Ein Brief aus Afrika zum Internationalen Frauentag Drucken

Liebe Schwestern!

Wir leben auf verschiedenen Kontinenten, wir haben verschiedene Hautfarben, sprechen verschiedene Sprachen, wir sind in einer anderen Kultur aufgewachsen und haben vielleicht auch einen anderen Glauben. Was wir aber gemeinsam haben, ist, dass wir uns ein glückliches Leben und Möglichkeiten für uns und unsere Kinder wünschen. Heute ist der Internationale Frauentag, der von Frauen auf der ganzen Welt gefeiert wird. Aus diesem Anlass schreiben wir euch, liebe Schwestern in Europa, eine Stellungnahme.

Wir hier in Afrika sind nicht so reich wie ihr. Wir haben nicht so viele Fabriken wie ihr, wir haben auch nicht so viel sauberes Trinkwasser. Aber wir sind stark und fleißig, wir sind bereitn hart zu arbeiten, zu lernen und uns weiterzuentwickeln. Wir haben fruchtbares Land, auf dem wir Getreide, Baumwolle und Gemüse anbauen, wir haben auch Kühe und Ziegen, die uns genügend Milch geben. Daher sind wir in der Lage, von unserer Ernte zu leben. Trotzdem gibt es oft Hunger und Not. Was hindert uns daran, uns selbst zu versorgen? Das, womit ihr glaubt, uns zu helfen, treibt uns in Wirklichkeit noch tiefer in die Armut. Nämlich die Waren, die ihr uns aus Europa und Amerika schickt.  

Ich möchte euch über unser Projekt erzählen: Wir besitzen Kühe, die frische gesunde Milch geben, die uns und unseren Kindern Kraft und Energie gibt. Um unsere Milch auch in der nächstgelegenen Stadt verkaufen zu können, haben wir, vier Frauen aus unserem Dorf, beschlossen, die Milch in Packungen zu füllen und sie im Supermarkt zu verkaufen. Wir haben uns zusammengeschlossen und eine kleine Kooperative gegründet. Jeden Tag stehen wir lange vor Sonnenaufgang auf. Zwei von uns gehen zu Fuß zu allen Bauern aus dem Dorf und der Umgebung, um die frisch gemolkene Milch abzuholen. In der Zwischenzeit sind die  anderen damit beschäftigt, die Milch zu pasteurisieren, in Plastiksäcke zu füllen und diese zuzuschweißen. Wir müssen uns beeilen, denn bevor der Supermarkt öffnet, müssen wir unsere Milchpackungen abliefern.

An die Bauern bezahlen wir pro Liter 45 Cent, im Supermarkt wird ein Liter unserer Milch um 75 Cent verkauft. Das ist zwar nicht billig, aber die Leute in der Stadt konnten es sich leisten.

Es ist eine harte Arbeit für alle, doch sie war gut für uns: alle Beteiligten, die Bauern und unsere Kooperative, konnten davon ganz gut leben. Wir haben uns über den Erfolg unseres Projektes sehr gefreut und auch an weitere Projekte gedacht, um die Landwirtschaft zu fördern. Bis eines Tages im Supermarktregal Milchpulver aus der EU auftauchte. Ein Liter Milch aus diesem Milchpulver kostet umgerechnet nur 30 Cent. Wer soll da noch unsere Milch kaufen?

Dieses Milchpulver stammt von europäischen Milchbetrieben, die zuviel produzieren und ihre Überschüsse nicht verkaufen können. Noch dazu wurden die europäischen Bauern von der Regierung mit 1 Euro pro Liter unterstützt. Wie können wir gegen diese Konkurrenz mithalten? Wie sollen wir Futter für unsere Tiere kaufen, um die Trockenzeit zu überstehen?

Ich wende mich an euch, und nicht an eure Männer, weil ihr Frauen uns vielleicht besser versteht. Denn sture und profitgierige Männer haben wir auch hier. Deshalb bitte ich euch, liebe Schwestern in Europa, unterstützt uns bei unserem Kampf um Eigenständigkeit. Aber schickt uns nicht mehr Dinge, die ihr nicht mehr braucht. Damit helft ihr uns sicherlich nicht!

Maimouna, Burkina Faso

Liebe Grüße aus Afrika an die europäischen Frauen.
Es lebe der 8. März!
Es lebe die internationale Solidarität!

erschienen in: Talktogether Nr. 23/2008