Wir sind nicht für den Krieg geboren
Von der Antike bis zur Gegenwart scheint die überlieferte Geschichte eine Abfolge von Kriegen zu sein, die nur von Perioden des Friedens unterbrochen wird. Sogar die meisten technologischen Erfindungen und Fortschritte wurden für den Krieg entwickelt. Die Aufrüstung hat dazu geführt, dass es heute so viele Massenvernichtungswaffen auf der Welt gibt, um das gesamte Leben auf der Erde auszulöschen. Wie konnte es so weit kommen? Sind Kriege unvermeidlich, weil Destruktivität und Aggressivität den Menschen in den Genen liegen, oder gibt es einen Ausweg?

Als Krieg bezeichnet man einen organisierten, mit Waffengewalt geführten Konflikt zwischen zwei oder mehreren planmäßig vorgehenden Gruppen, die ihre Interessen durchsetzen wollen. Oft wird jedoch vom Krieg geredet, als ob es sich um eine Naturgewalt handelt. Auch toxische Männlichkeit wird oft als Erklärung für kriegerische Gewalt herangezogen. Die Ansicht, dass Kriege ihre Wurzeln in der angeborenen Aggressivität der Menschen – oder zumindest der Männer – haben, ist weit verbreitet. Wäre diese Annahme richtig, müssten wir uns nicht viele Gedanken darüber machen, wie es zu Kriegen kommt und in wessen Interessen sie geführt werden.
Interpretationen in Philosophie und Naturwissenschaft
Vom antiken griechischen Philosophen Heraklit ist der Satz überliefert: „Der Krieg ist der Vater von allen“. Der englische Philosoph Thomas Hobbes vertrat die Theorie, dass der Mensch von Natur aus egoistisch und misstrauisch sei, was zu ständigen Konflikten führe. Deshalb sei eine absolute Herrschaft nötig, um einen dauerhaften Frieden zu gewährleisten. Ganz anderes sah das der französische Philosoph Jean-Jacques Rousseau. Er war überzeugt, dass der Mensch gut, frei und gleich geboren wird. Doch die Gesellschaft entfremde ihn von seiner Natur und schränke seine Freiheit ein. Durch den Besitz werde er korrumpiert, was zu Ungleichheit, Gier und Konflikten führe.
Auch in der Wissenschaft gehen die Meinungen auseinander: Sigmund Freud führte die menschliche Aggression auf einen angeborenen Todestrieb zurück. Der Zoologe Konrad Lorenz schrieb Tieren und Menschen einen angeborenen Aggressionstrieb zu. Die Beobachtungen von Jane Goodall bei Schimpansen, die sich tödlich bekriegten, scheinen eine solche Annahme sogar zu bestätigen. Es ist jedoch höchst spekulativ, aus dem Verhalten von Menschenaffen Rückschlüsse auf die psychosozialen Anlagen heutiger Menschen zu ziehen. Zudem wäre in Betracht zu ziehen, dass die nächsten Verwandten von Schimpansen und Menschen, die Bonobos, besonders friedliebend sind.
Überlebenstrieb und destruktive Aggression
Der Psychoanalytiker und Sozialforscher Erich Fromm wies die Annahme eines Aggressionstriebes oder gar eines Todestriebes entschieden zurück. Er unterscheidet zwischen der angeborenen sinnvollen Aggression, die im Überlebenstrieb begründet ist, und der destruktiven Aggression, die keine biologische Funktion hat, sondern aus dem Bedürfnis nach Kontrolle und Zerstörung entsteht. In seinem bahnbrechenden Werk „Anatomie der menschlichen Destruktivität“ berichtete Fromm bereits 1973 über unterschiedliche Ethnien und deren Sozialbeziehungen, womit er bewies, dass es auch noch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts stabile lebensbejahende, unkriegerische, meist matriarchal organisierte Sozialverbände gab.
Fromm schreibt: „Während wir in allen Kulturen die Feststellung machen, dass die Menschen sich gegen eine Bedrohung ihres Lebens verteidigen, indem sie kämpfen (oder fliehen), sind Destruktivität und Grausamkeit in so vielen Gesellschaften so minimal, dass diese großen Unterschiede nicht zu erklären wären, wenn wir es mit einer ‚angeborenen‘ Leidenschaft zu tun hätten.“ Heute ist es eine in der Wissenschaft weithin akzeptierte Annahme, dass der moderne Mensch, seit es ihn gibt, über gleichartige seelische Anlagen verfügt. Wir können also davon ausgehen, dass der Mensch gesund und friedliebend geboren wird, und es die gesellschaftlichen Verhältnisse sind, die ihn krank, gewalttätig und destruktiv machen.
Urgeschichte: Keine Spuren von Krieg
Der Mensch existiert seit etwa 6 Millionen Jahren, der moderne Mensch lebt seit mindestens 300.000 Jahren auf diesem Planeten. Wir wissen jedoch weder, wie die Urgesellschaften ausgesehen haben, noch wie die psychische Verfassung ihrer Mitglieder war, da Zähne, Knochen und geschliffene Steine darüber keine Auskunft geben. Zeugnisse einer Kultur kommen seit etwa 50.000 Jahren vor. Beweise für Mord und Totschlag gibt es aber nur wenige, schon gar nicht sagen diese etwas über deren Motive aus. Auch die Höhlenmalereien zeigen keine Spuren von Krieg, sondern stellen meist Jagdszenen und Tiere dar.
Im Gegensatz dazu gibt es Belege dafür, dass sich die Menschen gegenseitig geholfen und unterstützt haben. Nur so war es möglich, dass manche von ihnen trotz Krankheiten und Verletzungen ein relativ hohes Alter erreichen konnten. Im Gegensatz zur Vorstellung vom „survival of the fittest“ dürften sozialer Zusammenhalt und Kooperation für den Erfolg der Menschheit entscheidend gewesen sein. Welchen Grund hätten unsere Vorfahren auf einem fruchtbaren Planeten gehabt, sich zu bekriegen?
Der Mangel an Wissen über die frühe Menschheitsgeschichte bedeutet allerdings auch, dass wir auch keinen friedlichen und paradiesischen Urzustand der Menschheit nachweisen können. Einblicke in die Gedankenwelt unserer Vorfahren liefern uns erst schriftliche Überlieferungen. Doch selbst diese sind, wie wir wissen, häufig verzerrt und unvollständig, da die Geschichte meist aus der Sicht der Sieger beschrieben wurde, die ihre Unterdrückung rechtfertigen wollten.
Erste Spuren zwischenmenschlicher Gewalt zeigen archäologische Funde von vor etwa 12.000 Jahren. Eine Grabstätte im heutigen Sudan enthielt 61 gut erhaltene Skelette beiderlei Geschlechts, von denen 41 durch Pfeile oder Speere zugefügte Verletzungen aufwiesen. Es lässt sich jedoch nicht feststellen, ob die Toten gleichzeitig beerdigt wurden, zudem waren viele der Verletzungen beim Tod dieser Menschen bereits verheilt. Ob es sich bei den Begrabenen im Sudan um Opfer eines Krieges gehandelt hat, ist deshalb höchst ungewiss.
Wie auch immer man diese Funde bewertet, steht jedenfalls fest, dass für die ganze lange Zeit davor keine Hinweise auf Kriege oder gewalttätige Konflikte vorliegen, stellen der Archäologe Harald Meller, der Historiker Kai Michel und der Evolutionsbiologe Carel van Schaik in ihrem 2024 erschienenen Buch „Die Evolution der Gewalt“ fest. Beim kollektiven und organisierten Morden scheint es sich also um ein eher jüngeres Phänomen der Menschheitsgeschichte zu handeln.
Als der Mensch den Krieg erfand
Kriegerische Raubzüge lohnten sich für die Menschen wohl erst, als es mit Viehherden, Kornspeichern und dauerhaften Siedlungen auch etwas zu erbeuten gab. Archäologische Funde von vor etwa 5.500 Jahren wie die zerstörte Stadt Hamoukar in Nordsyrien werden von Fachleuten als erste Belege für Krieg gewertet. Ständige Einrichtung dürften Kriege jedoch erst geworden sein, als die ersten Staaten entstanden sind. Der US-amerikanische Kriegsforscher Quincy Wright (1890-1970) hat festgestellt, dass die Neigung zum Krieg steigt, je zivilisierter eine Gesellschaft ist. Je ausgewogener das Gleichgewicht innerhalb einer Gesellschaft ist, umso unwahrscheinlicher sind kriegerische Auseinandersetzungen. Somit geht die Gewalt nicht, wie oft behauptet, von „Wilden“ aus, die erst zivilisiert werden müssen.
Das Leben unserer prähistorischen Vorfahren war auch keineswegs so armselig, wie wir uns das vielleicht vorstellen. Es gibt archäologische Belege dafür, dass die Angehörigen mancher Jäger- und Sammlergemeinschaften körperlich größer waren als der heutige Durchschnittmensch und eine relativ hohe Lebenserwartung hatten. Die Lebensweise als Jäger- und Sammler existierte aber nicht nur vor der Entstehung von Zivilisationen und Staaten, sondern dürfte auch danach noch lange eine attraktive Alternative zur Sesshaftigkeit gewesen sein, da die Lebensqualität in den befestigten Siedlungen meist geringer war.
Friedliche Gesellschaften als Vorbilder
Auch unter den ersten großen Städten der Antike gibt es Beispiele für ein friedliches Zusammenleben. Die anatolische Stadt Çatalhöyük entstand vor 9500 Jahren, existierte etwa 1800 Jahre lang und hatte mehrere tausend Einwohner. Bei den archäologischen Ausgrabungen wurden weder Tempel und Paläste noch Hinweise auf soziale Ungleichheit, Gewaltverbrechen oder Krieg gefunden. Das zeigt uns, dass die Menschen lange Zeit gut miteinander ausgekommen sind.
Auch der Bund der Irokesen, auch bekannt als Haudenosaunee, blickte auf eine jahrhundertelange Tradition des friedlichen Zusammenlebens und einer lebendigen Demokratie zurück. Der Zusammenschluss war mit dem Ziel gegründet worden, Konflikte zu lösen, Kriege zu beenden und das gemeinsame Wohlbefinden zu fördern. Wichtige Prinzipien waren dabei eine gerechte und ausgewogene Verteilung der Macht und eine Form von Demokratie, die auf Konsens basierte und nicht auf Mehrheitsentscheidungen. Dieses System schuf einen politischen Rahmen, der eine bemerkenswerte Autonomie der Individuen ermöglichte. Die ungeschriebene Verfassung der Irokesen, das Große Gesetz des Friedens, diente Benjamin Franklin als Inspiration für die Verfassung der Vereinigten Staaten.
Auch heute noch gibt es Gesellschaften, die mit sich selbst und ihren Nachbarn in Frieden leben. Indigene Gruppen wie die San in der Kalahari oder die Hadzabe in Tansania sind bekannt für ihre friedliche und egalitäre Lebensweise, in der das Teilen von Nahrung und Gütern zur Norm gehört. Auch die zehn benachbarten Stämme im brasilianischen Oberlauf des Xingu-Flusses können als Beispiel für ein friedliches Miteinander angeführt werden und die Behauptung widerlegen, dass der Mensch von Natur aus auf Krieg programmiert sei.
Imperialismus und globale Kriege
Bei den heutigen Kriegen handelt es sich nicht mehr um Eroberungsfeldzüge wie zu Zeiten von Dschingis Khan oder Alexander dem Großen. Im Grunde könnten die meisten Kriege als Wirtschafts- oder Handelskriege bezeichnet werden, da es fast immer darum geht, dem eigenen Land Handelsvorteile zu verschaffen und den Feind wirtschaftlich zu schwächen. Als erster globaler Krieg der Menschheitsgeschichte wird der Erste Weltkrieg (1914–1918) bezeichnet. Der Imperialismus, also die Expansion europäischer Großmächte in Afrika und Asien, führte zu starken Konkurrenzkämpfen und politischen Spannungen und war somit eine der Hauptursachen für diesen Krieg, der verheerende Auswirkungen auf einen Großteil der Weltbevölkerung hatte und die politischen und wirtschaftlichen Kräfteverhältnisse weltweit nachhaltig veränderte.
Heute befindet sich die Welt in einer der schwersten geopolitischen Krisen, weil die Profitraten sinken und die Energiequellen schrumpfen. Doch eine Verlangsamung oder gar ein Rückgang des Wirtschaftswachstum bedeutet Krise, deshalb tun Regierungen alles, um das zu vermeiden. Die Staaten stehen sich am Weltmarkt jedoch als Konkurrenten gegenüber, und da sie ähnliche Ziele verfolgen, kommen sie sich zwangsläufig in die Quere. Die Kriegspolitik ist somit kein Zufall.
In den bewaffneten und nicht bewaffneten Auseinandersetzungen geht es heute um die Sicherung geopolitischer Einflusszonen sowie um die fürs Wachstum benötigten Absatzmärkte, Rohstoffquellen und Arbeitskräfte-Reserven. Es geht darum, welcher Staat bloß Rohstoffe liefern soll und wo der Reichtum produziert wird. Deshalb reicht es nicht aus, den Frieden zu wollen, es muss auch die Wirtschaftsordnung in Frage gestellt werden, die immer wieder Krisen und Kriege produziert. Angesichts der fortschreitenden Erderhitzung und anderer ökologischer Krisen geht es auch darum, die Lebensgrundlagen für die kommenden Generationen zu sichern, denn wenn diese einmal zerstört sind, gibt es auch keine Wirtschaft mehr.
Eine weitere Voraussetzung für ein friedliches Zusammenleben wäre, patriarchale Machtverhältnisse zu überwinden und die soziale Ungleichheit zu reduzieren, da die ungleiche Verteilung materieller Ressourcen selbst ein Produkt von Kriegen und gleichzeitig deren Hauptursache ist. Jedenfalls sollten wir uns vom Mythos von der angeborenen Destruktivität des Menschen verabschieden und uns fragen, was sich in unserer Gesellschaft verändern muss, damit wir Menschen so friedfertig miteinander leben können, wie wir es von Natur aus sind.