USA: Die Arbeiterinnen von Saipan Drucken

DIE ARBEITERINNEN VON SAIPAN

 “Ich habe einen Sohn. Er war fünf Jahre alt, als ich hierher kam. Er ist jetzt neun. Er erinnert sich nicht mehr, wie ich aussehe. Ich würde gerne zurückgehen um ihn zu sehen, aber ich habe dafür nicht genug verdient. Ich schäme mich, ohne Geld zu meinen Eltern zurück zu kehren. Aber ich vermisse ihn so sehr! Jede Mutter fühlt wie ich! Ich dachte, wenn ich hierher komme, könnte ich die wirtschaftliche Situation meiner Familie verbessern. Aber ich kriege das Geld nicht in die Hand, für das ich hier arbeite, und ich fürchte, ich werde es nie bekommen.“ Textilarbeiterin in Saipan

Saipan ist die Hauptstadt der nördlichen Marianen Inseln in Mikronesien und gehört zu den USA. Da die US-Einwanderungs- und Arbeitsgesetze aber hier nicht gültig sind, strömten Textilfabrikanten nach Saipan und brachten außer dem Stoff und den Maschinen Zehntausende VertragsarbeiterInnen aus China, Thailand, Bangla Desh und den Philippinen mit. Mit der Hoffnung auf gute „amerikanische“ Jobs, haben diese Männer und Frauen Tausende Dollar an die Anwerber bezahlt und sind weit weg von ihrer Heimat gereist, um dann auf einer Insel zu stranden, wo sie 70 oder 80 Stunden in der Woche ohne bezahlte Überstunden arbeiten und in überfüllten Baracken schlafen müssen. Der größte Teil des mageren Lohns geht für das Leben und die Reisekosten auf, und sie sind an ihre Arbeitgeber durch einen Vertrag und Angst gebunden. Die Produkte dieser Arbeit mit der Aufschrift „Made in USA“ werden zollfrei und ohne einschränkende Quoten in die USA verschifft und unter Markennamen verkauft.

Schuldsklaverei

Ausländische Arbeiterinnen, die nach Saipan kommen, müssen in ihrem Heimatland Aufnahmegebühren bezahlen, die dem Anteil des Einkommens eines 2 oder 3-Jahresvertrag entsprechen, obwohl in Saipan nur 1-Jahresverträge erlaubt sind. Der Fabriksmanager entscheidet, ob er den Vertrag verlängert oder die Frauen mit Schulden entlässt. Normalerweise müssen Arbeiterinnen 2 Jahre lang arbeiten, um überhaupt die Aufnahmegebühr bezahlen zu können. Weil die Arbeiterinnen hochverschuldet ankommen, sind sie der Firmenleitung ausgeliefert und müssen ruhig bleiben um ihre Jobs zu behalten. Die Arbeitsbedingungen können nur als Knechtschaft bezeichnet werden. Die Arbeiterinnen sind gezwungen, Verträge zu unterzeichnen, in denen sie auf die grundlegendsten Menschenrechte verzichten: auf das Recht Gewerkschaften beizutreten und zu streiken, zu heiraten, schwanger zu werden, zu kündigen oder zu einer anderen Firma zu wechseln. Meistens ist ein anderes Familienmitglied – der Vater oder der Ehemann - für die Schulden der Arbeiterin haftbar. Die Anwerbeagenturen in China etwa arbeiten für die chinesische Regierung und üben auch auf die zu Hause Gebliebenen Druck aus. Es wird gesagt, dass sie die Arbeiterinnen in Saipan überwachen und die Familien zu Hause bedrohen. Das Einwanderungsgesetz der Marianen erlaubt ausländischen Arbeitskräften mit befristeten Verträgen die Einreise. Sie stellen heute die Mehrheit der Bevölkerung dar, haben aber kaum Rechte, sie sind sowohl von einer US-Staatsbürgerschaft als auch von gesetzlichen und sozialen Rechten ausgeschlossen. Durch dieses System haben die Textilfabrikanten einen unendlichen Nachschub an billigen Arbeitskräften zur Verfügung. Wenn die ArbeiterInnen sich beschweren, sich organisieren und mehr Geld oder bessere Arbeitsbedingungen fordern, werden sie einfach heimgeschickt und durch fügsamere aus anderen Regionen ausgetauscht.

“Der Fabriksmanager wusste, dass wir Angst haben unseren Job zu verlieren und nach China zurückgeschickt zu werden. Er kannte unseren Schwachpunkt. Deshalb drohte er uns, falls wir uns beschweren, dass wir kein Geld bekommen, würden wir nach China zurückgeschickt werden. So wagten wir nicht, etwas zu sagen“

Unmenschliche Bedingungen

Die Bedingungen in den Fabriken und in den Baracken, wo die Arbeiterinnen wohnen, sind unmenschlich. Eine ehemalige Textilarbeiterin, beschreibt die Baracken, wo sie gewohnt hatte, als „schäbig, unhygienisch, Ratten- und Kakerlakenverseucht“. In einem Raum schlafen 20 Frauen. Für diese Unterkünfte müssen die Arbeiterinnen monatlich bis zu 200 US-Dollar bezahlen. In der Fabrik arbeiten die Frauen bis zu 20 Stunden auf einmal. Es gibt keine Sicherheitsvorkehrungen, da diese die Produktion verlangsamen könnten. Nachschicht­arbeiterinnen werden manchmal in der Fabrik eingesperrt. Falls ein Feuer ausbricht, sind sie verloren. Gewerkschaften, Rechtshilfe oder Menschenrechtsorganisationen existieren in Saipan nicht und die größte Zeitung, “The Saipan Tribune” gehört Willie Tan, dem Eigentümer der größten Textilfabrik.

„Wir trinken kein Wasser während der Arbeitszeit, damit wir nicht auf die Toilette gehen müssen. Wir essen manchmal nicht mal Frühstück. Seit einem Jahr bin ich erst drei mal auf die Toilette gegangen.“

„Wir arbeiteten 15-16 Stunden, aber sie ließen uns nicht die Karte stechen. So arbeiteten wir ohne Bezahlung.“

„Die Nadel stach durch meinen Finger. Ich wickelte ihn ein und arbeitete weiter, denn ich musste meine Quote erfüllen. Wenn wir Medizin suchen, ist der Schrank versperrt, es sein denn, es gibt Kontrollen.“

Textilarbeiterinnen in Saipan

SWEATSHOPS UND LEIHFIRMEN – MODERNE SKLAVEREI

Das Wort „Sweatshop“ (übersetzt Schweißgeschäft) stammt aus dem 19. Jahrhundert und beschreibt ein Kontrakt­system, in dem ein Mittelsmann den Profit zieht aus der Spanne zwischen dem Vertrag mit der Firma und den Löhnen, die ausge­zahlt werden. Der Gewinn wird buchstäblich aus dem Schweiß der ArbeiterInnen gewonnen, die für ihre Arbeit unter schlechtesten Bedingungen Minimallöhne erhalten.

Die erbitterte Konkurrenz um billigere Arbeitskräfte und die Beseitigung von Handelsschranken ließ die industrielle Produktion immer mehr in Länder übersiedeln, wo die Armut der Menschen ungehindert ausgenutzt werden kann, nach Süd- und Südostasien, nach Mittelamerika, ins südliche Afrika aber auch in die Türkei und nach Osteuropa. Hier arbeiten Menschen für Löhne, die nicht mal fürs Überleben ausreichen. Arbeiteraufstände werden durch die Regierungen mit Gewalt unterdrückt und eine Arbeitskraft produziert um 70% mehr als etwa in Europa oder in den USA. Dadurch sind für die Unternehmen enorme Gewinne möglich. In diesen Fabriken wird für Markenfirmen wie H&M, Nike und Levi Strauss produziert, aber sogar exklusive Firmen wie Gucci oder Pierre Cardin lassen ihre Produkte unter solchen Bedingungen herstellen. Einige davon sind berüchtigt für ihre Ausbeutung von Kinderarbeit. In Puebla in Mexiko etwa werden Kinder, die auf der Straße Früchte verkaufen oder Autoscheiben waschen, vor die Wahl gestellt zwischen Gefängnis oder der Arbeit in diesen „Maquiladoras“, wo Jeans für Markenfirmen hergestellt werden. Kein großer Unterschied allerdings, die Schichten beginnen um 7 Uhr und enden um 10 Uhr nachts. Doch Mexiko hat bereits zahlreiche dieser Firmen an andere „Dritte Welt“-Länder wie z.B. China verloren, wo die Lohnkosten noch niedriger sind.

Doch auch in den USA wird geschätzt, dass die Hälfte aller Textilfabriken die gesetzlichen Arbeitszeit- und Lohnbestimmungen missachtet. Die meisten ArbeiterInnen dort sind Einwanderer und Einwanderinnen, die gezwungen sind, die Arbeitsbedingungen zu akzeptieren, weil sie den Verlust ihres Arbeitsplatzes und eine Abschiebung fürchten. Abnehmer für die Produkte sind nicht nur Firmen, sondern auch die US-Armee und Air Force. In den privatisierten US-Gefängnissen hat sich eine regelrechte Gefängnisindustrie entwickelt, die Gefangenen stellen Produkte für zahlreiche Firmen (u.a. für Microsoft) her. Das größte private Gefängnisunternehmen in den USA, die Corrections Corporation of America hat 68 Einrichtungen in den USA, Puerto Rico, Großbritannien und Australien unter Vertrag wo an die 50.000 Menschen für Minimallöhne und ohne Sozialversicherungskosten arbeiten.

Auch in Österreich werden die Arbeiterrechte ausgehöhlt und in vielen Betrieben, sogar in öffentlichen, werden neue Arbeitskräfte über Leihfirmen angestellt, wo sie trotz höherer Arbeitszeiten niedrigere Löhne bekommen und keinerlei Ansprüche auf Abfertigung oder Kündigungsschutz haben. Besonders SaisonarbeiterInnen aus dem Ausland mit befristeten Arbeitsverträgen - nach der neuen gesetzlichen Regelungen nicht mehr nur im Gastgewerbe erlaubt - sind der Ausbeutung ohne rechtliche Absicherung ausgeliefert. Da durch diese Entwicklung werden immer mehr reguläre Arbeits­plätze abgebaut werden, betrifft sie alle Lohnabhängigen.

erschienen in: Talktogether Nr. 3/2003