Türkei: Rufe aus der Isolation Drucken

Rufe aus der Isolation

Filiz nimmt im folgenden Brief schon vorweg, was ich in den einleitenden Worten noch einmal eindringlich vor Augen führen will. Doch es ist so fundamental wichtig, dass es nicht oft genug erwähnt werden kann, und vor allem muss es über Worte hinauswachsen in praktisches Verständnis, anwendbar als Werkzeug zur Gestaltung einer besseren Zukunft. Das Todesfasten der türkischen Gefangenen gegen die bevorstehende und teilweise schon vollzogene Einführung von Isolationszellen ist kein isolierter auf die Türkei beschränkter Kampf. Vielmehr fasst es alle Kämpfe der politischen Gefangenen weltweit zusammen. Mit der Einrichtung von Isolationszellen nach deutschem Vorbild bezwecken die Repräsentanten des Systems das Brechen, das kontinuierliche Zerstören der Identität von politischen Gefangenen. Die weiße Folter, die sensorische Deprivation (das systematische Entziehen aller Sinneseindrücke) ist bewährtes Werkzeug.

Das, was die Herrschenden erzittern lässt und sie immer wieder zu neuen Grausamkeiten gegenüber den politischen Gefangenen treibt, ist die in den Gefangenen praktisch manifestierte Möglichkeit zum Widerstand. Kollektives Zeugnis und Gedächtnis dass es Widerstand gab, gibt und geben wird. Dieser Gedanke, der durch die Gefangenen tagtäglich auf uns überspringt, ist nicht einzudämmen. Ihre Möglichkeiten sind endlos, die erreichten Resultate dürftig. Die Gefangenen, von Deutschland über die Türkei, Frankreich, Italien, Palästina, Peru, etc. leisten den verlangten „Reuebeschwörungen“ nicht Folge. Verleugnen ihre Geschichte nicht und halten uns vor Augen, dass der Kampf um eine bessere Welt keineswegs beendet und aussichtslos ist. Der Preis den sie bezahlen ist hoch. Wie anders ist es zu erklären, dass zum Beispiel der französische Staat sich nach wie vor außer Stande sieht, die Gefangenen der Action Directe, obwohl gesundheitlich stark angeschlagen (Tumor, psychisch erkrankt) nach 18 Jahren und mehr Haft, vorzeitig zu entlassen. Gemeinsam mit den Gefangenen weltweit, ihre Kämpfe unterstützend, beschreiten wir weiter den Weg des Widerstandes gegen das menschenverachtende kapitalistische System, für eine bessere Welt. In Gedanken bei den vielen gefallenen Genossinnen und Genossen in den Knästen.
Tom.  Forum für Diskussion, www.discussion.uni.cc

Brief einer jungen Frau aus einem türkischen Gefängnis: 

Das Gefängnis, in dem wir uns befinden, ist ein E-Typ Gefängnis, aber es ist so aufgebaut, dass es F-Typ Zellen (Isoalationszellen für politische Gefangene) entspricht. In ei­ner Zelle ist Platz für 7–8 Personen, wir sind jedoch derzeit nur zu fünft. In der Nebenzelle sind zwei Freunde von uns eingesperrt. Unsere Zellen sind ca. 30 m² groß, zweistöckig, von innen mit Treppen versehen und mit Belüftungs­räumen verbunden. In den Belüftungsraum kommt man durch eine Türe, die nur zwischen 6:30 in der Früh und 17:00 am Abend geöffnet sind. Dieser ist so angelegt, dass wir niemals jemandem aus den anderen Zellen begegnen können. Die Wände der Belüftungsräume sind so hoch, dass wir unsere Freunde, mit denen wir Jahre zusammen im selben Gefängnis verbrachten, nicht sehen können. Um uns zu verständigen, müssen wir laut schreien, manchmal singen wir zusammen Lieder.

Letztes Monat wurde ein neues Gesetz verkündet: „Unnötiges“ Singen ist ab nun „verboten“. Das heißt, wenn wir singen, begehen wir eine Straftat. Als Strafe kann man uns z.B. das Recht auf Schriftwechsel oder Besuche untersagen. Dass wir Briefe erhalten und senden können, hängt ohnehin von deren Laune ab, oft gehen die Briefe und Zeitschriften, die an uns geschickt werden „verloren“ oder werden konfisziert. Auch bei unseren persönlichen Gegenständen gibt es Beschränkungen. Wir dürfen hier nur über drei Bekleidungsstücke verfügen. Wenn wir ein neues Klei­dungsstück bekommen, müssen wir ein altes weggeben. Genauso ist es bei den Büchern. Wenn wir ein neues Buch bekommen, müssen wir eins von den alten weggeben. Auch Papier und Stifte – besonders bunte Stifte – sind schwer zu bekommen. Mit bunten Stiften Bilder zu zeichnen bzw. zu malen ist ebenfalls verboten.

Die Liste der Regeln ist endlos. Von der Behandlung von Krankheiten bis zur Befriedung unserer normalen Bedürfnisse entstehen hier Probleme. All das ist nur dazu da, um den Widerstand zum Schweigen zu bringen. In einem Land wo das Volk unterwürfig, verängstigt und still sein soll, muss der Widerstand gebrochen, die Revolutionäre müssen beseitigt und die Vermehrung von Sympathisanten verhindert werden. Mit einem solchen Angriff sind wir seit fünf Jahren konfrontiert. Dieser Angriff ist nicht nur gegen uns, sondern gegen unser ganzes Volk gerichtet. Doch gegen diesen Angriff haben wir eine starke Barrikade gebildet. Unser Widerstand ist fester Bestandteil in unserem Land geworden. Die Isolationsmacht hat ihr Angriffsziel nicht erreicht. Sie hat uns nicht brechen können und die Widerstandsbewegung lebt mit voller Kraft weiter. Mit unserer Überzeugung kämpfen wir dagegen an - auch wenn wir dafür allein in einer Zelle bleiben müssen! Dafür haben wir unsere 118 Leben eingesetzt und früher oder später werden wir siegen. Dafür sind wir bereit, alle notwendigen Bedingungen auf uns zu nehmen!

Weil wir von unserem Widerstand überzeugt sind, gestalten wir auch in der Isolationshaft unser tägliches Leben produktiv. Der am 4. März 2004 in diesem Gefängnis im Todeshungerstreik als Märtyrer gefallene Kamerad Günay Ögrener sagte: „Schöpferisch zu sein, ist auch eine Art des Widerstandes“. Wir lassen wir uns von diesem Gedanken leiten und leben intensiv. Im täglichen Leben diszipliniert zu sein und Pläne und ein Programm für den Tag zu haben, ist Teil unseres Widerstands und gibt uns Kraft. Wir stehen alle in der Früh zur gleichen Zeit auf, lesen und diskutieren gemeinsam Werke des Marxismus/Leninismus, analysieren die mit unserem Widerstand zusammenhängenden Kämpfe, die Neuigkeiten in unserem Land und in der ganzen Welt. Außerdem bringen wir drei Zeitschriften im Monat heraus. Eine humoristische Zeitschrift, eine über Kultur und Kunst und die dritte mit aktuellen Nachrichten und Texten über unseren Widerstand. Wir veranstalten Gedenkfeiern für unsere MärtyrerInnen, Feste z.B. zum 1. Mai und setzen Wettbewerbe für Gedichte und Liedertexte in Szene (…)

Du erzählst in deinem Brief, dass alle über eine Veränderung sprechen, die in der Türkei stattfindet. Davon haben wir in den Ge­fängnissen nichts bemerkt. In der Türkei hat sich nichts verändert, sondern wir finden auf unse­ren Straßen und in den Dörfern immer noch mehr Leid und Armut. In unseren Augen ist die Europäische Union eine Vereinigung der Monopole, und unsere Regierung will nichts anderes, als mit diesen Monopolen zusammenzuarbeiten. Sie betrügt unser Volk und versucht, die EU als Lösung seiner Probleme zu präsentieren. Damit halten sie das Volk hin und setzen Erwartungen, dass ihre Leiden durch eine EU-Mitgliedschaft ein Ende finden könnte. Doch nach unserer Betrachtungsweise ist dieses Spiel nur ein Bestandteil des Angriffes der Isolationsmacht. Doch wir werden ihre Macht brechen! Unser Widerstand ist eine Bewegung gegen den Imperialismus und unser Kampf ist international. Die Gemeinschaft mit allen Widerstandskämpfern der Welt wird uns stärken.

Mit lieben Grüßen, Filiz, 23. Januar 2005, (Übersetzung: Tuba Yalcin)

immer noch dieser reflex
unterstellen wollen,
wenn der regen

schlägt an das
lochblechverschweißte
fenster der sicherheitszelle.

die natur immer noch
im eigenen gesicht,
nur
die tropfen erreichen mich
nicht.

berge, bewaldet und
grün,
blätter fallen
modrig duftend sanft
auf die glieder.
immer noch –
in gedanken.

kühle fremdheit
ein erschauern in dem herzen
und weiterhin
blühende
wiesen
und
hügel.

unaufhörlich - unauslöschlich!

Rainer Dittrich, politischer Gefangener in Deutschland, seit 2000 im Solidaritätshungerstreik mit den Gefangenen in den Gefängnissen der Türkei

erschienen in: Talktogether Nr. 12/2005