Der Zirkus als kosmopolitischer Zufluchtsort PDF Drucken E-Mail

Der Zirkus-

ein kosmopolitischer Zufluchtsort

Der Zirkus war bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts die wohl bedeutendste Unterhaltungsform. Mit seinem breit gefächerten Programm und seinen spektakulären Darbietungen bot er seinen Besuchern und Besucherinnen nicht nur Ablenkung, sondern öffnete ihnen auch ein Tor zur Welt. Gleichzeitig war der Zirkus ein Ort der Vielfalt und des Zusammenkommens von Menschen aus unterschiedlichen Ländern und Kulturen, der ausgegrenzten und vulnerablen Gruppen Zuflucht und Schutz bot.

Die Geschichte des Zirkus

Akrobatische Vorführungen als Teil von Kulthandlungen, Initiationsriten oder auch zum Zwecke der Unterhaltung sind aus unterschiedlichen Kulturen und Kontinenten bekannt. Die ältesten Darstellungen artistischer Darbietungen sind schon über 5000 Jahre alt. In China kann die Akrobatik auf eine 2000-jährige Geschichte zurückblicken, die eng mit der Philosophie und Religion verbunden war. Die Kunstform wurde als geeignetes Medium angesehen, um die angestrebten Einheit von Körper und Geist zu demonstrieren. Später wurde sie in verschiedene regionale Opern – insbesondere die Peking Oper – integriert.

Im 15. Jahrhundert formierte sich im Süden Marokkos eine spirituelle Bruderschaft, die sich „die Söhne des Sidi Ahmed ou Moussa“ nannte. Ihre Anhänger beriefen sich auf den gleichnamigen Mystiker, der von 1460 bis 1563 in der von Berber*innen bewohnten Region Tazerwalt lebte. Die Mitglieder des Ordens verzichteten auf jeglichen Besitz und begaben sich auf Wanderschaft, um ihren Segen (Baraka) gegen Lebensmittel- und Geldspenden in Form von Tanz, Gesang und Akrobatik zu übermitteln. Aus dieser Tradition gingen im 19. Jahrhundert professionelle Zirkusakrobaten hervor, deren Spring- und Pyramidenbaukünste auch in Europa und Nordamerika großen Anklang fanden.

Die neuzeitliche Geschichte des Zirkus, wie wir ihn heute kennen, hat ihren Ursprung in England Mitte des 18. Jahrhunderts. Ehemalige Kavallerie-Offiziere beindruckten ihr Publikum mit Pferdedressuren und akrobatischen Kunststücken auf dem Rücken ihrer Pferde. Der Begriff „Circus“ (griechisch κίρκος = Kreis) bezieht sich auf die Form der römischen Arena, in der Wagenrennen und Gladiatorenkämpfe ausgetragen wurden. Mit seinen antiken Vorbildern teilt der neuzeitliche Zirkus jedoch lediglich die runde Bühnenform.

Als Begründer des klassischen Zirkus, gilt der Kunstreiter Philip Astley (1742-1814), der in London und in Paris erstmals Zirkusgebäude errichten ließ. Bald wurde der Zirkus in ganz Europa und Nordamerika populär. Das Programm wurde durch Clowns, Zauberer, exotische Tiere, aufwendige Kostüme und weitere Attraktionen erweitert. Als die drei grundlegenden Bausteine des Zirkus, galten fortan Tiervorführungen, artistische Darbietungen und die Clownerie. Es war jedoch erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts technisch möglich, große, transportable Zelte zu produzieren. Damit schlug die Geburtsstunde der Wanderzirkusse, wie wir sie heute kennen. Bei diesen handelt es sich meist um Familienunternehmen, die von Ort zu Ort ziehen.

Aufgrund der Debatte über artgerechte Tierhaltung sind heute in den meisten Zirkussen außer Pferden, Hunden und Kamelen kaum noch Tiere anzutreffen. Der sogenannte Nouveau Cirque entwickelte sich in den 1970er Jahren als eigene Form der Darstellenden Kunst. Diese Form des Zirkus legt Wert auf ein ästhetisches Gesamtkonzept, wobei die Akrobatik mit Tanz, Theater und Musik verbunden wird. Die Inszenierung und der künstlerischer Ausdruck stehen hierbei an erster Stelle, oft wird auch ein Thema oder eine Geschichte dargestellt.

Der Zirkus im Nationalsozialismus

Der Zirkus als Ort der Vielfalt ist nur durch das Zusammenkommen von Menschen unterschiedlicher Herkunft möglich. Doch was passiert mit so einem Ort in Zeiten der Ausgrenzung und rassistischen Verfolgung? Damit haben sich die Historiker Malte Gasche und Martin Holler sowie die Pädagogin Solvej Berlau in einem Forschungsprojekt beschäftigt. Sie haben zahlreiche Biografien zusammengetragen, indem sie auf Archivquellen und persönliche Gespräche zurückgriffen. Viele dieser bewegenden Lebensgeschichten zeugen von beispielhafter Widerstandskraft und herausragendem Mut, wenn auch die Schicksale dieser Menschen nach 1945 nur wenig Beachtung fanden.

In Europa gab es seit dem Mittelalter eine bemerkenswerte Tradition jüdischer Wanderunterhalter, aus denen einige berühmte Zirkusdynastien hervorgegangen waren. Es gab zudem Sinti- und Roma- sowie jenische Zirkusunternehmen. Viele Artist*innen kamen aus Ungarn, Italien, Spanien und Russland, aber auch aus Asien und Afrika. Im Zirkus kamen also Menschen aus unterschiedlichen Ländern und Kulturen zusammen, einschließlich Menschen mit körperlichen Behinderungen. Der Zirkus stellte somit einen kosmopolitischen Raum für Vielfalt, Toleranz und die Akzeptanz von Anderssein dar.

Die nationalsozialistische Herrschaft brachte für die Zirkusgemeinschaften einschneidende Veränderungen mit sich. Zahlreiche Familienunternehmen wurden um ihre wirtschaftliche Existenz gebracht, andere wurden arisiert und als Propagandamöglichkeit eingesetzt. Während die einen Zirkusangehörigen aus rassistischen Gründen verfolgt wurden, galten andere als asozial oder wurden der Spionage verdächtigt, weil sie nationale Grenzen überschritten. Mit dem Erlass der Rassengesetze verschärfte sich die Verfolgung. Betroffen waren vor allem Angehörige von Zirkusfamilien mit jüdischem oder Roma und Sinti-Hintergrund, von denen viele in Konzentrationslager deportiert wurden, wo nur wenige überlebten. Schwarze Menschen durften nicht mehr öffentlich auftreten und wurden ab Kriegsbeginn in Zwangs-arbeitslager eingewiesen. Auch Personen mit körperlichen und geistigen Behinderungen, darunter kleinwüchsige Zirkuskünstler*innen, fielen der mörderischen Nazi-Ideologie zum Opfer. Einige entkamen den Gaskammern in Auschwitz nur, weil sie vom berüchtigten Lagerarzt Josef Mengele für seine grausamen Experimente ausgewählt wurden.

Aufgrund dieser Situation sahen sich viele Zirkusangehörige gezwungen, ins Ausland zu emigrieren. Durch ihre Mobilität und ihre internationalen Vernetzung war das für sie einfacher zu organisieren als für viele andere Schutzsuchende. Die Fluchtrouten führten meist nach Westeuropa, nach Skandinavien oder über den Balkan in die Türkei. Belgien war aufgrund der einfachen Einreisebestimmungen ein häufig gewähltes Anlaufziel, das jedoch nach der deutschen Okkupation für viele Geflüchtete zur Falle wurde. Während Nord- und Südamerika zwar sicher, aber schwer zu erreichen waren, lauerten in Nordafrika und Südostasien erneut Gefahren durch Krieg und Besatzung.

Der Zirkus als Schutzraum

Angesichts des Nazi-Terrors waren Emigration und Flucht bereits Formen des Widerstands. Da Zirkusse selbst im Krieg Grenzen überquerten, boten sich ihnen aber auch andere Möglichkeiten. Eine Überlebensstrategie jüdischer Artist*innen bestand darin, ihre Abstammung zu verbergen, wobei der ständige Ortswechsel die Wahrung des Geheimnisses erleichterte. Verfolgte Zirkusangehörige konnten zudem in der Regel auf die Solidarität der Zirkuswelt zählen, was ihre Überlebenschancen deutlich erhöhte. Zu den konkreten Unterstützungsmaßnahmen zählten materielle Zuwendungen, Fürsprachen bei den Behörden, die fortgesetzte Beschäftigung trotz Verbots oder das Besorgen gefälschter Papiere. Unter hohem persönlichem Risiko aller Beteiligten wurden Verfolgte versteckt gehalten, mit gefälschten Identitäten ausgestattet oder außer Landes gebracht.

Ein prominentes Beispiel ist das Direktorenpaar Adolf und Maria Althoff, das die jüdische Artistin Irene Bento und einen Teil ihrer Familie von 1943 bis Kriegsende versteckte und damit vor der Vernichtung rettete. Irene musste sich während dieser Zeit immer in einem Zirkuswagen mit geheimen Gängen aufhalten und durfte nur zusammen mit einer Clownstruppe auftreten. Für ihren Mut wurden das Ehepaar 1995 vom Staat Israel mit dem Ehrentitel „Gerechte unter den Völkern“ ausgezeichnet.

Charakteristisch für die Solidarität unter Zirkusleuten war, dass Herkunft oder Religion für sie keine Rolle spielten. Ein Beispiel dafür sind auch die muslimischen Amar-Brüder aus Algerien, die die jüdische Artistenfamilie Straßburger aufnahmen und ihr die Ausreise aus Deutschland ermöglichten.

Selbst Verfolgten, die zuvor keinen Bezug zur Zirkusmanege gehabt hatten, wurde von den Zirkusleuten Zuflucht gewährt. Zum Beispiel dem österreichischen Kommunisten Adolf Molnar, der in Finnland Aufnahme in einem Zirkus fand. Damit erhielt er die „heilige Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis, um die hunderttausend Emigranten mit Nägeln und Zähnen kämpften“, wie Molnar später in seiner Autobiographie „Unstet und flüchtig“ schrieb. Für manche bedeutete der Unterschlupf in einem Zirkus sogar der Beginn einer neue Karriere. Enrico „Enrichetto“ Fumagalli, ein Österreicher jüdischer Abstammung, floh 1938 von Graz nach Italien, wo er in einem italienischen Zirkus unterkam. Fortan stand er in Italien als Clown in der Manege und wirkte 1970 in Federico Fellinis Film „die Clowns“ mit.

Zirkusartist*innen im Widerstand

Es gibt auch Fälle, in denen sich Zirkusleute aktiv am Widerstand gegen Verfolger oder Besatzer beteiligten. Raymond Gurême entstammte einer Manouche-Familie – wie die Ethnie der Sinti in Frankreich genannt wird. Die Familie besaß einen kleinen Wanderzirkus, mit dem sie durch Frankreich, Belgien und die Schweiz zog. Unter deutscher Besatzung wurde sie in ein Lager interniert. Nach mehreren Festnahmen und Fluchtversuchen schloss sich Raymond Gurême einer Sabotage-Einheit der Résistance an, die auch an der Befreiung von Paris beteiligt war. Wie den meisten Sinti und Roma blieb ihm jedoch nach dem Krieg die Anerkennung als Widerstandskämpfer verwehrt. Erst 2004 fand er den Mut, über seine Verfolgung zu berichten, und trat von da an bis zu seinem Tod als Zeitzeuge auf.

Der deutsche Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941 war der Auftakt zu einem Vernichtungskrieg, der Millionen Menschenleben forderte. Entsprechend gravierend waren die Folgen für die dortigen Zirkusartisten. Einige Mitglieder des Roma-Zirkus-Kollektivs schlossen sich bei Kriegsbeginn den Brigaden des Moskauer Theaters „Romén“ an, dem ersten staatlichen Roma-Theater der Welt. Diese traten vor sowjetischen Truppen an der Front und Verwundeten in Lazaretten auf, wobei ein Auftritt an der Südfront sogar trotz Artilleriebeschuss fortgesetzt wurde. Andere meldeten sich freiwillig, um in der Roten Armee zu kämpfen.

Der Zirkus als Vorbild für Respekt und Toleranz

Viele der Überlebenden, die aus Konzentrationslagern, Verstecken oder dem Exil zurückkehrten, waren nicht nur zutiefst traumatisiert, sondern standen auch wirtschaftlich vor dem Nichts. Auch hier warf die Zirkusgemeinschaft ihre Rettungsanker aus. Wer körperlich oder seelisch nicht mehr in der Lage war, in der Zirkusmanege aufzutreten, konnte trotzdem in den Zirkus zurückkehren und dort an der Kasse, im Büro oder als Tierpfleger*in arbeiten.

Seine Eigenschaft als solidarischer Schutzraum hat der Zirkus bis heute bewahrt. Mit der Entstehung von Kinder- und Jugendzirkussen hat sich seine sozial-integrative Dimension sogar noch erweitert. Mit der Zirkuspädagogik kann die Persönlichkeitsbildung Kindern und Jugendlichen, die unter schwierigen Verhältnissen aufwachsen, auf vielfältige Weise gefördert werden.

Quellen:

CircusZeitung, Sonderausgabe 2024: Verfolgung, Widerstand und Zirkussolidarität in der Zeit des Nationalsozialismus

Diverging Fates: www.divergingfates.eu

Kinder- und Jugendzirkus Cabuwazi, Berlin: https://cabuwazi.de/


veröffentlicht in Talktogether Nr. 91/2025