Portrait der Dichterin Ishraga Mustafa Hamid aus dem Sudan Drucken

"Ich schreie meine Wut hinaus und regne"

Schwarze Frauen in Österreich auf dem Weg zur Befreiung

Da Ishraga gerade intensiv an der Fertigstellung ihrer Doktorarbeit arbeitet, liegen auf ihrem Tische viele Zettel und Unterlagen ausgebreitet. In ihrer Arbeit untersucht sie die "Empowerment"-Prozesse schwarzer Frauen in Wien. Mit schwarzen Frauen meint Ishraga nicht nur Afrikanerinnen, sondern alle Frauen, die aufgrund ihres Aussehens Diskriminierung erfahren. "Schwarz ist für mich ein politischer Begriff", erklärt sie uns, "der das Bewusstsein von Benachteiligung aufgrund der Rasse, Klasse, Hautfarbe, sowie einer nicht dominanten Religion und Kultur beinhaltet. Ausschlaggebend ist die Selbstdefinition". Von 25 befragten Frauen, nahmen nur 12 sich selbst als schwarz wahr, andere verneinten es und meinten beispielsweise, sie wären eben einfach Menschen. "Um sich zu befreien, muss man einen Weg finden, sich selbst ermächtigen. Das Bewusstsein der Diskriminie­rung und die Abwehrmechanismen dagegen sind in diesem Prozess sehr wichtig und hilfreich". Integration ist ein Begriff, der von vielen der befragten Frauen abgelehnt wird, weil sie das Gefühl haben, dass die in Österreich praktizierte Integrationspolitik Ausgrenzung bedeutet und nicht, dass ihre eigene Identität akzeptiert wird.

Schwarze Menschen sind natürlich keine homogene Gruppe, ihre Herkunft und ihr Hintergrund sind höchst unterschiedlich. Was sie ge­meinsam haben, ist das Gefühl der Ausgrenzung. Menschen mit dunkler Hautfarbe erleben die Diskriminierung bereits im Kinder­garten bei Spielen wie: "Wer fürchtet sich vorm schwarzen Mann?" Ishraga hat festgestellt, dass auch die Bedeutung des Begriffes Heimat höchst unterschiedlich wahrgenommen wird. Heimat bedeutet weder das Land, in dem man aufgewachsen ist, noch in dem man lebt. Heimat ist der Raum, in dem man sich akzeptiert und frei von Rassismus fühlt. Heimat ist dort, wo man gelernt hat, mit dem System umzugehen, wo man sich bewegen kann, die eigene Umgebung, die Community. Die Herkunft ist etwas anderes, das ist ein Erbe, das man mitbekommen hat. "Ich sprach mit einer Frau, deren Vater Afrikaner und deren Mutter auch nicht gebürtige Österreicherin ist. Obwohl sie in Öster­reich aufgewachsen ist, fühlt sie sich ausgegrenzt und nicht gleich­berechtigt. Als die das Heimatland ihres Vaters besuchte, hatte sie das erste Mal das Gefühl, auf festem Boden zu stehen. In Österreich habe sie das Gefühl, dass die Erde, auf der sie steht, mit Blut getränkt sei. Das hat mich sehr schockiert und betroffen."

Einen menschlichen Boden erkämpfen

Früher hat sich Ishraga selbst nicht als schwarz identifiziert, sondern in erster Linie nur als Sudanesin: "In meinem Kopf war: der Sudan ist mein Heimatland. Erst durch den Migrationsprozess war ich gezwungen, meinen Horizont zu erweitern und diese engen Grenzen zu überschreiten. Ich wurde gefragt: Kommst du aus dem Norden oder aus dem Süden? Bist du Afrikanerin? Bist du Muslimin, sprichst du arabisch? Diese Aufspaltung wollte ich nicht akzeptieren. Ich wurde auch von Ara­berinnen und Afrikanerinnen aus­gegrenzt, von Menschen, die selbst hier Fremde sind und Diskriminierung erfahren. Ich erfuhr, dass es auch innerhalb der Migran­tInnen eine Hierarchie gibt, und Rassismus und Sexismus existieren. Die Enttäu­schung darüber zwang mich, mich mit meiner Iden­tität zu befassen. Aber Identität ist nicht stabil, wer weiß, wie ich mich nach zehn Jahren fühlen werde?" Als Ishraga nach sechs Jahren in Österreich das erste Mal in den Sudan kam, fühlte sie sich fremd: Sie hatte sich verändert und konnte sich nicht mehr im System zurecht­finden.

Heute empfindet Ishraga es als eine Bereicherung, sich als "Schwarze" zu identifi­zieren. "Ich sehe 'Schwarzsein' im Zusammenhang mit dem Kolonialismus und der globalisierten Ausbeutung, und das bedeutet für mich die Notwendigkeit, Wider­stand zu leisten. Natürlich wünsche ich mir, auch diese Grenze zu überschreiten und mich einfach nur als Mensch fühlen zu können. Doch solange es die Spaltung zwi­schen Arm und Reich, zwischen Nord und Süd gibt, werde ich mich 'schwarz' füh­len. Schwarze Frauen sind einer doppelten Diskriminierung ausgesetzt: aufgrund ihrer Hautfarbe und aufgrund ihres Geschlechts. Weiße Frauen und schwarze Frauen haben gemeinsam, dass sie als Sexualobjekte angesehen werden. Aber mit weißen Feministinnen hat Ishraga schlechte Erfahrungen gemacht. Durch ihre euro­zentristische Sichtweise empfand sie diese Frauen manchmal sehr diskriminierend. Vor allem das Mitleidsgefühl ist es, dass sie besonders stört: "Mitleid entzieht uns die Macht!"

"Meine Worte sind frei, sich zu bewegen, wohin sie wollen!"

Das Schreiben von Gedichten ist Ishraga ein Bedürfnis seit dem Alter, als sie sich als Frau entdeckte. Damals konnte Ishraga bei Vollmond nicht schlafen und dachte die ganze Nacht über die vielen leidenschaftlichen Fragen nach, auf die sie keine Antwort erhielt - über Liebe, das Frausein, über Armut. "In unserer Kul­tur sind wir sehr stark kontrolliert. Es ist nicht möglich, über unsere Gefühle offen zu sprechen. Als ich meinen ersten Lie­besbrief erhielt, las ich ihn heimlich im WC. Als ich herauskam, fühlte ich mich, als wäre mein ganzer Körper violett". Indem sie ihre Gefühle in Gedichten ausdrückte, gab sie sich selbst Kraft - es war ihr eigener Empowerment-Prozess. Sie hatte das Glück, in der Schule Lehrer zu haben, die ihr Talent erkannten und sie motivierten. "Ich schreibe über Gefühle, über Träume, Fragen und Phantasien. Wenn ich traurig oder entsetzt bin, schreie ich meine Gefühle in die Welt". Manchmal regnet sie ihre Gefühle regelrecht heraus. "Alles, was ich schreibe, entsteht aus einer Realität. Oft aus einer hässlichen Realität, die sie durch die Worte mit Schönheit zu bekleiden versucht. Wem gehören die Worte, wenn ich sie geschrieben habe?" fragt Ishraga dann, "gehören sie mir? Nein, sie sind frei, sich zu bewegen, wohin sie wollen. Jeder interpretiert meine Worte für sich selbst".

"Für mich hat jede Realität - Lachen, Weinen, Liebe - einen po­liti­schen Hintergrund. Wenn ich über die Sehnsucht nach ihm, dem Liebhaber, schreibe, meine ich auch meine Kameraden, die mich auf dem Emanzipationsprozess begleitet haben und die jetzt in aller Welt zerstreut sind, genauso wie meine Liebe in meinem Herz zer­streut ist. Damit möchte ich meine LeserInnen motivieren, sich auch mit anderen Gedanken zu beschäftigen." Ihre Gedichte veröffentlicht Ishraga meist in Arabisch auf einer sudanesischen Internetseite. Dort bekommt sie so viele Rück­meldungen, vor allem von Frauen, die sagen: Du schreibst in unserem Namen! "Gestern habe ich ein Ge­dicht veröffentlicht. Heute sehe ich, das es 500 Leute gelesen und 45 einen Kommentar geschrieben habe. Das macht mich verantwortlich für diese Menschen. Aber diese Verantwortung macht mir manchmal Angst. Was ist, wenn ich ihre Erwartungen nicht mehr erfüllen kann, wenn ich eines Tages nicht mehr schreibe?"

Erfahrungsaustausch zwischen den Generationen

Als Ishraga aufwuchs, erlebte der Sudan eine Aufbruchsstimmung. Die Frauenbewegung, die bereits 1946 gegründet worden war, war sehr aktiv und hatte schon 1967 gleiche Löhne für die Frauen erkämpft. Nach dem Militärputsch 1989 verließ aber ein Großteil der Intellektuellen das Land und lebt heute auf der Welt zerstreut. "Durch die Migration haben wir aber auch viel dazu gelernt und wur­den natürlich beeinflusst von den Ländern, in denen wir heute leben. Mein Vorteil ist, dass ich bereits mit 16 Jahren politisch aktiv war und nicht in Österreich von null angefangen musste", ist Ishraga überzeugt. Oft hat sie Sehnsucht nach der Zeit ihrer Jugend im Sudan, obwohl sie weiß, dass es eine Illusion ist und diese Zeit vorüber ist. "Durch die Migration habe ich Erfahrungen gewonnen und habe mich emanzipiert. Sehr geholfen haben mir aber die Erfahrungen, die ich in meiner Zeit in der sudanesischen Frauenbewegung und in der Kommunistischen Partei gemacht habe. Die Kommunistische Partei war die einzige, die eine ganz klare Linie hatte und sich kompromisslos für Frauen- und für Menschenrechte eingesetzt hat. Vor allem die Selbstkritik habe ich durch meine Arbeit in der Partei gelernt."

Ishraga schreibt auch politische Essays und Kommentare, z.B. über das aktuelle Friedensabkommen zwischen der Regierung und den Rebellen des Südsudan. Sie schreibt dabei immer aus der Perspektive der Frauen: "Ist ein Frieden nur durch ein Abkommen möglich? Was wir brauchen, ist eine neue Kultur, eine Kultur des Friedens. Wie können wir diese Kultur schaffen?" Der Friedensprozess birgt eine neue Chance für die Demokratisierung. Jahre lang wurden Jugendliche zum Kämpfen in den Süden geschickt mit dem Verspre­chen, dass im Paradies Jungfrauen aus sie warten, wenn sie sterben. Heute ist eine neue sehr lebendige Jugendbewegung entstanden. Auch in der Frauenbewegung gibt es neue fruchtbare Debatten zwischen der "alten" Bewegung und den Feministinnen. Ishragas Ziel heute ist, sich mit diesen neuen Bewegungen zu vernetzen und einen Austausch zwischen den Generationen zu fördern. "Manchmal fühle ich mich schuldig, weil wir weggegangen sind, anstatt weiter zu kämpfen", gesteht sie. Auch wenn Ishraga, wann immer sie den Sudan besucht, mit Schwierigkeiten konfrontiert ist, und obwohl sie heute österreichische Staatsbürgerin ist und sich hier unter großen Anstrengungen hier einen Namen gemacht hat, wünscht sie sich nichts sehnlicher, als wieder in den Sudan zurückgehen zu können: "Dort werde ich viel mehr gebraucht!"

Gefährte

Gefährten sind wir auf dem Weg
verbunden in Traum und Leidenschaft
unsere Herzen sind verflochten,
wenn die Erschöpfung uns besiegt

Eifrig bin ich dann und heiter
wenn er mich unsichtbar berührt

Meine Träume stehen aufrecht
voll Leidenschaft
und Wehmut
und sehnsüchtig entrücke ich
wenn er erblüht
wie Buchstaben
wie verstreute Sterne
die mich erkennen

ich bin eine Frau
eine Frau für die Armen
eine Frau für die Gedanken der Frauen
und für das Seufzen meiner Heimat

Ich bin eine Fremde

Er begleitet mich
in meiner Ausgrenzung
in meiner Einsamkeit
und Wehmut

Er tanzt mit mir am Anfang
und in der Mitte des Traumes
er verlässt mich erst
wenn die Früchte meiner Hoffnung
in Buchstaben erblühen

Gefährten sind wir
unsere Herzen verflechten ineinander
wenn die Erschöpfung uns besiegt

Fremde sind wir
mein Bleistift und ich

http://ishragamustafa.blogspot.co.at/2007/06/austrias-truest-eye.html

erschienen in: Talktogether Nr. 11/2005