Das Kaffeehaus PDF Drucken E-Mail

Das Kaffeehaus - Treffpunkt, Büro, Institution

und erweitertes Wohnzimmer

Von Herbert Hopfgartner

Gewiss, das Kaffeehaus dürfte eine Idee und Erfindung des Orients sein. Berühmte Beispiele einer gelebten „Kaffeehauskultur“ finden sich auch oder vor allem mitten in Europa. Nicht umsonst hat die UNESCO mit der Begründung, dass „das Kaffeehaus ein Ort ist, in dem Zeit und Raum konsumiert werden, aber nur der Kaffee auf der Rechnung steht“, die Wiener Kaffeehauskultur im Jahre 2011 in das Verzeichnis des immateriellen Weltkulturerbes aufgenommen. Bleibt nur noch die Frage, ob und wie man diesen gastronomischen Betrieb – oder besser – die geschmackvolle Gepflogenheit und einzigartige Lebensart adäquat zu beschreiben in der Lage ist.

Phänomenologisches

„Es hat sich herausgestellt, dass diese Kaffeehausaufsuchkrankheit die unheilbarste aller meiner Krankheiten ist.“ (Thomas Bernhard)

Der typisch männliche Wiener Kaffeehausgeher – eine eigenartige Mischkulanz aus manierlich, künstlerisch begabt, politisch interessiert und meistens grantig – ist in seinem Stammlokal zwar nicht daheim, fühlt sich dort aber wie zu Hause. Für ihn ist das Café quasi das zweite Wohnzimmer – inklusive Arbeitsbereich und Toilette. Vorzugsweise bestellt er entweder einen Häferlkaffee oder eine Melange, einen Verlängerten, Einspänner, Kapuziner, Franziskaner, vielleicht auch einen Fiaker – Letzterer beinhaltet ein Stamperl Sliwowitz oder Rum. Sorgfältig und stirnrunzelnd liest er alle verfügbaren Gazetten, diskutiert eventuell mit einem Tischnachbarn die Neuigkeiten, nebenbei beobachtet er aufmerksam alle anderen Besucher. Die Stammgäste spüren instinktiv, dass hier schon große politische Entscheidungen getroffen, Revolutionen ausgeheckt, ganze Romane und Symphonien geschrieben wurden – so bedeutungsschwanger und gewichtig erscheint die Atmosphäre in dem Lokal. Schon allein deshalb herrscht im Kaffeehaus eine eigentümliche Bedachtsamkeit, Würde und Diskretion.

Alfred Polgar meinte einmal, dass „im Kaffeehaus Leute sitzen, die alleine sein wollen, aber dazu Gesellschaft brauchen.“ Möglicherweise bleiben manche Zeitgenossen im Kaffeehaus deshalb unbegleitet, um gemeinsam mit den anderen Gästen eine melancholische Einsamkeit zu zelebrieren – und um sich vielsagend anzuschweigen. Über allen jedoch thront, nie ausgesprochen, aber für alle merklich, der Oberkellner in seiner beeindruckenden Widersprüchlichkeit: Schmähsicher und gleichzeitig missmutig, schalkhaft und trotzdem immer schlecht gelaunt, bewegt sich „Herr Leopold“ (fakultativ: Franz, Ferdinand, Johann, Josef – allesamt kaiserlich-königliche oder zumindest altehrwürdige, aristokratische Namen) stilsicher auf dem Parkett. Traditionell im schwarzen Smoking, mit gebügeltem weißem Hemd und schwarzer Fliege stellt er auch optisch eine Autorität dar, die er im Wesentlichen schon kraft seines beruflichen Standes innehat. Auch seinem herben, leicht säuerlichen Charme scheint kein Sterblicher auszukommen – jedenfalls ducken sich nicht wenige Gäste eigentümlich, wenn sich der strenge Zeremonienmeister nähert.

Idealerweise sucht sich ein richtiger Kaffeesieder als Partner einen Zuckerbäcker. Vielleicht kann er oder sie, die „Frau Chefin“, auch beides. Dann ist das Café um eine Attraktion reicher: wahre Delikatessen werden – wohlgemerkt zum Kaffee – angeboten. Als „Klassiker“ gelten Apfel- und Topfenstrudel, Buchteln, Marmorguglhupf, Malakofftorte, Sachertorte und Esterházy-Schnitte. Nebenbei erwähnt mauserte sich das „Konditorei-Café“ im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts zum Inbegriff des Kaffeekränzchens, das am Nachmittag von Frauen „veranstaltet“ wurde.

In der Vergangenheit vergnügten sich – vor allem männliche Besucher – neben dem Rauchen auch an bestimmten Spielen: Ein Mann von Welt spielte Billard bzw. Karambol, Schach oder ein exklusives Kartenspiel, wie zum Beispiel Tarock. Wichtig bei diesen Aktivitäten war und ist ein kultiviertes Auftreten bzw. eine gepflegte, distinguierte, vielleicht sogar elegante Sprache. Ein Kaffeehaus ist schließlich keine Spielhölle oder Spelunke, sondern ein Bereich bürgerlicher Öffentlichkeit: Hier wurden Standesdünkel überwunden; alle hatten nebeneinander Platz!

Historisches

Die Region Kaffa im südwestlichen Äthiopien dürfte das Ursprungsgebiet des Kaffees sein, wobei erst in der frühen Renaissance die Bohnen geröstet, gemahlen oder zerstampft und in der Folge gekocht wurden. Die jemenitische Handelsstadt Mocha wurde ein wichtiges Handelszentrum, das Osmanische Reich die erste „Heimat“ des neuartigen Getränks.

Über das türkische „kahve“, das italienische „caffè“ und das französische „café“ gelangte das Wort nach Mitteleuropa. Im 17. Jahrhundert eröffneten die ersten Kaffeehäuser in Italien, England, Frankreich, Deutschland und Österreich – und nachdem man am Hof Ludwigs XIV. das luxuriöse Getränk heiß und mit Zucker gesüßt trank, ahmte man diese schickliche Geste in den neu eröffneten Lokalen weitestgehend nach.

Ein Osmane, namentlich Sultan Murad IV. (1612-1640), erließ in seiner Amtszeit ein strenges Kaffeeverbot – vor allem, weil er die Kaffeehäuser als Orte für konspirative Kräfte und politische Unruhe sah. Zu jener Zeit wurden Kaffee trinkende Männer als gefährlich für die herrschende Macht angesehen, dementsprechend wollte man oppositionelle Kräfte mit drakonischen Verboten (Hinrichtungen!) einschüchtern.

„Das Kaffeehaus stellt eine Institution dar, die mit keiner ähnlichen der Welt zu vergleichen ist.“ (Stefan Zweig)

Als Seismograph soziokultureller Wandlungen steht das altehrwürdige Wiener Kaffeehaus als Zentrum für kulturellen und politischen Austausch. Ist es eine Legende oder Kaffeesud-Leserei? Möglicherweise saßen an einem Tag im Jahre 1913 Leo Trotzki, Josef Stalin, Adolf Hitler, Josip Broz Tito und Sigmund Freud gleichzeitig im Café Central in Wien. Die großen Reiche in Europa zerbröselten, das Gespenst eines Krieges ging um – und die oben genannten (noch sehr jungen) Herren saßen mitten in Wien im Kaffeehaus.

Viele Fragen tun sich nun auf: Warum tranken die selbigen Herren Ende der 1930er Jahre in Wien nicht wieder gemeinsam einen Kaffee? Vielleicht wäre uns in der Folge der Zweite Weltkrieg erspart geblieben? Warum war Kaiser Franz Josef beim ursprünglichen Stelldichein nicht dabei? Und… kann man das Kaffeehaus prinzipiell als ein Haus des Friedens bezeichnen? Und den Kaffee als ein Versöhnungsgetränk? Oder hat doch Alfred Polgar recht, der behauptete, dass „das Café [er meinte das Café Central, Anm.] eine Weltanschauung ist, und zwar eine, deren innerster Inhalt es ist, die Welt nicht anzuschauen.“ Dann tauchen die Besucher eines Cafés in einen friedfertigen Mikrokosmos ein und verschließen bewusst die Augen und Ohren vor der Unbill des äußeren Lebens.

Kaffeehausbekanntschaften und andere illustre Kreise

Während echte, gute Freunde sich nicht nur privat, sondern auch im öffentlichen Raum treffen, sind ausgewiesene Kaffeehausbekanntschaften Begegnungen, die sich zufällig ereignen. Letztere gelten nicht unbedingt als ehrbare Zeitgenossen und -genossinnen, schließlich würden sie sich ja der Faulenzerei und der Spielsucht hingeben… Eine veränderte Wahrnehmung lässt sich in den letzten Jahrzehnten beobachten!

Ähnlich verhält es sich in den schönen Künsten, wobei hier die Grenzen fließend zu verlaufen scheinen. Einerseits logierten in den berühmten Wiener Cafés viele großen Geister: Arthur Schnitzler, Hugo von Hofmannsthal, Hermann Bahr, Gustav Klimt, Egon Schiele, Oskar Kokoschka, Joseph Roth, Georg Trakl, Elias Canetti, Hermann Broch, Robert Musil, Alban Berg, Franz Lehár, Oscar Straus, Otto Wagner, Adolf Loos, Karl Kraus, Peter Altenberg, Egon Friedell, Alfred Polgar, Leo Trotzki u.v.a. – hochwertige Literaten, Musiker und andere Künstler, die mit Sicherheit in den Salons der Cafés nicht nur gearbeitet haben! Andererseits „versuchten“ sich im Dunstkreis dieser Genies wahrscheinlich auch weniger talentierte Kunstjünger im Kaffeehaus – und scheiterten. Als feuilletonistische Dampfplauderer verschrien, warteten diese ewig auf das Entdecktwerden und den großen Durchbruch…

Wie eben erwähnt scheint eine reine Kaffeehausbekanntschaft nichts Ernstes, eher eine beliebige und unbeabsichtigte Erfahrung zu sein. Wer (dauernd) im Kaffeehaus sitzt, geht wohl keiner geregelten Arbeit nach, hat keine Familie und ist vielleicht schon deshalb kein seriöser Freund und Partner. Möglicherweise lässt sich hier ein kultureller Bedeutungswandel erkennen: den Kaffeehausbesuch muss man sich – nach (!) getaner Arbeit – verdienen. Einfach so – geht gar nicht!

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Die Geschichte des Wiener Kaffeehauses

Durch die Zweite Türkenbelagerung gelangten die ersten Kaffeebohnen nach Wien. Nachdem die besiegten Osmanen Wien verlassen hatten, fand man in deren Lagern große Mengen an ungebrannten Kaffeebohnen. Die Einheimischen wussten nicht, was sie damit anfangen sollten. König Jan III. Sobiesky soll die Kriegsbeute seinem Offizier und Dolmetscher Franz Kolschitzky übergeben haben, der daraus ein Getränk brühte, das er seinen Gästen im türkisches Kostüm servierte. Historisch belegt ist diese Geschichte ebenso wenig wie die Legende, dass Kolschitzky – um den Sieg über die Osmanen zu feiern – einen Bäcker beauftragte, ein halbmondförmiges Gebäck zu kreieren, welches sich später zum Kipferl oder Croissant entwickelt hat.

Das erste offizielle Kaffeehaus in Wien wurde 1685 vom armenischen Kaufmann Johannes Theodat (auch Deodato genannt) in seiner Wohnung am Haarmarkt (heute Rotenturmstraße) eröffnet, nachdem er vom Kaiser als Dank für seine Verdienste als Kundschafter während der Türkenbelagerung als erster das Privileg erhalten hatte, öffentlich Kaffee auszuschenken. Bei seinem Lokal handelte sich ein einfaches Zimmer mit schlichten Holzbänken, dennoch erfreute es sich schnell großer Beliebtheit und wurde zum Treffpunkt für verschiedene gesellschaftliche Gruppen.

Das neue Getränk fand bei der Wiener Bevölkerung großen Anklang, so dass die Zahl der Kaffeehäuser rasch anstieg. Um 1900 gab es in Wien 600 Kaffeehäuser. Die Gäste waren fast ausschließlich Männer, Damen war der Zutritt allenfalls in männlicher Begleitung erlaubt. Eine Tradition der Wiener Kaffeehauskultur, die bis heute erhalten geblieben ist, ist das Glas Wasser, das zu jedem Kaffee serviert wird.

Die Wiener Kaffeehäuser waren aber nicht nur Orte des Konsums, sondern entwickelten sich zu einer sozialen und kulturellen Institution. Sie waren oft bis weit nach Mitternacht geöffnet und boten einen alternativen Wohn- und Arbeitsraum, wo Stammgäste telefonisch erreichbar waren, ihre Post hinschicken lassen konnten, Besuche empfingen und arbeiteten (vor allem schrieben). In den Kaffeehäusern lagen Zeitungen, Fachzeitschriften und Illustrierte auf, sowie Telefonbücher, Fahrpläne und sogar Konversationslexika.

Darüber hinaus wurde am Abend und an Wochenenden musikalische Unterhaltung geboten, von Klassik, über Schrammelmusik bis Jazz, viele Kaffeehäuser boten auch Billard-, Schach- oder Kartenspielern Raum.Dieses breite Angebot gab es nicht nur in den teureren, vom Bürgertum frequentierten Stadtcafés, sondern auch in den kleineren, einfacheren, dafür aber preiswerteren Vorstadtcafés.Das Kaffeehaus ist bis heute ein wichtiges Stück Wiener Tradition. Neben Getränken werden kleine Speisen serviert, und oft gibt es einen so genannten Schanigarten, wo man beim Kaffeetrinken im Freien die vorbeigehenden Leute beobachten kann.

veröffentlicht in Talktogether Nr. 95/2026