Nationen und Nationalismus PDF Drucken E-Mail

Nationen und Nationalismus

Bis heute ist der Nationalismus ein Instrument, um die Massen zu mobilisieren. Im 20. Jahrhundert diente er in den außereuropäischen Kolonien als Triebkraft, um die Bevölkerung im Widerstand gegen die imperialistischen Mächte zu vereinen. Häufig wird er jedoch eingesetzt, um bestimmte Interessen durchzusetzen und Herrschaft zu legitimieren. Seine Problematik liegt vor allem darin, dass er Zugehörigkeit oft über die Abgrenzung und Abwertung von anderen definiert. Historisch gesehen war und ist der Nationalismus eine Hauptursache für Konflikte und gewaltsame Ausschreitungen gegen Mitglieder von religiösen, nationalen, ethnischen oder anderen Minderheiten. Doch wie ist der Nationalismus entstanden?

Der lateinische Begriff „natio“ leitet sich von „Geburt“ ab und bezeichnete im Mittelalter einen Personenverband, der sich um eine herrschende Familie bildete und an ein bestimmtes Territorium gebunden war. Nationen waren im Mittelalter jedoch nur eine Möglichkeit, die Gesellschaft zu gliedern, daneben existierten viele anderen Identitätszuschreibungen. Als die Aufklärung der religiösen Welterklärung den Boden entzog, stellte die Idee der Nation ein neues Modell zur Verfügung, das die traditionellen Bindungen durch eine gemeinsame nationale Identität (Sprache, Kultur, Geschichte) ersetzte.

Ein Nationalstaat definiert sich durch ein politisch souveränes Territorium mit Grenzen und einer Regierung sowie einer Gruppe von Menschen mit einer gemeinsamen Identität. Was diese gemeinsame Identität ausmacht, ist jedoch variabel. Meist handelt es sich um eine gemeinsame Sprache und Kultur, auch eine gemeinsame Religion kann zur Identitätsstiftung beitragen. Nationale Zugehörigkeit kann aber auch durch das Bekenntnis zu gemeinsamen Werten, Normen und Institutionen definiert werden – die Schweiz und die Vereinigten Staaten gelten als sogenannte Willensnationen.

Voraussetzung für das Entstehen von Nationalstaaten war die Herausbildung neuer sozialer Gruppen, die quer zur feudalen und ständischen Gesellschaftsordnung standen. Das Bürgertum, das durch den kolonialen Handel und die Industrialisierung reich geworden war, verbündete sich mit der wachsenden Schicht von Gebildeten und drängte auf Mitbestimmung. Das einfache Volk dagegen verortete sich eher regional in der eigenen Stadt oder im eigenen Landkreis, und so musste die Idee einer nationalen Identität erst vom Bürgertum und den kulturellen Eliten populär gemacht werden. Die national gesinnten Eliten waren jedoch selten Vorkämpfer eines universalen Freiheitsgedankens, sondern dachten vor allem an den eigenen Vorteil. Einmal an die Macht gekommen, waren sie bestrebt, das eigene Staatsgebiet auszudehnen, auch auf Kosten der Nachbarn.

Vor allem dort, wo die politische Einheit fehlte wie in Deutschland und Italien, spielte die Berufung auf eine gemeinsame Sprache und Kultur eine besonders große Rolle. Zudem sind die meisten Nationalstaaten ein Resultat von Kriegen. Der Prozess der Einigung der kleinen italienischen Staaten zu einem Königreich unter Viktor Emanuel II. wurde maßgeblich durch die Kriege gegen Österreich und Frankreich vorangetrieben. Auch die Vereinigung des Deutschen Reichs unter preußischer Führung war das direkte Ergebnis von drei Kriegen – gegen Dänemark, Österreich und Frankreich.

Von der Nation zum Nationalismus

Nationalismus produziert Hass, sobald er Feindbilder aufbaut und Minderheiten oder anderen Nationen die Verantwortung für gesellschaftliche Probleme zuschiebt. Im späten 19. Jahrhundert entwickelte er sich immer mehr zu einer aggressiven Ideologie mit rassistischen, antisemitischen und imperialistischen Zügen. Das hatte zur Folge, dass Europa vor dem Ersten Weltkrieg in ein Netz aus Rivalitäten, Spannungen und Feindbildern verstrickt war.

Der Antisemitismus war im 19. Jahrhundert ein weit verbreitetes gesellschaftliches und politisches Phänomen, das vor allem in drei großen Staaten – der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn, dem Russischen Zarenreich und dem Deutschen Reich – ausgeprägt war. Mit der rechtlichen Gleichstellung der Juden im 18. und 19. Jahrhundert war eine neue Form der Feindseligkeit gewachsen, die sich gegen die Integration und den sozialen Aufstieg jüdischer Menschen richtete, die fälschlicherweise für soziale Probleme, wirtschaftliche Krisen oder politische Umbrüche verantwortlich gemacht wurden.

Als Reaktion auf den wachsenden europäischen Antisemitismus, die anhaltende Diskriminierung und gewalttätige Pogrome im Russischen Zarenreich wurde im späten 19. Jahrhundert der politische Zionismus entwickelt. Dabei übernahmen jüdische Intellektuelle wie Theodor Herzl die Grundannahme des europäischen Nationalismus, nämlich dass ein Volk einen eigenen Staat braucht, und propagierten die Idee eines jüdischen Staates in Palästina, der als Zufluchtsort für verfolgte jüdische Menschen aus aller Welt dienen sollte.

Der Nationalismus im Habsburgerreich

Im Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn hatte der Nationalismus eine zersetzende Wirkung. Verschiedene Nationen und ethnische Gruppen fühlten sich unterdrückt oder benachteiligt und forderten ihre Eigenständigkeit. Im Gegensatz dazu betrachtete die Sozialdemokratische Arbeiterpartei den Nationalismus als Werkzeug der bürgerlichen Klasse, um die Arbeiterklasse zu spalten. Der Erhalt des Vielvölkerstaats erschien den meisten Sozialdemokrati*innen vorteilhafter für die Arbeiterklasse als eine Zerstückelung in kleine Nationalstaaten, die wirtschaftlich nicht überlebensfähig und anfällig für ausländische Einflussnahme wären.

Um die Einheit zu wahren, verabschiedete die Partei 1899 auf ihrem Parteitag in Brünn ein Grundsatzprogramm zur Lösung der Nationalitäten- und Sprachenfrage. Dabei bekannte sie sich zum proletarischen Internationalismus nach dem Grundsatz von Marx und Engels im Kommunistischen Manifest: „Die Arbeiter haben kein Vaterland“. Als Marxist*innen sahen sie den Hauptkonflikt nicht zwischen den Nationen, sondern zwischen den Klassen – der internationalen Arbeiterklasse und dem internationalen Kapital. Das Brünner Programm forderte die Umwandlung der Monarchie in einen demokratischen föderalen Bundesstaat im Sinne der Gleichberechtigung der Völker.

Allerdings war auch die Sozialdemokratie nicht immun gegen den Nationalismus. Trotz der prinzipiellen Ablehnung von Nationalismus und Krieg leistete die sozialdemokratische Parteiführung bei Kriegsausbruch 1914 – wie viele andere europäische sozialistische Parteien auch – keinen organisierten Widerstand gegen den Kriegseintritt und akzeptierte einen sogenannten „Burgfrieden“ – das Einstellen des politischen Kampfes gegen die Regierung zugunsten der Kriegsführung. Diese Haltung führte jedoch zur Entfremdung innerhalb der Arbeiterbewegung und zum Auseinanderbrechen der Zweiten Internationale – der internationalen Vereinigung der Arbeiterklasse.

Nationenbildung nach dem Ersten Weltkrieg

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde die Landkarte Europas neu gezeichnet. Als die Donaumonarchie, das Zarenreich und das Osmanische Reich zerbrachen, bot sich für die nach Unabhängigkeit strebenden Nationen die Gelegenheit, auf deren Trümmern neue Nationalstaaten zu errichten. Zu den neu entstandenen oder wiedergegründeten Staaten zählten Polen, die Tschechoslowakei, das Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen (ab 1929 Jugoslawien), Finnland, Estland, Lettland, Litauen sowie die Republiken Deutsch-Österreich und Ungarn. Mustafa Kemal (Atatürk) rief 1923 die moderne Republik Türkei aus. Viele Balkanstaaten hatten sich bereits vor dem Zusammenbruch vom Osmanischen Reich unabhängig gemacht, die Provinzen Irak, Syrien und Palästina wurden als Völkerbundmandate unter Großbritannien und Frankreich aufgeteilt. Irland erlangte durch einen Unabhängigkeitskrieg nach jahrhundertelanger britischer Herrschaft 1922 die Unabhängigkeit.

In Österreich wurde der neue Grenzverlauf teilweise durch Volkabstimmungen geregelt. Bei einer Abstimmung 1920 in Kärnten votierte eine Mehrheit für den Verbleib Südkärntens bei Österreich. Bei der Abstimmung 1921 im Burgenland wurde dagegen entschieden, dass Ödenburg (Sopron) bei Ungarn verblieb. In Vorarlberg stimmten 80 Prozent für einen Beitritt zur Schweiz, was jedoch von der Schweiz und den Siegermächten abgelehnt wurde. In der Steiermark gab es keine Abstimmung. Die Untersteiermark wurde dem Königreich SHS (später Jugoslawien) zugeordnet, was zu bewaffneten Zusammenstößen im Raum Mureck und Bad Radkersburg führte.

Grundlage für die Staatenbildung war das Selbstbestimmungsrecht der Völker, das von US-Präsident Woodrow Wilson auf der Pariser Friedenskonferenz propagiert wurde. Wilson sah in der Bildung von auf Sprachen und Siedlungsgebieten basierenden Nationalstaaten eine Lösung für die Spannungen in Europa. Die vom Völkerbund unterstützte Neuordnung Europas schuf jedoch neue Konflikte. Die ethnische Durchmischung in Mittel- und Osteuropa führte dazu, dass Millionen Menschen plötzlich als Minderheit im eigenen Staat lebten. Eine extreme Folge war der zwangsweise Bevölkerungsaustausch zwischen Griechenland und der Türkei, der für Millionen Betroffene Flucht und Vertreibung bedeutete.

Die Anwendung des Selbstbestimmungsrechts blieb zudem selektiv. Die Siegermächte Großbritannien und Frankreich dachten nicht daran, ihre Kolonien in die Freiheit zu entlassen. Stattdessen wurden die Gebiete der Verlierer unter ihre Verwaltung gestellt. Das Selbstbestimmungsrecht wurde für die unterdrückten Völker außerhalb Europas nicht angewendet.

Das Selbstbestimmungsrecht der Völker

Das Selbstbestimmungsrecht ist ein völkerrechtlicher Grundsatz, der besagt, dass jedes Volk das Recht hat, frei über seinen politischen Status, seine Staats- und Regierungsform sowie seine wirtschaftliche, soziale und kulturelle Entwicklung zu entscheiden. Es erlaubt sowohl die Bildung eines eigenen Staates als auch den Anschluss an einen anderen Staat.

Auch der Revolutionsführer Lenin sah im Selbstbestimmungsrecht der Völker ein demokratisches Prinzip zur Befreiung unterdrückter Nationen vom Imperialismus. Für ihn bedeutete es auch das uneingeschränkte Recht auf staatliche Abspaltung und Souveränität. Als nach der Oktoberrevolution 1917 Finnland seine Unabhängigkeit erklärte, erkannte die sowjetische Regierung diese offiziell an. In anderen Regionen der Sowjetunion wurde das Selbstbestimmungsrecht der Völker jedoch nicht in derselben Weise umgesetzt.

Im Völkerrecht sind Volk oder Nation politische und juristische Begriffe, die sich auf tatsächliche Gemeinsamkeiten gründen. Nach Artikel 1 und 55 der Charta der Vereinten Nationen wird einer Nation das Recht auf Selbstbestimmung zugestanden, auch wenn sie bereits Teil eines Staates ist. Doch in der Praxis gerät das Völkerrecht oft in unlösbare Widersprüche: Wer ist ein Volk, wer gehört dazu und wer nicht? Wem gebührt Selbstbestimmung, wem nicht? Und da Nationen meist nicht eindeutig abgrenzbar sind, führen neue Grenzen oft zu neuen Konflikten und zur Unterdrückung von Schwächeren. Und Europas größte Minderheit, die Volksgruppe der Roma, hat zwar eine eigene Sprache und Kultur, aber kein Territorium, was sie Jahrhunderte lang zur unterdrückten Minderheit gemacht hat.

Auch wenn das Selbstbestimmungsrecht der Völker als Prinzip im Völkerrecht verankert ist, zeigt die historische und aktuelle Praxis, dass es von den strategischen Interessen mächtiger Staaten abhängt, ob einem Volk oder einer Nation die Selbstbestimmung gewährt wird oder nicht. Die Kurden und Kurdinnen sind mit geschätzt 42 bis 48 Millionen Menschen die größte Nation der Welt ohne eigenen Staat. Die Festlegung nationaler Grenzen durch die Kolonialmächte ohne Rücksicht auf ethnische, sprachliche oder kulturelle Gegebenheiten ist bis heute ein Ursprung vieler Spannungen und geopolitischer Konflikte.

Ist der Nationalismus ĂĽberholt?

Obwohl auf konstruierten Vorstellungen aufgebaut, sind nationalistische Narrative noch immer wirksam. Rechte Parteien erzielen damit in vielen Ländern gute Wahlergebnisse und gewinnen an Einfluss, weil sie ein vor allem in Zeiten von globalen Krisen und Unsicherheiten tief verwurzeltes Bedürfnis nach Identität, Sicherheit und Gemeinschaft ansprechen. Dass das Ergebnis aber genau das Gegenteil davon sein kann, haben wir an zwei Weltkriegen mit Millionen Toten und am Aufstieg des NS-Regimes, der im industriellen Massenmord gipfelte, gesehen. Auch die Massaker im Jugoslawienkrieg und der Völkermord in Ruanda gehören zu den fatalen gesellschaftlichen und zwischenmenschlichen Folgen eines Nationalismus, der auf Ausgrenzung, Hass und Feindbildern basiert.

Es hat sich oft genug erwiesen, dass die nationalistische Denkweise nicht in der Lage ist, nachhaltige Lösungen für komplexe Probleme und Konflikte zu finden. Das Konzept eines ethnisch homogenen Nationalstaates, den es in Wirklichkeit niemals gegeben hat, erscheint angesichts von globalen Herausforderungen wie der Erderhitzung, globalisierter Produktionsverhältnisse sowie weltweiten Migrationsbewegungen zudem zunehmend realitätsfern. Da es sich beim Nationalismus um aber ein historisch gewachsenes Phänomen handelt, kann er auch eines Tages überwunden werden. Doch während sich Produktionsverhältnisse (z.B. durch die Globalisierung und neue Technologien) schnell verändern, hinken die gesellschaftlichen Ideen und das Denken der Menschen den materiellen Veränderungen hinterher und bleiben oft in alten Strukturen verhaftet.

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veröffentlicht in Talktogether Nr. 96/2026

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