Der hohe Preis des süßen Lebens
von Evelyn Bernadette Mayr
Für die süßen Augenblicke des Lebens
Das eine war das Sterben an der Zivilisation – welch namhafter Begriff, sprach man doch von „Zivilisationskrankheiten“. Das andere waren die Armut, der Hunger, das In-Kauf-Nehmen von Arbeitsbedingungen, um der Familie ein Auskommen, ein Überleben und manchmal sogar ein Leben zu sichern. Das eine war die süße Sucht in den sogenannten zivilisierten Ländern, der Zucker, der sich in so vielen Produkten unter unzähligen Namen im Übermaß des Überflusses verbarg. Das andere waren die jungen und ein wenig älter gewordenen Männer auf den Zuckerrohrplantagen Nicaraguas, die ihr Leben dafür ließen. Das eine waren die hohen Fallzahlen von Diabetes I und II hierzulande – vor den hohen Risiken schützte vielleicht zunächst ein Maß an Bildung, dann ein Gesundheitssystem, das die Verletzlichkeit des Menschseins mitunter achtsam hegte wie ein rohes Ei. Das andere war eine Gesundheitsversorgung, die zwar mit der nicaraguanischen Revolution einen hehren Aufschwung erfahren hatte, aber doch für viele nicht erschwinglich war, besonders nicht bei langwierigen Krankheiten wie CKDnT (Chronical Kidney Disease of non-Traditional Causes). Das eine war die Möglichkeit eines kontinuierlichen Glukosemonitorings, eines Sensors im Unterhautgewebe, der laufend Blutzuckerwerte kontrollierte. Das andere war die Dialyse in den letzten Jahren eines meist jungen Lebens, eine Behandlung, für die es selbst aufzukommen galt, und die Familien erst recht tiefer in die Armut führten.
In Nicaragua verstarben Männer, die nicht einmal die Hälfte ihrer Lebenserwartung erreichten, die in dem mittelamerikanischen Land immerhin bei 75 Jahren liegt. Chronische Niereninsuffizienz aufgrund unbestimmter Ursachen wurde ausgelöst – wie man vermutet – durch toxische Substanzen in den Spritzmitteln, durch Dehydrierung bei den 12-16-Stunden-Schichten des Zuckerrohrhackens auf weiten Feldern. Auch der Hitzestress, forciert noch durch den Klimawandel, nichtsteroidale entzündungshemmende Mittel und Infektionskrankheiten galten als Risikofaktoren, die mit der Zeit zu CKDnT beitragen können (1). Meist trifft es Menschen der unteren Schichten der Gesellschaft, in wenig entwickelten, ruralen Gebieten. Manche von ihnen sterben in zweiter oder dritter Generation an der Krankheit. Manche von ihnen wählen nach der Diagnose den Freitod.
Generell muss man sagen, dass der Einsatz für Würde und Freiheit des Menschen und den Schutz der Natur manchmal ein ähnlich kurzes Leben nach sich zog wie das derer, die man zu schützen trachtete. Erfahrungsgemäß kommen aber Menschen, die wesentliche Veränderungen anregen und dabei am Leben bleiben, gerne von außen. Von einem solchen Menschen, besser von seiner Initiative, handelt der nachfolgende Essay (2):
Das süße Leben, aus Freude am Genuss
An den Sollbruchstellen der Stadt sei er aufgewachsen, thankful, holy shit, manche Menschen prägt eben die Umwelt mehr als andere. Ein feines Sensorium, das war nicht vorhersehbar, dass er im wohlständigen Westen sein Glück nicht fand und sich aufrieb
an den Widersprüchen der Zeit. Zart und gläsern wirkte er, hochgewachsen war er und groß. Sein Rücken leicht gekrümmt, mehr aus Höflichkeit, um sich zu anderen hinunter zu beugen. Seine Haut wirkte durchsichtig und seine Erscheinung wie aus einer anderen Epoche. Und trotzdem war er genau richtig hier.
Diese Linie zwischen den Wohlständigen und den Randständigen, die Grenzen von Klassen, von Farben der Haut – auf der einen Seite wir, die Wohlhabenden, Weißen, auf der anderen Seite die anderen, die Marginalisierten, sagte er. Ein übersensibles Kind aus Detroit, das nicht verstand, dass es diese Grenze im Land der unbegrenzten Möglichkeiten gab. Rational sei es nicht zu argumentieren. Wie sollte man so etwas je einem Kind verständlich machen? Strukturen seien es, historisch gewachsen, die man durchbrechen und seit jeher überwinden könne. Mit Kunst, mit Literatur, dem Film, mit Journalismus, der Wissenschaft. Der täglichen Arbeit, dem sozialen Engagement: fruchtbare Sollbruchstellen eben. Auch zwischen den Menschen.
Kameramann sei für den jungen Jason Glaser der coolste Job der Welt gewesen. Aber dann kam die überbordende Langeweile auf den New Yorker Sets, die ihn unruhig werden ließ. Überbezahlt die Arbeit und mit Licht geflutete Eintönigkeit, die manchmal aus nichts weiter bestand, als Scheinwerfer am Filmset richtig zu positionieren. Verwöhnt vom Wohlstand – der ausschweifende, ausufernde Lebenswandel rächte sich, das soziale Gewissen kam und holte ihn ein. Im College habe er nicht aufhören können, sich mit diesen Dingen zu beschäftigen. Film und Fotografie waren seine Leidenschaften, an der Filmhochschule war er erfolgreich. Keiner seiner Generation versenke sich noch in der Dunkelkammer, lachte er. Das mache er heute wieder, aber auf andere Art, outdoor, bevorzugt in wenig beleuchteten Winkeln der Welt. CKDnT sei in Mittelamerika am besten erforscht. Das sei auch seiner Organisation zu verdanken, dem Team, dem Netzwerk. Nach seinem Studium hatte er für HBO, MTV und NBC gearbeitet. Die Filmindustrie und New York – das hatte Spaß gemacht. Er sei damals egoistischer gewesen als heute. Was hatten Spiderman und I am a Legend mit ihm zu tun? Mit seiner Persönlichkeit, mit dem, was er, Jason, wirklich war, worüber er sprechen wollte? Wir haben niemandem weh getan mit dem, was wir taten. Aber die größte Untat war die Untätigkeit, das ist sie zu jeder Zeit. Unrecht geschehen zu lassen, zuzusehen und zuzulassen. Nach einer tiefen Krise im Alter von 28 Jahren habe ihn das Leben begonnen einzuholen, ihn zu entheben, was dem Schatten zu entheben war, er begann sein Leben zu drehen, zu betrachten, zu wenden und neu zu begehen. Er entwickelte sich zum Dokumentarfilmer, gründete die gemeinnützige Organisation La Isla Foundation und setzte das, was ihn das Dasein gelehrt hatte und noch lehren würde, für das Leben und die Gesundheit von Zuckerrohrplantagenarbeitern ein.
Auf ausgedehnten Reisen gab es kaum ältere Männer über vierzig in diesen Dörfern. Ältere Frauen ja, aber alte Männer nein. Das war in Nicaragua so, ähnliche Berichte kamen ihm dann auch von Honduras zu Ohren, von El Salvador und von Kolumbien. Das jüngste Zentrum von La Isla Foundation wurde gerade in Peru aufgebaut. Eine globale Kampagne solle es werden, denn auch Staaten wie etwa Indien und Sri Lanka waren davon betroffen: Das Netzwerk war groß geworden, aus einer Notwendigkeit heraus. Etwas gegen uns zu unternehmen, war eine schlechte Idee, sagt er, nicht ohne Stolz, das hätten sie in Nicaragua schnell gemerkt. Vor dem Verein La Isla Foundation stehe tagaus, tagein einer von der PolicÃa Nacional, bemerkt er. Eine Angestellte fragte mich als Interviewerin wiederholt, ob ich nicht Angst habe, bei dem, was ich hier frage.
Es fällt mir schwer, den Ton ihrer Stimme und den Ausdruck ihres Gesichts nachzuzeichnen, mit Worten wiederzugeben. Vielleicht wäre es einfacher, ihn zu malen.
La Isla Foundation war mit Hilfe der Touristen groß geworden, die Sprachkurse absolvierten und das Haus als Herberge nutzten. Es gab einen Brunnen im luftigen Innenhof, Erinnerungen an das Lichtspiel des Wassers und den Schattenwurf von Blättern tun sich auf, dazwischen grelles Farbleuchten. Hängematten, ein geräuschloses Schwingen in der Hitze in verschwörerischer, vereinzelter Stille in einem mittelamerikanischen Land. Ich entsinne mich vor allem der Leere, die die Leute hinterließen, von dem, was sie verschwiegen. Ich will nicht sagen, dass sie keine Worte für das Ungesagte hatten. Es gab nur wenig gesellschaftlichen Spielraum hierfür. Dass dieser unbesprochene Raum nicht der Platz für noch mehr Spielarten von Autokratie und Diktatur wird, hier nicht, wie dort nicht, das trieb mich an, das trieb mich um. Was blieb fast vier Jahrzehnte nach der Revolution, wie Leo Gabriel sie bezeichnete, der ersten gelungenen Revolution des Lumpenproletariats? Where is the revolution today? How does it reflect what people dreamed about one day? (3) Das Recht auf physische Unversehrtheit – das Menschenrecht auf Leben und Freiheit der Person – ein Stück Weg.
Sweet and bitter
Es war nicht nur die Dehydrierung, das Austrocknen oder das Sich-Ausliefern über Stunden an Hitze, Sonnenlicht und Mittagsglut. Es war die Kombination mit den Pestiziden bei dickerem Blut, die alles sehr schnell gehen ließ. Auch der Zucker tat das Seinige. Die Erntezeit hindurch standen die Männer jeden Morgen um drei oder vier Uhr auf. Nach einem schnellen Frühstück verlud man sie häufig auf offene Lieferwagen, auf denen sie ungesichert mitfuhren und nicht selten Verletzungen davontrugen. Die Cutter, die das Zuckerrohr schnitten, starteten um fünf, spätestens um sechs Uhr auf der Plantage, arbeiteten ohne Unterlass bis Mittag, bekamen dann eine halbe Stunde Pause, um danach bis sechs oder manchmal bis acht Uhr weiterzuarbeiten. Die tropische Hitze von zweiunddreißig bis vierunddreißig Grad und die hohe Luftfeuchtigkeit erschwerten die Arbeitslast. Alles klebte am Körper, die Arbeiter verloren zweieinhalb Liter Flüssigkeit am Tag. Sie hatten weder genug zu trinken, das Wasser war verseucht im Umland der Felder, noch gab es genug Pausen, um dem Körper Zeit zu geben, das Wasser ordentlich aufzunehmen und nicht einfach durch den Körper hindurch laufen zu lassen. Die Pellas wehrten sich dagegen, Wasservorräte zur Verfügung zu stellen, weil sie kontaminiert hätte sein könnten. Die Arbeiter verwendeten den Zucker als Aufputschmittel. Sie konnten von zu Hause nicht genug Wasser für den ganzen Tag mitnehmen. Sie wohnten auch nicht neben den Plantagen. Es gab Studien über die pathophysiologischen Auswirkungen von Wassermangel und Zuckerkonsum. Offensichtlich war, dass beides die Niere sehr stark angriff. Sie arbeiteten eben zu viel. Sie schnitten zu viel. Sie arbeiteten auch nicht praktisch, sondern hart.
Aber es sagte ihnen auch niemand, wie man klug und praktisch arbeiten kann. Niemand erklärte ihnen, wie sie ihren Körper effizient einsetzen konnten. Mit Ergonomie und Bewegungsexperten hätten sie sogar mehr schneiden und Pausen machen können. Jason Glaser und seine Mitstreiter versuchten Firmen ins Boot zu holen. Um das Interesse von Konzernen überhaupt wecken zu können, musste man ihnen auch etwas anbieten. Sonst machten sie nichts. Das war das Traurige daran, sagte Glaser. Er hielt es für den Dreh- und Angelpunkt des eigentlichen Wahnsinns.
Würfelzucker aus der Hand
Diese Nierenkrankheit der Zuckerrohrplantagenarbeiter, die sie nicht alt werden ließ – die meisten starben zwischen dreißig und vierzig, viele waren mit Mitte zwanzig schon krank – das war das deutlichste Abbild des gescheiterten globalen Wirtschaftens. Es war das Ergebnis endloser Monokulturen, der deutliche Widerhall eines Neoliberalismus ohne soziales Gewissen, von der Führungskultur unter Daniel Ortega ohne viele Regulierungsmaßnahmen getragen. Das Extrahieren, das Gewinnbringen, das Versklaven und Nutzbarmachen des Menschen. Humankapital – welch ein Wort, vom Tun ganz zu schweigen. Die Bedeutung des Begriffs wird besonders bei den Zuckerrohrplantagenarbeitern Nicaraguas und ihrem frühen Sterben sichtbar. In der Niere, sagt man, sitze die Lebenskraft. Männer opferten ihr Leben, weil sie überleben wollten, ihre Familien versorgten und wie Maschinen arbeiteten. Sie arbeiteten hart und ineffizient. Sie glaubten männlicher zu sein, wenn sie mehr schafften als andere. Es gab mehr Geld für die Ihren. Sie waren zwischen dem Geld für die Familie und dem Beweisen der eigenen Stärke hin- und hergerissen. Sie verstarben an alten, patriarchalen Rollenmustern, die am meisten noch für die Ärmsten galten. Kann einer eine große Menge Zuckerrohr schneiden, glaubte er, jemand zu sein. Doch der Macho-Kult der Gesellschaft war fatal. Für einen Moment mochte es für manch einen romantisch, ehrenhaft sein, sich darüber zu definieren, was man mit Arbeit schaffte, um für die Familie zu sorgen. Den Selbstwert daran zu knüpfen, was an einem Tag möglich war an Zuckerrohr zu ernten. Es blieb aber bei dem Moment. Nur wenige ließen sich rechtzeitig helfen. Sie sagten sich, dass sie das schaffen würden, bis es schließlich nach dem ersten Hitzeschock zu spät war und sie ernstlich krank wurden. Der Klimawandel tat das Seinige. Es war wie eine tödliche Falle.
Nach der Sandinistischen Revolution lebten die Menschen zumindest im Bewusstsein, Rechte zu haben. In einem kleinen mittelamerikanischen Land namens Nicaragua waren das Präsidentenpaar, die Ortegas, mit den Pellas, der mächtigsten Wirtschaftsdynastie im Land, regelrecht verheiratet, erzählt Jason Glaser. Es seien wenige Familien, die das Land beherrschen, vornehmlich durch die Wirtschaft. Das Gefälle zwischen Arm und Reich ist enorm. Jason glaubt an den sich regulierenden Markt. Er sei kein Kommunist, doch der Markt brauche Regeln, sonst führe das für viele Menschen, wie zum Beispiel hier in Nicaragua, in die Sklaverei. Die Pellas waren einst eine der ersten Großfamilien in Granada gewesen, mit großen Schiffen waren sie an der Küste gelandet. Strukturell hatte sich seit der Kolonialisierung nach vier Jahrhunderten nicht viel geändert, meint er. Wenige Großfamilien herrschen seit jeher. Es war aber auch eine Frage von ökonomischer Kultur, die letztlich eine geistige ist.
Dieses ausbeuterische Wirtschaftssystem mache vor den Menschen nicht Halt. Der Mensch, der arbeitet, stirbt. Es sterben nicht die Abteilungsleiter und nicht die Aufseher vor Ort, die die Versorgung managen. Sharlatanistic benannte er sie, diese Regierungsform von Daniel Ortega und Rosario Murillo, die angeblich sozialistisch hätte sein sollen. Die Finanzierung dieser Formen von Landwirtschaft durch die Weltbank in Form von Darlehen hätte niemals passieren dürfen, das ergriff ihn besonders. Jason Glaser schilderte den Schiedsgerichtsmechanismus, mit dem sich die Ortegas die Firmen einfach einverleibten und nach Gutdünken manipulierten. Niemand wollte zugeben, wie schrecklich das war, wenn dieses Monarchistenpaar Stipendien, Spenden und Nahrungsmittel unter den Armen verteilte und gleichzeitig der Presse erzählte, die Aussagen der Ärmsten der Armen wären Teil unabhängiger Studien. Das sei schlichtweg böse unter dem Deckmantel des Guten: Wer wollte hören, dass nicht nur die Strukturen, der Kapitalismus, das misslungene öffentliche Gesundheitswesen Verantwortung trugen, dass es in erster Linie die Menschen waren? Alle – weltweit –, die von dieser Art des ökonomischen Miteinanders profitierten?
Sweet Family
Ein lösbares Problem, sagte Jason Glaser. Aber die dahinter liegenden Strukturen? Machismo sei allertiefster, reaktionärer Ausdruck von Kultur, meinte einst Sofia Montenegro, eine bedeutende Juristin und Revolutionären der ersten Stunde. Dass mit diesem Männerbild eine Armut von Frauen einherging, war selten Thema. Viele Kinder von vielen Frauen, das war mittelamerikanische Männlichkeit und hieß für einen Großteil der Frauen, die Kinder selbst zu versorgen. Die Sandinisten, die erstmals Frauenrechte in Nicaragua einführten, entschieden sich letztlich in der Not des Bürgerkrieges für einen Rückgriff auf die althergebrachten machistischen Gesellschaftsstrukturen. Auch wenn in der Revolution ein Drittel Frauen in der Guerilla kämpften, in den Städten zuweilen bis zu fünfzig Prozent unter Waffen standen, León von weiblichen Comandantes eingenommen wurde und der Sturz der Diktatur eine Revolution der Frauen und der Dichterinnen war, so hatten sie diesen einen Kampf jedoch verloren: die Bastion des Männerkultes blieb. Jason hält manche Frauen in nicaraguanischen Familien auch irgendwie als gleichberechtigt, es ergäbe sich mit der Arbeitsteilung ein schönes Gleichgewicht, und man berufe sich eher auf die Tradition und weniger auf den Machismo. Manchmal war diese Verteilung auch nur grausam, sagte er, und der Machismo zeige seine hässliche Fratze.
Diamant-Zucker: Eine einfache Herstellung von Eis
Proteste gab es im März 2013, erzählt er, sie setzten Tränengas ein, die Polizei schlug die Demonstration nieder. Jason Glaser nannte dreimal während unseres Gesprächs das Wort faschistisch. Er gebrauchte es in einem individuellen und einem kollektiven Sinne, wie mit dem Einzelnen, aber auch mit dem Menschen in der Gemeinschaft verfahren wurde. Am Ende hätten sie auf ein sechsjähriges Mädchen eingeprügelt. Beim schier unbegrenzten Ausmaß von Daniel Ortegas Macht in Nicaragua sei das verrückt, sagte er. Seit der ersten Periode Ortega nach dem Millennium nehme die Dimension von Gewalt immer mehr zu. Anatomie einer Ausschreitung heiße seine Dokumentation über den Protest und die Gewalt der nicaraguanischen Polizei. Gefragt nach dem Widerstand im Land, der Literatur, den jungen und alten Intellektuellen. Opportunismus und Anpassung regierte, der Mimesis wurde Vorschub geleistet. Vorhölle, in einem Land, in dem die Dichter die Hoffnung und die Sprache verloren. Seit dem Wahlverlust der Sandinisten 1990 und seit den Ortegas, die nach dem korrupten Präsidenten Alemán doch nur eine institutionalisierte Diktatur errichten, herrschte Resignation und Revolutionsnostalgie oder eben eine radikale Verneinung des Vergangenen. Man wollte zur Ruhe kommen in der Sprachlosigkeit, die Leere durchqueren, sich in der Ratlosigkeit und Ernüchterung einrichten. Gehört wurde, was angemessen und nützlich war. Der heutigen Generation schien es sicherer zu sein, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit zu kultivieren, eine gewisse Ausweglosigkeit als gegeben anzunehmen, als sich mit Visionen gesellschaftlicher Veränderung zu quälen.
Pour un monde plus rose
Lino Mayorga war mein Freund, sagte Jason. Schließlich erzählt der Filmemacher auch die Geschichte dieser Freundschaft. In Nicaragua kämpften die Leute jahrelang im Namen der Revolution für die Macht der Comandantes. Man lasse sie wie Tiere sterben, sagte Jason Glaser. Unter solchen Bedingungen war es schwierig, als Nicaraguaner Vertrauen zu fassen. Jason fragte sich oft, was jemand wie Lino auf der Welt hätte erreichen können, wäre er in einer anderen Zeit und an einem anderen Ort geboren worden. Obwohl er dreißig Jahre seines Lebens für die Arbeit in den Zuckerrohrplantagen opferte, bis zu vierzehn Stunden täglich dort schuftete, starb er in Agonie und Armut. Die Menschen gelangten oft erst im letzten Stadium ins Hospital, krümmten sich in den Ambulanzen und übergaben sich fortwährend. Sein Tod trat im Februar 2013 aufgrund von Komplikationen bei der Behandlung ein. Damit er einer gerechten Zukunft entgegenblicken hätte können, hatte Lino als junger Mann sein Leben im Kampf gegen die brutalen Somoza-Schergen der längsten Diktatur Lateinamerikas riskiert. Lino war so etwas wie eine tragende Säule für seine Gemeinde: Gründervater des Siedlungsgebietes, Coach der Baseball-Ligaspiele des Vereins und Vermittler zwischen seiner Gemeinde und dem Bürgermeister von Chichigualpa. In der Nacht, als er starb, erzählte ihm Maria, seine Lebensgefährtin, vom Leben in der Revolution: Vor 34 Jahren hatten sie dazugelernt, sie waren klug, versteckten sich zum rechten Moment und für ein besseres Leben hatten sie auch den Mumm zurückzuschießen. Die Nationalgarde unter Somoza war fürchterlich, doch diese Nierenkrankheit, die so viele trifft, die Pellas-Gruppe, die Untätigkeit der Regierung, das war viel schlimmer als die Nationalgarde unter den Somozas. Sie tötete hinterrücks mit der Einwilligung der Arbeiter, die aus freien Stücken ihr Tagwerk verrichteten. Qualvoll und langsam sterben sie daran. Die Pellas gaben den Menschen Brot und Arbeit, und ließen sie gleichzeitig an den Arbeitsbedingungen dahinsiechen. Dieser Zwiespalt hinderte eine gesamte Stadt sich auf die Füße zu stellen und zu kämpfen. They are killing us over our heads. Sie ruinierten die Zukunft ganzer Familien. However, as it stands now, we are nothing but slaves. Die Lebenskraft Rohstoff von Konzernen. Linos Sohn Jimmy war mit 24 Jahren an CKD erkrankt. Er arbeitete wie sein Vater in den Zuckerrohr-Plantagen.
Jason und seine Organisation decken nicht nur auf, sie dokumentieren und veranlassten zahlreiche Studien zur Ursachenforschung über CKDnT. Es geht ihnen um Prävention, langfristig. Und um die Interessen der Konzerne, die sich ihrer Anliegen annehmen sollen. Letztlich war es die Verantwortung des Staates und der Wirtschaft – die ihre war es, Druck auszuüben, aufzuklären und zu vermitteln. 2017 kam es nach über 20 Jahren Engagement dieser NGO zu einer gemeinsamen Initiative zwischen La Isla Foundation, multinationalen Unternehmen und regionalen Firmen. Sie unterzeichneten eine gemeinsame Initiative unter dem Titel Iniciativa Adelante – Memorandum of understanding. Im Fokus stehen Prävention, Schulung und Aufklärung der Arbeiter unter Miteinbeziehung der Ergebnisse der Studien in den Ablauf der Arbeitstage eines Zuckerrohrplantagenarbeiters. Es ist dies eine erste gemeinsame Annäherung auf nationaler wie globaler Ebene für das Schicksal der Arbeiter, für ihre Versorgung und für grundlegende Rechte Verantwortung zu übernehmen. Das Ziel ist es eine Form des Wirtschaftens zu etablieren, in der es sich lohnt, das Leben der Arbeiter und ihre Gesundheit zu bewahren und zu schonen. Der Mensch im Zentrum. Die Branche hatte Interesse daran sich zu ändern.
„Unfassbar, wieviel Geld die Großmächte investieren auf der Suche nach Formen des Lebens auf anderen Planeten. Und um auf unserer Erde das Leben zu schützen tut man nichts oder eben immer noch zu wenig – hier gäbe es nicht einmal die Notwendigkeit nach Leben zu suchen.“
(Àlvaro Leiva, Professor und Kollege in der Entwicklungszusammenarbeit am IPLS, Instituto Politécnico de la Salle, León)
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(1) La Isla Network: CKDnT: a fatal epidemic. laislanetwork.org, Stand: 20.4.2020
(2) Mayr, Evelyn Bernadette: Interview mit Jason Glaser. Leon, 2013/ 2015 mit Ergänzungen 2019/20
(3) Gabriel, Leo: Aufstand der Kulturen. Konfliktregion Zentralamerika. Guatemala, El Salvador, Nicaragua. Hamburg: dtv, 1988, S. 206
veröffentlicht in Talktogether Nr. 73/2020
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