Einzelhaft und das Leben danach PDF Drucken E-Mail

Einzelhaft und das Leben "danach"

von Thomas Meyer-Falk

Im Folgenden soll es um die Isolationshaft und das Leben nach Aufhebung der Einzelhaft gehen. Von 1996 bis 1998 sa√ü ich erst in Stuttgart-Stammheim in Einzelhaft, dann kurze Zeit im bayerischen Straubing und schlie√ülich von Herbst 1998 bis zum 05. Mai 2007 im baden-w√ľrttembergischen Bruchsal. Die Begriffe Isolationshaft und Einzelhaft verwende ich synonym; mitunter gibt es leichte Verwirrung hinsichtlich der "Einzelhaft": ¬ß 89 Strafvollzugsgesetz regelt die "unausgesetzte Absonderung eines Gefangenen" sofern diese "aus Gr√ľnden in der Person des Gefangenen" liegend, unerl√§sslich ist. Hiervon zu trennen ist also die Frage, ob ein Gefangener in einer Einzelzelle untergebracht wird. Die meisten Anstalten sind √ľberbelegt und es werden zwei und mehr Gefangene in einer (kleinen) Zelle eingesperrt und manche erstreiten sich eine Einzelunterbringung.

Wer jedoch in Einzelhaft sitzt, der/die hat f√ľr gew√∂hnlich keinerlei Kontakt zu den Mitgefangenen, sprich man sitzt 23 Stunden des Tages in einer Zelle, hat eine Stunde am Tag alleine Hofgang -- und das war es. Hinzu kommen umfangreiche erg√§nzende "besondere Sicherungs-, √úberwachungs-, und Kontrollma√ünahmen", als da w√§ren: Die Vorenthaltung von Besteck und anderen Gegenst√§nden (mir wurde selbst eine Mundharmonika verweigert, da diese eine potentielle Waffe sein k√∂nne), √úberwachung der Korrespondenz, TV-Verbot, Trennscheibe bei Besuchen (Besucher/in und Gefangene/r sind durch eine Panzerglasscheibe voneinander getrennt), sowie strikte √úberwachung der Unterhaltung beim Besuch. Vor Verlassen der Zelle nackt ausziehen und umkleiden, mindestens jedoch abtasten und mit Metallsonde absuchen, ggf. auch Anlegen von Handfesseln (so durfte ich viele Jahre lang die Zelle nur gefesselt verlassen). Und diese Aufz√§hlung ist nicht etwa vollst√§ndig, es gibt noch weitere nach dem Gesetz zul√§ssige Ma√ünahmen.

Wie erw√§hnt sa√ü ich bis Mai 2007 selbst l√§ngere Zeit in Isolationshaft; die Jahre nutzte ich, um viel zu lesen, zu schreiben und ich hatte das Gl√ľck, jeden Monat zwei Besuche von Freund/innen und Genoss/innen zu erhalten. Au√üerdem h√∂rte ich viel Radio und las viele Zeitungen und Zeitschriften. Im Laufe der Zeit stellte ich eine zunehmende Empfindlichkeit hinsichtlich von Ger√§uschen fest, d.h. leichte Irritierbarkeit durch jegliches Ger√§usch, das aus dem gewohnten Rahmen fiel. Bei Besuchen fiel es mir schwer, einen pr√§senten Eindruck zu erwecken, in Gespr√§chspausen war ich in Gedanken schnell "weit weg", den wer 23 Stunden am Tag mit sich selbst verbringt, lenkt zwangsl√§ufig die Aufmerksamkeit nach innen. Und mit jedem Jahr mehr bedarf es zunehmender Konzentration, auf Anforderung (z.B. beim Besuch), die Aufmerksamkeit wieder nach au√üen zu richten. Bei mir entwickelten sich dar√ľber hinaus kleinere Rituale, wie beispielsweise das t√§glich erfolgende zweimalige Reinigen des Haftraums. Morgens wie abends putze ich die Zelle. Aufstehen gegen 4.00/4.15 Uhr in der Fr√ľh, zu Bett gehen gegen 19.00 Uhr. Flexibilit√§t ging dabei fast v√∂llig verloren, sprich ich stand wirklich Punkt 4.15 Uhr auf. Tag f√ľr Tag, Monat f√ľr Monat, Jahr f√ľr Jahr. Dieses zeitliche Korsett, so k√∂nnte eine Erkl√§rung lauten, bot ein gewisses Ma√ü an Sicherheit und Kontrolle in einem Leben, das ansonsten nahezu vollst√§ndig von au√üen kontrolliert und aufgezwungen wurde. Wenn ich schon nicht √ľber mein Leben frei bestimmen konnte, so doch zumindest √ľber den Zeitpunkt des Aufstehens. Ja und wie sieht nun das Leben, der Alltag nach Aufhebung der Isolierung aus?

Die ersten Tage waren der pure, nackte Stress! So viele neue Gesichter, Ger√ľche, optische und akustische Eindr√ľcke, so viele neue Namen... Mein Gehirn musste sich erst wieder an die enorme Reizflut gew√∂hnen, denn die F√§higkeit, wichtige von unwichtigen Informationen quasi unbewusst voneinander zu trennen, leidet in der Isolation. Dort ist jeder Reiz (ob akustisch, optisch, usw.) wichtig und dringt durch, denn es gibt ja kaum welche. Umso mehr Bedeutung hat jede Information, die einen erreicht. Ich musste also erst wieder lernen, Wichtiges von Unwichtigem zu trennen -- und lief so die ersten Tage ein wenig "wie benebelt" durch die Flure. Auch an meinen "sozialen Kompetenzen" musste ich arbeiten, denn kaum fing ich mit jemandem ein Gespr√§ch an und mich sprach ein Dritter an, lie√ü ich kommentarlos Person A stehen, um mich Person B zuzuwenden. Mitte Juni begann ich dann ein nur vier Tage dauerndes Praktikum in der Elektro-Lehrwerkstatt der Anstalt, um zu schauen, ob mir eine Elektrolehre liegen w√ľrde. So freundlich die dort t√§tigen Gefangenen auch waren, mir wurde es alsbald zuviel und die √Ąrztin schrieb mich arbeitsunf√§hig. Wer lange Jahre mit sich allein verbrachte, muss erst wieder lernen, die Gegenwart anderer auszuhalten; dieses Verhalten ist auch bei jenen Gefangenen zu beobachten, die sich nicht in Einzelhaft befunden haben. Oft genug h√∂re ich hier von Mitgefangenen am Nachmittag, kurz bevor die Zellen ver- und die Gefangenen eingeschlossen werden: "Du, ich bin froh, wenn die T√ľre zu geht, endlich meine Ruhe!"

Als am 21./22. Juli sodann das Sportfest (ein Mal im Jahr d√ľrfen BesucherInnen Gefangene im Gef√§ngnishof besuchen. F√ľr 8 Stunden ist dann der Hof voller BesucherInnen und Gefangenen, zudem kommen Fu√üballmannschaften von "drau√üen" und es gibt St√§nde, an welchen man Steaks, Pommes, Pizza, usw. kaufen kann) stattfand, ging ich in den Hof, um mir dies anzusehen. Aber alle die Menschenmassen wurden mir bald zuviel und abends lag ich mit Kopfschmerzen im Bett, obwohl ich nicht viel Zeit im Hof verbracht hatte. Und wirkliche Freude stellte sich auch nicht ein, denn die Gegenwart dieser vielen BesucherInnen machte besonders bewu√üt, dass man eingesperrt ist; die 150-250 "anstaltsfremden" Personen w√ľrden abends wieder die Anstalt verlassen, w√§hrend man selbst wieder in die Zelle zur√ľckkehren muss. Die entsozialisierende Wirkung des Strafvollzuges wurde oft genug in vollzugskritischer Literatur thematisiert (konservative Vollzugspraktiker, z.b. Ltd. Regierungsdirektor Wilkin Wilke, ehem. Leiter der JVA Straubing, bestreiten jedoch, dass Strafvollzug "sch√§dliche Wirkungen" auf Inhaftierte haben k√∂nnte), und auch die Isolationshaft war (und ist) Gegenstand politischer Kritik (aktuell insbesondere im Zusammenhang mit dem US-Lager Guantanamo). Trotzdem h√∂rt man gerade unter Gefangenen oft genug ein Pl√§doyer f√ľr Gef√§ngnisse, ja selbst f√ľr die Isolierhaft. Hier in Bruchsal arbeiten Gefangene im Auftrag der JVA am Bau zweier speziell gesicherten "Einzelh√∂fe". D.h. Gefangene errichten jene "Zwinger", in denen k√ľnftig isolierte Gefangene ihren Einzelhofgang absolvieren m√ľssen.

Ich hatte das Gl√ľck, w√§hrend der Zeit in Einzelhaft Gefangenen aufgefallen zu sein, die sich nicht dem Konformit√§tsdruck der Anstalt beugten. F. und H. versorgten mich all die Jahre, wenn ich etwas ben√∂tigte, mit Nahrungsmitteln, denn die Anstalt verweigerte mir konsequent das Taschengeld. F. meldete sich regelm√§√üig durch Klopfen an meiner Zelle, so dass man sich durch Rufen am T√ľrspalt ein wenig unterhalten konnte. Mit H. konnte ich w√§hrend der Zeit im Hof sprechen, da das Fenster seines Arbeitsplatzes in Richtung Hofareal ging (was ihm mehrfach √Ąrger einbrachte). Von T. (und sp√§ter D.) bekam ich w√∂chentlich ein paar frische Backwaren (was die W√§rter auch nicht gerade sch√§tzten, denn alle Sachen, die man mir zukommen lassen wollte, mussten zuvor durch ein Durchleuchtungsger√§t geschoben werden). Diese praktizierte Solidarit√§t im Vollzug und insbesondere auch die von "drau√üen" (n√§mlich die vielen Briefe und auch die Besuche) war wertvoll und wohl auch (√ľber)lebenswichtig. Bundesweit sitzen viel zu viele Gefangene nicht nur in Haft (√ľber 80.000), sondern einige eben auch in Isolation. Manche schon seit 1995 oder l√§nger. Bspw. G√ľnter F. in Celle: Seit 1995 in Einzelhaft, so auch Peter W. in Sehnde. In Stammheim seit mehreren Jahren Axane, in Bautzen Rafael M. (fast ununterbrochen seit 1997 in Isolation: Stammheim, Bruchsal, Stammheim, Freiburg und nun Bautzen. Er hat nie jemanden angegriffen, immer nur gab es Aussagen, er k√∂nnte vielleicht ausbrechen). Und diese Reihe lie√üe sich fortsetzen. Normal 0 21 false false false MicrosoftInternetExplorer4

erschienen in: Talktogether Nr. 22/2007