Gespräch mit Marco Feingold, israelitische Kultusgemeinde Salzburg PDF Drucken E-Mail

Gespräch mit Marko Feingold,

Präsident der israelitischen Kultusgemeinde Salzburg

 

„Der Andere wird als Gegner gesehen, als "Zuagraster". Wir kommen von dieser
Denkweise nicht weg. Obwohl ich nun schon 58 Jahre in Salzburg lebe,
bin ich immer noch ein Fremder“.


Talk Together: Halten Sie die österreichische Bevölkerung für rassistisch?

Feingold: Antisemitismus ist stark verankert in der österreichischen Bevölkerung und wird heute in der Fremdenfeindlichkeit versteckt. Ich glaube, dass ein großer Teil der Bevölkerung antisemitisch und ein noch größerer ausländerfeindlich ist.

Talk Together: Woher kommt diese Fremdenfeindlichkeit?

Feingold: Meiner Meinung kommt sie daher, dass wir selbst Ausländer im eigenen Land sind. In der Monarchie gab es 28 verschiedene Sprachen, ich bin 90 Jahre alt, ich habe das selbst erlebt. Wenn Polen kamen, wollten die polnischen Wiener sie nicht haben, bei Kroaten, Ungarn usw. war es das gleiche. Der Andere wird als Gegner gesehen, als "Zuagraster". Hier in Salzburg ist sicher ein großer Teil der Bevölkerung nicht ursprünglich von hier. Aber wir kommen von dieser Denkweise nicht weg. Obwohl ich nun schon 58 Jahre in Salzburg lebe, bin ich immer noch ein Fremder.

Talk Together: Seit wann lebten Juden in Salzburg?

Feingold: Seit mehr als Tausend Jahren haben sich Juden in Salzburg angesiedelt. Und in jedem Jahrhundert gab es zwei bis drei Vertreibungen. Bis 1492 als der Erzbischof verkündete: "Nie wieder dürfen Juden in Salzburg leben." Dieses Gesetz galt bis 1868, als das Patent von Josef II die Religionsfreiheit garantierte. Erst ab diesem Zeitpunkt durften sich Juden wieder in Salzburg ansiedeln. Bis 1938 gab es Neuansiedlungen. 1939 wurde dann verkündet: "Salzburg ist judenfrei!" Was übrigens gar nicht stimmte, es gab noch welche. Ich habe ein Schriftstück von einer jüdischen Frau, die den ganzen Krieg über in Salzburg verbracht hat. Ich bin aber der erste seit 1000 Jahren, der 58 Jahre lang in Salzburg lebt. Heute gibt es nur mehr alte Leute hier, wir sind im Aussterben. Ich halte noch alles aufrecht, denn ich glaube, es werden wieder Juden nach Salzburg kommen. Woher, das weiß ich allerdings nicht.

Talk Together: Wo waren Sie in der Hitlerzeit?

Feingold: Ich lebte damals in Wien. Ab 1939 war ich sechs Jahre lang in verschiedenen Konzentrationslagern, zuerst in Auschwitz, dann in Neuengamme (in der Nähe von Hamburg), dann in Dachau, befreit wurde ich in Buchenwald.

Talk Together:Wie konnten Sie überleben?

Feingold: Ich war damals jung, ich war im Alter von 25 bis 32 Jahren im KZ. Nur junge Leute konnten das KZ überleben. Die schwere Arbeit, die Schikanen und den Hunger. Ältere Menschen haben das nicht überstanden, außer ein paar prominente Politiker wurden verschont, die wurden jedoch dann noch kurz vor der Befreiung umgebracht. Wie jede Diktatur haben auch die Nazis die Intelligenz beseitigt, weil sie sie fürchteten. Außerdem holten sie die Kinder, denn die können am leichtesten manipuliert werden. Alle machten das, Hitler, Mussolini und auch heute in den Kriegen in Afrika holen sie die Kinder. Sie werden von ihren Eltern weggenommen - ihrem Einfluss entzogen - umerzogen und zum Militär geschickt.

Talk Together: Woher kommen Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit?

Feingold: Jede Religion sagt. "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst", aber keiner tut es. Jeder ist des Anderen Feind. Vor allem die Kirche war immer der Feind von anderen Religionen. Dabei, sage ich, sind die Juden der Schatten des Christentums. Jesus war doch selbst Jude, er hat nur versucht, seinem Volk die Religion zu erklären. Nur war er sehr volksnah und leger, das gefiel den Römern nicht. Auch der Eingott-Glaube gefiel ihnen nicht, denn jeder Cäsar hielt sich ja selbst für einen Gott. Die Kirche erfand dann die Geschichte, dass die Juden Jesus getötet hätten. Das entspricht aber überhaupt nicht der Wahrheit, denn Palästina war damals von den Römern besetzt. Die Juden hatten überhaupt nicht das Recht, ein Todesurteil auszusprechen. Außerdem war bei den Juden die Steinigung üblich. Die Kreuzigung war eine typisch römische Art der Todesstrafe. 70 Jahre nach Jesus Tod gab es einen Aufstand gegen die Herrschaft der Römer. Der Aufstand wurde niedergeschlagen und die Menschen wurden aus dem Land vertrieben. Einige haben die Lehre mitgenommen, sie bezeichneten sich aber als jüdische Christen bzw. christliche Juden, bis 300 Jahre später ein römischer Papst die christliche Religion gründete.

Talk Together: In der Zeit des Nationalsozialismus wurden aber nicht nur Juden verfolgt, die sich zur jüdischen Religion bekannten. Was steckte dahinter?

Feingold: Es war damals egal, ob jemand sich zur Religion bekannte oder nicht, auch Atheisten oder zum Christentum übergetretene Menschen jüdischer Abstammung wurden verfolgt. Dass Juden eine Rasse wären, war eine Erfindung von Hitler. Es gab ja damals auch „Halbjuden“ (welcher Teil des Körpers ist jüdisch, der obere oder der untere?), Vierteljuden usw. Jeder musste damals nach­weisen, dass er mindesten drei nichtjüdische Urgroßmütter hatte (interessanterweise waren da die Frauen wichtig).

Talk Together: Was waren die Ursachen  der Feindseligkeit  gegenüber Juden?

Feingold: Manche beneideten die Juden, weil sie Geschäfte hatten. Es stimmt schon, es gab einige, die reich waren. Das kam daher, dass die ganze Familie immer zusammenhielt und jeder mitarbeitete, deshalb hatten sie Erfolg. Heute ist das eh nicht mehr so. Man sieht das aber heute z.B. bei türkischen Geschäften, sie haben Erfolg, während die Österreicher zusperren. Die Europäer sind individualistischer, jeder will etwas anderes. Die Kinder haben meist kein Interesse mehr, das Geschäft weiter zu führen. Man sagte, die Juden halten immer zusammen. In Wirk­lichkeit aber waren die meisten europäischen Juden damals sehr nationalistisch. Im ersten Weltkrieg kämpf­ten die französischen Juden für Frankreich, die deutschen für Deutschland und die österreichischen für Österreich. Sie waren oft sogar noch nationalistischer als andere.

Talk Together: Wie war die "Kristallnacht" in Salzburg?

Feingold: In Salzburg wurden die Überfälle von SD (Sicherheitsdienst) Männern ausgeführt. Die Bevölkerung hat davon nicht viel mitbekommen, da es in der Nacht bzw. in den frühen Morgenstunden des 10. November passiert ist. Die Leute hatten auch gar nichts gewusst von dem Attentat in Paris. Die Synagoge hat man nicht angezündet, da man fürchtete, dass ein Feuer auf die benachbarten Wohnhäuser übergreifen könnte. Man hat die Salzburger Bevölkerung wohl auch für ein bisschen dumm gehalten, ein SD-Mann schrieb in einem Telegramm nach Wien: "In Salzburg hört man kein Radio und liest keine Zeitung".

Talk Together: Was denken Sie über den Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern?

Feingold: Eine Feindschaft zwischen Moslems und Juden gab es nie. Wir haben doch dieselben Wurzeln. Mit islamischen Leuten hatte ich noch nie ein Problem. Aber die Politiker leben davon, dass sie Streit initiieren. Die Engländer haben damals das Land so gut wie allen versprochen, den Juden, den Jordaniern usw. Dann wollten sie sich elegant aus der Affäre ziehen und die Probleme den anderen überlassen. Danach wollten sie verhindern, dass Juden, die vor Hitler flohen, Palästina erreichten.

Talk Together: Manche sagen, man wäre antisemitisch, wenn man Israel kritisiert. Wie denken Sie darüber?

Feingold: Dieser Meinung bin ich nicht. In Israel gibt es viele Leute, die die Politik kritisieren. Z.B. die "Frauen in Schwarz" protestieren für die Rechte der Palästinenser. Sowohl in Israel als auch in Palästina gibt es verschie­dene Meinungen, manche sind für Krieg, andere sind für Frieden. Aber der Krieg wird auch von außen geschürt. Manche arabischen Länder unterstützen die Kriegstreiber mit Geld. Die Unwissenheit von Jugendlichen wird aus­genützt und ihnen wird eingeredet, dass sie in den Him­mel kommen und Jungfrauen auf sie warten, wenn sie ihr Leben opfern. Wo im Koran steht denn das? Wie in jeder Religion ist auch im Islam Selbstmord verboten. Sie ver­nichten aber nicht nur ihr eigenes Leben, sondern auch noch das von unschuldigen Menschen. Aber wenn man Sharon kritisiert ist man kein Antisemit, nicht alle Palästinenser sind für Arafat - wie auch nicht alle Österreicher für Schüssel sind. Aber die Politiker haben die Möglich­keit, die Leute aufzuputschen.


Marko M. Feingold wurde am 28. Mai 1913 in Neusohl, damals K. u. K. Österreich-Ungarische Monarchie, heu­te Slowakei, geboren. Er besuchte in Wien die Volks- und Unterrealschule, wurde kaufmännischer Lehrling und legte die Kaufmannsgehilfen­prüfung ab. Danach war Feingold mehrere Jahre als Handel­sangestellter und Reisender im In- und Ausland tätig.
Im März 1938 nach dem "Anschluss" musste er Österreich verlassen, ging in die Tschechoslowakei und wurde am 6. Mai 1939 in Prag von der Gestapo verhaftet. Danach kam er in mehrere Konzentrationslager. Am 11. April 1945 wurde er im KZ Buchenwald von den Amerikanern befreit. Im Mai 1945 kehrte er nach Österreich zurück, seitdem lebt er in Salzburg. Einige Tage nach seiner Ankunft übernahm er die Leitung der Küche für politisch Verfolgte, bald danach half er jüdischen Vertriebenen bei der Flucht über die Alpen.

 

erschienen in: Talktogether Nr. 6/2003