
Wenn du in der Krise bist, freust du dich über die Freiheit, aber du vermisst dann schon deine Eltern sehr. Man ist ja so abhängig von ihnen. Du kommst dann in einen Konflikt, wo du nicht weißt, was du tun sollst. Viele flüchten sich dann in den Alkohol oder Drogen, um den Konflikt zu verdrängen. Du hast auch niemand, mit dem du reden kannst bzw. kann dir niemand wirklich helfen. Diese Schauspielerei hast du dann satt, wenn du daheim das brave Mädchen spielen sollst, obwohl du ganz andere Phantasien hast, die du ausleben möchtest. Den österreichischen Jugendlichen willst du auch nicht erzählen, dass dir deine Eltern vieles nicht erlauben, denn du möchtest nicht „uncool“ sein.

Talk Together: Wie gehen die Eltern damit um?

Tugba: Die Eltern stehen selbst unter großem Druck. Sie haben Angst, bei den anderen schlecht angesehen zu sein. Wenn ein Mädchen fortgeht und mit Jungen ausgeht, wird sie gleich als Hure bezeichnet, und dadurch wird ihr Ansehen geschädigt. Sie haben selbst einen Konflikt und wissen nicht, was sie tun sollen. Ich kann es ihnen nicht übel nehmen, denn sie sind so erzogen worden. In der Türkei gibt es ja keine andere Alternative, deshalb akzeptieren die meisten dort die Einschränkungen. Aber hier ist es anders, du hast die Möglichkeit in ein Heim zu gehen oder eine eigene Wohnung zu nehmen. Die Eltern wissen dann nicht, was sie den Verwandten erzählen sollen. Sie trauen sich nicht die Wahrheit zu sagen. Sie könnten es ihnen ja erzählen, was sollten die Verwandten denn schon tun? Aber sie schämen sich, deshalb stehen sie nicht drüber und haben nicht die Kraft dazu.

Talk Together: Wie sind denn die Vorstellung von Familie und der Rolle der Frau in der türkischen und kurdischen Kultur?

Tugba: Die meisten Mädchen, die ich bis jetzt kennen gelernt habe, wollten sich ein eigenständiges Leben aufbauen, Schule und Ausbildung machen, die meisten haben aber dann geheiratet und Kinder bekommen. Meine Kusinen haben alle geheiratet, sind gleich schwanger geworden und haben ihre Ausbildung abgebrochen. Ich kenne eigentlich keine türkischen oder kurdischen Mädchen, die wirklich dagegen rebelliert haben, und wenn, dann war es nur kurz und sie haben sich dann doch gefügt und geheiratet. Die Jungen haben da schon viel mehr Möglichkeiten. Die Eltern sagen zwar, Mädchen und Jungen wären gleichgestellt, aber bei den Jungen lassen sie viel mehr durchgehen. Mein Bruder ist erst vierzehn und hat schon eine Freundin. Ich hätte nicht zu meiner Mutter gehen können und sagen: „Mama, ich habe einen Freund!“ Die Burschen gehen alle fort, da können sich die Eltern nicht durchsetzen, und versuchen es wohl auch nicht wirklich.

Talk Together: Du hast ja jetzt zwei Kulturen kennen gelernt, ist das für dich ein Konflikt oder ein Vorteil?

Tugba: Das kann doch nur ein Vorteil sein! Du kannst von beiden die guten Seiten herausholen.

Talk Together: Was gefällt dir besonders an der kurdischen Kultur?

Tugba: Seit kurzem gibt es einen kurdischen Verein in Salzburg. Dort habe ich viele kurdische Leute kennen gelernt. Was mich bei ihnen beeindruckt ist ihre Hilfsbereitschaft und der Zusammenhalt. Die kurdischen Leute helfen dir, ohne zu erwarten, dass du etwas für sie etwas tust. Sie haben so eine Treue und Reinheit im Herzen, die sie bewahren wollen, ich meine, dass sie nicht immer nur an den eigenen Vorteil denken. Wenn sie jemand kennen lernen haben sie keine Vorurteile oder Hintergedanken. Bei uns dagegen werden die Leute immer in Schubladen eingeteilt, bei vielen Jugendlichen ist das so. Sicher gilt das nicht für alle, aber im Allgemeinen empfinde ich es so. Und der Wille zum Widerstand bei den kurdischen Leuten beeindruckt mich. Sie haben eine Kraft in sich, obwohl sie hier unter sehr schlechten Bedingungen leben, geben sie nicht auf. Die meisten leben in winzigen Wohnungen, viele haben keine Arbeitsbewilligung oder leben in Flüchtlingsunterkünften, manche sind sogar auf der Straße. Aber sie sind entschlossen, für die Freiheit Kurdistans etwas zu tun, obwohl vielen gar nicht klar ist, was darunter zu verstehen ist oder wie diese Freiheit aussehen sollte. Sehr viele wissen auch gar nicht, welche Ideen Abdullah Öcalan gehabt hat. Aber es geht ihnen um die Menschenrechte. Sie wollen nicht, dass die Menschen erleben müssen, was sie selbst erleben mussten. Das bewundere ich, und wie sie eigenständig etwas auf die Beine stellen. Bei manchen österreichischen Leuten kommt mir vor, dass sie nicht immer ganz ernst nehmen, was sie tun, z.B. habe ich gesehen, dass sich Leute bei einer politischen Aktion betrinken. Die kurdischen Leute sind da viel ernsthafter, aber leider haben die meisten wenig Bildung und auch nicht viel Ahnung, was Politik betrifft. Aber sie haben den Willen etwas tun, sie wollen handeln und etwas verändern in der Welt.

erschienen in: Talktogether Nr. 4/2003