Frauenwiderstand im Nationalsozialismus Drucken

 
Ester Tencer, Antonia Bruha, Rosa Jochmann,
Käthe Leichter, Hermi Jursa, Anna Olip

Furchtlose Frauen

Obwohl von der Geschichtsschreibung wenig anerkannt, spielten viele Frauen im NS-Widerstand eine herausragende Rolle. Unter Lebensgefahr versteckten sie Menschen vor den Nazi-Schergen, retteten ihre Männer und Kinder, betätigten sich als Fluchthelferinnen oder bewahrten im KZ Menschen vor dem Tod in der Gaskammer. Diese Frauen bewiesen außergewöhnlichen Mut und Entschlossenheit. Wenn man heute sieht, wie Frauen fähig waren, die allmächtige und grausame Gestapo in Angst und Schrecken zu versetzen, verblasst das Bild vom schwachen Geschlecht, das vom Mann beschützt werden muss. Aber auch das Argument, Widerstand sei nicht möglich gewesen, verliert an Glaubhaftigkeit.

Die Frauen der Rosenstraße

Anfang März 1943 ereignete sich in Berlin etwas, was niemand für möglich gehalten hatte. Mehr als tausend Juden, die „nach dem Osten“ abtransportiert werden sollten, wurden wieder freigelassen, und weitere 25 sogar von Auschwitz zurückgeholt. Tag und Nacht marschierten die Frauen vor dem Sammellager in der Rosenstraße, wo ihre jüdischen Männer interniert waren, auf und ab und riefen: „Gebt uns unsere Männer zurück! Gebt uns unsere Kinder zurück!“ – und das mitten in Berlin, kaum drei Minuten vom Alexanderplatz entfernt. Sie ließen sich auch nicht von Maschinengewehren abhalten und erreichten schließlich, dass ihre Männer, mit Ausweispapieren und ordentlichen Entlassungspapieren versehen freigelassen wurden.

Der organisierte Widerstand

In Österreich gab es verschiedene Gruppen, meist auf Initiative von KommunistInnen gebildet, die bewaffneten Widerstand leisteten. Die größte und bekannteste Partisanengruppe war die der Slowenen, die sich in Südkärnten zur „Osvobodilna Fronta“ formierten und mit den Partisanen in Jugoslawien in Kontakt standen. Völlig unabhängig vom Ausland dagegen bildete sich in den Bergen der Obersteiermark die „Österreichische Freiheitsfront“, die als Leobener Partisanen bekannt wurde und im Jahr 1944 mit ihren Angriffen auf Militärtransporte einige militärische Erfolge erzielte. Im Sommer gab es jedoch schwere Rückschläge und zahlreiche KämpferInnen sowie UnterstützerInnen wurden verhaftet und ins KZ abtransportiert.

Die Partisanen des Salzkammerguts rekrutierten sich aus Waldarbeitern, Kleinbauern, Salinenarbeitern, aus Menschen also, die unmittelbar mit der Landwirtschaft verbunden waren und gute Kontakte zur Bevölkerung hatten. Das ermöglichte es ihnen, zahlreiche Einsätze erfolgreich zu beenden und der fieberhaft nach ihnen suchenden Militär- und Sicherheitspolizei zu entgehen. Die Verhaftungswelle des Jahres 1941 riss große Lücken und zwang zu einer Verringerung der Aktivitäten. Erst nach der von der Halleinerin Agnes Primocic gut organisierten Flucht des Spanienkämpfers Sepp Plieseis aus dem Außenlager Hallein des KZ Dachau begann man mit dem Aufbau einer Partisanengruppe. Es war im Sommer 1943, als Plieseis nach seiner Flucht über das Höllengebirge wieder in heimatlicher Umgebung eintraf und mit den Antifaschisten Karl Gitzoller und Resi Pesendorfer die „Gruppe Willy“ gründete, mit dem Ziel, alle Hitlergegner zu vereinen. Schon der folgende Winter zeigte, dass die Bevölkerung bereit war, die Partisanen nach Kräften mit Geld und Lebensmitteln zu unterstützen. Immer zahlreicher wurden die Fälle, dass junge Männer nicht mehr an die Front zurückkehrten und sich stattdessen den Partisanen anschlossen.

Eine der wirkungsvollsten militärischen Aktionen wurde in den Tagen der Befreiung Wiens in Ottakring und Hernals von ganz jungen KommunistInnen durchgeführt, als kriegsmüde Wehrmachtssoldaten zur Übergabe von Waffen und Munition überredet wurden. So bewaffnet gelang es, die SS teilweise zu entwaffnen, eine kampflose Übergabe an die einrückende Rote Armee zu ermöglichen und so den Krieg abzukürzen, Menschenleben zu retten und Häuser vor der Zerstörung zu bewahren.

Österreichischer Widerstand in Belgien

Zahlreiche Widerstandskämpfer waren nach Belgien emigriert und setzten dort ihren Widerstand fort. „Schließt euch zusammen, Katholiken und Sozialisten, Arbeiter und Bauern! Schließt euch zusammen, nun erst recht, zur Front aller Österreicher, aller Unterschiede der Weltanschauung, aller Parteiunterschiede zum Trotz!“ riefen sie in ihren Flugblättern auf. Als Hitlers Truppen am 10. Mai 1940 in Belgien, Holland, Luxemburg und Frankreich einfielen, wurden sämtliche deutschen und österreichischen EmigrantInnen verhaftet und in Viehwaggons abtransportiert. Doch im Untergrund ging der Kampf weiter, und die Agitationstätigkeit wurde fortgesetzt. Unter der Leitung von Otto Spitz wurde schließlich eine österreichische Partisanengruppe gegründet, die ihre Waffen durch Überfälle auf deutsche Soldaten beschaffte.

Die so genannte „Mädelarbeit“

Ohne Zweifel leisteten die Frauen und Mädchen eine Untergrundarbeit, die sie aufs äußerste gefährdete. Auf Grund ihrer Unauffälligkeit leisteten sie unentbehrliche Dienste als Botinnen und Kuriere, sie organisierten Nahrung, Medikamente und Verbandszeug sowie andere für die Widerstandskämpfer unentbehrliche Dinge. Durch ihre exponierte Tätigkeit waren die Frauen großer Gefahr ausgesetzt. In Belgien und Frankreich wurde durch Agitationstätigkeit versucht, junge Menschen für den Widerstand zu gewinnen. Bald entwickelte sich die „Soldatenarbeit“, bei der die Genossinnen eine entscheidende Rolle spielten. Die Mädchen bemühten sich, mit Soldaten in Kontakt zu treten und mit ihnen über die Sinnlosigkeit des Krieges zu sprechen. Diese Arbeit erforderte ein hohes Maß an Takt und Einfühlungsvermögen, große Geschicklichkeit und große Vorsicht. Zwei bis drei Mädchen gingen zusammen in Lokale, in denen deutsche Soldaten verkehrten, und versuchten, mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Wenn man auf Verständnis gestoßen war, konnte man beim zweiten oder dritten Rendezvous schriftliches Material mitbringen und sich langsam zur Aufforderung vorarbeiten, diese Flugblätter und Zeitungen in den Kasernen zu verbreiten.

Widerstand im Konzentrationslager

Die Widerstandstätigkeit der österreichischen Frauen endete nicht mit der Einlieferung ins Konzentrationslager. Trotz des unbarmherzigen Systems, das jede Solidarisierung unter den Häftlingen verhindern sollte, gab es zahlreiche Menschen, die sich der Zermürbungs- und Vernichtungsmaschinerie der SS widersetzten. Diese Häftlinge sabotierten die Kriegsproduktion, betätigten sich kulturell und organisierten kleine Netzwerke der Selbsthilfe.

„In Wirklichkeit hat jeder, der zu überleben trachtete, Widerstand geleistet, jedes Stückchen Brot, jedes freundliche, aufmunternde Wort war Widerstand. Jeder Versuch, einem Stockhieb der Aufseher zu entgehen, war Widerstand“, so drückte es Lotte S. aus, die als Widerstandskämpferin in Belgien verhaftet wurde und in den KZs Auschwitz-Birkenau und Ravensbrück interniert war. Trotz ständiger Bewachung und Bespitzelung gelang es, Solidargruppen aufzubauen. Meist fanden die Menschen nach ihrer Nationalität zusammen; im Frauen-KZ Ravensbrück ist es aber auch gelungen, eine internationale Organisation aufzubauen. Die Gruppe der österreichischen Häftlinge dort wurde von Frauen wie Rosa Jochmann und Käthe Leichter geprägt.

Rosa Jochmann: „Es gibt eine einzige Möglichkeit zum Überleben – wenn wir gegenseitig aufrichtig sind, wenn wir uns gegenseitig helfen, wenn wir Vertrauen zueinander haben. Ich hab ihnen gesagt, welche Haltung wir haben müssen. Jeder Politischen ist gesagt worden, was sie absolut einhalten muss, wenn sie mit uns sein will“.

Das Widerstandsnetz

In der Verwaltung des Lagerbetriebes setzte die SS für bestimmte Funktionen Häftlinge ein. Als Schreibkraft im Krankenrevier, bei der Lagerpolizei, oder als Block- und Stubenälteste. Arbeiten im Verwaltungsbereich bedeuteten mehr Information, stärkere Bewegungsfreiheit und bessere Kontaktmöglichkeiten und eigneten sich als Ausgangspunkt für Rettungsaktionen. Bei der Herausbildung von Strukturen, die einen organisierten Widerstand ermöglichten, spielten jene Häftlinge, die in solchen Positionen eingesetzt waren, eine entscheidende Rolle. Für sie ergab sich die Möglichkeit, Kleidung und Nahrung zu entwenden und damit hungernde und kranke Häftlinge zu versorgen. Frauen, deren Arbeitskraft verbraucht war, wurden von den Nazis zur Vernichtung durch Gas oder Giftspritzen ausselektiert. Die Krankenbaracken waren aber auch Arbeitsplätze für Ärztinnen, Krankenschwestern und Stubenpersonal. Die Rettungsaktionen forderten Mut, Geschicklichkeit und Phantasie sowie absolute Geheimhaltung.

Ester Tencer erzählte: „Ungefähr im August war es, zur Zeit, als die Transporte mit den ungarischen Juden hereingekommen sind. Vielleicht war’s auch schon September, jedenfalls haben viele dieser Frauen Krätze bekommen. Eines Tages hat man mich verständigt: Morgen kommt eine Selektion! Das heißt, wer krank ist, geht ins Gas. Wir hatten damals ungefähr 300 Frauen am Krätzeblock. Viele davon waren Politische, Kameradinnen. (…) Ihnen konnte man sagen: Ab morgen bist du am Arbeitsblock, ob du gesund bist oder nicht. (...) Aber den ungarischen Jüdinnen, denen konnte ich nicht sagen: Morgen ist Selektion! Die zeigen mich ja an, die wissen nicht, was alles im Lager vor sich geht. Sie hätten es mir auch gar nicht geglaubt. So, ihr seid gesund, hab ich zu ihnen gesagt, ihr müsst morgen arbeiten gehen! Geschrieen und geschimpft haben sie: Was? Diese Antisemitin, dieses Luder, die will uns zur Arbeit schicken, wir sind krank, wir können nicht! Ihr müsst gehen, hab ich beharrt, ob ihr krank seid oder nicht. Ich werde euch bei den Haaren ziehen und ihr werdet gehen! Szenen haben sich abgespielt, das war etwas! Einige Kameradinnen musste ich noch rufen, die haben sie dann auf die Arbeitsblocks geschleppt, sonst wären sie am nächsten Tag ins Gas gegangen. Wie am nächsten Tag die SS-Ärzte durch unseren Block gegangen sind, der Mengele war auch dabei, haben sie geschaut, ob da nicht zu viele sind. Ist gut, hat der eine gesagt. Keine einzige ist uns ins Gas gegangen“.

Die Heimkehr

Als die Gefangenen aus den Konzentrationslagern befreit wurden, waren sie oft Wochen und Monate zu Fuß unterwegs nach Hause. Essen fanden sie, indem sie sich Kartoffeln aus den Feldern ausgruben, oder sie wurden in den sowjetischen Kommandanturen versorgt. Sie mussten in Scheunen oder im Wald schlafen, nur selten fanden sie auf einem Bauernhof Unterschlupf. Als sie in ihrer Heimat ankamen, waren die Frauen sehr geschwächt, sie litten an Krankheiten und traumatischen Nachwirkungen. Zu ihrem Empfang spielten nicht wie für die Kriegsheimkehrer Musikkapellen. Viele fanden ihre Wohnungen zerbombt und ihre Bauernhöfe abgebrannt vor. Hinzu kam, dass viele ihrer Angehörigen gestorben waren, ihre Männer sie für tot gehalten und nicht auf sie gewartet hatten und ihre Kinder sie nicht mehr kannten. Während den ehemaligen Nazis ihre Bezüge nachgezahlt und ihre Dienstzeiten angerechnet wurden, gab es für KZ-Opfer nur sehr spärlich Renten oder Entschädigungszahlungen. Hinzu kam die Enttäuschung, dass von der Gesellschaft, von der sie geträumt hatten, nicht zu bemerken war, sondern, im Gegenteil, ehemalige Nazis sehr rasch wieder Positionen in Wirtschaft, Verwaltung und Politik einnahmen.

Gerti Schindel: „Wir haben Träume gesponnen, wie Österreich aussehen wird, wenn es befreit ist, wie man versuchen wird, ein menschenwürdiges Leben zu leben. Es wird keine Nazis mehr geben, keine Menschen, die von anderer Menschen Arbeit leben. (…) Auch heute noch bin ich überzeugt, dass der Kapitalismus nicht siegen wird. Es braucht halt alles viel länger, weil die Gegenkräfte stärker geworden sind. Damals, nach 1945, haben wir einen Spruch gehabt: Man soll nichts aufgeben, nur einen Brief.“

Quellen: Berger K., Holzinger E., Podgornik L., Trallori L. (Hrsg.): „Ich gebe Dir einen Mantel, daß Du ihn noch in Freiheit tragen kannst. Widerstehen im KZ – österreichische Frauen erzählen“. Dokumentationsarchiv d. Österr. Widerstands (DÖW)

erschienen in: Talktogether Nr. 16/2006