Nachruf für Arthur Miller, 1915-2005 Drucken

 Theater um die Welt zu verändern

…als Packer, als Vertreter, in allen möglichen Berufen, es ist eine miese Existenz... Den Sinn des Lebens darin zu sehen, die und die Ware zu führen, Leute anzurufen, irgendwas zu kaufen oder zu verkaufen. Sich fünfzig Wochen lang abzustrampeln, nur um zwei Wochen Ferien zu haben, wenn man sich in Wirklichkeit nichts weiter wünscht, als mit nacktem Oberkörper draußen an der der frischen Luft zu sein. Und immer in Konkurrenz mit dem anderen zu stehen …“

Biff Loman – Tod eines Handlungsreisenden

Arthur Millers Tod eines Handlungsreisenden (Death of a Salesman) ist die Geschichte von Willy Loman, einem anständigen Mann, der durch ein inhumanes Wirtschaftssystem, in dem es nur auf Erfolg ankommt, in Hoffnungslosigkeit und Selbstmord getrieben wird. Miller beschreibt Loman als einen Mann, der „sein Leben verkauft, um dessen Verschwendung zu rechtfertigen“. Miller schrieb dieses Stück 1949, gerade in dem Jahr, als das „Goldene Zeitalter“ verkündetet wurde, in dem die Amerikaner die guten Zeiten in dieser besten aller möglichen Welten genießen sollten. Als bei den Aufführungen der letzte Vorhang fiel, herrschte meist betroffene Stille, und Teile des Publikums – meistens die Männer – verbargen ihr Gesicht hinter ihren Händen, während andere offen weinten.

Die Welt verlor einen Großen, als Miller im Februar 2005 im Alter von 89 Jahren starb. Er konnte sich kein Theater vorstellen, dass nicht das Ziel hätte, die Welt zu verändern. Millers Protagonisten sind keine strahlenden Helden, sie sind von Kräften getrieben, die größer sind als sie selbst und die sie nicht verstehen. Auch fehlt die reduzierende Sichtweise vom Kampf zwischen der bösen Bourgeoisie und dem noblen Proletariat. Im Gegenteil, von ihm lernt man viel über die Gesellschaft. Er konfrontiert sein Publikum mit der Realität, indem er ihre unter der Oberfläche liegenden, elenden Geheimnisse enthüllt.

Bis ins Alter von 12 Jahren hatte Arthur Miller als reiches Kind gelebt. Er war der Sohn von Isidore Miller, einem jüdischen Einwanderer, der zu einem der größten Textilfabrikanten aufstieg, ohne auch nur in einer Sprache Lesen und Schreiben gelernt zu haben. Doch durch den Börsenkrach 1929 verlor die Familie ihren Reichtum und musste sich gewöhnen, in armseligen Verhältnissen zu leben, während sie auf eine Wiederkehr der „guten Zeiten“ wartete. Seine Mutter Augusta, die einzige in der Familie, die mit Büchern etwas anfangen konnte, verdiente ein bisschen Geld mit illegalen Bridgespielen. Nach seinem High School Abschluss arbeitete Miller in verschiedenen Jobs bis zu seiner Aufnahme in die University of Michigan im Jahre 1934. Hier hatte er sich zunächst für Journalismus eingeschrieben, wechselte aber 1936 ins Hauptfach Englisch. Auslöser zum Wechsel war der Gewinn des Avery Hopwood Award in Drama für sein Stück No Villain. Nach diesem Erfolg wurden mehrere Stücke von Miller bis zu seinem Universitätsabschluss im Jahre 1938 aufgeführt.

1947, nur kurze Zeit nach Beendigung des Zweiten Weltkriegs, wurde Millers Alle meine Söhne (All My Sons) am Broadway aufgeführt. Dieses Stück enthüllt die Logik der kapitalistischen Beziehungen, die einen Industriellen dazu bringt, während des Krieges wissentlich das Militär mit fehlerhaften Flugzeugteilen zu beliefern und damit den Tod mehrerer Piloten zu verursachen. Ein paar Jahre nach dem großen Erfolg von „Tod eines Handlungsreisenden“ - gerade als McCarthys Jagd auf Kommunisten und Liberale begann - brachte Miller 1953 das Stück Hexenjagd (The Crucible) heraus, das die grauenvollen Hexenprozesse von Salem im Jahr 1692 beschreibt. Die Hauptfiguren kämpfen für Liebe und Wahrheit, während eine fanatische Regierung die verängstigte Bevölkerung manipuliert und gegeneinander aufhetzt, indem sie alle, die nicht bei diesem Wahnsinn mitmachen, als vom Teufel besessen verurteilt. 1955 produziert Miller das Stück Blick von der Brücke (A View from the Bridge) das in Brooklyn spielt, wo sich der Traum vieler Einwanderer aus dem Nachkriegsitalien vom „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ als knochenbrecherische Arbeit und ein Leben im Ghetto entpuppt, wo feudale Traditionen parallel zu den Erfordernissen kalter kapitalistischer Berechnungen weiterexistieren – und wo die Regierung die Ordnung aufrecht hält, indem sie Familienmitglieder zu Verrätern macht.

Wegen seiner politischen Aussagen (so sagte er über den Sieg der Kommunisten in China: „Ein armes, ausgebeutetes Bauernvolk erhob sich und verjagte seine Ausbeuter. Ich finde, es war eine großartige Idee“) gehörte Miller bald zu den des Kommunismus verdächtigen Künstlern und wurde von der HUAC (Haus für unamerikanische Umtriebe) verfolgt und 1956 zu Gefängnis verurteilt, nach einer Berufung aber wieder entlassen. 1964 behandelte er im Stück Zwischenfall in Vichy (Incident in Vichy) die Frage von persönlicher Verantwortung und wie wir dazu gebracht werden können, mit dem „Bösen“ zu kooperieren. „Das Stück spielt im Frankreich während der Nazi-Okkupation, doch die Fragen haben immer Gültigkeit. Wie können wir heute verantworten, dass die Slums in Harlem existieren?“ fragte er. 1965 wurde Miller zum Präsenten des P.E.N. gewählt, einer internationalen Vereinigung, die SchriftstellerInnen verteidigt, die von ihren Regierungen verfolgt werden.

Viele von Millers Dramen enthüllen die grundlegende Tragik des Lebens: Die Menschen sind fähig zu grenzenloser Liebe und unendlichem Mut, sind aber gefangen in einer hinfälligen und unbarmherzigen Welt, in der sie sich berühren, sich aber einander nicht näher kommen können. Im verstörenden Film Nicht gesellschaftsfähig (The Misfits), den er 1961 drehte, sagte Marilyn Monroes Roslyn vor dem Scheidungsrichter als Begründung für ihren Wunsch nach einer schnellen Scheidung: „Warum kann ich nicht einfach sagen, er war gar nicht da? Ich meine, ich konnte ihn berühren, aber er war nicht anwesend!“ In einer späteren Szene sagt Eli Wallachs Rolle Guido (ein Cowboy und Pilot im Zweiten Weltkrieg): „Wir sind alle blinde Bombardiere, Roslyn. Wir töten Menschen, die wir niemals gesehen haben. Ich bombardierte neun Städte. Denk an all die Hündchen, Briefkästen und Brillengläser, die exp­lodierten. Eine Bombe zu werfen, ist wie eine Lüge. Alles geht so ruhig und glatt, bald hörst du nichts mehr, du sieht nichts…“

Miller schrieb mehr als 20 Stücke, Dreh­bücher, Kurzgeschichten und Essays über die Rolle des Theaters in der Gesell­schaft. Bis kurz vor seinem Tod stand er auf gegen die Ungerechtigkeit. Mit Leidenschaftlichkeit erhob er seine Stimme gegen den Vietnamkrieg. 1985 wurden er und der britische Dramatiker Harold Pinter aus der US-Botschaft in der Türkei geworfen, nachdem sie bei einem Abendempfang gegen die hohe Zahl von politischen Gefangenen in der Türkei protestiert hatten. Bis kurz vor seinem Lebensende nahm er an Veranstaltungen von „Not In Our Name“ teil, mit denen KünstlerInnen gegen den Krieg im Irak protestieren. Miller stand stets furchtlos auf gegen die Leere und Kälte der imperialistischen Zeit. Miller war ein ethischer Mensch: Er forderte die Menschen heraus, Verantwortung übernehmen, ohne moralistisch oder vereinfachend zu sein. Man könnte sagen, er war ein moralisches Gleichgewicht zur Barbarei und Heuchelei der modernen Gesellschaft.

Tod eines Handlungsreisenden

Arthur Millers Erfolgsstück aus dem Jahr 1949 ist ein Stück über Arbeit und Würde. Wir begegnen Willy Lo­man am letzten Tag seines Lebens. Seit sechsunddreißig Jahren arbeitet Willy Loman als ein reisender Handels­vertreter, er verkauft "sein" Produkt, er verkauft sich selbst. Loman ist ausgebrannt, verbraucht. Loman sucht Zuflucht in phantasierten Lebensläufen seiner Söhne. Sie sollen kämpfen statt sich zu verweigern, auch um seine Würde zu retten. Loman besteht auf einer Bewerbung seines Lieblingssohnes Biff ausgerechnet als Verkäufer, doch der scheitert schon im Vorstellungsgespräch. Der Sohn demontiert seine Idee von der lohnenden Leistung. Loman erkennt, dass er keine Kontrolle hat über sein Le­ben, auch nicht über das seiner Söhne.

Weil er unkonzentriert am Steuer sitzt, überfährt er einmal beinahe eine Frau. Als ihm das Unternehmen dann auch noch kündigt, ist Willy Loman nicht in der Lage, sein Scheitern einzugestehen. Getrieben vom Erfolgsdruck, versucht er verzweifelt, den Schein aufrechtzuerhalten. Jeden Tag fährt er in der Früh weg und kommt am Abend heim. Um seiner Frau weiterhin ein Gehalt abliefern zu können, leiht er sich sogar Geld. Insgeheim flüchtet er sich in Tagträume und hängt seinen Wunschvorstellungen aus der Vergangenheit nach. Seine Frau erkennt was in ihm vorgeht, doch sie kann ihn nicht trösten, weil er sie gar nicht wahrnimmt. Zu ihrem Sohn Biff sagt sie:

„Ich sage ja nicht, dass er was Beson­deres ist. Vater hat nie viel Geld ver­dient. Sein Name hat nie in der Zeitung gestanden. Er ist nicht gerade der großartigste Charakter. Aber er ist ein Mensch, und es geht irgendetwas Schreckliches mit ihm vor. Deshalb muss aufgepasst werden. Er darf nicht wie ein alter Hund in irgendeiner Ecke verenden. Aufpassen – aufpassen muss man auf solch einen Menschen!“

Um seinem Leben doch noch einen Sinn zu geben, verfällt Loman auf den Gedanken, sich durch einen vorgetäuschten Autounfall zu töten. Wenn die Familie dann das Geld von der Lebensversicherung ausgezahlt bekommt, so stellt er sich vor, werden sie ihn endlich anerkennen. Die Familie kann ihre Schulden bezahlen und mit dem übrigen Geld könne Biff eine Karriere machen. Arthur Miller entlarvt in diesem Stück den "American Dream" als Trugbild, die persönliche Tragödie des Protagonisten steht für eine gescheiterte Gesellschaftsordnung.

Heute, wo die Arbeit ihrer Würde beraubt worden ist, ist der Handlungsreisende auch ein Stück über den Sinn der Arbeit überhaupt. Die Tragödie des Handlungsreisenden ist, dass die Arbeit zur "Privatsache" geworden ist. Der moralische Anspruch, für die Gesellschaft etwas zu leisten, ist nicht anwendbar. Wer die Arbeit verliert, hat persönlich versagt und ist abgeschnitten vom Lebensnerv. Denn Arbeit stiftet Sinn und gesellschaftliche Anerkennung. Wenn aber immer mehr Menschen aus dem Produktionsprozess gedrängt werden und ihre Arbeit überflüssig geworden ist, ist die Frage, welchen Sinn die Arbeit erfüllt, aktueller denn je zuvor.

Quelle: revcom.us

erschienen in: Talktogether Nr. 14/2005