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Überleben heißt Widerstand

Gespräch mit dem Zeitzeugen Edi Goldmann

Sein Vater wurde in Auschwitz ermordet, er selbst hat das Konzentrationslager überlebt. Er durfte die Frau, die von ihm ein Kind erwartete, nicht heiraten, weil er „Halbjude“ war, obwohl man ihm das nicht ansah. Denn mit seinen blonden Haaren und blauen Augen entsprach er äußerlich dem Idealbild eines Deutschen, wie ihn sich die Nationalsozialisten wünschten. Talktogether hat den heute 95-jährigen Edi Goldmann in seiner Wohnung in Salzburg besucht.

1938: Der Anschluss

Der geborene Wiener erinnert sich noch gut an die Massen in Wien auf dem Heldenplatz 1938. Selbst auf den Bäumen seien manche gesessen und es habe Gulaschkanonen gegeben, die auf die Not leidende Bevölkerung natürlich Endruck machten. Edi als eingefleischter Sozialdemokrat ließ sich aber von der Stimmung nicht blenden. Er erzählt: „Schon bald danach wendeten sich die Wiener wieder ihrer Lieblingsbeschäftigung zu und fingen an zu meckern: Die fressen uns die Butter und den Rahm weg“.

Schon kurz darauf wurde Edi zur Wehrmacht eingezogen. Bei der Musterung sagte er: „Ich bin Mischling ersten Grades“, wie es damals hieß. Doch der Dienst habende Oberst hat ihn nur angebrüllt: „Wir sind die Armee und nicht die Partei!“ Edi musste einrücken und am Polenfeldzug teilnehmen. Nach einer Verletzung wurde er über Feld- und Reservelazarett nach Wien zurück geschickt. „In der Kompanie wurden die Wiener mit Düsseldorfern durchsetzt“, erzählt er, „den Wienern hat man wohl nicht getraut. Hier waren jetzt die Hälfte Düsseldorfer, doch bis auf einen Wiener waren sie alle keine Nazis“. Wegen seiner guten Maschineschreibkenntnisse wurde Edi nach seiner Rückkehr von der Front in die Schreibstube versetzt und rüstete schließlich als Obergefreiter ab.

Dann stellte sich für ihn die Frage: Was mache ich jetzt? Da auf Seiten der Nazi-Gegner Solidarität auch über Parteigrenzen hinweg praktiziert wurde, verschaffte ihm ein Ingenieur aus dem christlich-sozialen Widerstand eine Stelle als Lohnbuchhalter bei einer Baugesellschaft, die mit dem Bau der Tauernkraftwerke beauftragt war. Das war damals eine kleine Baustelle, wo es für ihn nicht allzu viel zu tun gab und er oft in die Berge wandern konnte. Mit den Arbeitern auf der Baustelle hatte Edi ein gutes Verhältnis: „Sie kamen zu mir, wenn sie einen Vorschuss brauchten, doch das Geld haben sie meist an einem Abend versoffen und verspielt. Nachher waren sie dankbar, wenn ich ihnen nichts gegeben habe.“

Die Festnahme

Edi erzählt: „Es gab im Ort ein Gasthaus, in dem ich offen über Politik diskutiert habe. Der Wirt war selbst hochdekorierter Anhänger der Nationalsozialisten. Eines Tages warnte er mich: ‚Hör zu, ich werde dich nicht verraten. Aber bei euch gibt es einen Gestapoagenten’.“ Und er behielt Recht. Eines Tages wurde Edi beim Hören eines ausländischen Radiosenders erwischt und von der Gestapo verhaftet. Edi wurde von Zell am See ins Gefängnis nach Salzburg überstellt, wo er gefesselt bei der Gestapo vorgeführt und vernommen wurde. Der Gefängnisdirektor in Salzburg war ein hoch dekorierter Nazi.

Beim Hofspaziergang wurden die Gefangenen eines Tages gefragt, ob einer von ihnen mit Buchhaltung vertraut sei. Ermutigt durch einen Zellengenossen meldete sich Edi und kam in die Schreibstube, wo seine Fertigkeiten auch dringend benötigt wurden, da in der Gefängnisverwaltung keiner auch nur die geringste Ahnung von Verrechnung hatte. Es sollte nicht das letzte Mal gewesen sein, dass sich seine Ausbildung als sehr nützlich erwies.

Obwohl kein einziger Arbeiter gegen Edi aussagte, wurde er zu eineinhalb Jahren Haft verurteilt, weil herausgekommen war, dass er jüdischer Abstammung war. Doch Edi hatte bereits drei Jahre lang abgesessen, als er sich entschloss, ein Begnadigungsgesuch zu stellen. Was sich draußen in der Zwischenzeit abgespielt hatte, hat er während der Zeit im Gefängnis allerdings nicht mitbekommen. Er war überzeugt, dass er bestimmt bald nach Hause kommen würde. Doch das war ein Irrtum.

1944 wurde Edi abgeholt, zuerst ins Polizeigefängnis gebracht und danach mit 120 anderen ins KZ Buchenwald transportiert. Man hatte schließlich von seiner politischen Vergangenheit erfahren. Die Gefangenen wurden gefesselt zum Bahnhof gebracht und zum Abtransport in einen Zug gesteckt. „Als wir in Hof ankamen, wurden wir wegen eines Flugangriffes in ein Gefängnis überstellt. Dort lag ein schwerkranker Franzose im Sterben“, erzählt Edi. „Wir fragten nach einem Arzt, doch da hieß es nur: ‚Für euch haben wir keinen Arzt’. In der Früh war der Unglückliche tot.“ Doch die Nazis duldeten keine Ungenauigkeit, und weil die Zahl der transportierten Häftlinge stimmen musste, wurde seine Leiche bis ins Lager mitgeschleppt. Als sie im Lager ankamen, wurden die Häftlinge geschoren und mit kaltem Wasser abgespritzt. Seine sportliche Wendigkeit kam Edi hier zugute, weil er sich hinter den anderen verstecken konnte. In der Lagerbaracke mussten sich vier Mann abwechselnd ein Bett teilen.

Widerstand im Konzentrationslager

Widerstand im Konzentrationslager hieß vor allen Dingen, selbst zu überleben und andere vor dem Tod zu bewahren. Das erforderte Mut, absolutes Vertrauen und vor allem Organisation. In der Verwaltung des Lagerbetriebes wurden von der SS ausgebildete Häftlinge für bestimmte Aufgaben im Verwaltungsbereich eingesetzt. Diese Arbeiten bedeuteten mehr Information, mehr Bewegungsfreiheit und bessere Kontaktmöglichkeiten. Auf diese Weise gelang es den politischen Häftlingen, eine organisierte Widerstandsstruktur aufzubauen.

Ein Parteigenosse Edis war Mitglied dieser illegalen Lagerleitung „Es war Roman Felleis, Bundesführer des Wehrsports, den wir wegen seiner roten Haare immer ‚Rostiger’ genannt hatten. Er erkannte mich gleich und vermittelte mich als Vorarbeiter zum Baukommando“. Da Edi vor dem Staatsdiplom im Maschineschreiben stand (zur Prüfung konnte er wegen der Machtübernahme der Nazis nicht mehr antreten), bekam er von der SS den Auftrag, in der Schreibstube 4000 Parteibücher umzuschreiben. Dort gab es auch Möglichkeiten, Menschen vor dem sicheren Tod zu retten, indem Listen umgeschrieben und Leute, die noch lebten, als Tote eingetragen wurden, um sie vor dem Abtransport ins Vernichtungslager zu bewahren.

Doch eines Tages passierte das Unvermeidliche und es flog auf, dass die Listen gefälscht waren. Edi erzählt: „Sie kamen und schlugen uns mit Hundepeitschen. Der SS-Obersturmführer vom Dienst schrie mich an: ‚Du Schwein, hast du keine Schuhe?’ worauf ich meine Militärstiefel anzog, die Fersen zusammenschlug und antwortete: ‚Zur Stelle mit Schuhwerk!’“ Dass Edi an der Front Obergefreiter gewesen war, löste offenbar immer noch einen gewissen Respekt aus. „Das nächste Mal kommt ihr alle in den Rost“, schrie er, was das Krematorium bedeutete.

Die Heimkehr

Edi blieb bis zum Kriegsende im Konzentrationslager Buchenwald. Als die Amerikaner näher rückten, wurden die jüdischen Gefangen ans Tor befohlen, aber bis auf einen gingen sie im Lager in Verstecke. Doch bald flüchteten die SS-Leute, und an den Wachtürmen wurden von der Wachmannschaft Unterhosen zu weißen Fahnen umfunktioniert. Nachdem die Gefangenen aus den Konzentrationslagern befreit worden waren, wurden sie in Bussen in die Heimat gebracht. Dort erwartete die Befreiten kein freundlicher Empfang. Oft begegnete man ihnen mit Misstrauen, denn an vielen Orten saßen die Nazis noch auf ihren Posten. So weigerten sich die Einwohner von St. Florian, die befreiten KZ-Häftlinge mit Essen zu versorgen, und taten dies erst nach dem Befehl eines US-Lieutenants. Auch erfuhren die Heimkehrer in ihrer Heimat oft wenig Ankerkennung. Als Entschädigung erhielten sie gerade einmal 1000 Schilling.

Verzweifelt hat Edi nie, zu kämpfen und Widerstand zu leisten war für ihn eine Selbstverständlichkeit, die ihn auch in den schwierigsten Zeiten immer aufgerichtet und ihm Kraft gegeben hat. Für ihn persönlich sei das Schlimmste gewesen, während der ganzen Jahre von seiner Frau und seinem Sohn getrennt zu sein, zieht er heute das Résumé.

Die Gefahr von Rechts

Den Aufstieg der Rechten heute sieht der 95-Jährige als oft unterschätzte Gefahr an. Dass seine Partei der rechten Propaganda und dem schleichenden Verlust von hart erkämpften Arbeiterrechten nicht viel entgegenzusetzen hat, macht ihn dabei besonders traurig. Seiner Meinung nach haben sich die Sozialdemokraten von ihren Prinzipien und ihren Wurzeln verabschiedet. Dass man Anreden wie „Freundschaft“ und „Genosse“ abschaffen wollte, sieht Edi als Zeichen für diese Entwicklung an: „Doch ich habe mich bei der Sitzung dagegen gestellt, und heute ist man froh, es beibehalten zu haben.“

Problematisch ist Edis Meinung nach auch, dass die Jugend politisch nicht gefestigt und deshalb für die Propaganda Straches anfällig ist, die bei menschlichen Schwächen wie Neid und Missgunst ansetzt und die wahren Ursachen der Probleme verschleiert. Edi: „Wer nimmt uns denn die Arbeitsplätze weg? Sind das die Ausländer? Oder sind es nicht vielmehr die Unternehmer, die Leute entlassen und auf unsere Kosten Profite machen? Das Problem ist, dass die Jugend heute nicht politisch gebildet ist. Ich selber bin vom Kindergarten an politisch erzogen worden. Wir waren damals arm. Da gab es die Organisation ‚Jugend in Not’, wo Jugendliche eine Suppe und ein Stück Brot bekamen. Doch wir hatten eine politische Bildung, und das fehlt der Jugend heute.“ Normal 0 21 false false false MicrosoftInternetExplorer4

erschienen in: Talktogether Nr. 30/2009

Eduard Goldmann wurde am 11. Juni 1914 in Wien geboren. Sein Leben ist von Jugend an geprägt von politischem und gesellschaftlichem Engagement. Er war bei den Kinderfreunden, der Sozialistischen Arbeiterjugend und als Wehrsportbezirkführer in Wien tätig und engagierte sich ab 1934 bei den Revolutionären Sozialisten gegen den Austrofaschismus. 1938 wurde er zur Wehrmacht eingezogen, nahm am Polenfeldzug teil, wo er schwer verletzt ins Lazarett kam. 1940 rüstete Eduard Goldmann als Obergefreiter ab und bekam dann über Kontakte zu einer katholischen Widerstandsgruppe einen Posten bei der Union-Baugesellschaft.
Am 17. Juli 1941 wurde er verhaftet und als Kriegsverbrecher wegen Abhörens ausländischer Sender verurteilt. Zunächst saß er im Gefangenenhaus Salzburg ein und wurde 1944 ins KZ Buchenwald überstellt, wo er für Schreibarbeiten eingeteilt wurde. Auch im Lager engagierte er sich im „Österreich Komitee“, das sich bemühte, anderen Häftlingen zu helfen. Nach der Befreiung durch amerikanische Truppen kehrte er zurück in die Heimat.
Durch die Zoneneinteilung Österreichs blieb er vorerst in Salzburg, wo er, gemeinsam mit Marko Feingold, die Yewish Displaced Persons Camps betreute und in der Fluchthilfeorganisation „Bricha“ tätig war. Gemeinsam mit Marko Feingold gründete er 1948 die Firma „Wiener Mode“ in Salzburg, wo er bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1977 arbeitete.

Quelle: Stadt Salzburg Online