Ein Versprechen in Sobibór Drucken

Ein Versprechen in Sobibór

Am 6. August 2016 starb Philip Bialowitz, der letzte Überlebende eines Gefangenenaufstands im polnischen Konzentrationslager Sobibór, in dem die Nazis mehr als 200.000 zumeist jüdische Menschen getötet haben. Es war der einzige erfolgreiche Aufstand in einem NS-Vernichtungslager. Damals hat er das Versprechen abgegeben, der Welt zu erzählen, was dort geschehen ist, falls er überleben sollte. Er hat sein Versprechen gehalten. 2010 wurden seine Lebenserinnerungen unter dem Titel „A Promise at Sobibor“ veröffentlicht.


Foto: Szenenbild aus dem Film „Flucht aus Sobibor“, 1987

Im Konzentrationslager Sobibór, einem geheimen und von der Außenwelt abgeschirmten Vernichtungslager in Südostpolen, trafen jede Woche Tausende jüdische Gefangene vor allem aus Polen ein. Einer von ihnen war der 13-jährige Philip Bialowitz. Weil er ein gesunder und kräftiger junger Mann war, wurde er nicht sofort getötet, sondern durfte zusammen mit seinem älteren Bruder Smycha, der sich als Pharmazeut ausgab, in der Lagerapotheke arbeiten. Gelegentlich wurde Bialowitz auch als Helfer für das Bahnhofskommando herangezogen, das bei ankommenden Gefangenentransporten die Waggons zu räumen und das Gepäck der Gefangenen zu durchsuchen hatte. Schon beim Öffnen der Waggontüren sah Bialowitz, dass viele Menschen den Transport nicht überlebt hatten.

In den Konzentrationslagern wurden Folter und kollektive Be-strafungen eingesetzt, um die Gefangenen einzuschüchtern und zu disziplinieren. So hatte jeder Fluchtversuch willkürliche Erschießungen von Häftlingen als Repressionsmaßnahme zur Folge. Doch um Millionen Menschen zu ermorden, setzten die Nazis nicht nur auf Gewalt, sondern sie täuschten auch ihre Opfer und versuchten, ihre sozialen Beziehungen und ihr Den-ken zu beeinflussen. So ernannten sie zum Beispiel jüdische Führer zu Aufsehern, um ihre Regeln durchzusetzen. Außerdem versuchten sie die Hoffnung aufrecht zu erhalten, dass diejeni-gen überleben würden, die mit ihnen kooperierten – eine Hoffnung, die jedoch so gut wie nie erfüllt wurde.

In seinem Buch beschreibt Bialowitz, wie Juden aus den Nie-derlanden in einem Zug nach Sobibór gebracht wurden. Ein SS-Offizier hielt eine Willkommensansprache und sagte, dass man sie um Entschuldigung für die unbequeme Reise bitte, und dass die Leute umgesiedelt würden. Sie sollten eine Postkarte an ihre Familien daheim schreiben, dass alles in Ordnung sei. Einige hätten daraufhin sogar vor Freude in die Hände geklatscht. Danach wurden sie aufgefordert, sich auszuziehen und zur Desinfektion in die Duschen zu gehen. Obwohl die meisten vermutlich geahnt haben, was sie erwartete, hatten sie noch Hoffnung und wagten es nicht, sich zu wehren.

Die Flucht wird geplant

Bei einer Gruppe zumeist junger Gefangener war jedoch die Überzeugung gewachsen, dass ein Aufstand die einzige Möglichkeit sei, den Händen der Schlächter zu entkommen. Ihnen war klar, dass auch sie früher oder später ermordet werden würden. „Wir konnten ja den Rauch aus den Krematorien riechen“, so Bialowitz, „aber wir haben uns gewehrt.“ Er uns sein Bruder schlossen sich der Gruppe von circa 40 Männern und Frauen rund um Leon Feldhendler an, die begann, geheime Treffen zu organisieren, um ihre Flucht zu planen.

Bialowitzs Bruder begann, Morphium zu sammeln, mit dem die Frauen, die in der Küche arbeiteten, die SS-Offiziere betäuben sollten. Und dann geschah etwas, das Bialowitz als Wunder bezeichnete. Dutzende gefangene jüdische Soldaten der Roten Armee wurden ins Lager gebracht. Ihr Anführer war Aleksander „Sascha“ Pechersky, ein glühender Revolutionär. Er erzählte den Gefangenen von der Niederlage der Deutschen in Stalingrad und über erfolgreiche Sabotageakte der Partisanen. Die Soldaten taten alles, was ihnen möglich war, um die Gefange-nen für den Kampf zu trainieren.

Der Plan der Aufständischen war, die SS-Offiziere einzeln in einen Hinterhalt zu locken, indem sie wertvolle Funde im Gepäck der Gefangenen meldeten. So gelang es ihnen, zwölf der ranghöchsten SS-Männer mit Äxten und Messern zu überwälti-gen. Doch dann schlug ein SS-Offizier Alarm. Da sprangen zwei der Aufständischen auf einen Tisch und schrien: „Brüder! Heute entscheidet sich unser Schicksal. Lasst uns aufstehen und diesen Ort zerstören. Unsere Überlebenschancen sind zwar gering, aber immerhin können wir einen ehrenvollen Tod sterben. Wenn einer von uns überlebt, muss er der Welt erzählen, was hier geschehen ist!“ Alle Gefangenen waren im Hof. Eine Gruppe lief zum Haupttor, die andere zum Waffen- und Munitionslager. Die SS-Leute begannen zu schießen. Die meisten der Flüchtenden starben im Kugelhagel oder weil sie auf eine der Minen traten, die in der Umgebung des Lagers vergraben waren. Diejenigen, die lebendig entkamen, versteckten sich in den dichten Wäldern, in denen das Lager verborgen war.

Danach erwartete die Flüchtenden jedoch eine andere Art von Minenfeld, nämlich antisemitische polnische Bauern und Parti-sanen, die kein Interesse daran hatten, entflohene Juden zu retten. Bialowitz erzählt: „Wir sind auf eine Gruppe von polni-schen Partisanen gestoßen. Als sie jedoch herausfanden, dass wir Juden sind, waren sie gar nicht mehr nett. Wir sind dann wieder geflohen. Schließlich hat ein polnischer Bauer namens Mazurek meinen Bruder und mich aufgenommen und uns versteckt, bis die Rote Armee kam“. Die gläubige katholische Bauernfamilie bot den Flüchtlingen unter Lebensgefahr Unter-schlupf – laut Bialowitz wurden mindestens 704 Polen von den Nazis hingerichtet, weil sie Juden unterstützt hatten. Nach ei-nem Monat wurden sie von den Soldaten der Roten Armee gerettet. Es ist von 48 Männern und Frauen bekannt, die den Ausbruch überlebt haben. Alle Gefangenen jedoch, die sich nicht am Aufstand beteiligt hatten, wurden getötet.

Der Aufstand hatte die SS-Leute so erschüttert, dass sie das Lager innerhalb von ein paar Tagen zerstörten und alle Spuren verwischten, so dass Archäologen erst vor ein paar Jahren die Gaskammern entdeckten. Ein Jahr später beteiligten sich Hunderte Gefangene an einer Revolte in Auschwitz-Birkenau, dem größten Konzentrations- und Vernichtungslager der Nationalsozialisten. Die Häftlinge gingen mit Steinen und Waffen auf die SS-Offiziere los, andere versuchten das Krematorium in Brand zu setzen. Der Aufstand wurde jedoch niedergeschlagen und die Aufständischen sofort hingerichtet.

Philip Bialowitz wanderte in die USA aus, wo er Zahnarzt wurde. Seinen Aussagen zufolge haben nur diejenigen seiner Familienangehörigen überlebt, denen es gelungen war, die Frontlinie zur Roten Armee zu überqueren. Da Bialowitz sein Leben lang ein bekennender Zionist war, der sich als Kämpfer für sein Volk sah und Israel kritiklos unterstützte, ist nicht davon auszugehen, dass er große Sympathien für die Sowjetunion hegte. Doch gerade das macht seine Aussagen umso glaubwürdiger. Die Rote Armee, in der über eine halbe Million jüdische Soldaten kämpften, soll dem Historiker Arno Mayer zufolge 1,5 Millionen jüdische Menschen in den besetzten Gebieten Osteuropas gerettet haben.

Massenmord vor den Augen der Welt

Seit ihrer Machtergreifung in Deutschland 1933 gingen die Nazis dazu über, ihre antijüdische Rhetorik Schritt für Schritt in die Tat umzusetzen. Zuerst hat man orthodoxen Juden die Bärte abgeschnitten und jüdische Geschäfte zerstört. Die meisten Menschen haben jedoch nicht erkannt, wohin das letztlich führen würde, oder sie wollten es nicht wahrhaben. Bereits 1938 fand in Évian am Genfer See eine Konferenz zur Lage der Flüchtlinge statt, die jedoch weitgehend ergebnislos endete. Die meisten Staaten begrenzten die Zahl der Flüchtlinge, die sie aufzunehmen bereit waren. Die Argumente der verantwortlichen Politiker lauteten damals ähnlich wie heute: „Wir sind kein Einwanderungsland“, „Wir wollen das Rassenproblem nicht importieren“ oder die schlechte Wirtschaftslage und die hohe Arbeitslosigkeit würden eine unbegrenzte Aufnahme von Flüchtlingen nicht erlauben.

Erst als der Krieg 1942 für die Deutschen sehr schlecht lief, entschieden sich die Nazis, die von ihnen propagierte „Endlösung der Judenfrage“ in Angriff zu nehmen, nämlich die systematische Ermordung aller in Europa lebenden Juden. Die Vereinigten Staaten und Großbritannien sahen dabei zu, wie sich die Deutschen im Krieg gegen die „jüdisch-bolschewistische“ Sowjetunion aufrieben, weigerten sich aber, etwas gegen das Morden an jüdischen Menschen zu unternehmen. Obwohl sie Bescheid wussten, was in den Konzentrationslagern vor sich ging, wie Bialowitz immer betonte.

Bei der britisch-amerikanischen Geheimkonferenz 1943 in Casablanca wurde nicht einmal über die Aufnahme von Asylsuchenden diskutiert. Die beiden Mächte erklärten aber, dass sie nichts für die in den Konzentrationslagern gefangenen Juden tun könnten, weil das ihre strategischen Kriegsziele gefährde. „Hätten die Alliierten nur die Eisenbahngleise bombardiert, über die Millionen Menschen in die Gaskammern transportiert wurden, hätten sie das Leben vieler Menschen retten können“, so Bialowitz. „Ich und andere Gefangenen haben immer gebetet, dass die vorbei fliegenden Flugzeuge ihre Bomben direkt über uns abwerfen. Selbst wenn wir getroffen worden wären, hätte unser Tod wenigstens einen Sinn gehabt, weil sie zumindest die Gaskammern zerstört hätten“.

Wenn man diese Geschichte liest, findet man erschreckende Parallelen zur Situation von heute. Im Syrienkrieg können sich weder die imperialistischen Großmächte noch die rivalisierenden Regionalmächte auf eine Lösungsstrategie einigen, weil für sie geopolitische Ziele Vorrang vor der Rettung von Menschenleben haben. Aber auch im Jemen, im Südsudan und in vielen anderen Krisenregionen der Erde sterben täglich Menschen, doch die politisch Verantwortlichen sehen zu, wie Menschen, die dem Krieg und anderen Schrecken entkommen sind, zu Tausenden im Mittelmeer ertrinken, anstatt sofortige Lösungsmaßnahmen zu ergreifen. Beim UN-Flüchtlingsgipfel, der diesen September stattgefunden hat, ist auch nicht mehr herausgekommen als die vage Erklärung, Menschenleben retten und Menschenrechte schützen zu wollen. Konkrete Maßnahmen, um die bedrohten Menschen in ihren Heimatländern oder auf dem Fluchtweg zu schützen, sind jedoch nicht beschlossen worden. Die Umstände, unter denen diese Konferenz stattge-funden hat, sind natürlich andere als im Jahr 1943, als man entschied, den Flüchtlingen wenig und den Gefangenen in den Konzentrationslagern gar nicht zu helfen. Doch inwiefern unterscheidet sich die moralische Verantwortung?

Wenn eine muslimische Frau von Polizisten gezwungen wird, ihren Burkini in aller Öffentlichkeit auszuziehen, steckt dahinter eine ähnliche Logik wie damals, als man jüdischen Männern die Bärte abgeschnitten hat. Leider muss auch festgestellt werden, dass eine Geisteshaltung, nach der dem Leben eines Menschen je nach seiner Herkunft eine unterschiedliche Bedeutung zugemessen wird, längst den Mainstream des politischen Diskurses in den westlichen Ländern erreicht hat. Doch wenn solche Positionen breite Zustimmung erfahren und sogar zu einer Strategie der herrschenden Klasse werden, um die Nation um sich zu vereinen, muss man sich fragen, ob sich unsere Gesellschaften nicht schon am Rand des Abgrunds befinden. Die Geschichte von Sobibór zeigt uns in eindrücklicher Weise auf, dass sich Verfolgte nicht auf die Hilfe der imperialistischen Mächte verlassen können. Sie zeigt uns aber auch, dass wir uns nicht mit den herrschenden Zuständen abfinden müssen, und dass es auch unter den schwierigsten Umständen Chancen gibt, sich zur Wehr zu setzen.


Quelle: A World To Win News Service, 26.09.2016

 

veröffentlicht Talktogether Nr. 58/2016