Erich Fromm: Die Furcht vor der Freiheit Drucken

Die Furcht vor der Freiheit

Warum sind Menschen dazu bereit, ihre Freiheit aufzugeben und sich einer Macht oder Ideologie zu unterwerfen? Mit dieser Frage hat sich Erich Fromm in seinem Werk „Die Furcht vor der Freiheit“, das er 1941 unter dem Eindruck des deutschen Faschismus geschrieben hat, beschäftigt. Er zeigte damit auf, dass Freiheit, verstanden als positive Verwirklichung des Individuums, noch nicht errungen ist. Mit seinem Werk hat er wertvolle Erkenntnisse geliefert, warum der Faschismus nicht auszurotten ist, auch wenn wir das Ergebnis, wohin er führt, vor Augen geführt bekommen haben.

Freiheit, obwohl nie verwirklicht, wird als höchstes Ziel der Menschheit angesehen. Im Laufe der Menschheitsgeschichte haben viele für sie ihr Leben geopfert. Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit sind auch die Ziele der bürgerlichen Demokratie. Tatsächlich hat uns die bürgerliche Revolution von vielen Zwängen befreit, von der feudalen Knechtschaft, vom Diktat von Kirche und Religion, vom Zwang der mittelalterlichen Zunftordnung. Doch wie kommen wir von einer „Freiheit von“ zu einer „Freiheit zu“, der freien Entfaltung der individuellen Möglichkeiten?

Dem Phänomen des Faschismus stehen viele ratlos gegenüber. Von bürgerlicher Seite wird darauf mit Unverständnis und moralischer Empörung reagiert, welche jedoch weder eine befriedigende Erklärung noch eine Ziel führende Antwort bieten. Von linker Seite wird das Aufkommen des Faschismus mit ökonomischen und politischen Ursachen erklärt, mit der Angst des Kleinbürgertums vor dem sozialen Abstieg und der Hoffnung der herrschenden Klasse, ihre Macht mithilfe des Faschismus zu erhalten. Doch liefern diese Erklärungen auch eine Antwort auf die Frage, warum sich große Teile eines ganzen Volkes – auch der Arbeiterklasse – zum Faschismus hingezogen gefühlt haben?

Fromm bezweifelt nicht die Bedeutung ökonomischer und gesellschaftlicher Bedingungen, welche zum Faschismus geführt haben. Zugleich ist er aber auch der Überzeugung, dass es in diesem Zusammenhang „ein den Menschen selbst betreffendes Problem“ gibt. Zweck dieses Buches ist es, jene dynamischen Faktoren in der Charakterstruktur des modernen Menschen zu analysieren, schreibt Fromm im Vorwort, welche die psychologischen Grundlagen für die Attraktivität des Faschismus bilden. Erschreckend ist für den Leser dabei die Erkenntnis, dass auch heute eine faschistische Diktatur möglich erscheint.

Das Doppelgesicht der Freiheit

Der moderne Mensch empfinde die Freiheit als Last, er fühle sich isoliert und ohnmächtig, argumentiert Fromm, in seinem Leben fehlten Sinn, Richtung, Identität und Zugehörigkeit. Tatsächlich sind die Lebensbedingungen der Individuen im modernen Kapitalismus immer mehr privatisiert worden, eine Entwicklung, die sich seit dem Entstehen von Fromms Werk noch deutlich zugespitzt hat. Lebensentwürfe wie der sichere Beruf, den man ein Leben lang ausübt, oder die Familie, die Sinn und Rückhalt bietet, zerbröckeln zunehmend, gewohnte Lebens- und Arbeitsformen verändern sich im Zuge des globalisierten Neoliberalismus immer schneller, von Individualisierung, Flexiblisierung und Pluralisierung ist die Rede.

Während die einen den gewachsenen Spielraum kreativ für die selbstbewusste Gestaltung von vielfältigeren Lebensentwürfen und Identitätsmodellen nutzen, wird die Grenzenlosigkeit der Welt von anderen als bedrohlich empfunden. Diese Menschen versuchen dem damit verbundenen Gefühl der Austauschbarkeit und Bedeutungslosigkeit zu entfliehen. Ein Versuch, die Zweifel zum Schweigen zu bringen, kann das zwanghafte Streben nach Erfolg und Anerkennung sein, oder auch die Anhäufung von Wissen. Doch alle diese Strategien bieten keine dauerhafte Lösung und bewirken nur, dass der Mensch sich seiner Zweifel nicht mehr bewusst ist.

Ein weiterer Faktor für das zunehmende Gefühl der Bedeutungslosigkeit und Austauschbarkeit des modernen Menschen liegt in seiner Entfremdung von der Arbeit. Im Kapitalismus wurde der Mensch, so Fromm, „zu einem Zahnrad im riesigen Wirtschaftsapparat – zu einem wichtigen Zahnrad, falls er über viel Kapital verfügte, und zu einem unwichtigen, wenn er kein Geld hatte –, aber er war stets ein Zahnrad, das einem Zweck diente, das außerhalb seiner selbst lag.“ Der Arbeiter ist laut Marx von seinem Arbeitsprodukt entfremdet, weil es ihm nicht gehört und er nicht darüber verfügen kann. Auch die eigene Tätigkeit gehört ihm nicht, denn der Kapitalist entscheidet, was der Lohnarbeiter produziert und auch, welche Fähigkeiten er sich dafür aneignen soll. Zum anderen tritt Entfremdung auf, sobald die Produzenten nur mehr Teilarbeiten an einem Gesamtprodukt erledigten, in dem ein einzelner Arbeiter sein Arbeitsprodukt nicht mehr erkennen kann.

Der Autoritäre Charakter: „Nach oben buckeln – nach unten treten“

Fromm unterscheidet drei Charaktere, die jeweils einen bestimmten Fluchtmechanismus anwenden: Während der sado-masochistische Typ die aktive oder passive Symbiose sucht, versucht der destruktive Typ, dem Gefühl der Ohnmacht durch Zerstörung (auch Selbstzerstörung) zu entrinnen. Die Zwiespältigkeit dieses „autoritären Charakters“, entspringt nach Fromm dem Gefühl der Ohnmacht, die er überwinden möchte, und der Aktivität im Namen einer Macht, die außerhalb von ihm steht (eine reale Macht, eine Ideologie oder Gott), er kennt nur Beherrschung und Unterwerfung, aber keine Solidarität. Gerade in Zeiten einer Krise fühlen sich viele bedroht. Eine Voraussetzung für Widerstand ist laut Fromm aber Vertrauen in die eigene Fähigkeit, etwas verändern zu können. Wenn dieses fehlt, führe es dazu, dass sich Menschen von der Macht angezogen fühlen, während sie gleichzeitig Machtlosen gegenüber Verachtung empfinden. Wie sonst wären Vorfälle wie in Salzburg vor einem halben Jahr, als türkischstämmige Jugendliche wehrlose Bettler attackierten, erklärbar?

Von der Macht erwarten die Menschen Schutz, so Fromm, von „ihr“ möchten sie behütet werden, „sie“ machen sie aber auch verantwortlich für alles, was bei ihrem Tun herauskommt. Dieses Verhalten kennen wir vom Arbeitsplatz. MitarbeiterInnen beklagen sich über den Vorgesetzten, werden sie jedoch selbst nach ihren Verbesserungsvorschlägen gefragt, sind sie ratlos, weil ihnen die Vorstellung, selbst etwas gestalten zu können, fehlt. Dieser Charakter neigt zwar zum trotzigen Aufbegehren und zur Rebellion, so Fromm, fürchtet aber im Grunde die Veränderung.

Flucht in den Konformität

Der Mechanismus, den die meisten Menschen anwenden, um die Diskrepanz zwischen dem Ich und der Welt zum Verschwinden zu bringen, ist die Flucht in die Konformität. Sie gleichen ihr Persönlichkeitsmodell an die Normen an, die ihnen ihre Kultur anbietet, und werden so, wie es die anderen von ihnen erwarten. Autorität wird internalisiert und tarnt sich als gesunder Menschenverstand, physische Gesundheit, Normalität oder öffentliche Meinung. Sie verlangt nichts, was nicht rational und selbstverständlich erscheint. Solche Verhaltensmuster seien bei fast allen Menschen vorzufinden, mehr oder weniger stark ausgeprägt.

In einer Zeit, die durch Werbung, Medien und Bilder dominiert ist, werden uns öfter als wir es wahrhaben wollen, Gedanken oder Bedürfnisse von außen einsuggeriert und wir empfinden sie als die unseren. Durch die Medien wird der moderne Mensch mit einer Fülle von Informationen überflutet, doch die bloße Aneinanderreihung von Fakten bietet wenig Orientierungshilfe. Durch die angebliche wissenschaftliche Objektivität der präsentierten Inhalte, werden dahinter stehende Interessen verschleiert. Dem Menschen wird zudem der Eindruck vermittelt, von Experten abhängig zu sein, um die Probleme der Welt zu verstehen, so dass er die Zuversicht verliert, selbst etwas begreifen und bewirken zu können und sein Leben selbst in der Hand zu haben.

Die „Natur des Menschen“?

Im Gegensatz zu Freud, in dessen Augen der Mensch den anderen nur zur Befriedigung seiner Triebe benötigt, erkennt Fromm den Menschen grundsätzlich als soziales Wesen, dessen Persönlichkeit nur in ihrer Beziehung zur Welt, zu den anderen Menschen, zur Natur und zu sich selbst zu verstehen ist. Liegt es in der „Natur des Menschen“, möglichst viel haben zu wollen und auf das Glück anderer neidisch zu sein? Fromm verwirft dieses negative Menschenbild. Jene Eigenschaften spiegeln nur gesellschaftliche Verhältnisse wieder und können in einer anderen Epoche oder Gesellschaftsform ganz anders ausgeprägt sein. Während früher Sparsamkeit, Vorsicht und Genügsamkeit als Ideale angesehen wurden, vergleicht Fromm, seien es heute Initiative, Risikobereitschaft und Aggressivität. Das Streben nach Ruhm und Erfolg waren aber Antriebskräfte, ohne die sich der moderne Kapitalismus nicht entwickeln hätte können. Fromm: „Die schönsten wie auch die abscheulichsten Neigungen des Menschen sind kein festgelegter, biologisch gegebener Bestandteil seiner Natur, sondern das Resultat des gesellschaftlichen Prozesses, der den Menschen erzeugt.“

Der Faschismus

Die Nazi-Ideologie appellierte an die Ängste und Neidgefühle des Kleinbürgertums und verlagerte das engherzige und egoistische Streben nach eigenen Vorteilen auf nationale Ebene. Die Nazis errichteten eine Hierarchie, in der jeder einen über sich hatte, dem er sich unterordnen musste, und einen unter sich, den er seine Macht fühlen lassen konnte, und die dem Schema der gegenseitigen Abhängigkeit von masochistischer Unterwürfigkeit und sadistischer Destruktivität entsprach.

Den einzigen Weg aus der Isolation sieht Fromm im spontanen Tätigsein. Ideen können zu mächtigen Kräften werden, wenn sie die Bedürfnisse der Menschen einer speziellen Gesellschaft ansprechen – nicht nur im negativen, sondern auch im positiven Sinne. Deshalb sei es wichtig, die Utopie des „noch nie Dagewesenen“ lebendig zu halten: „Der Sieg der Freiheit ist nur möglich, wenn die Demokratie sich zu einer Gesellschaftsform entwickelt, wo der einzelne Mensch mit seinem Wachstum und seinem Glück Ziel und Zweck der Kultur ist“. Oder, um mit den Worten von Marx zu sprechen, wenn es uns gelingt, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist. Die ökonomischen Bedingungen dafür zu schaffen, ist eine Voraussetzung dafür, aber wie wir aus bitterer Erfahrung wissen, noch lange keine Garantie.

Kritik an Fromm

Erich Fromm, der ein außerordentlich erfolgreicher Autor war, musste sich auch Kritik gefallen lassen. Wilhelm Reich und seine Anhänger warfen ihm vor, sich wesentliche Erkenntnisse von Reichs Sexualökonomie zu Eigen gemacht zu haben, ohne deren Begründer zu erwähnen. Außerdem habe ihm die klinisch-medizinische Basis gefehlt und sei somit nur ein Buchgelehrter gewesen. Zudem habe er die Bedeutung der Sexualität als mächtigsten Trieb herabspielt und eine Neigung zum Moralismus gehabt, die vor allem in späteren Jahren immer mehr hervorgetreten sei. Sein Erfolg in akademischen Kreisen ist in ihren Augen in nicht geringem Maße darauf zurückzuführen, dass Fromm Aspekte von Reichs Arbeiten in einer verwässerten, mundgerechten Weise dargestellt habe. Abgesehen von diesen sicher berechtigten Einwänden kann man Fromm jedoch seine trefflichen Beschreibungen über die Psyche des modernen Menschen zugute halten, seine historischen Erläuterungen und seine Aufklärung über die Manipulationen der Gegenwart, die er durch seine Popularität einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht hat. Mit seiner Analyse der Charakterstruktur des modernen Menschen hat er zweifellos einen wertvollen Beitrag zur Erforschung der psychologischen Grundlagen des Faschismus geleistet.

Quellen:

Fromm, Erich: Die Furcht vor der Freiheit. München 2005
Laska, Bernd A.: Über Erich Fromm.
In: Wilhelm-Reich-Blätter http://www.lsr-projekt.de/wrb/wrb4.html

veröffentlicht in Talktogether Nr. 42/2012