Spaltungen und Ungleichheit PDF Drucken E-Mail

Die Risse und Spaltungen in unserer Welt

Wenn wir in die Welt blicken, sehen wir in vielen Bereichen eine Kluft, die immer weiter auseinanderdriftet. Breite Teile der Bevölkerung sind mit einem unbarmherzigen Angriff auf ihren Lebensstandard konfrontiert, während einige wenige unerhörten Reichtum anhäufen. Doch statt die Aufmerksamkeit auf die Ursachen für die wachsende Ungleichheit zu lenken, werden Auseinandersetzungen auf den Feldern der Kultur und Identitätspolitik geführt. Ein Ablenkungsmanöver?


Viele Menschen sprechen von einer Spaltung der Gesellschaft, wenn sie die wachsende Kluft und Polarisierung meinen, die sich in verschiedenen Bereichen manifestiert, wirtschaftlich, sozial, politisch oder kulturell. Spaltung in diesem Sinne bedeutet, dass sich die Gruppen innerhalb einer Gesellschaft immer weiter voneinander entfernen und weniger gemeinsame Werte, Interessen oder Lebensrealitäten teilen. Tatsächlich sind Gesellschaften nie homogen, sondern von vielen Bruchlinien durchzogen. Wir gehören unterschiedlichen Gesellschaftsklassen an, haben unterschiedliche kulturelle Hintergründe, verkehren in unterschiedlichen Kreisen, haben unterschiedliche Interessen, vertreten unterschiedliche politische Haltungen und Meinungen. Im globalen Maßstab sehen wir Spaltungen wie die zwischen den mächtigen Wirtschaftsmetropolen und den Völkern des Südens, zwischen Arbeit und Kapital sowie zwischen den Menschen und ihrer natürlichen Umwelt.

In der Psychoanalyse versteht man unter Spaltung einen psychischen Abwehrmechanismus in Konfliktsituationen, der dazu dient, die Psyche vor schmerzhaften und unerträglichen Gefühlen zu schützen. Statt widersprüchliche Aspekte einer Person oder einer Situation zu akzeptieren, werden diese in gegensätzliche Kategorien aufgeteilt und entweder als gut oder als schlecht wahrgenommen. Indem die widersprüchlichen Aspekte abgespalten werden, versucht das Individuum, ein kohärentes Selbstbild und ein einfaches Bild von der Welt aufrechtzuerhalten, was jedoch eine verzerrte Wahrnehmung zur Folge hat.

Wir sind in unserer Kultur dahingehend geprägt, Sachverhalte in ein binäres Muster – gut oder böse, richtig oder falsch – zu pressen und als gegensätzlich und einander ausschließend zu betrachten. Binäres Denken tritt auch in Erscheinung, wenn wir glauben, in einem Konflikt für die eine oder die andere Seite Partei ergreifen zu müssen, was uns daran hindert, eine umfassende Sicht auf ein Problem oder einen Konflikt zu entwickeln.

Vor allem in den Sozialen Medien nehmen extreme und einseitige Meinungen zu. Zugespitzt hat sich die Polarisierung im Streit um die Corona-Maßnahmen. Heute beobachten wir unversöhnliche Auseinandersetzungen zwischen Feministinnen, während innerhalb der Linken über Positionen zum Vorgehen Israels in Gaza oder zum Krieg in der Ukraine gestritten wird. Keine Seite will die andere mehr verstehen, abweichende Meinungen werden oft diskreditiert und abgewertet. Doch warum lassen wir uns auseinanderdividieren, und wem nützen die Spaltungen?

Spalten, um zu herrschen

„Teile und herrsche“ (lateinisch: Divide et impera) ist eine Strategie, die Machiavelli zugeschrieben wird, aber schon im Römischen Reich praktiziert wurde. Dabei versucht eine Macht, das Volk zu beherrschen, indem sie interne Konflikte und Spaltungen ausnutzt. Das Ziel dieser Strategie ist, die gespaltenen Gruppen daran zu hindern, sich gegen die Herrschenden zu verbünden, wodurch sie leichter zu kontrollieren sind.

Die Strategie der Spaltung wurde im Laufe der Geschichte immer wieder von totalitären Herrschern angewendet, um ihre Macht auszubauen. Sie wussten und wissen, dass Spaltung und Isolation geeignete Mittel sind, um Teile der Bevölkerung an sich zu binden. Spaltung ist auch ein Merkmal faschistischer Politik. Der Faschismus als Ideologie und Bewegung nutzt bestehende Spaltungen und Widersprüche in der Bevölkerung aus und fördert diese aktiv. Typisch für faschistische Propaganda ist die Unterscheidung zwischen „wir“ und „die Anderen“, wobei die „Anderen“ als Feindbild konstruiert werden und ihnen die Empathie verweigert wird. Wir sollten uns vor Augen halten, dass allen Völkermorden der neueren Geschichte die moralische und rechtliche Ausgrenzung der späteren Opfer vorausgegangen ist, welche zudem als Bedrohung dargestellt wurden.

Ablehnung von Vielfalt

Unsere Gesellschaften sind in den letzten Jahrzehnten vielfältiger geworden, was nicht nur mit der Migration, sondern auch mit wachsenden Freiheitsrechten zu tun hat. Die zahlreichen Krisen und komplexen Probleme, mit denen wir heute konfrontiert sind, erzeugen jedoch bei vielen Menschen große Unsicherheit. Das führt bei vielen zum Wunsch nach einfachen Lösungen und zur Ablehnung von Vielfalt. Dahinter steckt jedoch meist die Angst vor dem Verlust von Privilegien.

Die Dauerdebatte über Einwanderung hat nichts anderes zum Ziel, als Ressentiments, Hass und Angst zu verbreiten. Diese Menschen haben ihre Länder verlassen, weil sie Sicherheit und Chancen gesucht haben. Migration ist nicht die Ursache, sondern das Resultat der Ungleichheit und der zahlreichen Krisen und Konflikte in dieser Welt. Obwohl die meisten Migrant*innen für unsere Gesellschaft wichtige Dienste leisten, hart arbeiten und oft wenig verdienen, werden sie pauschal abgestempelt und als Sündenböcke missbraucht.

Vielfalt – ob in der Natur oder in der Gesellschaft – ist eine Quelle von Innovation und Widerstandskraft. Der Faschismus – in welchem Gewand er auch immer auftritt – bekämpft jedoch Vielfalt und damit alles Lebendige. Wie ein Virus, das geschwächte Organe befällt, setzt er an den Neurosen der Menschen an, verbreitet sich wie ein Krebsgeschwür und vergiftet ihren Geist, ihre Emotionen und ihre Psyche, bis sie sich in eine paranoide, ressentimentgeladene und rachsüchtige Masse verwandelt haben. So kann es passieren, dass aus normalen Menschen potenzielle Mörder werden.

Viele Länder befinden sich bereits im Würgegriff der extremen Rechten, wie die USA, Italien oder Israel. Doch statt die Feinde von Freiheit und Menschenrechten im Inneren zu bekämpfen und Maßnahmen zu ergreifen, um die Ausbreitung des Virus zu bremsen, setzen die europäischen (Noch)-Demokratien auf Flüchtlingsabwehr und Aufrüstung. Wir erleben eine wachsende Kriegsrhetorik in Medien und Politik, und sogar das neutrale Österreich erhöht sein Verteidigungsbudget, während die Neutralität immer öfter in Frage gestellt wird. Aus bitterer Erfahrung sollten wir jedoch wissen, dass Kriege keine Lösungen bieten, sondern Traumata für Generationen hinterlassen, nicht nur auf Seiten der Opfer, sondern auch der Täter.

Der Endzeitfaschismus der Eliten

Die kanadische Journalistin und Kapitalismuskritikerin Naomi Klein warnt vor einem „Endzeitfaschismus“, worunter sie eine Verbindung zwischen neoliberalem Krisenkapitalismus und faschistischen Tendenzen versteht. Krisen und Katastrophen sowie die damit einhergehende Angst und Unsicherheit, so Klein, werden von bestimmten Akteuren ausgenutzt, um ihre politische Agenda durchzusetzen und eine autoritäre Ordnung zu errichten, die von einer kleinen Elite kontrolliert wird.

Die Reichsten und Mächtigsten auf dieser Welt bereiten sich derweil auf eine unsichere Zukunft mit Krisen, Knappheit und Kollaps vor. In den USA treffen Teile von ihnen Vorbereitungen, um das Land in einen großen Bunker zu verwandeln und alle aus den Weg zu räumen, die sich ihnen entgegenstellen. Gleichzeitig erheben sie Anspruch auf alle Ressourcen, die sie haben wollen, sei es der Panama-Kanal, die Bodenschätze unter der schmelzender Eisdecke Grönlands, die Seltenen Erden der Ukraine oder Kanadas Wasservorräte.

Statt Verantwortung für ihre Mitmenschen, die nachfolgenden Generationen sowie alle anderen Lebewesen, mit denen wir unserem Planeten teilen, zu übernehmen, haben sie sich dafür entschieden, die Erde brennen zu lassen und für sich selbst Oasen – sogenannte Corporate City States – zu errichten, um den Folgen, die sie selbst verursacht haben, zu entkommen. Die Idee, aus Gaza eine Riviera das Nahen Ostens zu machen, markiert nur die Spitze der zynischen Menschenverachtung.

Das futuristische Megabauprojekt NEOM in Saudi-Arabien ähnelt in mancherlei Hinsicht den Corporate Cities States. Architekten aus aller Welt haben hier die Möglichkeit, ihre Fantasien zu verwirklichen und vier hypermoderne Wüstenstädte zu planen, die reichen Menschen aus aller Welt ein „nie dagewesenes urbanes Wohnerlebnis“ bieten sollen.

Gleichzeitig werden alteingesessene Beduinen vertrieben und Arbeitsmigranten aus Ländern wie Indien, Bangladesch und Nepal rücksichtslos ausgebeutet. Eine ITV-Dokumentation aus dem Jahr 2024 berichtet von etwa 21.000 Todesfällen seit Baubeginn, zudem gelten rund 100.000 Arbeiter als vermisst. Die Menschen, die an den Baustellen arbeiten, berichten von extremen Arbeitsbedingungen wie 16-Stunden-Arbeitstage bei Temperaturen von bis zu 50 Grad. Viele fühlen sich wie Sklaven, weil sie an ihre Arbeitgeber gebunden sind und hohe Geldstrafen zahlen müssen, um ihre Arbeitsverhältnisse beenden zu können.

Doch wir müssen aber nicht in die Ferne blicken, um dystopische Projekte zu entdecken. Die Betreiber von „Six Senses“ im Pinzgau werben für ihre Luxus-Chalets sogar mit einem Weltuntergangsszenario. Eine autarke „Arche Noah“ am Rand des geschützten Hochmoors Wasenmoos soll Superreichen einen Rückzugsort bei Katastrophen wie Umweltverschmutzung, sozialer Isolation, Krieg, Blackout und Pandemien bieten. Für das umstrittene Bauprojekt wurden zwei Hektar Wald direkt neben dem Naturschutzgebiet gerodet.

Finden wir noch einen Ausweg?

Können wir in Frieden zusammenleben und psychisch gesund bleiben, wenn wir der Gewalt, dem Leiden und Sterben rund um uns herum tatenlos zusehen? Wollen wir in einer streng bewachten Festung leben und alle anderen ausschließen? Befinden wir uns dann nicht selbst in einem Gefängnis? In einer Gesellschaft, in der Angst, Ausbeutung und Ausgrenzung herrschen, ist niemand wirklich frei. Frieden, Sicherheit und Freiheit kann es nur geben, wenn auch unsere Nachbarn in Frieden, Sicherheit und Freiheit leben.

Angesichts der Tatsache, dass sogar die mächtigste Demokratie der Welt gerade in einen faschistischen Staat umgebaut wird, fragen sich viele Menschen, ob diese Entwicklung noch aufzuhalten ist. Zweifellos haben wir es mit einem gefährlichen Gegner zu tun, der hochgerüstet ist und vor Gewalt nicht zurückschreckt. Vielleicht gibt es uns aber ein bisschen Mut, wenn wir uns den Ausdruck „Papiertiger“ vor Augen halten, den Mao Zedong benutzt hat, um seine politischen Gegner zu beschreiben. Ein Papiertiger ist etwas, das äußerlich mächtig erscheint, aber innerlich zu schwach ist, um Belastungen standzuhalten. Mit diesem Vergleich wollte er aufzeigen, dass auch ein übermächtig erscheinender Gegner aufgrund seiner inneren Widersprüche bezwungen werden kann.

Wir sind nicht machtlos, wir alle können etwas tun. Um den Spaltungen in der Gesellschaft entgegenzuwirken, ist es wichtig, die soziale Ungleichheit zu bekämpfen, Begegnungen zu fördern, sowie unsere eigene innere Spaltung zu reflektieren. Noch leben wir in einer Demokratie, in der wir unsere Stimme erheben und uns organisieren können. Wir können in den Dialog treten, uns zusammenschließen und politisch engagieren, in Gewerkschaften oder Vereinen aktiv werden und Räume schaffen, in denen Begegnung stattfindet und wir uns gegenseitig stärken können, um neue Energie und Zuversicht zu gewinnen.

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Literatur: Naomi Klein und Astra Taylor: The rise of end times fascism. The Guardian, 13.04.2025 (www.theguardian.com)

Veröffentlicht in Talktogether Nr. 93/2025