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Frauenbewegung und Feminismus:

Widersprüche und Herausforderungen

Zwischen Verfechterinnen unterschiedlicher Strömungen des Feminismus entzünden sich zuweilen heftige Debatten über Themen wie das Kopftuch, die Sexarbeit oder die Frage, ob Transfrauen Schutz in Frauenhäusern bekommen sollten oder nicht. Diese Auseinandersetzungen und Widersprüche zeugen von der Lebendigkeit und Diversität der Bewegung, können aber auch von Kräften, die der Sache der Frauen schaden wollen, ausgenutzt werden.


In einer Welt, die von Ungleichheit und ungleichen Machtverhältnissen geprägt ist, ist es nicht verwunderlich, dass Frauen je nach ihrer Lebenssituation unterschiedliche Prioritäten haben. Deshalb kann man auch nicht von einer Frauenbewegung oder von einem Feminismus sprechen. Tatsächlich gibt es eine Vielzahl unterschiedlicher feministischer Ansätze, die sich überschneiden aber auch teilweise widersprechen. Auch wenn die Frauenunterdrückung ein weltweites Phänomen ist, macht es einen Unterschied, ob eine Frau in bürgerlichen Verhältnissen in einem industrialisierten Land des Nordens aufwächst, oder ob sie in eine arme Familie im globalen Süden hineingeboren wird. Es ist nicht dasselbe, unter der Mehrfachbelastung durch Haushalt, Kindererziehung und Beruf zu leiden, oder jeden Tag ums nackte Überleben kämpfen zu müssen.

Und so ist es auch nicht überraschend, dass die Frauenbewegung seit ihrem Beginn von Widersprüchen geprägt war. Der erste Widerspruch tauchte zwischen der bürgerlichen und der proletarischen Frauenbewegung auf. Während für die bürgerlichen Frauen die Benachteiligung aufgrund ihres Geschlechts im Vordergrund stand, war das vorrangige Ziel der proletarischen Frauenbewegung die Befreiung von der ökonomischen Unterdrückung durch den Kapitalismus. Das Frauenwahlrecht jedoch war ein Ziel beider Gruppen, das sie gemeinsam erkämpft haben. Für Schwarze Frauen steht bis heute der Kampf gegen den Rassismus im Vordergrund, während Frauen im globalen Süden gegen die Auswirkungen des Kolonialismus kämpfen. Migrantinnen in den Metropolen des Nordens sind aufgrund ihrer ethnischen oder religiösen Zugehörigkeit von Diskriminierung betroffen und fühlen sich oft als Subjekte des Feminismus ausgeschlossen.

Was ist Feminismus?

Der Begriff Feminismus beschreibt gesellschaftliche und akademische Bemühungen, die Rechte von Frauen zu stärken und Gleichberechtigung von Frauen und Männern zu erreichen. Der Feminismus äußert sich zum einen in einer sozialpolitischen Bewegung, zum anderen in theoretisch-wissenschaftlichen Arbeiten. Der Begriff kam im späten 19. Jahrhundert in Frankreich auf und war von Anfang an umstritten. Schon zuvor hatten sich Debatten und Bewegungen in Europa und in außereuropäischen Gesellschaften wie China entfaltet, die die patriarchale Herrschaft kritisierten. Durch internationale Publikationen und Kongresse verbreitete sich die Bezeichnung Feminismus in England und den USA, setzte sich aber erst im Zuge der „Zweiten“ oder „Neuen Frauenbewegung“ weltweit durch.

Letztere hatte sich in den 1970er Jahren als parteiunabhängige Bewegung formiert. Mit ihrem Namen wollte sie auf die erste Welle der Frauenbewegung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und Anfang des 20. Jahrhunderts hinweisen, durch die bereits viele für die Frauen wichtige Rechte erkämpft wurden wie das aktive und passive Wahlrecht oder das Recht zu studieren und einen Beruf auszuüben. Zentrale Themen der „Neuen Frauenbewegung“ waren gesetzliche Reformen zugunsten der Frauen, insbesondere die Entkriminalisierung des Schwangerschaftsabbruchs, die Veränderung der gesellschaftlichen und politischen Machtstrukturen sowie das Aufbrechen überlieferter Rollenbilder, die sich an der Arbeitsteilung zwischen Erwerbs- und Hausarbeit orientierten. Im Zuge feministischer Forschungen begannen Historikerinnen, verdrängte und vergessene Frauengeschichten sichtbar zu machen, während Soziologinnen die gesellschaftlichen Strukturen analysierten, welche die Frauen an der Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung hindern. Dabei kristallisierten sich folgende unterschiedlichen Ansätze heraus:

· Der liberale Gleichheitsfeminismus will Gleichheit unabhängig vom Geschlecht im Rahmen der bürgerlichen Gesellschaft erreichen und fordert die gleiche Teilhabe und gleiche Rechte in allen Bereichen der Gesellschaft.

· Der Differenzfeminismus vertritt die Auffassung, dass Männer und Frauen von Natur aus verschieden sind, wertet aber die den Frauen zugeschriebenen Charaktermerkmale wie Emotionalität oder Fürsorge auf und fordert die Frauen dazu auf, die Gesellschaft anhand dieser Eigenschaften zu formen.

· Der radikale bürgerliche Feminismus geht ebenfalls von der Geschlechterdifferenz aus, kritisiert aber die gesellschaftliche Ungleichheit und die Gewalt gegen Frauen. Als erster thematisierte er auch die weibliche Sexualität und deren Unterordnung unter männliche Bedürfnisse.

· Der sozialistische Feminismus sieht die Ursachen der Ungleichheit in der Verbindung von Patriarchat und Klassenherrschaft und der damit verbundenen geschlechtlichen Arbeitsteilung zwischen Produktion und Reproduktion – der Lohnarbeit bzw. der Versorgung von Haushalt und Kindern.

Der Feminismus wanderte schließlich um die Welt und wurde von antikolonialen Bewegungen an regionale und kulturelle Gegebenheiten und Bedürfnisse angepasst. Schließlich formierten sich im Christentum und Judentum, später auch im Buddhismus und im Islam, religiöse Feminismen, die patriarchale Gottes- und Gesellschaftsbilder kritisierten und die Würdigung der Bedeutung der Frau für die Religion einforderten.

Der intersektionale Feminismus trat ab 1989 an, um die Verschränkungen und Wechselwirkungen unterschiedlicher Diskriminierungsformen (zum Beispiel Sexismus und Rassismus) zu beschreiben. Er möchte dazu beitragen, dass Frauen einander besser verstehen und trotz unterschiedlicher Erfahrungen gemeinsam für die Gleichberechtigung kämpfen können.

Kapitalismus und Patriarchat

Eine wichtige feministische Debatte kreist um die Frage nach der Verschränkung zwischen Patriarchat und Kapitalismus. Die zentrale Frage ist dabei, ob die Frauenunterdrückung nur ein Nebeneffekt oder notwendige Voraussetzung für den Kapitalismus ist. Die meisten feministischen Forscherinnen sind überzeugt, dass der Kapitalismus nicht ohne das Patriarchat und die damit verbundene Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern hätte entstehen können. Entlang dieser gesellschaftlichen Arbeitsteilung wurden den Geschlechtern gegensätzliche Eigenschaften zugeschrieben (wie rational-emotional, aktiv-passiv, aggressiv-sanft), wobei die männlichen Eigenschaften höher bewertet wurden. Diese Hierarchisierung hat für die Frauen bis heute nicht nur ökonomische Auswirkungen, die sich in ungleicher Bezahlung ausdrücken, sondern festigt auch ihre untergeordnete Stellung in der Gesellschaft.

Marxistische Feminist*innen versuchen, die „Geschlechterdifferenz“ ökonomisch und gesellschaftlich zu begründen und setzen den Siegeszug des Patriarchats in Zusammenhang mit der Entstehung des Privateigentums. Im Gegensatz dazu machen die Vertreterinnen des Ökofeminismus die biologischen Unterschiede von Männern und Frauen zum Erklärungsansatz. Der weibliche Körper, der gebären und stillen kann, ist ihrer Auffassung nach der Natur näher als der männliche Körper, der nur durch Werkzeuge produktiv ist. Sie gehen ebenfalls davon aus, dass der Kapitalismus nicht ohne das Patriarchat funktioniert, und betrachten die hierarchische Arbeitsteilung und Ausbeutung als Grundstein für andere Ausbeutungsverhältnisse – wie den Kolonialismus oder die Ausbeutung der Natur. Die Klimakrise ist nach ihrer Auffassung eine Folge patriarchaler und kapitalistischer Machtausübung. Während der Ökofeminismus für seine biologistische Argumentation kritisiert wird, wird dem Marxismus oft angelastet, dass er den Gegensatz von Arbeit und Kapital zu sehr in den Vordergrund stellt und die Frauenfrage zum so genannten Nebenwiderspruch degradiert.

Die Genderforschung orientiert sich nicht an der biologischen, sondern an der sozialen Geschlechterdifferenz. Die Idee wurde bereits 1951 von Simone de Beauvoir in „Das andere Geschlecht“ mit dem berühmt gewordenen Zitat „Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es“ aufgeworfen. Nach dieser Theorie arbeiten wir daran, uns als männlich oder weiblich zu inszenieren. Wie groß die gesellschaftliche Erwartung an die Einnahme eindeutiger Geschlechterrollen ist, wird am Grad der Irritation deutlich, die entsteht, wenn eine Person sich nicht in die bekannten Schemata einordnen lässt.

Neuere feministische Debatten heben die Handlungsfähigkeit von Frauen hervor und kritisieren jene Strömungen, die Frauen als passive Opfer darstellen und ausblenden, dass auch sie an der Aufrechterhaltung patriarchalischer Strukturen beteiligt sind und von ihrer Rolle profitieren. Damit soll deutlich gemacht werden, dass Geschlechterverhältnisse nicht nur als Strukturen wirken, sondern auch von Individuen mitgetragen und aufrechterhalten oder eben auch verändert werden.

Rückschläge

Für alle, die sich eine Verbesserung der Situation der Frau im Kapitalismus erhofft haben, gibt es heute ein hartes Erwachen: Auch wenn Frauen in Führungspositionen die Politik mitgestalten, leben wir immer noch in einer patriarchalischen Gesellschaft. Berufstätige Frauen werden trotz gleicher Qualifikation immer noch schlechter bezahlt, leisten zusätzlich unbezahlte Care-Arbeit, und die Vereinbarkeit von Beruf und Familienleben ist für viele eine unerreichbare Utopie geblieben. All diese Ungerechtigkeiten werden durch die Krise des Kapitalismus noch verschärft: Die Teuerung treibt vor allem alleinerziehende Frauen in die Armutsfalle, während in den frauendominierten Gesundheits- und Sozialberufen extremer Arbeitsdruck herrscht.

Diese Rückschläge haben dazu geführt, dass manchen Frauen die traditionelle Frauenrolle wieder attraktiv erscheint. Während Frauen in Afghanistan durch die Taliban mit Gewalt aus dem öffentlichen Leben verbannt werden, verzichten im Westen immer mehr junge Frauen freiwillig auf eine berufliche Karriere und wollen sich in der Rolle als Mutter und Hausfrau verwirklichen. Als Trad-Wives bezeichnen sich jene Frauen, die dieses konservative Frauenbild zelebrieren, indem sie sich auf Social-Media-Plattformen als folgsame Hausfrauen präsentieren, die immer verfügbar für die Bedürfnisse ihres Mannes sind. Das sollte aber darüber hinwegtäuschen, dass sich in Wirklichkeit heute nur noch Frauen einen solchen Lebensstil leisten können, die wohlhabend sind, einen reichen Mann haben oder ihren Lebensunterhalt mit Videos verdienen. Rechte Parteien benutzen diesen Trend jedoch für ihre Zwecke und propagieren die Rückkehr zu traditionellen Geschlechterrollen.

Und so wird heute zwar „Frauenpower“ und weiblicher Erfolg in den Medien zelebriert, während gleichzeitig ein Anstieg von Antifeminismus und Frauenfeindlichkeit zu verzeichnen ist. Auch häusliche Gewalt und Femizide haben Statistiken zufolge zugenommen, aber auch hart erkämpfte Rechte wie das Recht auf Abtreibung sind auch in westlichen Demokratien durch den Rechtsruck bedroht. Die Aussage konservativer Kräfte, dass der Kapitalismus bereits alle Forderungen des Feminismus erfüllt habe, weil heute die Mehrheit der Frauen ihre Arbeitskraft der Mehrwertproduktion unterworfen hat, ist angesichts dieser Tatsachen nichts als blanker Hohn.

Fazit und Perspektiven

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass es sich beim Feminismus um eine der erfolgreichsten Bewegungen der Moderne handelt, die viele Verbesserungen für die Frauen errungen hat. Zudem bietet er mit seiner Gesellschaftskritik wertvolle Denkansätze, die uns bei der Bewältigung der gegenwärtigen Krisen helfen können. In vielen feministischen Denkansätzen finden sich Ideen, wie eine Gesellschafts- und Wirtschaftsweise aussehen könnte, in der nicht Wachstum und Profit, sondern Solidarität und Kooperation im Vordergrund stehen.

Angesichts der zunehmenden Angriffe durch frauenfeindliche Strömungen sollten Feministi*innen heute darauf achten, sich nicht vereinnahmen oder auseinanderdividieren zu lassen. Der Feminismus steht somit vor der Herausforderung, die Vielfalt der Ideen und die Widersprüche innerhalb der Bewegung als Stärke zu begreifen und zu versuchen, trotz unterschiedlicher Ausgangspunkte gemeinsame Strategien zu finden.

Das Patriarchat existiert schon seit Jahrtausenden und hat sich im Laufe dieser Zeit als äußerst anpassungs- und widerstandsfähig erwiesen. Obwohl es damit viel älter als der die kapitalistische Wirtschaftsweise ist, sind Frauenunterdrückung und sexistische Gewalt nicht von der kapitalistischen Klassengesellschaft zu trennen. Daher ist es eine Illusion, wenn wir darauf hoffen, dass eine umfassende Gleichberechtigung im Rahmen der herrschenden Gesellschafts- und Wirtschaftsweise verwirklicht werden kann. Ein System, das auf Ungleichheit und Ausbeutung aufgebaut ist, wird immer wieder Formen von Unterdrückung und Diskriminierung hervorbringen.

Auf dem Weg der Befreiung ist deshalb zweifellos der erste notwendige Schritt, der Unterdrückung die materielle Grundlage zu entziehen. Dass es damit nicht getan ist, sondern dass uns auch danach noch ein langer und harter Weg bevorsteht, wissen wir aus den vielen bitteren Niederlagen in der Geschichte.

veröffentlicht in Talktogether Nr. 91/2025