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Modeindustrie und Ausbeutung: 100 Jahre danach

Die Arbeiterinnen in Bangladesch und ihr Kampf um menschenwürdige Lebensbedingungen

Man sieht sie nur ganz in der Früh. Unzählige junge Frauen schwärmen jeden Tag kurz nach Sonnenaufgang zu den Fabriken. Man kann sie an ihrem Metallgeschirr erkennen, in denen sie das Essen für den ganzen Tag mit sich tragen. Nicht selten dauert ihr Fußweg eine Stunde oder mehr.

Die wenigsten der Textilfabriken Dhakas entsprechen der Vorstellung von einem Sweatshop. Es sind moderne Bauten wie das Rana Plaza – ein neungeschossiges Gebäude aus Stahlbeton, das am 24. April 2013 einstürzte und dabei mehr als 1200 Menschen unter den Trümmern lebendig begrub, die meisten davon waren junge Frauen. Diese immer wieder stattfindenden Tragödien sind genauso Teil unserer modernen Welt wie die neueste Mode, die von Bangladesch aus täglich in alle Erdteile verschifft wird.

Bevor die Arbeiterinnen am Abend wieder die Fabrik verlassen, werden sie durchsucht und von Männern angefasst, eine entwürdigende Situation. Doch so unerträglich die Arbeitsbedingungen auch sind, der Lohn ist so niedrig, dass es für die Frauen unmöglich ist, die Arbeit aufzugeben, um nach einem neuen Job zu suchen. Die Lohnauszahlung ist immer im Rückstand, und wer kündigt, bekommt nichts mehr. Ein paar Tage oder Wochen ohne Einkommen bedeuten aber, dass die Frauen und ihre Familien nicht zu essen haben.

Nach einem langen Arbeitstag kommen die Frauen nach Hause. Ihr Zuhause, das sind kleine Hütten in den Slums, das Gegenstück zu den modernen Betonbauten, in denen sich die Textilfabriken befinden. Weil es häufig Überschwemmungen gibt, ist alles nass, es wimmelt von Moskitos, und die Haut der Kinder, die hier spielen, ist von Ausschlägen übersät. Für die Frauen ist der Arbeitstag noch nicht zu Ende. Bevor sie am nächsten Tag in aller Früh wieder in die Arbeit gehen, muss Trinkwasser geschöpft, die Wäsche gewaschen und das Essen für den nächsten Tag vorbereitet sein. Viele haben Kinder, oft sind sie Alleinerzieherinnen. Um Arbeit zu bekommen, müssen sie meist verschweigen, dass sie Kinder haben. Für die Betreuung und den Unterricht der Kinder müssen sie selbst sorgen, weil ihr Lohn für das Schulgeld nicht ausreicht.


Foto: Taslima Akhter http://www.taslimaakhter.com

Das Land am Delta von Ganges, Brahmaputra und Meghna ist grün und fruchtbar. Doch die Menschen sind arm, das Ackerland ist knapp und reicht nicht zum Überleben, Arbeitsmöglichkeiten gibt es auf dem Land kaum, schon gar nicht für Frauen. Deshalb strömen immer mehr Menschen in die Hauptstadt, die zu den am schnellsten wachsenden Megastädten der Welt zählt: 23 Millionen Einwohner soll sie laut Prognosen 2015 haben.

Mehr als 3,5 Millionen Menschen arbeiten in der Textilindustrie, und täglich es werden mehr. Der Textilsektor macht 80 Prozent der Exporte Bangladeschs aus, und die Wirtschaft des Landes ist davon abhängig. Die Arbeitsbedingungen aber sind wegen der schlechten Bauweise und fehlender Sicherheitsmaßnahmen extrem gefährlich, eine Folge davon sind die vielen Unfälle und Brände. Die ArbeiterInnen von Rana Plaza sind trotz der Risse in den Mauern gekommen. Nicht, weil sie die Gefahr nicht erkannt hätten, sondern weil man ihnen drohte, den Lohn zurückzuhalten, wenn sie nicht erscheinen. Der Einsturz des Gebäudes war nicht sicher, der Hunger schon, wenn sie sich geweigert hätten.


Die Frauen arbeiten zwölf Stunden pro Tag, sechs Tage in der Woche. Ihre Löhne gehören zu den niedrigsten der Welt und reichen kaum zum Überleben, trotzdem sind oft bis zu acht Personen davon abhängig. Um über die Runden zu kommen, müssen die Frauen deshalb auch noch Überstunden machen.

Die globalen Handelsketten – egal, ob sie Billig- oder Luxusware vertreiben – sind auf der Suche nach den niedrigsten Kosten und den höchsten Profiten und nützen die schlechten Lebensbedingungen der Menschen aus, die keine andere Wahl haben. Der Markt ist überschwemmt, und neue Konkurrenz (z. B. aus dem Nachbarland Myanmar) drängt auf den Markt. Obwohl der Arbeitslohn nur einen geringen Anteil der Produktionskosten ausmacht, kann ein Cent mehr oder weniger über einen Auftrag entscheiden. Wenn die Firmen in Bangladesch keine Profite mehr machten, suchen sie sich ein anderes Land. Bei den Toten und Verletzten von Rana Plaza handelt es sich nicht um Auswüchse, sondern um die logische Folge eines rücksichtslosen globalen Ausbeutungssystems.

Nach der Katastrophe von Rana Plaza kann niemand mehr behaupten, nicht über die tödlichen Bedingungen in der Modeproduktion Bescheid zu wissen. Die Arbeiter und Arbeiterinnen in Bangladesch wehren sich jedoch immer vehementer gegen die Ausbeutung. Nach dem Unglück von Rana Plaza legten sie die Textilindustrie durch mehrtätige Streiks lahm. Immerhin haben sich dadurch erste Erfolge eingestellt: Der Mindestlohn ist deutlich angestiegen, und regelmäßige Brandschutzübungen sollen weitere Katastrophen verhindern.

Unterstützt werden sie durch Organisationen wie die „Erklärung von Bern“ oder das internationale Netzwerk „Clean Clothes Campaign“, die versuchen, Druck auf die Konzerne auszuüben, damit diese die Arbeitsbedingungen verbessern. Das bleibt auch nicht ohne Wirkung, denn die Modemarken haben Interesse daran, ihr beschädigtes Image wieder aufzupolieren. Kleidung aus Bangladesch zu boykottieren wäre jedenfalls keine Lösung, denn wenn die Menschen ihre Jobs verlieren, verlieren sie ihr Einkommen und stehen auf der Straße.

veröffentlicht in Talktogether Nr. 47/2014