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Von Kabul nach Oberalm – ein Leben im Transit
Von Shirullah Hussaini
Es sind nicht die Tage, die bleiben, es sind die Nächte.
Ich erinnere mich an den Regen in Traiskirchen Flüchtlingslager. Er fiel schwer auf den Hof des Lagers, als würde der Himmel selbst auf uns lasten. Der Boden war kalt, die Luft feucht, und überall standen Menschen, die keinen Platz mehr fanden.
Die Zimmer waren überfüllt. Es gab keinen Raum mehr für Erschöpfung, kaum noch Raum für Stille. Menschen standen dicht gedrängt im Freien, suchten Schutz unter Vordächern, an Wänden oder einfach dort, wo ein wenig Trockenheit blieb. In dieser Nacht wurden abgestellte Busse zu Schlafplätzen.
Ich setzte mich auf einen schmalen Sitz, der kaum Platz bot, um zur Ruhe zu kommen. Neben mir saßen Männer, deren Gesichter dieselbe Müdigkeit trugen wie meines – eine Müdigkeit, die nicht nur im Körper saß, sondern in der Zeit selbst. Eine Müdigkeit des Wartens, der Unsicherheit, der langen Wege ohne Ziel.
Wir waren da, aber nicht angekommen.
Ich komme aus Afghanistan. Im Jahr 2015 verließ ich mein Land, nicht aus freiem Willen, sondern aus Angst. Ich hatte für die damalige Republik gearbeitet. Nach ihrem Zusammenbruch wurde mein Leben konkret bedroht. In diesem Moment war Flucht keine Entscheidung mehr, sondern eine Notwendigkeit, die keine Alternative zuließ.
Was folgte, war keine Reise im klassischen Sinn, sondern ein Zustand des dazwischen Seins. Ein Leben zwischen Grenzen, Sprachen, Erwartungen und Hoffnungen.
Meine Reise führte durch viele Länder: von Athen in Griechenland über Nordmazedonien, Serbien und Ungarn bis nach Österreich. Jeder dieser Abschnitte hatte seine eigene Schwere, seine eigenen Nächte, seine eigenen Unsicherheiten. Und doch verband sie alle derselbe Gedanke: Weitergehen.
Es gab keine Sicherheit, nur Bewegung. Keine Ruhe, nur das Ziel, irgendwo anzukommen, ohne zu wissen, wie „Ankommen“ überhaupt aussieht.
Einer der gefährlichsten Momente begann auf dem Meer. Wir stiegen in ein kleines Schlauchboot, überfüllt, instabil. Die Dunkelheit war dicht, das Wasser unruhig. Die Wellen hoben das Boot, als würde es jeden Moment verschwinden können. Niemand sprach laut. Jeder hielt sich fest, am Boot, an der Hoffnung, am Leben selbst.
Jeder wusste: Ein einziger Fehler würde alles beenden.
Als ich schließlich Österreich erreichte, veränderte sich etwas in mir.
In Salzburg, genauer gesagt in Oberalm, fand ich zum ersten Mal seit langer Zeit etwas, das sich wie Ruhe anfühlte. Kein vollständiger Frieden, aber eine Pause im ständigen Zustand der Flucht.
Ich begann sofort Deutsch zu lernen, nicht beiläufig, sondern mit ganzer Konzentration. Sprache war für mich kein Unterrichtsfach, sondern ein Schlüssel. Ein Werkzeug, um die Welt um mich herum nicht nur zu hören, sondern zu verstehen. Und vielleicht auch, um selbst verstanden zu werden.
Ich lernte Schritt für Schritt bis zum Niveau C1. Parallel dazu machte ich meinen Pflichtschulabschluss und besuchte Kurse am WIFI Salzburg. Es war ein harter Weg voller Zweifel und Anstrengung, aber er gab mir Struktur. Deutsch wurde zu meinem stärksten Fach, nicht, weil es leicht war, sondern weil es notwendig war, um weiterzugehen.
Ein besonderer Moment war die Aufnahmeprüfung für das Abendgymnasium. Als ich sie bestand, war das mehr als ein Erfolg auf Papier. Es war ein Moment, in dem ich glaubte, dass ein anderer Lebensweg möglich sein könnte. Ich bekam einen Platz und begann den Unterricht.
Doch ich konnte nur wenige Tage bleiben.
Aufgrund von politischen Entscheidungen wurde die Abschiebepolitik verschärft. Auch ich wurde deportiert, nicht als individueller Fall, sondern als Teil einer größeren Entscheidung, die viele Lebenswege abrupt unterbrach.
Für die Öffentlichkeit waren wir eine Gruppe. Für uns selbst waren wir Menschen mit Namen, Geschichten, Erinnerungen und Plänen. Ich wollte lernen, arbeiten, dazugehören.
Ich hatte begonnen, mir ein Leben aufzubauen, langsam, Schritt für Schritt, mit Geduld und Hoffnung. Doch dieses Leben wurde unterbrochen, bevor es richtig beginnen konnte.
Entscheidungen wurden schnell getroffen, ohne Raum für persönliche Geschichten. Ich hatte das Gefühl, nicht mehr als Mensch gesehen zu werden, sondern als Teil einer anonymen Masse.
In diesem Moment zerbrach etwas in mir. Es war nicht nur ein Ortswechsel. Es war ein Bruch im Vertrauen in die Zukunft.
Die Rückkehr nach Afghanistan fühlte sich nicht wie ein Zuhause an. Die Unsicherheit blieb. Später ging ich in den Iran, in der Hoffnung auf Schutz. Doch auch dort war das Leben geprägt von Unsicherheit und erneuter Bedrohung.
Wieder begann ein Leben im Schatten von Angst.
Heute lebe ich mit meiner Familie in Kabul. Wir versuchen, einen Alltag zu leben, der dieses Wort verdient. Doch die Realität bleibt schwierig: hohe Lebenshaltungskosten, begrenzte Möglichkeiten und eine Zukunft, die schwer planbar ist.
Ich denke oft an Österreich zurück – nicht nur an Orte, sondern an Möglichkeiten. An Klassenzimmer, an Gespräche, an Sprache. An das Gefühl, einen Platz in einer Gesellschaft zu haben.
Ich bin kein Einzelfall, aber ich bin auch keine Zahl.
Ich bin ein Mensch mit einer Geschichte.
Ich schreibe diesen Text nicht, um Mitleid zu erregen, sondern weil er real ist.
Die Frage nach Heimat begleitet mich bis heute. Heimat ist kein geografischer Punkt, sondern ein Zustand. Ein Moment, in dem man sich sicher fühlt, gesehen wird und existieren darf, ohne Angst.
Wenn ich zurückblicke, sehe ich nicht nur große Ereignisse, sondern auch kleine, unscheinbare Momente: ein freundliches Wort, ein Blick, der Verständnis zeigte, ein Lehrer, der sagte, dass es möglich ist.
Diese Momente waren selten, aber sie waren entscheidend. Sie gaben mir Kraft in Zeiten, in denen alles andere unsicher war.
Integration bedeutet nicht nur, die Sprache zu lernen oder eine Schule zu besuchen. Es bedeutet, Teil einer Gesellschaft zu werden, nicht nur geduldet, sondern anerkannt.
Ich habe versucht, diesen Weg zu gehen. Ich habe mich angestrengt, Verantwortung übernommen und jede Möglichkeit genutzt, die ich hatte.
Ich wollte nicht nur bleiben. Ich wollte dazugehören.
Doch Zugehörigkeit braucht Zeit, und diese Zeit hatte ich nicht.
Manchmal frage ich mich, was gewesen wäre, wenn ich hätte bleiben können.
Vielleicht hätte ich das Abendgymnasium abgeschlossen. Vielleicht hätte ich studiert. Vielleicht hätte ich heute einen Beruf, in dem ich etwas zurückgeben könnte.
Diese Gedanken bleiben. Nicht als Vorwurf, sondern als leise Möglichkeit, die nie Realität wurde.
Heute ist mein Alltag ein anderer. In Kabul ist das Leben von Unsicherheit geprägt. Bildung, Arbeit und Stabilität sind keine Selbstverständlichkeit.
Und trotzdem gehe ich weiter. Ich lese, ich schreibe, ich lerne. Die Sprache, die ich in Österreich gelernt habe, ist geblieben, als Erinnerung und als Fähigkeit.
Manchmal schreibe ich auf Deutsch. Es gibt mir das Gefühl, dass ein Teil meines Weges weiterlebt.
Meine Kinder wachsen in einer Welt auf, die ich mir anders gewünscht hätte. Ich wünsche mir für sie Sicherheit, Bildung und eine Zukunft ohne Angst.
Vielleicht ist das der stärkste Grund, warum ich diese Geschichte erzähle, nicht nur für mich, sondern auch für sie.
Viele Menschen sprechen über Migration, ohne die Perspektive der Betroffenen zu kennen. Sie sehen Zahlen, Entscheidungen und Schlagzeilen, aber nicht die inneren Kämpfe, nicht die Angst und nicht die Kraft, weiterzugehen.
Ich habe gelernt, dass man nicht alles kontrollieren kann. Aber man kann entscheiden, wie man weitergeht.
Und ich habe mich entschieden, weiterzugehen, mit meiner Geschichte, mit meiner Stimme, mit der Hoffnung, gehört zu werden.
Ich bin den Menschen in Oberalm zutiefst dankbar, die mir damals geholfen haben. Ihre Unterstützung bleibt unvergessen.
 Foto: privat
Zwischen Orten
Der Koffer stand seit Jahren in der Ecke des Zimmers, er war leicht, fast leer, und doch schwerer als alles, was ich besaß, ich nahm ihn nie mit auf Reisen, er reiste immer mit mir, wie ein stiller Begleiter auf Wegen, die ich selbst einmal gehen musste.
Wenn ich ihn öffnete, roch es nicht nach Kleidung, sondern nach Staub, Hitze und Erinnerungen, nach Straßen, die keinen Namen hatten, nach Stimmen, die eines Tages verstummten, ohne sich zu verabschieden.
Ich hatte gelernt, leise zu gehen, nicht aus Höflichkeit, sondern aus Gewohnheit, denn wer zu laut lebt, bleibt nicht lange, das hatte ich früh verstanden, besonders auf Straßen, die nicht meine Heimat waren.
In meiner Kindheit war der Himmel weit, aber die Zukunft schmal, wir lernten früh, zwischen Hoffnung und Angst zu unterscheiden, ohne zu wissen, welches von beiden gefährlicher war, und manchmal spürt man, dass das Leben einen von einem Ort zum anderen trägt, ob man will oder nicht.
Als ich ging, fragte mich niemand, ob ich zurückkommen werde, manche Fragen stellt man nicht, wenn man die Antwort fürchtet, und oft musste ich den Weg allein finden.
Im Exil sagten mir viele, ich solle dankbar sein, ich war es, aber Dankbarkeit heilt keine Nächte, in denen die Vergangenheit anklopft, sie steht einfach da, schweigend, wie ein alter Koffer in der Ecke.
Ich begann zu schreiben, weil Schweigen schwerer wog als Worte, jeder Satz war ein Versuch, Ordnung in das Chaos zu bringen, nicht um zu erklären, sondern um zu erinnern, und vielleicht auch, um die eigene Geschichte nicht zu verlieren.
Manchmal öffne ich den Koffer noch, nicht um zurückzugehen, sondern um weiterzugehen, ohne zu vergessen, denn wer seine Geschichte verliert, verliert mehr als seine Heimat, er verliert sich selbst.
Und manchmal fühle ich mich grenzenlos, als ob die Welt keine Linien mehr hätte, als ob Wege sich öffnen, Städte verschwimmen und die Vergangenheit und Zukunft in einer Weite zusammenfließen, in der das Herz reisen kann, ohne anzuhalten, überall zugleich, frei und ohne Grenzen.
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veröffentlicht in Talktogether Nr. 96/2026
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