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In Erinnerung an Susanne Wenger

Künstlerin, Priesterin und Umweltschützerin


Foto: iwalewa.uni-bayreuth.de

Afrikanische Pfarrer in Europa kennen wir. Aber eine Europäerin als afrikanische Priesterin? Interesse an Exotik und fremden Kulten ist nicht ungewöhnlich. In einer Gesellschaft, in der sinnliche Erfahrung kommerzialisiert und die Phantasie mit industriell gefertigten Bildern abgespeist wird, fühlen sich viele Menschen zu exotischen Kulten hingezogen. Meist bleibt es jedoch bei einem oberflächlichen Esoterik-Trend, der sich gut vermarkten lässt.

Auch dass Künstler sich von der Kunst und den Kulten Afrikas inspirieren ließen, ist nichts Neues. Doch Susanne Wenger benützte die afrikanische Kunst und Kultur nicht, um sich in der Kunstszene zu profilieren. Auch ging es ihr nicht darum, eine fremde Kultur zu erforschen. Susanne Wenger verstand vielmehr die philosophischen Botschaften, welche die Götter, die Menschen und die Natur Afrikas für die Menschheit bereit hielten.

Im Jänner 2009 ist Susanne Wenger alias Adunni Olorisa, wie sie mit ihrem Yoruba Namen heißt, in Nigeria gestorben, wo sie sechs Jahrzehnte lang als Künstlerin und Priesterin gelebt und gearbeitet hatte. Geborgen wurde die Künstlerin 1915 in Graz. Von klein an verbrachte sie viel Zeit in den Wäldern und Bergen in der Umgebung der Stadt. Ihre künstlerische Reise begann an der Kunstgewerbeschule in Graz. Anschließend ging sie nach Wien, um an der Akademie für Bildende Kunst zu studieren. In Wien verkehrte sie mit einer politisch agierenden Künstlergruppe und agitierte gegen den Anschluss Österreichs an Nazi-Deutschland. Nach dem Einmarsch zog sie sich zurück, es wird aber berichtet, dass sie während der NS-Zeit vom Regime Verfolgte versteckte und ihnen zur Flucht verhalf.

Während der Nächte, als die Bomben auf Wien fielen, wurden sie von Träumen verfolgt, die sie aufs Papier brachte. Als erste österreichische Surrealistin übte sie damit großen Einfluss auf die Künstlergeneration der „Phantastischen Realisten“ aus. 1946 begann Susanne ihre Mitarbeit an der kommunistischen Kinderzeitung „Unsere Zeitung“ und gestaltete das Titelbild für die erste Ausgabe. 1949 ging Susanne Wenger nach Paris, wo sie den Sprachforscher Ulli Beier kennenlernte und heiratete. Mit ihm ging sie 1950 nach Nigeria, wo Beier englische Literatur unterrichten sollte.

1957 erkrankte die Künstlerin an einer lebensgefährlichen Tuberkulose und konnte ein Jahr lang ihr Bett nicht verlassen. Nachdem sie von der Krankheit genesen war, begann sie sich intensiv mit der Religion der Yoruba zu befassen. Während dieser Zeit begegnete sie auch einem Yoruba-Priester, der ihr Lehrer wurde. „Ich sprach kein Yoruba, er sprach kein Englisch“, erzählt Wenger. „Unser einziger Austausch erfolgte über die Sprache der Bäume.“ Diese Begegnung beeindruckte Wenger so tief, dass sie sich von ihrem Mann scheiden ließ und für immer in Nigeria blieb. „Ich habe es nicht entschieden“, sagte Wenger ein einem Interview, „es kam über mich.“ Susanne tauchte buchstäblich mit Haut und Haaren in das neue Umfeld ein. Zehn Jahre lang nahm sie anstrengende und langwierige Prozeduren auf sich, um sich zur Priesterin der Flussgöttin Osun weihen zu lassen. Ihre Krankheit nahm Susanne Wenger als Botschaft und Initiation wahr: „Der Körper muss vom Schicksal erst einmal windelweich geschlagen werden, damit er die konventionellen Grenzen des Lebens überschreiten kann.“

Die Yoruba Religion basiert auf der Vorstellung eines untrennbaren Kosmos, in dem der unsichtbare und der sichtbare Bereich in Wechselwirkung zueinander stehen und im Gleichgewicht gehalten werden. Naturgeister und Ahnen agieren als Boten und Vermittler zwischen diesen beiden Welten. Eine zweidimensionale Polarisierung in das Gute und das Böse gibt es nicht. Die Vielzahl der Götter- und Geisterwesen können auch als verschiedene Aspekte einer Gottheit angesehen werden. Die Flussgöttin Osun symbolisiert Wasser, die Quelle alles Lebens, Sinnlichkeit und Fruchtbarkeit. Sie schützt alles Fließende in uns und wird als Mutter jeglicher Zivilisation gesehen.

Am Stadtrand von Oshogbo errichtete Susanne Wenger gemeinsam mit anderen nigerianischen Künstlern und Künstlerinnen einen Park voller faszinierender, oft erschreckender und manchmal auch umstrittener Skulpturen und Kunstwerken zu Ehren ihrer Göttin. Dabei trug sie nicht nur dazu bei, das natürliche Paradies der Wälder mit seinen mächtigen Bäumen an den unberührten Ufern des Osun-Flusses zu schützen, sondern half auch eines der bedeutendsten spirituellen Zentren der Yoruba-Kultur wiederzubeleben. Den einzigartigen Zauber des Ortes beschreibt der Schriftsteller Wole Soyinka: „Der Rückzug in den Osun-Hain war immer eine Reise in die Zeitlosigkeit und ein gefährliches Sicheinlassen auf ein Schwelgen im Genuss, denn mit dem Abschiednehmen kam auch immer die Frage: Muss ich den Ort wirklich wieder verlassen? Wozu muss ich ihn verlassen? Was genau soll ich da draußen erreichen?“ (1)

Von manchen wurde sie angefeindet und als Hexe bezeichnet, vor allem von Fundamentalisten der dominanten Großreligionen, die ihren Kult als primitiven Aberglauben und sündige Götzenanbetung beschimpften und noch heute ihren Hain am liebsten niederbrennen würden. Dabei wird vergessen, dass das Prinzip eines bestrafenden und vergebenden Vatergottes anderen Kulturen entsprungen ist und nicht dem traditionellen afrikanischen Naturverständnis und Sozialgefüge entspricht. Aber wahrscheinlich sind patriarchalische Denkmuster besser kompatibel mit kapitalistischen Besitzverhältnissen. So könnte die Missionierung auch als ideologische Ergänzung der kapitalistischen Globalisierung angesehen werden.

Die Kultur- und Bilderzerstörung in Afrika hat schon lange vor dem Wüten religiöser Fanatiker eingesetzt. Heute ist das Straßenbild durch die Werbebotschaften globaler Konzerne geprägt, die kulturelle und religiöse Traditionen längst vereinnahmt haben: Die Hausmauern werden in den Farben der Handyanbieter bemalt, Getränkekonzerne wünschen einen schönen Ramadan und beteuern, dass sie an Afrika glauben, Banken verlosen Pilgerfahrten nach Mekka. Auch wenn sich das Rad der Geschichte nicht mehr zurückdrehen lässt, dass eine Europäerin ihren Glauben an die Beseeltheit der Natur geteilt hat, hat den Yoruba geholfen, ein Stück kulturelles Selbstbewusstsein wieder zurück zu erobern.

Aber auch Spekulanten, Holzhändler und korrupte Beamte hatten ein Auge auf den Osun Hain geworfen, doch diese wurden von der Frau, die einst das Risiko, in ein Konzentrationslager der Nazis riskiert geschickt zu werden, auf sich genommen hatte, um Menschen zu retten, immer mit aller Ruhe und Gelassenheit abgewehrt. Vier Jahre vor ihrem Tod durfte sie erleben, dass ihr Hain zum UNESCO Weltkulturerbe erklärt wurde.

Susanne Wenger hat einfach und bescheiden gelebt. Gegen eine Vermarktung des Osun Hains als Touristenattraktion hat sie sich immer zur Wehr gesetzt. Mit ihrem Mut und ihrer Unbeirrbarkeit ist sie vielen zum Vorbild geworden. Susanne Wenger inspirierte und förderte eine ganze Künstlergeneration in Oshogbo und ganz Nigeria. Auch wenn sie in der internationalen Kunstszene keine große Rolle gespielt hat, wird Susanne Wenger vielen Menschen nicht nur in Nigeria und Österreich als Malerin, Architektin, Bildhauerin, Lehrerin, Schützerin der bedrohten Regenwaldbäume, spirituelle Grenzüberschreiterin zwischen den Kulturen und mutige Frau in Erinnerung bleiben.

(1) Brich auf in früher Dämmerung, Meridian Ammann 2008

Fotos vom Oshogbo Hain von Andrzej Walkusz

veröffentlicht in Talktogether Nr. 41/2012