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Gedenkfeier im KZ Mauthausen

im Zeichen der Zerrissenheit Jugoslawiens

von Sabaha Sinanovic

Am 8. Mai 2005 wurde im KZ Mauthausen der Opfer des Faschismus mit einer Gedenkfeier gedacht. Vor 60 Jahren wurde das Lager von den Alliierten befreit. Rund 21.000 Menschen aus cirka 51 Staaten nahmen an der Feier teil, legten Blumen und Kränze beim Sarkophag am Appellplatz und bei den unzähligen Gedenktafeln und Denkmälern nieder. Überlebende KZ-Häftlinge trugen ihre Vergangenheit sichtbar machende Kleidungsstücke. Die Delegationen aus Israel, ganz Europa, Übersee und der ehemaligen UdSSR wurden beim Einzug auf dem Appellplatz begrüßt, fast alle trugen ihre nationalstaatlichen Fahnen mit sich.

So auch die Delegationen aus dem ehemaligen Jugoslawien. Räumlich vonein­ander getrennt, zogen die slowenische, die kroatische und die serbisch-montenegrinische Delegation ein. Seit 1949 ist das KZ Mauthausen eine öffentliche Gedenkstätte. Das jugoslawische Denkmal wurde am 11. Mai 1958 enthüllt und eine Gedenktafel mit der Aufschrift: „Zum Andenken an ihre Söhne, die Kämpfer des Volksbefreiungskrieges und Opfer des faschistischen Terrors, die in einem übermenschlichen Freiheitskampf der Völker und Völkerschaften Jugoslawiens gefallen sind. Ihre Heimat, die Sozialistische Föderative Republik Jugoslawien in Dankbarkeit.“ angebracht.

Cirka 9.000 Menschen, davon ca. 30 Frauen aus der späteren Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawiens waren in Mauthausen interniert. Es ist nicht wichtig, ob die Opfer aus Slowenien, Kroatien, Bosnien und der Herzegowina, Serbien und Montenegro oder Mazedonien stammten. Viele von ihnen haben den Faschismus nicht überlebt. Statt einem gemeinsamen Kranz wurden von jeder ‚Nation’ eigene Kränze niedergelegt. Wäre es nicht ein Zeichen der Versöhnung gewesen, wenn  die Teilrepubliken des ehemaligen Jugoslawiens gemeinsam angereist wären, und ein gemeinsames Gedenken organisiert hätten? Im April fand in Jasenovac („Balkanski-Auschwitz“) eine Gedenkfeier für die Opfer des Faschismus statt. Im nunmehr zerris­senen Jugoslawien empfinden es die Überlebenden beider Kriege unzumutbar, gemeinsam mit bekennenden Nationalisten, Tschetniks und Ustascha, die für zahllose Kriegsverbrechen verantwortlich sind, an Gedenkveranstaltungen gegen Faschismus und Krieg teilzunehmen.

Während mein durch die Venen fließendes PartinsanInnenblut zwischen Wut und Trauer kämpfte, fiel mein Blick auf die EU-Fahne hinter dem RednerInnenpult. Einer heute sich zu einem Machtblock formierenden, reichen und hochgerüsteten EU. Dabei fragte ich mich, was diese Fahne dort zu suchen hat? So hatte sich vor Jahren anlässlich einer Gedenkfeier die ehemalige Bundesministerin Barbara Prammer bemüßigt gefühlt, den Militäreinsatz im ehemaligen Jugoslawien zu propagieren. Waffen für den Frieden?

Die ersten fünf Frauen, die in Mauthausen hinter dem Block 20 erschossen wurden, stammten aus Jugoslawien. Beim heurigen Gedenkjahr wurde insbesondere mittels eines Dokumentarfilms und einer feministischen Trauerveranstaltung an die vom faschistischen System – unter der Prämisse: sexualisierte Ausbeutung von Frauen schafft höhere Arbeitsleistung – installierte Zwangsprostitution erinnert. Frauen, die überlebt haben, erinnern sich. Frauen, die zur Prostitution gezwungen wurden, fanden den Mut, ihre Stimme zu erheben. In anderer und eigener Weise erniedrigt und gedemütigt, erfuhren die betroffenen Frauen späten Respekt vor ihrem Leid. Einige haben das Schweigen gebrochen und ihre Erfahrung öffentlich zugänglich gemacht. Einer Täter-Opfer-Umkehr wird hier keine Plattform geboten. Das Leiden innerhalb einer von dieser faschistischen Maschinerie geprägten Gesellschaft hatte viele Gesichter.

Die Auseinandersetzung mit diesem Thema belastete mich lange, und ich habe darüber nachgedacht, warum ich hingefahren bin. Aus der Geschichte lernen oder diese wiederholen? Wann werden die Menschen verstehen, dass mit Waffen kein Frieden gestiftet wird, sondern die Grundlage für neue Konflikte? Fragen, Argumente und vor allem Enttäuschung gingen mir durch den Kopf. Entsetzt war ich auch von einer Delegation, die „USA Terrorist“ rief. Mauthausen oder Jasenovac sind keine Orte, um zu konkurrieren, nationalistische Symbole vor sich her zu tragen, politisch zu agitieren oder europäische Einheit gegen den Terror zu symbolisieren, sondern ein Ort, um zu gedenken, nachzudenken und zu lernen. Dann ist es mir klar geworden, warum ich an der Gedenkfeier teilgenommen habe:

 Verzeihen, aber nie vergessen.

Nie wieder Faschismus!

erschienen in: Talktogether Nr. 13/2005