Karl Marx und die Ökologie PDF Drucken E-Mail

Weil die Natur unser Leib ist

Die ökologische Krise, mit der wir heute konfrontiert sind, hält uns deutlich vor Augen, dass das Wirtschaftswachstum, das uns Wohlstand versprach, letztlich die Grundlagen unserer menschlichen Zivilisation bedroht. Was aber können wir gegen Probleme wie die zunehmende Erderhitzung, die Zerstörung von Lebensräumen, den Verlust der Artenvielfalt, den Raubbau an den Fischbeständen, die Verschmutzung durch Plastikmüll oder die Störung des Stickstoffkreislaufs in unseren Böden tun? Viele Expert*innen sind sich einig, dass wir diesen existenzbedrohenden Probleme nur entgegnen können, wenn wir die Spirale von Profitmacherei und Wachstumszwang durchbrechen. Könnte das Konzept eines Ökosozialismus die Lösung sein?

Sozialismus und Ökologie – ein Widerspruch?

Der real existierende Sozialismus im 20. Jahrhundert wird kaum mit Ökologie in Verbindung gebracht. Wir erinnern uns an den 1948 in der Sowjetunion proklamierten Plan zur Umgestaltung der Natur, welcher die Errichtung von gewaltigen Staudämmen, die Bewässerung von Wüsten und die Umleitung sibirischer Ströme vorsah. Das gigantische Projekt stand in der Nachkriegszeit keineswegs allein da, übertraf in seinem naiven Fortschrittsglauben, seiner Technologieverherrlichung und Überheblichkeit gegenüber der Natur jedoch alle Konkurrenten. Dahinter stand die Idee, dass eine Befreiung der Menschheit nur auf dem höchsten Stand der Technik möglich sei. Die Eingriffe – soweit sie umgesetzt wurden – brachten zwar gewaltige Fortschritte in der Elektrifizierung und Bewässerung mit sich, aber auch Naturzerstörungen und ökologische Katastrophen in großem Maßstab.

Marx und Engels und deren Beziehung zur Natur

Auch wenn Marx und Engels die Plünderung der Erde und die Zerstörung der Natur im Kapitalismus immer wieder anprangerten, drücken vieler ihrer Schriften auch Bewunderung für die technischen Innovationen und die Dynamik des Kapitalismus aus. Der historische Materialismus geht davon aus, dass der Kapitalismus eine progressive Rolle in der Geschichte spielt, weil er die Produktivkräfte entwickelt und arbeitssparende Maschinen einsetzt, aber auch eine soziale und kooperative Arbeitsteilung begünstigt. Diese Entwicklung schafft die materiellen Voraussetzungen dafür, so die Überzeugung, den Mangel erstmals abzuschaffen und die Grundlage für Sicherheit und Wohlstand für alle zu legen. Der Glaube an die befreiende Kraft der Technologie blieb seitdem wichtiger Charakterzug des Marxismus. Sind also die ökologischen Desaster der Sowjetunion dem Fortschrittsglauben von Marx und Engels anzulasten?

Es ist nicht anzunehmen, dass Karl Marx und Friedrich Engels sich eine Gesellschaft vorgestellt haben, in der Mensch und Natur der restlosen Kontrolle unterworfen werden, als sie 1848 im Kommunistischen Manifest schrieben: „An die Stelle der bürgerlichen Gesellschaft mit ihren Klassen und Klassengegensätzen tritt eine Assoziation, worin die freie Entwicklung aller die Bedingung für die freie Entwicklung eines jeden ist.“

Auch wenn ökologische Themen in den Theorien von Marx und Engels keine zentrale Rolle spielten, setzten sich die beiden Denker sehr wohl auch mit den negativen Folgen der Industrialisierung und der hemmungslosen Ausbeutung der Natur auseinander. Bereits 1844 schrieb Marx: „Der Mensch lebt von der Natur, heißt, die Natur ist sein Leib, mit dem er im beständigen Prozess bleiben muss, um nicht zu sterben.“ In späteren Lebensjahren setzte er sich mit den Schriften des Chemikers Justus von Liebig sowie mit den Arbeiten des deutschen Agrarwissenschaftlers Carl Fraas auseinander, die sich mit dem Verlust der Bodenfruchtbarkeit und Klimaveränderungen befassten. Er erkannte einen Widerspruch zwischen Natur und kapitalistischer Gesellschaft, den er als „ökologischen Bruch“ bzw. „Riss“ bezeichnete. Und Engels warnte in seinen Schriften zur Dialektik der Natur: „Schmeicheln wir uns nicht mit unseren menschlichen Siegen über die Natur. Für jeden solchen Sieg rächt sie sich an uns.“

Führen menschliche Aktivitäten zwangsläufig zu ökologischer Zerstörung?

Da die Fähigkeiten, die üblicherweise als typisch für den Menschen angesehen werden – wie Intelligenz, Kommunikationsfähigkeit oder der Gebrauch von Werkzeugen – auch bei Tieren vorhanden sind, unterscheidet sich der Mensch vom Tier nur insofern, als er nicht nur das nutzen kann, was er vorfindet, sondern auch das, was er durch eigene Tätigkeit herstellt. So könnte man sagen, dass es die Arbeit ist, die den Menschen definiert. Marx hat jedoch immer betont, dass die Quelle alles Reichtums nicht allein die Arbeit ist, sondern ebenso die Erde, die dem Menschen Naturstoffe und Arbeitsmittel zur Verfügung stellt.

Mit menschengemachten Naturveränderungen, die auf die klimatischen Verhältnisse zurückwirken, sind wir nicht erst seit der Industrialisierung konfrontiert. Bereits in der Antike hatten großflächige Rodungen sowie intensive Landwirtschaft und Überweidung zu Bodenerosion, Wüstenbildung und einer Verringerung der Bodenfruchtbarkeit geführt. In Europa hatte die Entwaldung einen Temperaturanstieg von 5-6 Grad zur Folge.

Ein Beispiel dafür, dass das Wirken der Menschen aber auch positive Auswirkungen haben kann, ist die Terra Preta, die als fruchtbarste Erde der Welt gilt. Dabei handelt es sich um eine Bodenschicht, die indigene Völker im Amazonasgebiet über Jahrhunderte hinweg aus organischen Abfällen, Holzkohle und menschlichen Fäkalien geschaffen haben.

Wir dürfen jedoch nicht übersehen, dass wir es hier mit zwei grundlegend verschiedenen Gesellschaftsformen zu tun haben. Ausbeutung und Raubbau an der Natur sind meist Kennzeichen von Gesellschaften, in denen Menschen aufgrund ihrer Klassenzugehörigkeit mit ungleicher Macht und unterschiedlichen Privilegien ausgestattet sind. Die hierarchische Struktur erlaubt es einer herrschenden Schicht, auf Kosten der Mehrheit großen Reichtum anzuhäufen, wovon die gigantischen Bauwerke der Antike noch heute zeugen. Ein nachhaltiger Umgang mit der Natur dagegen ist eher ein Merkmal von egalitären Gemeinschaften, die hauptsächlich für den eigenen Bedarf produzieren. Diese sogenannte Subsistenzwirtschaften, in denen landwirtschaftliche und handwerkliche Produktion wie in einem lebendigen Organismus verbunden sind, zeichnen sich durch eine bemerkenswerte Stabilität aus und können Jahrtausende lang nahezu unverändert fortbestehen. Wir sehen also: Wenn Menschen ausgebeutet werden, wird es auch die Natur.

Ursache für den Bruch zwischen Mensch und Natur ist für Marx ein Prozess, den er als ursprüngliche Akkumulation bezeichnet und mit dem Sündenfall in der Bibel vergleicht: Der historische Scheidungsprozess von Produzent und Produktionsmittel – die Vertreibung der Landbevölkerung von Grund und Boden. Diese Enteignung war Bedingung für die Herausbildung des Kapitalismus. Indem Arbeitskraft und Naturstoffe in Waren verwandelt werden, werden jedoch die Produzent*innen nicht nur von ihrer eigenen Arbeit, sondern auch von der Natur entfremdet.

(Selbst)zerstörerischer Fortschritt

Der Kapitalismus, schrieb Marx im Kapital, erblickte die Welt „von Kopf bis Zeh, aus allen Poren, blut- und schmutztriefend.“ Kolonialismus, Imperialismus, Enteignung, Sklaverei und Naturzerstörung sind keine zufälligen Begleiterscheinungen oder moralische Entgleisungen, sondern notwendige Voraussetzungen der kapitalistischen Produktionsweise, deren Ziel nicht die Erfüllung der menschlichen Bedürfnisse, sondern der Profit ist. Angetrieben durch den Konkurrenzdruck muss der Kapitalist ständig versuchen, mehr und günstiger zu produzieren. Er sucht neue Absatzmärkte, verlängert den Arbeitstag oder erhöht die Produktivität mittels neuer Technologien. Doch diese dienen nicht dazu, den Menschen Erleichterung zu bringen, sondern vor allem dazu, mehr aus der Arbeit und der Natur herauszupressen. Oder wie es im Kapital heißt: „Die kapitalistische Produktion entwickelt daher nur die Technik und Kombination des gesellschaftlichen Produktionsprozesses, indem sie zugleich die Springquellen alles Reichtums untergräbt: die Erde und den Arbeiter.“

Am Beispiel der Dampfmaschine lässt sich der Zusammenhang von technologischer Erneuerung, Ausbeutung und Naturzerstörung gut erläutern. Die dampfbetriebenen Maschinen waren teurer und ineffizienter als die Wasserkraft, ermöglichten es den Fabrikbesitzern aber nicht nur, sich von den Schwankungen der Gewässer zu befreien und die Produktion Tag und Nacht am Laufen zu halten, sondern auch, ihre Manufakturen in Städte zu verlegen, in denen ausgehungerte Proletarier*innen Arbeit suchten und die Löhne gedrückt werden konnten. Gleichzeitig werden durch die Verbrennung von fossilen Energieträgern in kurzer Zeit Rohstoffe vernichtet, deren Entwicklung Millionen Jahre benötigt hat. Damit befreit sich der Mensch keineswegs von der Abhängigkeit der Natur, sondern verursacht große globale Zerstörungen, wie die Klimakrise deutlich zeigt.

Dank seiner Anpassungsfähigkeit gelingt es dem Kapitalismus allerdings immer wieder, die ihm von der Natur auferlegten Grenzen zu verschieben, indem er von ihm verursachten Probleme vorübergehend löst. Einerseits geschieht das durch die räumliche Verlagerung mithilfe von Kolonialismus, Imperialismus und Ausbeutung. Ein Beispiel dafür ist der Guano-Krieg im 19. Jahrhundert. Die an Stickstoff und Phosphaten reiche Hinterlassenschaft unzähliger Meeresvögel auf einigen unbewohnten Inseln vor der Küste Perus und Chiles erwies sich als wertvolle Ressource für die Düngung der ausgelaugten Böden Europas. Aus diesem Grund wurde um die Vogelexkremente ein Krieg geführt, während chinesische Zwangsarbeiter unter sklavenähnlichen Bedingungen die Felsen abkratzten, bis diese kahl und die Ökosysteme zerstört waren. Als man dann am Anfang des 20. Jahrhunderts lernte, Stickstoffdünger synthetisch herzustellen, verlor Guano seinen strategischen Wert.

Ähnliches geschieht heute, wenn schädliche Produktionen in Länder mit weniger strengen Umweltauflagen und niedrigeren Lohnkosten verlagert werden. Auch die Rohstoffgewinnung sowie die Müllentsorgung finden häufig in armen Ländern statt, was zu Umweltzerstörung, Landkonflikten und Gesundheitsproblemen für die dortige Bevölkerung führt.

Auf der anderen Seite versucht der Kapitalismus immer wieder, seine Grenzen durch neue wissenschaftliche Erkenntnisse und technische Innovationen zu überschreiten. Das Problem dabei ist jedoch, dass von den im Kapitalismus entwickelten Lösungen nur jene umgesetzt werden, die sich als profitabel erweisen. Es existieren eine Reihe von potenziellen Strategien zur Bewältigung der Klimakrise, die jedoch nicht genug Profite versprechen. Und so haben die Industriestaaten schließlich bewiesen, dass sie die Pariser Klimaziele nicht erfüllen werden.

„Und so werden wir bei jedem Schritt daran erinnert, dass wir keineswegs die Natur beherrschen, wie ein Eroberer ein fremdes Volk beherrscht, wie jemand, der außer der Natur steht - sondern dass wir mit Fleisch und Blut und Hirn ihr angehören und mitten in ihr stehen und dass unsere ganze Herrschaft über sie darin besteht, im Vorzug zu allen anderen Geschöpfen ihre Gesetze erkennen und richtig anwenden zu können.“ (Friedrich Engels: MEW20, S. 453)

Wie können wir die verlorengegangene Einheit von Mensch und Natur wiederherstellen?

Wären Marx und Engels heute noch am Leben, würden sie den aktuellen Forschungen zum Klimawandel zweifellos größte Aufmerksamkeit schenken. Doch auch wenn sie keine ökologischen Theorien im heutigen Sinne entwickelt haben, gewähren uns ihre Werke wichtige Einsichten in grundlegende Probleme in der Beziehung zwischen Mensch und Natur. Eine Gesellschaft, in der die Bedürfnisse von Mensch und Natur geachtet werden, kann jedoch nicht am Schreibtisch entworfen, sondern muss Schritt für Schritt erarbeitet und erkämpft werden. Und dafür geben uns Marx und Engels wichtige Grundgedanken auf den Weg.

Da die Ausbeutung von Mensch und Natur so eng verbunden ist, ist klar, dass eine nachhaltige und ausbeutungsfreie Gesellschaft keine autoritäre, sondern eine demokratische sein muss. Wirkliche Demokratie bedeutet aber auch, dass die Menschen gemeinsam entscheiden können, was für wen produziert wird und unter welchen Bedingungen das passiert. Um das zu erreichen, müssen aber genügend Menschen von der Notwendigkeit eines umfassenden ökologischen Umbaus von Wirtschaft und Gesellschaft überzeugt sein und dementsprechend Druck aufbauen.

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Literatur: Heinrich Detering: Die Revolte der Erde. Karl Marx und die Ökologie

Veröffentlicht in Talktogether Nr. 93/2025

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