Interview mit Sade Soyoye
Gemeinderätin in der Stadt Salzburg

TT: Du bist Mitglied des Gemeinderates der Stadt Salzburg. Wie bist du dazu gekommen? Wie war dein Werdegang?
Sade: Mitglied des Gemeinderats bin ich seit September 2024. Angefangen habe ich in Jugendorganisationen im aktivistischen Bereich. Als Jugendliche war, habe ich mich in der AKS – der Aktion kritischer Schüler*innen – engagiert, und wir haben viele Demos organisiert, zum Beispiel gegen Rassismus. Während meines Studiums war ich in der ÖH, der Österreichischen Hochschüler*innenschaft, tätig, zuerst im feministischen Referat und später im Sozialreferat. In den letzten Jahren bin ich dann auch bei der Landesorganisation der SPÖ aktiv geworden und habe mich für einen Listenplatz beworben, zuerst bei der Landtagswahl auf einen hinteren Platz und schließlich bei der Gemeinderatswahl. Im September bin ich dann in den Gemeinderat nachgerückt. Bis vor kurzem war ich auch Vorsitzende der Jusos Salzburg-Stadt, diese Funktion habe ich, nachdem ich in den Gemeinderat gekommen bin, an meinen Nachfolger übergeben.
TT: Was hast du studiert?
Sade: Ich habe mit Jus angefangen, doch nach der Geburt meines Sohnes war es schwierig, beides zu vereinbaren. Ich habe mich daher entschieden, Soziale Arbeit berufsbegleitend zu studieren, weil ich als Juristin ohnehin im sozialen Bereich tätig werden wollte. Ich habe einfach bemerkt, dass mir im Jus-Studium das Praktische gefehlt hat, und dass mir vor allem die Arbeit mit den Menschen wichtig ist, die in der Sozialen Arbeit noch ein bisschen mehr im Vordergrund steht. Und das war eine sehr gute Entscheidung, denn ich habe erkannt, dass dieses Studium genau das Richtige für mich ist. Ich bin jetzt im 5. Semester und werde voraussichtlich im Juni mein Studium abschließen.
TT: Was war und ist deine Motivation, dich in der Politik zu engagieren?
Sade: Als ich als Jugendliche begonnen habe, mich politisch zu engagieren, ging es viel um den Aufstieg der FPÖ und um den Rassismus. Dem etwas entgegenzusetzen, war sicher ein Hauptmotiv, mich weiter zu politisieren. Ich habe mich dann auch sehr viel mit feministischen Themen und den Ungerechtigkeiten, die in unserer Gesellschaft herrschen, auseinandergesetzt. Irgendwann ist mir dann klar geworden, dass es nicht reicht, nur aktivistisch tätig zu sein, sondern dass ich nur etwas verändern kann, wenn ich die Möglichkeit habe, die Gesellschaft mitzugestalten. In Österreich gibt es zudem nur wenige Menschen wie mich, die ein politisches Mandat haben. Das waren die Beweggründe, die mich dazu motiviert haben, eine politische Funktion einzunehmen. Ich erinnere mich auch, wie sehr mich das Beispiel von Mireille Ngosso inspiriert hat, die sehr aktiv in der Black Lives Matter Bewegung ist, und die ich als erste Schwarze Politikerin wahrgenommen habe. Ich habe gesehen, es ist möglich. Ich denke, gerade momentan, wo sich global gesehen alles in eine konservative und rückwärtsgewandte Richtung entwickelt, ist es sehr wichtig, politisch aktiv zu werden. Es braucht noch viel, viel mehr Menschen mit Migrationsgeschichte und People of Colour in der österreichischen Politik, damit wir unsere Perspektiven einbringen können.
TT: Welche Erfahrungen hast du als junge Frau mit etwas anderem Aussehen in der Politik gemacht?
Sade: Unterschiedliche. Als junge schwarze Frau ist man generell oft damit konfrontiert, unterschätzt und nicht ernst genommen zu werden. Ich denke, dass auch andere Menschen ähnliche Erfahrungen machen. Wenn es aber nur wenige Leute mit solchen Erfahrungen gibt, kann man sich nicht austauschen und bleibt damit allein. Der Faktor Frau kommt dann noch dazu. Als Frau ist es generell schwieriger, in der Politik Fuß zu fassen, insbesondere als Mutter. Und in der politischen Landschaft, die momentan vor allem auf Bundesebene ziemlich rechts ist, fühlt man sich von gewissen Aussagen auch persönlich angegriffen.
TT: Wie ist es, mit Elternteilen aus verschiedenen Kulturen aufzuwachsen?
Sade: Auf der einen Seite sehr schön. Man hat den Vorteil, dass man unterschiedliche Perspektiven gut nachvollziehen kann und generell mehr Verständnis für unterschiedliche Kulturen und Lebensrealitäten von Menschen hat. Das kann auch dabei helfen, zu vermitteln. Es ist schön, beide Kulturen erleben zu können, ob es das Essen oder die Musik ist. Es ist aber teilweise auch herausfordernd, wie es wahrscheinlich für alle Menschen ist, die Elternteile aus zwei verschiedenen Kulturen und vor allem mit zwei verschiedenen Hautfarben haben. Man hat oft das Gefühl, dass man nie ganz dazu gehört, man ist nicht wirklich Schwarz, aber auch nicht wirklich Weiß. Auch wenn ich hier geboren bin, Deutsch als Muttersprache habe und mich eigentlich sehr österreichisch fühle, werde ich, sobald ich vor die Türe gehe, als „Ausländerin“ wahrgenommen und habe auch viel Rassismus aus dieser Richtung erfahren. Als Kind und Jugendliche war es für mich schwierig, mich immer als Österreicherin beweisen zu müssen. Oft ist mir das Gefühl vermittelt worden, nicht dazuzugehören. Es freut mich aber, dass sich diesbezüglich viel verändert hat. Heute sehe ich, dass es viele schwarze Kinder in den Schulen gibt. Ich war immer die einzige in der Klasse, die einzige in der Schule sogar, und habe mich deshalb oft manchmal einsam gefühlt. Aber das wird besser, und darüber bin ich froh.
TT: Bist du mit deinen Eltern in Afrika gewesen?
Sade: Ich war allein dort. Nach der Matura war ich drei Monate in Nigeria und in Benin, wo mein Onkel gewohnt hat. Es war für mich eine tolle Erfahrung, meine Großeltern kennenzulernen und die nigerianische Kultur zu erleben.
TT: Du hast auch in der Schule gearbeitet. Wie siehst du die Chancengleichheit für Menschen, die hier aufwachsen?
Sade: Ich glaube, dass die Bildung ein wichtiger Faktor ist. Leider hat das Bildungssystem in Österreich aber noch viel Aufholbedarf. Es gibt immer wieder Studien, die aufzeigen, dass es mit der Bildungsgerechtigkeit in Österreich nicht weit her ist. Es ist zu beobachten, dass Kinder von Akademiker*innen wieder Akademiker*innen werden, also, dass Bildung vererbt wird. Andere Länder machen das schon viel besser. Der Bedarf für Nachhilfe wächst ständig, aber wer, bitte, kann sich Nachhilfe überhaupt leisten? Wenn Kinder Nachhilfe benötigen, um im Unterricht mitzukommen, was ist dann mit den Kindern, deren Eltern nicht so viel Geld haben? Daran sieht man, dass es kein faires System ist, noch dazu, wo doch in Österreich so viel von den Bildungsabschlüssen abhängt.
Aus Sicht einer angehenden Sozialarbeiterin bin ich auch davon überzeugt, dass das psychosoziale Unterstützungsangebot ausgebaut werden muss. Die Lehrer und Lehrerinnen sind weder dafür ausgebildet, sich um die sozialen Probleme der Kinder zu kümmern, noch haben sie die Zeit dafür. Leider ist es auch um die psychische Gesundheit vieler Schüler und Schülerinnen nicht gut bestellt. Die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die unter Depressionen leiden, ist in erschreckendem Maß angestiegen, es gibt aber viel zu wenige Therapieplätze. Es hat in den letzten Jahren so viele globale Krisen gegeben – das Klima, die Kriege oder Covid – und in Salzburg kommen noch die hohen Wohnungsmieten dazu. Diese Probleme hat es in meiner Kindheit und Jugend noch nicht gegeben. Damals habe ich noch das Gefühl gehabt, die Welt ist in Ordnung und ich kann alles machen. Es bräuchte viel mehr Schulsozialarbeiter*innen und Schulpsycholog*innen, um diese Probleme abzufedern und die Schüler und Schülerinnen gut betreuen zu können. Das wird in den kommenden Jahren noch wichtiger werden.
TT: Mit welchen Problemen und Herausforderungen sind Kinder und Jugendliche mit sog. „Migrationshintergrund“ konfrontiert?
Sade: Das ist ganz klar der Rassismus, den es im Bildungssystem auch gibt. Kinder mit Migrationshintergrund werden benachteiligt im Schulsystem. Es ist eine Tatsache, und dass sie viel öfter in die Mittelschule als aufs Gymnasium kommen und einfach nicht gleich behandelt werden wie Kinder ohne Migrationsgeschichte. Außerdem, wenn wir eine blau-schwarze Regierung bekommen, wird das bei den Kindern und Jugendlichen noch viel mehr Angst schüren. Wir werden mit vielen Herausforderungen konfrontiert sein, die uns alle betreffen, aber Jugendliche mit Migrationshintergrund wird es besonders hart treffen. Es ist sehr belastend, wenn man die ganze Zeit nur hört, wie schlimm die „Ausländer“ sind, das bekommt man ja auch als Kind schon mit.
TT: Welche Bedeutung hat der Internationale Frauentag für dich?
Sade: Eine sehr große, denn das ist der ganz große feministische Tag im Jahr. Zum einen erinnern wir uns an diesem Tag daran, was bisher von der Frauenbewegung erreicht worden ist, wie das Wahlrecht, das Gleichbehandlungsgesetz, die Fristenregelung und so weiter. Dieses Jahr werden wir uns damit beschäftigen müssen, was auf uns zukommen wird, wenn eine Regierung von zwei Parteien gebildet wird, die sich bisher nicht sehr für die Rechte der Frauen eingesetzt haben, im Gegenteil. Die Frauenbewegung wird sich auf einiges vorbereiten müssen, wenn über Dinge wie die Herdprämie geredet wird. Es klingt vielleicht auf den ersten Blick ganz nett, wenn man Frauen, die bei den Kindern daheimbleiben, das gleiche Geld wie in der Sozialunterstützung gibt. Aber man muss auch schauen, welche Folgen das haben wird. Erstens schafft man wieder Abhängigkeiten und fördert die Altersarmut bei Frauen, zweitens fehlt dieses Geld für den Aufbau von Kinderbetreuungseinrichtungen, von denen es in den ländlichen Gebieten noch viel zu wenige gibt. Es hat nichts mit Entscheidungsfreiheit zu tun, wenn Frauen nicht arbeiten können, weil ihnen keine Kinderbetreuung zur Verfügung steht. Deshalb ist der Internationale Frauentag in diesem Jahr ein besonders wichtiger Tag, der uns daran erinnert, dass der Kampf um die Frauenrechte noch nicht vorbei ist, und der uns ins Bewusstsein ruft, dass uns die Rechte, die wir als selbstverständlich wahrnehmen, auch wieder abgeschafft werden können.
TT: Wie sollten wir auf diese frauenfeindlichen und rückschrittlichen Tendenzen reagieren?
Sade: Ich glaube, es ist wichtig, dass wir auf den Ebenen, wo wir sind, die Menschen aufklären sollten, dass wir Frauenschutzeinrichtungen unterstützen, Netzwerke aufbauen und Menschen motivieren sollten, aktiv zu werden. Wir müssen die Errungenschaften, die wir haben, verteidigen und versuchen, Rückschritte zu verhindern. Wir dürfen uns unsere Rechte nicht wegnehmen lassen und sollten dagegen klar und deutlich Widerstand leisten.
TT: Was wäre dein Motto zum Internationalen Frauentag 2025?
Sade: Kein Schritt zurück.
TT: Denkst du, dass für junge Frauen, egal ob sie aus dem Ausland stammen oder nicht, eine Vorbildfunktion einnehmen und sie motivieren kannst, in die Politik zu gehen?
Sade: Das wünsche ich mir. Mir selbst hat es immer etwas gegeben, Vorbilder zu haben. Gerade wenn man Erfahrungen mit Rassismus gemacht hat und einem immer wieder gesagt worden ist, du schaffst es eh nicht, kann es sehr motivierend sein, wenn eine Person, mit deren Erfahrungen du dich identifizieren kannst, erfolgreich ist. Ich wünsche mir generell, dass mehr Menschen mit Migrationsgeschichte in die Politik gehen. Wenn es mir gelingt, etwas dazu beizutragen und eine Vorbildfunktion einzunehmen, habe ich allen Grund, dankbar zu sein.
veröffentlicht in Talktogether Nr. 91/2025
Â
|