Beobachtungen im Ernst-Kirchweger-Haus,Wien Drucken

Miteinander oder

Nebeneinander unter einem Dach?

Das Ernst-Kirchweger-Haus im 10. Wiener Gemeindebezirk ist in die Schlagzeilen geraten, weil seine BewohnerInnen - verschiedene politische Vereine und Asylwerberinnen - aufgefordert wurden, bis Juni 2005 die Räume des Gebäudes zu verlassen. Die KPÖ, in deren Besitz das Haus in der Wielandgasse seit 1945 war, verkaufte es 2004 aus Geldnot. Als wir, das Talk-Together-Team, bei unseren Recherchen in Wien unterwegs waren, haben wir auch dieses Haus besucht, um uns einen Eindruck zu verschaffen und uns aus erster Hand zu informieren.

Das Gebäude wurde in den 1920er Jahren von tschechischen Arbeitern als Schule erbaut. Da ein Großteil der Räume ungenutzt war, wurde das Haus 1990 von einer Gruppe AktivistInnen besetzt. Benannt wurde es nach dem Antifaschisten Ernst Kirchweger, der 1965 bei einer Demonstration von Nazis erschlagen wurde. Heute wird das Haus von höchst unterschiedlichen Gruppen wie den MigrantInnenvereinen ATIGF (Föderation von ArbeiterInnen aus der Türkei) und dem jugoslawischen Dachverband, von eher locker organisierten autonomen Gruppen, die dort u.a. einen "Infoladen", eine "Volxbibliothek" und die Redaktionen der Zeitungen "Tatblatt" und "Rapidité" eingerichtet haben, sowie von den Flüchtlingsorganisationen "Flughafensozialdienst" und "Deserteursberatung" genutzt, die dort Zimmer für Flüchtlinge zur Verfügung stellen.

Gemeinsamer Nenner dieser höchst unterschiedlichen Organisationen ist der Kampf gegen Faschismus und Rassismus. Da die meisten dieser Gruppen keine finanziellen Mittel zur Verfügung haben, würden ihre Projekte nach dem Verlust der Räume im EKH vor dem endgültigen Aus stehen.Zuerst begegnen wir einem Mitglied von ATIGF, der gerade die Vereinsräume putzt. Er kann uns aber nicht genug Informationen geben und schickt uns weiter. Dann treffen wir ein paar Flüchtlinge, junge Männer aus Pakistan und Afrika, die die dort herrschende Freiheit sichtlich genießen, die ihnen in einer anderen Unterkunft sicher verwehrt wäre.

Schließlich landen wir in den Räumen der Autonomen, wo wir uns mit einem jungen Aktivisten unterhalten. Während die Organisation ATIGF straff organisiert ist und ihr Lokal einen sauberen und ordentlichen Eindruck macht, allerdings fast ausschließlich von MigrantInnen aus der Türkei frequentiert wird, sind in diesen etwas chaotisch wirkenden Räumlichkeiten hauptsächlich junge AnarchistInnen anzutreffen, die es offensichtlich lieber etwas lockerer haben. Der junge Mann erzählt uns, dass einige der Leute hier wohnen, andere nur ihre Freizeit hier verbringen. Hier wird gemeinsam gekocht, gegessen und gearbeitet, auch alle Kosten werden gemeinschaftlich bestritten. Die jungen Leute haben hier den Freiraum, ihre Konzepte eines freien, kollektiven und solidarischen Zusammenlebens zu erproben. Auch Besuch von Gleichgesinnten aus Tschechien und aus Hamburg ist anwesend. Wir fragen, ob es denn auch gemeinschaftliche Aktionen der Vereine hier im Haus gebe. Ja, wenn es um das Haus geht und um den Widerstand gegen die Räumung, wird zusammengearbeitet, auch bei vielen Demonstrationen agieren sie gemeinsam mit großer Entschlossenheit.

Gemeinsame Veranstaltungen gibt es aber nicht, dazu scheinen Ideologie und Lebensstil doch zu unterschiedlich zu sein. "Sie essen ja alle Fleisch, während wir Vegetarier sind", begründet der junge Mann die mangelnde Gemeinsamkeit. Insgesamt hat man doch eher den Eindruck, dass es sich hier wohl meistens mehr um ein Nebeneinander der verschiedenen Gruppen, als um ein Miteinander mit gegenseitigem Austausch handelt. Die KPÖ wird heftig kritisiert, da sie sich nach Meinung der EKH-BewohnerInnen unsolidarisch und eigennützig verhält. Noch dazu soll es sich beim Käufer Machowetz nicht nur um einen Spekulanten, sondern sogar um einen Rechtsradikalen handeln.

Doch der Verlust "ihres" Hauses sollte für die politischen Vereine auch ein Anlass zur Selbstkritik sein. Wurde die Chance, 14 Jahre lang ein so großes, schönes Haus benützen zu können, wirklich genutzt? Tatsächlich scheint es eher, dass - abgesehen vom unsauberen Eindruck, durch den sich das Haus vom allgemeinen Straßenbild abhebt - von den meisten Teilen der Bevölkerung weitgehend unbemerkt bleibt, was sich innerhalb der Wände dieses Hauses abspielt. Ein Spiegelbild der "linken" Bewegungen in Österreich: zersplittert und ohne Einfluss am Rand der Gesellschaft? Wir sollten uns alle die Frage stellen: Wollen wir wirklich eine Alternative zu den herrschenden kapitalistischen Gesellschaftsstrukturen erarbeiten, oder geht es uns nur darum, uns selbst einen persönlichen Freiraum zu schaffen? Wenn wir mitgestalten wollen, in welche Richtung die Gesellschaft geht, müssen wir uns noch viel mehr anstrengen. Wäre es gelungen, hier im Arbeiterbezirk Favoriten ein lebendiges und offenes Zentrum zu schaffen, wäre die Unterstützung von außen größer, und es würde vielleicht schwerer sein, die Gruppen aus dem Haus zu vertreiben.

erschienen in: Talktogether Nr. 11/2005