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Gespräch mit Hamiyet aus der Türkei

Talktogether: Wie lange lebst du schon in Österreich?

Hamiyet: Ich lebe nun schon seit fast zehn Jahren in Österreich. Mein Mann musste unsere Heimat verlassen, weil er in der Türkei politisch verfolgt war und ich bin ihm nach Österreich gefolgt. Viele Leute flüchten aus der Türkei nach Europa aus politischen Gründen. In der Türkei gibt es keine Demokratie und keine Meinungsfreiheit. Oppositionelle werden entführt, verhaftet und gefoltert, vor allem die Sozialisten. Die Aleviten werden schon seit der osmanischen Zeit unterdrückt, weil sie eine andere Religion haben. Sie haben zwar immer friedlich mit den Sunniten zusammengelebt, aber die Faschisten wollen keine Minderheiten akzeptieren. Aber auch islamische Leute werden unterdrückt, sie müssen sich den Bart abschneiden... Sicher sind sie Fanatiker, aber auch sie haben das Recht auf ihre Meinung. In der Türkei bestimmt nicht das Parlament, sondern das Militär und das Militär ist von den Faschisten beherrscht. Sie verhindern alle Reformen. Viele junge Männer wollen nicht zum Militär gehen, weil das Militär Terror gegen das Volk ausübt, vergewaltigt und foltert. Wenn man beim Militär ist, muss man mitmachen, das wollen sie nicht und deshalb fliehen sie.

Talktogether: Wie hast du die Situation in der Türkei erlebt?

Hamiyet: In der Türkei herrscht Unterdrückung und Armut, deshalb wünschen sich viele den Sozialismus. Arme Leute haben ohnehin keine Möglichkeit zu flüchten, denn für eine Flucht benötigt man sehr viel Geld. Die Armen haben keine Wohnung und kein Geld für Essen, viele leben auf der Straße. Wenn es in der Türkei Proteste gibt, kommen viele Polizisten, die schlagen und verhaften die Menschen. Viele politische Leute sind gestorben, sie wurden vom türkischen Militär getötet. Ich finde das sehr traurig. Die Situation der politischen Gefangenen in der Türkei ist sehr schlecht. Sie werden in Isolationszellen gesteckt, d.h. sie müssen allein in einer Zelle sein, vielleicht fünfzig Jahre ohne Kontakt zu anderen. Sie dürfen auch nicht lesen, was sie wollen. Sie wollen sie dadurch zwingen, ihre politische Meinung aufzugeben. Falls die Gefangenen nachgeben, können sie in eine Zelle mit ein paar Leuten kommen, wenn nicht, bleiben sie in Isolationshaft. Das machen sie deshalb, weil die politischen Gefangenen auch im Gefängnis aktiv sind und sich organisieren. Sie machen  Proteste gegen schlechte Haftbedingungen. Das wollen sie verhindern.

Talktogether: Wie findest du die Politik in Österreich?

Hamiyet: Die Flüchtlingspolitik in Europa finde ich sehr schlecht. Die Flüchtlinge dürfen nicht arbeiten und manche bekommen überhaupt nichts, kein Geld und keine Wohnung und müssen auf der Straße bleiben. Sie finden nicht mal jeden Tag genug zu essen. Das ist nicht richtig, denn Österreich hat einen Vertrag unterzeichnet – die Türkei übrigens auch – der sie verpflichtet, Flüchtlinge zu schützen und zu unterstützen. Die Situation der Asylwerber, die schon länger in Österreich sind, ist etwas besser.  Die erste Zeit in Österreich ist es uns sehr schlecht gegangen. Wir haben in einem kleinen Zimmer gewohnt, mein Sohn war noch klein und ich war schwanger. In dem Haus wohnten Leute, die immer betrunken waren und die ganze Nacht laut waren gestritten haben und mein Mann musste sehr früh aufstehen um zu arbeiten. Mein Mann verdiente nur sehr wenig, deshalb war es sehr schwer für uns eine Wohnung zu finden. Da ich jetzt Arbeit habe, geht es uns jetzt finanziell besser. Aber wir haben keinen Pass und können nirgends hinfahren. Mein Mann ist schon seit 14 Jahren hier! Wir fühlen uns wie in einem großen Gefängnis. Wir würden gern mal auf Urlaub fahren und ich würde gern meine Eltern in der Türkei besuchen, mein Land wieder sehen. Wir haben hier schon sehr schlimme Sachen erlebt. Mein Mann war im Gefängnis und sollte in die Türkei abgeschoben werden. Das war eine sehr schlimme Zeit, wir hatten große Angst um ihn. Um die Abschiebung zu verhindern, hat er zweimal einen Hungerstreik gemacht, einmal 21 Tage und einmal 14 Tage. Er wurde im Gefängnis geschlagen, ich habe gesehen, wie er danach ausgesehen hat. Zum Glück konnte die Abschiebung verhindert werden, aber seit Jahren zahlen wir die Rechnungen für den Anwalt ab, den wir damals einschalten mussten.

Talktogether: Wie ist das Leben für MigrantInnen in Österreich?

Hamiyet: MigrantInnen werden in Österreich immer benachteiligt. Sie machen die schlechtesten Arbeiten. Oft sehe ich Annoncen in der Zeitung, da steht: keine Ausländer. Seit langen leben MigrantInnen in Österreich. Es wurde im Ausland Werbung dafür gemacht, dass ArbeiterInnen nach Österreich kommen. Viele von ihnen sind in Österreich geblieben und leben hier und ihre Kinder wachsen hier auf. Von den „Ausländern“ wird erwartet, dass sie nur arbeiten, aber nicht ihre Rechte verlangen. Die meisten arbeiten viel und verdienen wenig. Aber aus Angst, ihre Arbeit zu verlieren und arbeitslos zu werden, bleiben sie ruhig und sagen nichts. Die ÖsterreicherInnen sind auch nicht anders, sie wehren sich nicht, obwohl ihnen immer mehr Rechte weggenommen werden. Es stimmt nicht, dass die AusländerInnen den Einheimischen Arbeitsplätze weg­nehmen. Diese schlechten Arbeiten, z.B. in Putzfirmen wollen ÖsterreicherInnen gar nicht machen. Und zum Putzen gibt es immer genug, so eine Arbeit findet man immer. Ich arbeite in einer Putzfirma, und da wird von den ArbeiterInnen verlangt, immer mehr Arbeit in kürzerer zu Zeit machen. Daran verdient der Arbeitgeber, er muss weniger Leute bezahlen. Das Leben ist sehr teuer, die Miete ist hoch, wenn wir nicht beide arbeiten, geht es sich nicht aus. Ich habe Angst vor der Zukunft, für meine Kinder. Die Menschen könnten schon etwas gegen die Verschlechterungen tun, sie müssten es nur wollen. Und sie müssen sich zusammenschließen, denn allein kann man nichts erreichen.

 


Über die Isolationshaft: In türkischen Gefängissen befinden sich eine große Zahl von Gefangenen, die aus politischen Gründen verurteilt wurden: SchriftstellerInnen, StudentInnen, JournalistInnen, GewerkschafterInnen und KommunistInnen. In den Gefängnissen wird systematisch Folter ausgeübt. Seit Jahren leisten die Gefangenen Widerstand gegen die Verlegung in Isolationsgefängnisse. An die 2000 Gefangene wurden bis jetzt in sechs sogenannte F-Typ Gefängnisse verlegt, wo sie in Einzel- oder Dreipersonenzellen eingesperrt sind. Die Isolationszellen werden auch „Weiße Särge“ genannt, weil die Gefangenen darin wie lebendig begraben sind. Sie sind völlig isoliert und haben keinen sozialen Kontakt zu anderen Gefangenen, Besuche sind sehr selten erlaubt. Nur einmal am Tag werden die Gefangenen allein in einen Lüftungsraum gelassen. Die Gefangenen und ihre Angehörigen sowie zahlreiche Menschenrechtsorganisationen befürchten außerdem, dass durch die Isolation das Risiko von Folter und Misshandlung erhöht wird. Isolationshaft wird seit vielen Jahren von der Anti-Folter Kommission der UN als eine Folter verurteilt, die schwere psychische und körperliche Störungen auslöst: andauerndes Ohrensausen (Tinnitus), Konzentrationsschwäche, geistiger Verfall, Realitätsverlust. (Quelle: Amnesty International)

erschienen in: Talktogether Nr. 3/2003