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damals Flüchtling – heute Sozialarbeiter

Gespräch mit Jamil aus Afghanistan


TT:
Du bist als Flüchtling aus Afghanistan nach Österreich gekommen. Wie war dein Leben vor deiner Flucht?

Jamil: Ich bin in Kabul geboren und komme aus einer gebildeten Familie. Mein Vater hat die Schule und die Universität besucht und als Lehrer gearbeitet und auch alle meine Geschwister haben eine gute Schulbildung. Ich habe die Universität besucht und danach für kurze Zeit in einer Volksschule unterrichtet. Doch als der Krieg ausbrach, konnte ich diese Arbeit nicht mehr ausüben. Es war die Zeit der Mujaheddin und der Taliban, wo jeder versucht hat, irgendwie seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Gemeinsam mit meinem Bruder habe ich ein Geschäft eröffnet und Stoffe verkauft.

TT: Du hast in Österreich eine Ausbildung als Sozialarbeiter abgeschlossen. Wie hast du das geschafft?

Jamil: Als ich 2001 in Österreich angekommen bin, wollte ich gleich weiter nach Deutschland, um dort um Asyl anzusuchen. Doch sie haben mich wieder nach Österreich zurückgeschickt. Aber in Österreich wollte ich nicht bleiben, weil ich im Flüchtlingslager Traiskirchen einen sehr schlechten Eindruck von diesem Land bekommen habe. Die Situation dort empfand ich als sehr schrecklich. Weil ich wusste, dass ich in Deutschland wegen der Fingerabdrücke keine Chance hatte, versuchte ich, nach England zu gelangen. In England musste ich vier Jahre lang auf eine Entscheidung warten und wurde schließlich 2006 aufgrund des Dublin-Abkommens wieder zurück nach Österreich geschickt.

Da war mir klar, dass ich hier ein neues Leben anfangen muss, weil ich schon so viel Zeit verloren hatte. Ich habe sofort begonnen, in Deutschkurse zu gehen. Damals gab es aber noch keine Caritas-Kurse, sondern nur einen Deutschkurs, eine Stunde pro Woche, der von einem Freiwilligen angeboten wurde. Aber dass ich sprachbegabt bin und mehrere Sprachen beherrschte – ich habe in Afghanistan neben Dari und Paschtu auch Englisch und Russisch gelernt –, hat mir geholfen, die Grundlagen der deutschen Grammatik schnell zu begreifen.

Nach meinem ersten Interview habe ich einen negativen Bescheid bekommen. Das war ein schwerer Rückschlag. Trotzdem wollte ich die Zeit bis zu meinem zweiten Interview nützen. Ich bekam die Möglichkeiten, gemeinsam mit anderen Flüchtlingen am Projekt FluEqual teilzunehmen. Darüber war ich sehr froh, da ich mich an der Universität nicht inskribieren konnte, weil ich keine Zeugnisse hatte. Ich habe dort Deutschkurse besucht, bis ich die Prüfungen für das C1- und C-Diplom geschafft habe. 2009 habe ich Asyl bekommen und durfte endlich arbeiten.

Ich habe eine Stelle als Pädagogischer Mitarbeiter beim Projekt Minerva vom SOS-Clearing-house bekommen. Obwohl ich hier keine formale Ausbildung dafür hatte, haben sie mich eingestellt, weil sie mich bereits als Dolmetscher gut gekannt hatten. Da es sich um eine Teilzeitstelle für 20 Stunden in der Woche handelte, hatte ich die Möglichkeit, 2010 das Studium für Soziale Arbeit an der Fachhochschule zu beginnen. Im Juni 2013 schloss ich mein Studium erfolgreich ab und bin jetzt ausgebildeter Sozialarbeiter.

TT: Was war deine Motivation, eine Ausbildung als Sozialarbeiter zu machen?

Jamil: Ich habe die ganze Situation als Asylwerber selbst durchgemacht und ich weiß, wie schwer es ist, auf Asyl zu warten. Wegen meiner Sprachkenntnisse konnte ich für andere eine Hilfe sein. Und weil ich die Strukturen besser als andere kannte, dachte ich: Warum sollte ich nicht als Sozialarbeiter tätig sein? Seit ich den Job bei Minerva habe, weiß ich, dass ich viel beitragen und den Menschen helfen kann. Das ist ein tolles Gefühl. Ich kann den jungen Flüchtlingen auf sprachlicher Ebene helfen, aber auch in sozialen Bereichen. Wenn sie Schwierigkeiten haben, kommen sie zu mir und ich kann sie unterstützen.

TT: Ist es ein Ansporn und eine Motivation für deine Landsleute, wenn sie sehen, dass du es geschafft hast?

Jamil: Ja, natürlich. Ich erzähle immer wieder, wie schwer es für mich war und wie ich es geschafft habe. Das Lernen kostet viel Zeit und Kraft. Aber wenn man sich nicht bemüht, muss man das ganze Leben als Abwäscher und Küchenhilfe arbeiten. Deshalb versuche ich, die Leute zum Lernen zu motivieren. Viele meinen, die deutsche Sprache sei zu schwer und es sei unmöglich, sich in die Gesellschaft zu integrieren, weil alle Türen verschlossen sind. Das stimmt aber nicht ganz, man muss sich anstrengen und versuchen, die Wege zu finden.

TT: Nicht alle haben die gleichen Bildungsvoraussetzungen wie du. Wie geht es den Menschen, die in ihrem Land keine Möglichkeit gehabt haben, eine Schule zu besuchen?

Jamil: Ja, das ist ein Problem. Gerade die jungen Leute, die im Krieg aufgewachsen sind und in Afghanistan nicht in die Schule gehen konnten, sind oft Analphabeten. Für sie ist es natürlich viel schwieriger, das alles nachzuholen. Aber auch für diese Gruppe gibt es Möglichkeiten. Vielleicht können sie nicht auf die Uni gehen, aber das müssen sie ja auch nicht. Sie können die Sprache lernen, den Hauptschulabschluss nachholen und dann eine Lehre machen. Das ist auch eine Chance, einen guten Beruf zu bekommen. Wenn man 17 oder 18 Jahre als ist, hat man noch Zeit und lernt auch leichter. Für die Leute, die schon ein bisschen älter sind, ist es natürlich eine große Herausforderung, und viele geben auf.

TT: Die Leute kommen mit großen Hoffnungen, werden aber durch die Hindernisse oft demotiviert. Was kann man tun, damit sie nicht aufgeben?

Jamil: Zuerst einmal finde ich es wichtig, dass die Leute als Menschen Anerkennung erfahren. Sie haben in ihrer Heimat viele Probleme gehabt, vielleicht haben sie ihre Eltern verloren, sind vergewaltigt worden und durch den Krieg traumatisiert. Wenn sie in Österreich ankommen, brauchen sie das Gefühl von Nähe, Menschlichkeit und Zuneigung, sie müssen sich aufgenommen fühlen. Das ist sehr wichtig in der Anfangsphase, damit sie die Angst überwinden und Vertrauen gewinnen können. Erst dann können sie pädagogisch, psychologisch und bildungsmäßig betreut werden.

Die Jugendlichen, die als Minderjährige nach Österreich kommen, haben diese Möglichkeit, sie bekommen eine gute Unterbringung, pädagogische Betreuung und Bildung. Diejenigen, die schon über 18 Jahre alt sind, haben es viel schwerer. Sie wohnen in Massenunterbringungen, meist zu viert in einem kleinen Zimmer, können nur ein einziges Mal an einem Deutschkurs teilnehmen und dürfen nicht arbeiten. Wenn sie in einem Privatquartier leben, müssen sie mit 320 Euro im Monat auskommen und davon alles bezahlen, die Miete und den Lebensunterhalt. Doch 320 Euro sind für einen Menschen in Österreich viel zu wenig, um zu überleben. Die meisten wollen aber weg von den Flüchtlingspensionen, weil die Situation dort so schlecht ist. Doch für 120 Euro Miete ist es aber fast unmöglich, eine Wohnung zu finden. Wie die Leute das schaffen, grenzt an ein Wunder. So ziehen dann meistens mehrere zusammen in eine Wohnung in sehr schlechtem Zustand. Als menschenwürdiges Leben kann man das nicht bezeichnen.

TT: Viele warten jahrelang auf den Ausgang ihres Verfahrens. Wie ist die Situation dieser Menschen?

Jamil: Das Wichtigste für einen Flüchtling ist die Sicherheit. Wenn er in der Angst leben muss, abgeschoben zu werden, kann er nicht lernen, sein Gesundheitszustand ist schlecht, er hat keine Motivation und kann sich nicht konzentrieren. In meiner Arbeit habe ich immer wieder diese Erfahrung gemacht. Leute, die am Anfang sehr motiviert waren, konnten nach einem negativen Bescheid nicht mehr lernen. Ich habe einen Teilnehmer zum Psychologen und zum Psychotherapeuten begleitet, ihm ging es wirklich sehr, sehr schlecht. Als er dann subsidären Schutz bekommen hat und arbeiten durfte, war er plötzlich ein ganz anderer Mensch. Ich traf ihn in der Stadt und ich sah sofort an seinem Gesicht, wie glücklicher er war, er ist richtig aufgeblüht.

TT: Was sagst du, wenn die Behörden sagen, die Leute sind Wirtschaftsflüchtlinge und sie können nach Afghanistan zurück gehen?

Jamil: Jeder weiß, dass in Afghanistan seit Jahren Krieg herrscht. Heute sind die Taliban überall, auch in Kabul. Sie töten Menschen ohne erkennbaren Grund, sie sind gegen Bildung und gegen Freiheit, man ist nirgends vor ihnen sicher. Niemand verlässt sein Land und geht so viele Risiken ein, nur um ein besseres Leben zu haben oder mehr Geld zu verdienen. Das will der österreichische Staat nicht wahrhaben.

Die Leute haben sehr gefährliche Wege hinter sich. Die meisten afghanischen Flüchtlinge kommen von der Türkei in der Nacht zu siebt oder acht mit einem kleinen Schlauchboot über das Meer nach Griechenland. Der Schlepper sagt dann zu ihnen, dort ist die Grenze, ihr müsst die Lichter dort erreichen. Wenn sie Glück haben und es keinen Sturm und keine Grenzpatrouille gibt, erreichen sie ihr Ziel. Viele sind ertrunken, viele sind erschossen worden, man kann sagen, die Überlebenschance beträgt 50 Prozent. Wie kann man dann behaupten, diese Menschen seien Wirtschaftsflüchtlinge?

TT: Es wird auch behauptet, dass die Situation in Afghanistan besser geworden sei. Was sagst du dazu?

Jamil: Man darf nicht alles glauben, was in den Medien berichtet wird. Der Staat sagt, wir sind eine starke Regierung und haben alles unter Kontrolle, damit die ausländischen Investoren Vertrauen gewinnen. Es wird auch behauptet, dass die Hilfsgelder für die Menschen verwendet würden. Aber die Wirklichkeit sieht ganz anders aus. Im Gesetzbuch steht ja auch, dass Afghanistan ein demokratisches Land ist und Religionsfreiheit besteht. Das existiert aber nur auf dem Papier.

TT: Einerseits herrscht die Meinung, die Asylwerber wollen das System nur ausnützen und sich nicht integrieren, andrerseits werden sie durch die Gesetze behindert. Was ist deine Meinung zu diesem Widerspruch?

Jamil: Wenn man Integration verlangt, muss man auch die Voraussetzungen dafür schaffen. Wenn ich Deutschkenntnisse verlange, muss ich Möglichkeiten dafür schaffen und Deutschkurse anbieten. Wie kann sich ein Zuwanderer integrieren, wenn er von der österreichischen Gesellschaft nicht aufgenommen und nicht als Mensch respektiert wird? Wenn keine Türe offen ist, kann ich nicht eintreten.

TT: Hier gibt es wohl noch viel Nachholbedarf vonseiten der Aufnahmegesellschaft…

Jamil: Jeder hat seine eigene Definition von Integration. Für Einige bedeutet Integration nur Deutsch zu lernen. Aber wie kann ein Flüchtling, der nicht einmal in seiner Muttersprache schreiben und lesen kann, in einem Kurs Deutsch lernen? Für diese Personen müssen andere Wege gefunden werden. Es gibt sehr unterschiedliche Voraussetzungen und Bedürfnisse. SozialarbeiterInnen müssen verstärkt in interkultureller Kompetenz ausgebildet werden und sich bemühen, mehr über die Hintergründe der Menschen zu erfahren und sich mit SozialarbeiterInnen aus anderen Ländern austauschen. Der Staat sollte auch aktiv fördern, dass verstärkt Menschen, die diese Erfahrungen selbst durchgemacht haben, im Sozialbereich arbeiten.

TT: Was erwartet ein Mensch, der nach Österreich kommt? Welche Erfahrungen hast du gemacht?

Jamil: Vor allem erhofft man Freundlichkeit und Menschlichkeit. Die Leute bringen Ressourcen mit wie alle anderen, und das sollte man erkennen. Es handelt sich um Leute, die arbeiten und für das Land etwas tun wollen. Sie wollen nicht nur nehmen, sondern auch geben.

Die Erfahrungen, die man als Flüchtling hier macht, kann man nicht verallgemeinern. Man trifft auf freundliche Menschen und auf solche, die weniger freundlich sind. Der Quartiergeber der Unterkunft, in der ich als Asylwerber gewohnt habe, war zum Beispiel überhaupt nicht freundlich. Niemand hat eine gute Erinnerung an ihn. Ich habe immer wieder versucht, der Caritas und der Landesregierung über diese Missstände zu berichten, aber niemand hat sich darum gekümmert. Ich habe nur Aussprüche gehört wie: „Das ist kein Gasthaus für Urlauber“ oder „Das ist kein Wunschkonzert“. Man erwartet von den Flüchtlingen, dass sie diese Situation hinnehmen.

Mein Vorschlag wäre, dass alle Asylwerber und Asylwerberinnen, die in Österreich ankommen, arbeiten dürfen, denn Arbeit ist ein Menschenrecht. Wenn wir in einem demokratischen Land leben, warum werden Menschen von diesem Recht ausgeschlossen? Die Arbeit kann ja mit Deutschkursen parallel gehen, denn nicht nur im Kurs, auch bei der Arbeit lernt man durch die tägliche Praxis die Sprache.

TT: Was ist mit den Menschen, die einen negativen Asylbescheid und keine rechtliche Möglichkeit mehr haben, aber trotzdem nicht in ihr Land zurück können?

Jamil: Diese Menschen befinden sich in einer ausweglosen Situation. Nach dem Gesetz müssten sie abgeschoben werden, aber sie können das Land nicht verlassen, wenn die Botschaft keine Ausreisepapiere ausstellt. Sie dürfen nicht hierbleiben, können aber auch nicht ausreisen. Aber das ist eine politische Frage. Für diese Leute muss der Staat eine Lösung finden.

veröffentlicht in Talktogether Nr. 46/2013