Die Ungehorsamen von Goldegg, Gespräch mit Brigitte Höfert Drucken


Die Ungehorsamen von Goldegg

Am 2. Juli 1944 fand der „Sturm auf Goldegg“ statt, an der sich insgesamt 1000 Angehörige der Waffen-SS beteiligten. Sie durchsuchen das Gebiet zwischen Mühlbach am Hochkönig und Dienten/Pinzgau nach Widerstandkämpfern und Deserteuren. Zuvor hatte die Gestapo als Touristen verkleidete Spitzel eingeschleust. An diesem Tag wurden insgesamt 50 Personen festgenommen und in verschiedene Konzentrationslager verschleppt. Lange Zeit wurden die Deserteure von Teilen der Bevölkerung als „Vaterlandsverräter“ angesehen. Eine offizielle Rehabilitierung erfolgte sehr spät. Erst 2009 wurde ein Aufhebungs- und Rehabilitierungsgesetz vom Parlament beschlossen, mit dem sämtliche NS-Urteile gegen Widerstandskämpfer und Deserteure aber auch andere Gruppen von Verfolgten für nichtig erklärt wurden. Wir haben mit Brigitte Höfert, der Tochter von Karl Rupitsch, einem der in Goldegg verhafteten Deserteure, der später in Mauthausen hingerichtet wurde, gesprochen.


Gespräch mit Brigitte Höfert

TT: Wann haben Sie erfahren, was mit ihrem Vater passiert ist, und welche Gefühle hat das bei Ihnen ausgelöst?

Brigitte Höfert: Ich bin 1941 geboren und mein Vater ist im Oktober 1944 hingerichtet worden. Als er im Herbst 1943 untertauchte, war ich erst zweieinhalb Jahre alt, deshalb kann ich mich nicht an ihn erinnern. Ich muss dazu sagen, dass ich ein uneheliches Kind war und bei Zieheltern aufgewachsen bin und nicht unmittelbar von seinem Tod erfahren habe. Im Vorschulalter hat man mir immer erzählt, dass mein Vater im Himmel sei, so wie man damals zu den Kindern gesagt hat. Wenn Besuch gekommen ist, wurde auch manchmal über meinen Vater gesprochen, über das Desertieren und dass er im KZ umgekommen ist. Da habe ich aber noch nicht nachgefragt.

Erst im Hauptschulalter haben mir die Zieheltern erzählt, dass er ihnen, als er schon im KZ Mauthausen war, einen Brief geschrieben und um ein Foto von mir gebeten hat. Dieses Foto ist allerdings wieder zurück gekommen, weil er in der Zwischenzeit schon tot war. Im Alter von 17 Jahren habe ich mich an seinem Sterbetag schwarz angezogen, um meine Trauer auszudrücken. Als ich dann eine Familie gegründet habe, stand dieses Thema dann nicht mehr so im Vordergrund.

Im Jahr 1986 haben zwei Historiker, Michael Mooslechner und Robert Stadler, in St. Johann recherchiert. Dort gab es ein sog. „Russenlager“, ein Lager für Kriegsgefangene. Bei ihren Recherchen sind ihnen auch Dokumente aus Goldegg in die Hände gefallen und sie haben sich dann auch mit der Deserteuersgeschichte beschäftigt und ein Buch darüber herausgebracht. Meine Halbschwester hat mir abgeraten, dieses Buch zu lesen, weil darin die ganzen Folterungen beschrieben sind. Ich tat es trotzdem und war danach sehr bestürzt.

Ich habe den Historiker Mooslechner persönlich kennengelernt und bin mit ihm in Verbindung geblieben. Wenn ich etwas erfahren habe, habe ich ihn informiert und umgekehrt. 2008 hat er mich angerufen und mir erzählt, dass ein Redakteur des ORF an ihn heran getreten ist. Anlässlich des 60-jährigen Gedenktages an den Beginn des Zweiten Weltkrieges wollte der ORF eine fünfteilige Dokumentationsreihe herausbringen, darunter eine Folge über „Die Ungehorsamen“, die Deserteure und Widerstandskämpfer. Er fragte mich, ob ich bereit sei, mitzuwirken und die Geschichte meines Vaters zu erzählen. Ich war gerne damit einverstanden. Im Zuge dieser Dokumentation bin ich das erste Mal nach Mauthausen gefahren, mit Unterstützung einer Freundin. Früher wollte ich niemals dort hin. Es war auch ein sehr bedrückendes Erlebnis, aber eine wichtige Ergänzung meiner Beschäftigung mit dem Schicksal meines Vaters. Ich bin noch zwei Mal dort gewesen, einmal habe ich mit einer Historikerin, die in Mauthausen arbeitet, eine Führung gemacht, und einmal habe ich eine Gedenktafel für meinen Vater anbringen lassen.

Im Zuge dieser Dokumentation habe ich so viele Informationen bekommen und das hat mich infiziert. Ich wollte immer mehr wissen und recherchieren. Über die Todesursache zum Beispiel hat es mehrere widersprüchliche Aussagen gegeben. Doch dann hat ein Salzburger Historiker ein Dokument in einem deutschen Archiv entdeckt, auf dem stand, dass mein Vater, sein bester Freund, zwei Widerstandskämpfer aus St. Johann und 46 andere auf Befehl des Reichsführers Himmler zum Tod durch Erhängen verurteilt worden waren. Alles war minutiös dokumentiert worden.

TT: Was wissen Sie über die Aktivitäten ihres Vaters? Ist ihr Vater von der Wehrmacht desertiert?

Brigitte Höfert: Nein, mein Vater war wegen einer Knieverletzung vom Wehrdienst befreit, wurde aber stattdessen zum Reichsarbeitsdienst eingezogen. Er musste manchmal in einem Sägewerk in Salzburg arbeiten, das vom Regime betrieben wurde und Bretter für die Baracken der Zwangsarbeiter herstellte, und manchmal in einem Sägewerk in Goldegg, dessen Besitzer der dortige Ortsgruppenleiter war.

Einmal wurde er wegen einer „Schwarzschlachtung“ verhaftet. In der Kriegszeit mussten alle Bauern genau angeben, wie viel Vieh sie hatten, und gewisse Kontingente abliefern, um die Versorgung der Frontsoldaten zu gewährleisten. Eine illegale Schlachtung war ein schweres Kriegsverbrechen. Einer seiner Freunde war aber mit der Kerkermeisterin befreundet und durfte ihn heimlich in der Nacht besuchen. Er riet ihm, zu fliehen. Tatsächlich ist die Flucht gelungen. Angeblich haben sie ihn mit dem LKW in einer Kiste, über der Ziegel gestapelt waren, zu einem Bekannten gebracht, der ihn aufgenommen hat.

Drei Tage nach seiner Flucht aus dem Gefängnis ist ein Einberufungsbefehl eingetroffen. Mein Vater war von Anfang an gegen das Regime und wollte auf keinen Fall an die Front. Er hat mehrmals gesagt: „Mich interessiert der Hitler nicht. Dieser Krieg ist Unsinn. Warum soll ich jemanden erschießen, der mir nichts getan hat?“ Deshalb musste er sich verstecken. Heuer habe ich von einem Historiker ein Verhörprotokoll erhalten, in dem tageweise angeführt ist, wo er sich jeweils aufgehalten hatte. Deshalb weiß ich inzwischen genau, bei welchen Bauern und auf welchen Almen er Unterschlupf gefunden hat. Auch einige andere, die auf Heimaturlaub waren und nicht mehr eingerückt sind oder die einen Einberufungsbefehl bekommen hatten und ihm nicht Folge leisten wollten, haben sich ihm angeschlossen. Diese Gruppe ist von den Bauern und Sennerinnen gut mit Essen versorgt worden. Wenn es aber manchmal doch eine Not gab, mussten sie wildern oder etwas stehlen.

TT: Wie war ihre Kindheit und wie hat ihr Umfeld auf diese Geschichte reagiert?

Brigitte Höfert: Ich hatte das Glück in Bischofshofen aufzuwachsen, wo kaum jemand von der Geschichte meines Vaters gewusst hat. Meine Kindheit war bescheiden und gut behütet. Meine Zieheltern waren schon im Großelternalter als sie mich aufgenommen hatten. Ich habe nie Not gelitten, weil meine Eltern aus bäuerlichen Verhältnissen stammten und von den Verwandten oft etwas bekommen haben.

Nach dem Krieg war die Bevölkerung gespalten. In meiner Jugendzeit habe ich mitbekommen, dass einige die Deserteure verurteilt und sie als Feiglinge und Diebe, die Unglück über das Dorf gebracht haben, bezeichnet haben. Andere wiederum haben es gut geheißen, dass sie nicht in den Krieg gegangen sind. Solche Diskrepanzen gibt es bis heute, speziell bei den Bewohnern, die diese Zeit selbst miterlebt haben.

TT: Gab es auch aktive Widerstandsaktionen?

Brigitte Höfert: Bei der Goldegger Gruppe nicht, aber bei den beiden St. Johannern, mit denen mein Vater befreundet war und von denen er immer Tipps bekommen hat, wenn Razzien angesagt waren (sie waren mit einem Gendarmen befreundet, der sie gewarnt hat), wurden Waffen und Munition gefunden und man vermutet deshalb, dass sie etwas geplant hatten. Zu einer Ausführung ist es aber nicht mehr gekommen.

TT: Wie ist die Deserteursgruppe erwischt worden?

Brigitte Höfert: Es hat mehrere Suchaktionen gegeben, doch mein Vater und seine Freunde konnten immer entwischen. Dann kam der Befehl aus Salzburg, dass diese Gruppe unschädlich gemacht werden müsse. Daraufhin ist ein Bataillon von 1000 SS-Leuten aus Hallein und 60 Gestapo Leuten in das Gebiet vorgedrungen, um die Deserteure zu suchen. Mein Vater hielt sich damals im Haus seiner damaligen Freundin versteckt. Sie hat ihn nicht verraten, obwohl sie elend gequält und gefoltert wurde. Ihre beiden Brüder, Simon und Alois Hochleitner, wurden von den SS-Leuten meuchlings erschossen.

Als die Gestapo Leute zum Frühstück gegangen sind, dachte mein Vater, die Aktion sei vorbei und verließ sein Versteck. Doch sie kamen zurück, warfen zwei Handgranaten in den Kamin, durchsuchten noch einmal alles und haben ihn schließlich entdeckt. An diesem Tag gab es drei Todesopfer, die beiden Brüder und ein Deserteur, der zwei SS-Leute erschoss, bevor er selbst getötet wurde. Zehn weitere wurden später in den verschiedenen Konzentrationslagern hingerichtet.

Auch 14 Sennerinnen und Bäuerinnen, manche von ihnen waren die Ehefrauen von den Deserteuren, wurden verhaftet und ins Konzentrationslager geschickt. „Wer im Verhör zugegeben hat, dass er ihnen etwas zu essen gegeben habe, und sei es nur ein Butterbrot, der ist ins KZ gekommen“, sagt Ernst Hochleitner, der Bruder der Ermordeten, in der Dokumentation.

TT: Das zeigt aber auch, dass die Deserteure Rückhalt in der Bevölkerung hatten…

Brigitte Höfert: Ja, es gab großen Zusammenhalt. Erst als man den Bauern mit der Umsiedlung in die Ukraine gedroht hat, haben viele natürlich Angst bekommen. Mit der Familie Hochleitner, über die so viel Leid gekommen ist, bin ich bis heute freundschaftlich verbunden.

TT: Wie ist die Einstellung in der Gemeinde Goldegg heute?

Brigitte Höfert: 2005 zum 60. Jahrestag des Kriegsendes hatte der damalige Obmann der Pongauer Trachtenmusikkapellen die Idee, bei einem Linzer Komponisten eine „Sinfonie der Hoffnung“ in Auftrag zu geben, in deren Libretto die beiden ermordeten Brüder und am Rande auch die Deserteure vorkommen. Diese Initiative ist von politischen Stellen sehr gelobt worden. Dieser Herr ist in der Zwischenzeit Bürgermeister von Goldegg geworden. Als ihn der Historiker nach der ORF-Dokumentation wegen eines Denkmals für die Deserteure angesprochen hat, soll er jedoch geantwortet haben: „Das waren keine Helden.“ Durch die Sinfonie wäre den Leuten schon ein Denkmal gesetzt worden, und das sei genug.

2008 ist dann eine Ortschronik über Goldegg heraus gekommen, in der die Wehrmachtsdeserteure ganz im Nazi-Jargon als „Landplage“ und „Unglücksbringer“ bezeichnet werden, und das ohne Fußnote. Diese Chronik wurde von vielen Seiten heftig kritisiert. Daraufhin hat der Bürgermeister ein Friedensmahnmal versprochen, seither ist aber nichts geschehen.

Jetzt bin ich so weit, dass ich auf eigene Initiative ein Denkmal errichten lassen möchte. Mir wurde geraten, dafür einen Freundeskreis zu gründen und um ideelle Unterstützung zu bitten. Das habe ich getan und daraufhin so viele ergreifende Zuschriften bekommen, dass ich vor Freude kaum noch schlafen konnte. Das hat mich in meinem Vorhaben bestärkt.

TT: Nun eine schwierige Frage: Was kann man tun, damit es nicht wieder eines Tages so weit kommt wie damals?

Brigitte Höfert: In meinen Augen ist es ganz wichtig, die Gräuel nie zu vergessen. Die Aufklärung in den Schulen hat deshalb eine große Bedeutung und auch die politische Bildung. Speziell was die Rolle der Deserteure betrifft: In der Moskauer Deklaration von 1943 haben die Alliierten ja erklärt, dass Österreich selbst etwas dazu beitragen müsse, um wieder ein freier und demokratischer Staat zu werden, und dass die zukünftige Behandlung Österreichs auch an den Taten des österreichischen Widerstands bemessen werde. Außerdem finde ich auch den Ethik-Unterricht gut, um den jungen Menschen zu vermitteln, wie wichtig es ist, andere Menschen zu respektieren.

TT: Möchten Sie noch etwas hinzufügen?

Brigitte Höfert: Weil mir meine Zieheltern ein gutes Vaterbild vermittelt haben, habe ich meinen Vater von Kindheit an geliebt. Später, als ich seine Geschichte wahrgenommen und erfahren habe, dass er sich gegen das NS-Regime aufgelehnt hat, habe ich ihn verehrt. Ich habe auch von vielen Seiten die Bestätigung bekommen, dass er das Richtige getan hat, und ich bin heute sehr stolz auf ihn. Die Beschäftigung mit ihm hat mir sehr viel Arbeit eingebracht und manchmal auch Depressionen verursacht, aber sie hat mich beflügelt und mein Leben bereichert.

 

veröffentlicht in Talktogether Nr. 46/2013